Musik

The Big Pink sind Meister der Diversifikation - Wenn nicht so, dann anders

von Andreas Richter

Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir Robbie und Milo das letzte Mal gesehen haben. Auf den ersten Blick hat sich auch gar nicht so viel geändert. Sie sehen beide aus als hätten sie eine Woche nicht geschlafen (was vermutlich daran liegt, dass sie eine Woche nicht geschlafen haben) und im Gegensatz zu ihrem Bühnenmodus (wortkarg, Blick nach unten, vernebelt) wirken sie wie ausgewechselt (eloquent, albern, aufmerksam).

Tatsächlich ist aber seit ihrem letzten Auftritt in Berlin einiges passiert. Immerhin haben sie mit „A Brief History of Love“ eines der besten Alben dieses Jahres veröffentlicht und sind nun bis Ende des Jahres auf Tour. Vermutlich extra lang, damit es auch noch der letzte Idiot mitbekommt.

Vice: Was ist passiert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?

Milo: Wir übernehmen die Welt.
Robbie: Ja, so langsam kommen wir unserem Ziel näher. Wir sind jetzt international. Wir sind jetzt ein Produkt. The Big Pink ist eine Maschine, eine kommerzielle Maschine.
Milo: Wir rauchen ständig dicke Zigarren, trinken Champagner.

Genau wie ich dachte.

Robbie: Haha ... Eigentlich ist alles cool. Wir haben eine Menge Spaß.
Milo: Wir machen gerade viel Party.

Aber a propos Kommerzmaschine. Angeblich haben The XX einen ihrer Songs für die TV-Serie „Britain’s really disgusting foods“ freigegeben ...

Robbie: Uhhhh, ja, Sellouts! Ich hasse diesen Selloutscheiß. So was würden wir niemals machen.

Dabei wollte ich doch eigentlich fragen, für welche TV-Show ihr einen Song geben würdet ...

Robbie: Wenn schon, dann lieber für so ein X-Box-Spiel.
Milo: Ein cooles Videospiel wäre das höchste der Gefühle.
Robbie: Ja, wir setzen uns für alles ein, was Zuhause abhängen und in einen Monitor starren promoted. (lacht)

Was war das bislang schmeichelhafteste Feedback auf „A Brief History of Love“?

Robbie: Das ich jetzt eine heißere Freundin habe als vorher? Haha, nur Spaß. Ganz ehrlich, seit wir das Album rausgebracht haben, ist überhaupt nichts schmeichelhaftes passiert.
Milo: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen klischeehaft, aber die Leute kommen zu unseren Shows. Seit das Album draußen ist, spielen wir nur noch gut besuchte Shows.
Robbie: Ja, sie kennen die Texte und so weiter. Das ist schon cool.

Keine netten Dinge in der Presse?

Milo: Egal was da stehen mag, wir empfinden das nicht als schmeichelhaft. Oder anders: Die Reviews sind wohl schon ganz gut, aber wir lesen das nicht. Das bläst nur dein Ego auf. Also auf eine ungesunde Art. Es ist ja nur die Meinung einer einzelnen Person und du glaubst, sie spricht für die ganze Welt, weißt du, was ich meine?

Seid ihr denn gefährdet, Ego-Probleme zu bekommen?

Robbie: Naja, eigentlich halten wir uns für Stars, seit wir 16 sind. (lacht) Wir haben uns nicht verändert. Wir dachten immer schon, wir sind Rockstars. Aber auf ne nette Art, das bedeutet ja nicht, dass du ein Arschloch sein musst.

Ich empfinde euch aus irgendeinem Grund als eine geradezu perfektionistische Band.

Milo: Vielleicht nicht perfektionistisch, aber wir sind Kontrollfreaks. Wir legen Wert darauf, die Kontrolle über alles zu haben, was die Band betrifft. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich selbst lieber eine kleine Lichtanlage mit auf Tour bringen anstatt das Licht der Clubs zu benutzen.
Robbie: Ja, die Perfektion bekommen wir leider nicht hin. Wir können nur versuchen, das Chaos zu kontrollieren.

Wie verträgt sich das mit euren Rockstar-Egos?

Robbie: Das ist eine ganz andere Angelegenheit. Das ist etwas, das uns schon seit Jahren verfolgt.
Milo: Wir wurden quasi damit geboren.

Wie sah das denn aus als ihr zur Schule gegangen seid?

Robbie: Wir dachten immer, wir sind besser als die anderen.
Milo: Wir hatten nicht viele Freunde.

Wie seid ihr eigentlich als Band zusammen gekommen?

Milo: Wir waren befreundet. Robbie hat immer schon Musik gemacht und ich habe nie den Einstieg gefunden, obwohl ich es immer wollte. Ich wusste nicht, wie ich es anstellen soll. Ich habe niemandem genug vertraut und war auch nicht selbstbewusst genug, so etwas zu versuchen. Das mit der Band begann, weil ich zu Robbie gegangen bin und sagte: lass uns mal eine Band starten. Eigentlich kam nur er dafür in Frage, weil er der einzige ist, dem ich vertraue.

Wie lange kennt ihr euch denn schon?

Robbie: Zehn Jahre.

Und was gab es so für vertrauenbildende Maßnahmen? Was habt ihr so zusammen gemacht?

Robbie: Wir hatten zum Beispiel ein Plattenlabel – Hate Channel. Wir haben die ersten Eps meiner alten Band Panic DHH rausgebracht. Aber das war dann auch schnell wieder vorbei.
Milo: Wir haben aber schon alles Mögliche zusammen versucht. Zum Beispiel einen Hunde-Gassi-Service. Er hieß „Can I Get a Wuff Wuff“ Es war vermutlich der erfolgloseste Dogwalk-Service aller Zeiten.
Robbie: Alles, was wir gemacht haben, war hochgradig erfolglos.
Milo: Wir haben zusammen ein paar ganz gute Parties organisiert. Aber warte, ich gehe mal kurz alles durch. Wir hatten zwei Plattenfirmen. Eigentlich drei. Zwei davon existierten allerdings nur in unseren Köpfen, da kamen nie Platten raus. Dann kam „Can I Get a Wuff Wuff“. Wir haben ungefähr 20.000 Flyer dafür produziert und jeden Briefkasten in unserer Gegend damit zugemüllt. Jetzt rate mal, wie viele Aufträge wir bekamen?

Zwei?

Robbie: Null. Wir haben nicht einen einzigen Hund ausgeführt.

Vielleicht hattet ihr einen Zahlendreher in eurer Telefonnummer?

Milo: Ausgeschlossen. Wir haben uns so viel Mühe mit dem Flyer gegeben. Wir hatten da dieses sexy Girl mit dem Riesenhintern drauf und dazu dann der Claim „Can I Get a Wuff Wuff“ – wir dachten, das ist die beste Geschäftsidee aller Zeiten.

Vielleicht war die Zielgruppe zu spitz?

Milo: Ja, vermutlich. Wir dachten, wir bedienen damit einen Nischenmarkt. Hunde mit wunderschönen Frauchen, aber wir haben versagt. Dann hatten wir die Idee, eigenes Chutney zu produzieren. Also so eine Art selbstgemachte Marmelade.
Robbie: Wir wollten uns auf so Geschmacksrichtungen wie Magic Mushrooms oder Absinth spezialisieren. Wir hatten auch schon ein Logo dafür. Skull and Bones, aber eine coole Variante davon. Wir greifen das auch irgendwann wieder auf.
Milo: Wir hatten auch noch diese Idee, die jetzt einige von diesen Healthfood-Stores kopieren. Wir haben uns gedacht, warum müssen in Erdnussbutter immer Erdnüsse drin sein? Warum nicht Pistazien oder andere Nusssorten?
Robbie: Aber wir bleiben dran. Das ist unsere nächste Merch-Idee.

Wisst ihr, wie oft ihr das Wort ‚Love’ auf dem Album benutzt habt?

Milo: Hast du das gezählt?

Ja.

Robbie: Ah, das ist verdammt cool. Lass mich raten ... 159
Milo: 163

Ähm ... eigentlich dachte ich, ihr würdet weit darunter liegen, aber jetzt liegt ihr weit darüber ...

Robbie: 93
Milo: 97

Immer noch zu viel.

Robbie: 67

Es sind 60. Trotzdem eine Menge, oder?

Milo: Also in etwa fünf Mal pro Lied.

Im ersten und im letzten taucht es gar nicht auf.

Milo: Das wusste ich schon. Das liegt daran, weil es die ersten Lieder sind, die wir geschrieben haben.

Und dann passierte dieses Love-Thing, was?

Robbie: Genau, dann verliebten wir uns ineinander.
Milo: Das stimmt tatsächlich.

Was wird denn das Schlüsselwort auf der nächsten Platte?

Robbie: Satan. Nimm das als Exclusive. Haha. Naja, vielleicht wird es doch wieder nur Love ... Es gibt ja letztendlich nichts Wichtigeres.

Was wünscht ihr euch zu Weihnachten?

Robbie: Ein neues Auto. Ich hasse mein Auto.
Milo: Wir haben doch gar keine Autos.
Robbie: Ja, das stimmt. Vielleicht wünsche ich mir gerade deswegen eins.
Milo: Ich wünsche mir, dass jeder das Album kauft und verschenkt. Das wünsche ich mir.

Im letzten Interview habt ihr gesagt, dass ihr euch beim Songwriting von niemandem reinreden lasst und dass ihr ohne weiteres auch einen HipHop-Track aufnehmen würdet. Ist das denn mittlerweile schon passiert?

Milo: Das nächste Album wird sehr HipHop-lastig, wir haben uns da schon ein paar Gedanken gemacht.
Robbie: Wir reden viel über den Einsatz von Breaks und funky Kickdrums. Das soll alles einen guten Groove bekommen. Und auch einen Pop-Appeal haben.

Mit welchem so genannten Popstar würdet ihr gern einen Song aufnehmen?

Robbie: Rihanna. Das wäre großartig. Wir covern auch Jay Z’s Song „Run this Town“ (summt die Hookline).

Du singst den Rihanna-Part?

Robbie: Genau. Und wir versuchen Plan B für die Rapparts zu bekommen.
Milo: Aber er rappt nicht die Originaltexte, er schreibt sein eigenes Zeug.
Robbie: Das wird fantastisch.

The Big Pinks A Brief History of Love ist bei 4AD erchienen.

www.myspace.com/musicfromthebigpink

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