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      Dieser Mann malt die schönsten Nippel

      June 4, 2013

      Von Roc Morin

      Im Warteraum von Little Vinnie's Tattoos sitzen Punks und Biker neben strenggläubigen Omas und Berufsmütter. Die Kunden fliegen teilweise aus Saudi Arabien und Brasilien ein, um das kleine Shoppingcenter bei Baltimore, zu besuchen, in dem neben Sonnenstudio und Erotikvideoladen eben auch Vinnies Tattostudio liegt. Mit nervösen Blicken betreten sie den Laden von Vinnie Myers, das letzte Ziel von vielen Brustkrebspatientinnen bei dem Versuch, das wieder herzustellen, was die Mastektomie ihnen weggenommen hat.

      Die Zahl von Brustkrebserkrankungen ist in den letzten Jahrzehnten angestiegen. Allein in Deutschland ist es die Krebsart, die am häufigsten bei Frauen auftritt. Rund 58.000 Fälle werden jährlich diagnostiziert. Rund 17.500 der Patientinnen sterben jedes Jahr, allerdings ist die Zahl der Todesopfer seit 1990 deutlich zurückgegangen. Für viele Frauen bedeutet die Diagnose, dass ihre Brust und Areola amputiert werden müssen. Die Patientinnen bleiben mit flachem Brustkorb und dunklen Narben zurück. Die meisten entscheiden sich für eine operative Rekonstruktion der Brust. Implantate können dabei zwar die Form wieder herstellen, die Areola realistisch aussehen zu lassen, ist allerdings eine größere Herausforderung.

      Trotz des medizinischen Fortschritts ist die beste Option für die Rekonstruktion der Brustwarze, sie tätowieren zu lassen. Im Bereich der kosmetischen Tattoos werden Vinnies Trompe-l'œil-Areola-Porträts, wie er sie nennt, als das Beste angesehen, das man für Geld kaufen kann.

      „Wir haben schon Ärzte getäuscht“, freut sich Vinnies Assistent Richie. „Ein paar Frauen haben uns kichernd angerufen. ,Ihr werdet nicht glauben, was passiert ist‘, haben sie gesagt. ,Ich bin zur Nachuntersuchung gegangen, habe mich ausgezogen und der Arzt kuckt mich an, kuckt in seine Unterlagen und dann kuckt er mich wieder ganz verwirrt an und sagt irgendwann: ,Ich glaube, hier ist ein Fehler. In den Unterlagen steht, dass Sie schon operiert wurden.‘“

      „Was ist dein Geheimnis?“, frage ich Vinnie.

      „Das ist ganz grundlegende Maltechnik“, antwortet er, während er sich gegen seinen Billardtisch lehnt. „Licht und Schatten. Ich kann kaum glauben, dass niemand vor mir daran gedacht hat. Viele der anderen Schönheitstätowierer halten einfach nur eine kreisförmige Schablone dagegen und malen das dann aus. Sie haben drei Farben. Schokoladenbraun, Kaugummirosa und Lachsrot. Welche Farbe du kriegst, hängt von deiner Hautfarbe ab. Die meisten weißen Frauen bekommen Lachsrot.“

      „Also zeichnen sie gar nicht die Montgomery-Drüsen auf?“, frage ich. Montgomery-Drüsen sind die kleinen Hügelchen um den Nippel herum.

      „Meistens zeichnen sie nicht mal den Nippel“, sagt Vinnie. „Sie machen einen Kreis und dann vielleicht noch einen dunkleren Kreis. Dann kriegst du einen schokoladenfarbenen Kreis in einem lachsfarbenen Kreis.“

      „Und meistens kriegen sie es nicht einmal hin, die Nippel an der richtigen Stelle zu malen“, beklagt Richie. „Man glaubt fast, dass sie einfach ihre Augen zu machen und irgendwohin zeigen ...“

      „Genau“, bestätigt Vinnie. „Ich finde das kriminell.“

      Eine andere Sache, die Vinnie kriminell findet, ist das Honorar, das Ärzte normalerweise für kosmetische Tattoos verlangen. „Das sind schon gerne mal ein paar Tausend Dollar“, sagt er, „und das wird nicht durch die Versicherung abgedeckt. Hier nehmen wir das Gleiche für eine Areola wie für jedes andere Tattoo, das so groß ist. Warum sollten wir mehr verlangen, nur weil es ein Nippel ist?“ Bei Little Vinnie's bezahlt man 400 Dollar für eine oder 600 Dollar für beide Brüste.

      Ich sehe mir mehrere von Vinnies Sitzungen an. Mit seiner ruhigen Selbstsicherheit, seinen medizinischen Fachbegriffen, seinem Clipboard und seinem Kragenhemd kann ich verstehen, warum ihn so viele seiner Kundinnen „Doktor“ nennen. Er schreibt sich die Patientinnengeschichten so genau auf, dass ich fast erwarte, dass er gleich ein Stethoskop hervorholt. Wenn er es gemacht hätte, wäre wohl kaum jemand im Raum überrascht gewesen.

      Die letzte Kundin an diesem Tag ist eine Frau Anfang 50—früher einmal Captain ihres Cheerleaderteams, wie mir ihr Mann stolz erzählt. Sie hat die letzten zwei Jahre mit dem Krebs gekämpft und jetzt ist eine dicke, lilafarbene Linie da, wo einmal ihre linke Brust war.

      Sie ist nervös. Vinnie bietet ihr ein Bier an. „Das ist OK“, scherzt er, „wir sind hier alle betrunken!“

      „Was bedeutet dir das Tattoo?“, frage ich sie.

      Sie denkt einen Moment lang nach, legt sich ihre Worte zurecht. „Ich hoffe, dass ich so nicht mehr ständig daran erinnert werde. Eine gewisse Zeit lang ist man nur im Überlebensmodus. Man geht es einfach an, eine OP nach der anderen, eine Diagnose nach der anderen. Und dann, wenn das Ganze vorbei ist, denkt man, dass alles wieder gut ist—bis man allein ist. Das ist das Schwierigste daran. Manchmal geht es mir wunderbar und dann komme ich aus der Dusche und alles kommt wieder zurück—ein bisschen wie ein Tritt in die Magengegend. Ich hoffe, dass das hier ein paar meiner Erinnerungen verschwinden lässt.“

      „Das Gute ist“, sagt Vinnie und zeigt auf die Brust seiner Kundin, „dass du im Moment nur die Narben siehst. Es gibt nichts anderes, worauf du kucken kannst. Aber wenn da ein Nippel ist, bemerkt man die Narben nicht so sehr. Die Aufmerksamkeit wird mehr auf den Nippel selbst gelenkt.“

      „So, wie du es beschreibst“, sage ich zu der Frau, „klingt es fast wie eine spirituelle Erfahrung—den Körper verändern, damit der Geist sich verändert ...“

      „Es fühlt sich an, als wäre dir das Weibliche genommen worden“, erklärt die Frau. „Und es ist komisch, weil Frauen immer versuchen, ihre Nippel zu verstecken und wenn sie dann weg sind, denkst du: ,Warum habe ich sie versteckt? Warum habe ich immer so viel gemacht, um sie zu verstecken?'“

      „Es ist komisch“, erzählt Vinnie, während er die Farbstoffe mischt, „dass fast jede Frau, mit der ich gesprochen habe, dieses Gefühl von Unvollständigkeit hat, als ob sie nicht ganz ist. Man hat sich vorher ganz gefühlt und jetzt ist man es nicht mehr. Das, was ich am häufigsten höre, wenn ich fertig bin, ist: ,Ich fühle mich wieder vollständig.'“

      Vinnie zieht seine schwarzen Latexhandschuhe an.

      „Wie ein Biker“, lacht die Frau.

      „Wir müssen doch edgy sein!“, gibt Vinnie zurück.

      Die Tätowiermaschine summt und bebt in seinen Händen wie etwas Lebendes, Trotziges. Die Frau zuckt zusammen und ihre Lippen verschwinden, als die Nadel einsticht.

      Zwanzig Minuten später ist es vorbei. Vinnie dreht die Frau langsam in ihrem Stuhl um, sodass sie auf einen großen Spiegel blickt.

      „Wie findest du es?“, fragt er.

      Ihr Gesicht spannt sich an, sie tupft an ihrem Auge herum. Es dauert einen Moment, bis die Antwort sich herausgekämpft hat. „Ich sehe die Narbe nicht mehr“, stammelt sie. „Sie ist wirklich einfach verschwunden.“

       


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      Themen: Tattoo, Tätowierungen, Brustkrebs, Mastektomie

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