Boiler Room - Berlin Edition

von Ange Suprowicz

Die Website der Boiler Room-Leute kenne ich schon lange, aber bei einer der Liveshows war ich noch nie. Sie fahren eine strenge Türpolitik und du kommst nur mit Einladung rein. Aber es gibt einen guten Grund, warum die Shows künstlich klein gehalten werden. Du sollst das Gefühl haben zuhause zu sitzen und Freunden beim Auflegen zuzuschauen. Hinter Boiler Room stehen Blaise Bellville, Thristian Richards, Charles Drakeford, und Chalin Barton. Was es an Musik und live-Auftritten im Internet schon gab, war ihnen nicht genug. Sie wollten das Ganze erweitern und ihr Boiler Room war das Ergebnis. Sie machen aus dieser zu-Hause-rumsitzen-und-Musik-hören-Sache etwas, das weitaus aufregender ist als es sich anhört. Dank Michail Stangl und Alexander Waldron ist Boiler Room nun auch nach Berlin gekommen. Ich telefonierte mit den Gründern Blaise und Charles.
 

VICE: Hallo Blaise. Lass uns mal über die Entwicklung von Boiler Room sprechen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Blaise: Wir wollten versuchen, Musik auf eine andere Weise online zu präsentieren, aber es fiel uns schwer, etwas zu finden, das es nicht schon gab. Wir haben dann gemerkt, dass es eine wirklich interessante Idee wäre, das Konzept auszubauen, dass die Leute zu Hause auflegen. Wir wollten so etwas wie eine Piratensender Session. Wir sind seit 18 Monaten aktiv und seit Februar wird Boiler Room als eine ernste Sachen wahrgenommen. Das Publikum ist mittlerweile so groß geworden, wie die Künstler selbst. Vielleicht ist Boiler Room auch ein Guckloch in eine fremde Musikszene. Und ‚fremd’ meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht ist das, was Boiler Room letztlich bietet, eine Art Musikszene aus einem anderen Land zu betrachten.

Und wie sieht es jetzt aus?
Blaise: Wir haben uns schnell entschieden, jede Woche eine Show zu veranstalten und zwei oder drei Monate im Voraus zu buchen. Wir wollten auch die Podcasts von allen Shows archivieren, so etwas gab es bis dahin einfach noch nicht. Wir haben uns auch vorgenommen, mit verschiedenen Labels zu kollaborieren. Damals hatten wir 20-30 Leute in einem winzigen Raum. Bei der Berlin Show waren es fast 300. Es war und ist immer nur für geladene Gäste, es wird auch immer kostenfrei sein. Ich denke, es ist wichtig, das Ganze von einer normalen Clubnacht zu trennen. Bei Boiler Room bist du um 23.30 Uhr im Bett, (lacht) es ist ein Dienstag Abend und eigentlich wirst du eingeladen, an einer besonderen Radiosendung teilzunehmen.

Ihr habt auch eine sehr erfolgreiche interaktive online Plattform. Während die Leute zu Hause zuschauen, können sie auch gemeinsam darüber Twittern oder Chatten. Kannst du uns dazu etwas erzählen?
Blaise: In Bezug auf das Social-Networking haben wir nicht sofort erkannt, wie wichtig die interaktive Seite für Boiler Room war, aber jetzt kann man wirklich erkennen, was für einen wesentlichen Bestandteil sie einnimmt. Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass 30 000 Menschen bei einer Online Show für glatte drei Stunden zuschauen. Da muss was Anderes nebenbei passieren. Wir können nicht immer die Titel der Lieder angeben und daher ist es toll, wenn die Leute miteinander kommunizieren.

Ihr habt neulich Boiler Room nach Berlin gebracht. Eure erste Show war am 23. August im Stadtbad Wedding und ich muss sagen, das Line-Up war phänomenal. Wieso habt ihr euch für Berlin entschieden?
Blaise: Wir haben eine Weile darüber geredet, in ein anderes Land zu gehen. Für uns stand Deutschland an der Spitze, weil es uns stilistisch am nächsten steht. Mikhail Stangl meldete sich bei uns, er betreibt Leisure System im Berghain. Er verband ein erstaunliches Line-Up mit einer tollen Location.

Und welche Unterschiede gibt es zwischen London und Berlin?
Charles: Uns ist hauptsächlich aufgefallen, dass die Leute die Idee von kurzen 45 Minuten Sets nicht wirklich verstehen.  Als wir die Party um 12 Uhr beendet haben, fragten alle „Was macht ihr?“ In London ist das total in Ordnung. Es wäre komisch, an einem Dienstag bis 4 Uhr morgens aufzulegen, aber in Berlin ist es halt anders. Wir haben auch um 20 Uhr angefangen und das fanden sie auch merkwürdig. Die Leute in Berlin waren wirklich offen, aber sie waren vielleicht etwas weniger aufgedreht, als die in London. Aber vielleicht liegt das daran, dass die Briten immer betrunken sind. (lacht)  

Wie wird Boiler Room in anderen Ländern angenommen? Gibt es Pläne, noch in andere Ländern zu gehen?
Blaise: Also, 20% unseres Publikums kommt aus den USA. Die durchschnittliche Anzahl an Zuschauern liegt bei 34 000 pro Liveshow. Wir haben es nicht erwartet, aber Berlin war eine der größten Shows, die wir Online hatten. Die Leute zeigen definitiv ein großes Interesse an der Londoner Musikszene, aber eigentlich stehen die Berliner DJs auf einer ganze anderen Ebene und sie haben eine riesige internationale Fangemeinde. Wir planen gerade eine monatliche Show in L.A. Was regelmäßige Shows angeht, sind monatliche Shows in Berlin und L.A, und wöchentliche Shows in London geplant. Nächstes Jahr machen wir definitiv einmalige Shows in Toronto und Buenos Aires, und wir haben unsere eigene Stage beim Melt! Festival.

Wie ist die Boiler Room Erfahrung für Künstler? Inwiefern hilft Boiler Room Künstlern?
Blaise: Die ganze Sache zeigt sowohl uns, als auch den Künstlern, dass ein echt begeistertes Publikum hinter uns steht. Künstler spielen gerne beim Boiler Room mit, weil es ist, als ob sie vor Freunden auf einer Hausparty spielen. Sie bekommen dann auch sofortiges Feedback und eine Menge Promotion. Eines der Dinge, die wirklich zum Erfolg des Boiler Rooms geführt hat, ist, dass alle DJs und Künstler es kostenlos tun, sie tun es, weil es gute Werbung ist. Wenn man darüber nachdenkt, ist das eine unglaubliche Sache, weil es zu Konkurrenz mit den anderen großen Radiosendern in Großbritannien führt.  

Mit welchem unerwarteten Label oder Künstler würdet ihr gern zusammen arbeiten?
Charles: Ich glaube das hätte viel mit amerikanischem Hip-Hop zu tun.
Blaise: Wir würden auch gerne gute Rap-Musik ausstrahlen. Es gibt bestimmte Bands, mit denen wir wirklich gerne arbeiten würden‑Gang Gang Dance, Washed Out, Animal Collective.

Produziert ihr auch Künstler? Habt ihr Pläne, irgendwann ein Label zu werden?
Blaise: Ja, es wäre interessant. Im Moment ist das keine Priorität aber vielleicht wenn wir uns in Berlin und L.A entwickelt haben und sobald wir ein globales Verständnis über das, was wir fördern möchten, erzeugt haben. Ich zögere, weil es schon eine Menge großartige Labels gibt und ich bin mir nicht sicher, ob die Welt noch eins braucht. (lacht)

Mit James Blake, SBTRKT, Mount Kimbie usw. war 2011 das Jahr der Pop-Infiltration durch Dubstep. Wie wird deiner Meinung nach 2012 aussehen?
Charles: Es gibt viele Künstler, die mit keinem besonderen Genre arbeiteten, sie entwickeln sich innerhalb ihres eigenen Sounds. Die Leute versuchen oft ihre Musik zu labeln und zu replizieren. Heute hat jeder seinen eigenen Sound und verselbständigt sich. Davon wird es sicherlich mehr geben.


Heute Abend (28. September) ist Boiler Room im STATTBAD Wedding. Bei einem Ostgut Ton-Event legen Steffi, Nick Höppner, Barker & Baumecker und Norman Nodge auf. Unter www.boilerroom.tv könnt ihr virtuell dabei sein. 

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