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      Bin ich eine Inspiration für magersüchtige Mädchen?

      February 21, 2013

      Hey, ich bin Melissa und schreibe nun eine Kolumne auf VICE, bis mir nichts mehr einfällt, was ich sagen kann, oder keiner mehr liest. Ich arbeite seit zwei Jahren als professionelles Model und habe den vagen Verdacht, dass ich leider niemals ein „Super“-Model werde. Fürs Erste weißt du genug von mir. Mehr wirst du in meiner Kolumne erfahren. 

      Wenn du für länger als fünf Minuten ein echtes Model wärest, dann würdest du wissen, wie viel ein Model friert und weint. Ich hatte heute ein Casting und auf dem Weg zur U-Bahn bin ich einfach in Tränen ausgebrochen. Mir geht’s miserabel. Ich will zu Hause in meinem Bett liegen und Pizza essen. Die Tränen in meinem Gesicht frieren sofort zu Mascara-Eiszapfen. Draußen ist es sehr sehr kalt, aber ehrlich gesagt, ist mir sowieso immer verdammt kalt, da ich an der Grenze zur Magersucht stehe, und die Menge an Fett, die meinen Körper isoliert, entspricht der dieser komischen haarlosen Katzen.

      Heute Vormittag zog mein Hautarzt die Haut unter meinen Augen herunter, sah mich besorgt an und fragte, ob ich an Blutarmut leiden würde. Das ist eine weitere Sache, die zu der grenzenlosen Traurigkeit eines Modeldaseins beiträgt—wenn du im Job auf deinen Körper angewiesen bist, werden sich die Dinge, die mit dir nicht stimmen, natürlich nicht von allein lösen. Nimm dir eine Minute und denk darüber nach, wie viele Wehwehchen du jeden Tag tolerieren musst, bis du sie nicht einmal mehr wahrnimmst. Jetzt stell dir vor, dass jeder komische Hautausschlag oder der gelegentliche Anfall von Trägheit einem Namen hätte, der mit „Syndrom“ enden würde, und du zur Apotheke rennen würdest, weil einer der Professionellen um dich herum es als ein Problem diagnostiziert hat. Nicht besonders toll, oder? Es ist nicht so, als würdest du irgendwo in einem Feldlazarett aufwachen und dich fragen, wie viele Gliedmaßen du noch hast, aber es bereitet Kopfschmerzen. Ich bin mir sicher, wenn ich Eier hätte, würden auch diese mir die ganze Zeit wehtun.

      Ich hab vor Kurzem eine Dokumentation über Isabelle Caro gesehen, das magersüchtige Model, das mit 28 Jahren starb und 36 kg wog. Sie sah wie eine dieser Tanzleichen aus Michael Jacksons Thriller-Video aus. Ich habe Isabelle danach gegoogelt, um noch depressiver zu werden, und stolperte zufällig über eine düstere Spirale an Websites, die Magersucht abfeiern. Dann ist etwas wirklich Schlimmes passiert (schlimmer als Tofufrischkäse); ich habe ein Bild von mir in einem dieser Foren gefunden.

      Da war ich im Bikini und beschäftigte mich schmollend mit meinem iPhone. Bin ich eine Inspiration für psychisch kranke Mädchen? Ein Model zu sein, ist mein Job, aber wenn ich dadurch labilen jungen Frauen Schaden zufüge, dann ist das echt beschissen. Wie jeder Mensch mit ein bisschen Grips will ich Inspiration für alles außer meinen Stoffwechsel sein. Ich bin ein faules Stück Scheiße und mache kaum Sport, wird man sich dafür an mich erinnern? Oh Gott.

      Auf dem Weg zu meinem Shoot friere ich mir den Arsch ab, als mein halb taubes Gehirn endlich genug Energie aufbringt, um herauszufinden, mit welcher U-Bahn ich fahren muss. Während ich auf meine Bahn warte, sitzt ein süßer Typ neben mir und sagt irgendwas wie: „Hübsches Shirt!“ Ich sehe ihn an und vermute sofort aufgrund seiner Frisur, seines Yves-Saint-Laurent-Mantels und der Tatsache, dass er das Hemd interessant genug findet, um zu versuchen, eine Fremde in ein Gespräch zu verwickeln, dass er schwul ist. Mir ist langweilig, also unterhalte ich mich mit ihm die ganze Fahrt darüber, wie furchtbar es ist, 13 Zentimeter hohe Absätze zu tragen und wie sehr ich meine Heimat vermisse. Dann steh ich auf, hauche ihm einen Luftkuss zu (ich bin so gut darin) und verlasse die Bahn.

      Halt dich fest, er fragt nach meiner Nummer. Der Schock kommt nicht ausschließlich von der Tatsache, dass ich davon ausging, er wäre schwul. So sehr ich auch lügen möchte, so etwas passiert mir nie. Niemals. Denk drüber nach. Welcher normale Typ würde ein Model daten wollen? Die meisten von uns sind durchgeknallt, unsere Arbeitszeiten sind mehr als lächerlich und wir zeigen uns in der Öffentlichkeit immer nackt. Und wie ich eben schon sagte, wir sind sehr, sehr dünn. Diese Isabelle, die wegen Unterernährung starb, ist ein sehr extremer, seltener und erschreckender Fall von Magersucht, aber manchmal fühle ich mich, als ob ich eine Wochenportion an Essen im Rückstand wäre. Das ist alles andere als sexy.

      Ich gebe ihm meine Nummer. Ich glaube, ich bin einfach nur in einem Zustand leichter Panik.

      Auf dem Weg zum Casting hyperventiliere ich und sehe eine ellenlange Schlange an Mädchen vor mir stehen. Fabelhaft! Wenigstens bin ich drinnen und mir ist warm, also ist die stundenlange Warterei für eine Modenschau, die mir 400 Dollar einbringen wird, gar nicht so schlimm. Schließlich laufe ich die Treppen hoch, lege meinen besten Laufsteg-Walk hin und posiere für zwei Fotos. Ach ja, Models blinzeln nicht.

      Der Casting-Agent gibt mir eine Jeans und ein T-Shirt. Ich schlüpfe hinter einem Vorhang in die Sachen, ziehe meinen Bauch ein und zerre den Reißverschluss halb zu. Mein Rückenspeck hängt raus, also ziehe ich das T-Shirt runter, um das zu verdecken. „Hmm, ein wenig eng“, sagt einer der Designer. Ich lächle und zucke mit den Achseln. Es gefällt mir eigentlich ganz gut.

      Später am Abend ruft mich mein Agent an, weil ich für die Modenschau gebucht wurde. Was sagt man dazu. Scheint so, als wäre ich magersüchtig genug für sie.

       


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      Themen: Model, Magersucht, Krankheit, MODE

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