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Cold Turkey Kids

von Barbara Dabrowska

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Die Bestrahlung mit blauem Licht (Fototherapie) wird zur Behandlung von Neugeborenengelbsucht, die Entzugskinder und „normale“ Babys gleichermaßen treffen kann, eingesetzt.

Leipzig gilt seit Jahren als eine der Heroin-Hochburgen Deutschlands und hat letztes Jahr einen Anstieg von 23,2 Prozent bei festgestellten Delikten von Rauschgiftkriminalität erlebt. Der Anstieg mag laut Polizeibericht auch am erhöhten Fahndungsdruck liegen. Interessanterweise wird Heroin zunehmend von Crystal verdrängt, das aufgrund der Nähe zur tschechischen Grenze und der neuerdings eher laxen tschechischen Gesetzeslage immer stärker die Leipziger Drogenszene beherrscht. Mit der steigenden Anzahl drogenabhängiger Frauen steigt proportional auch die Anzahl der Neugeborenen, die einen neonatalen, also nachgeburtlichen Drogenentzug machen müssen. Wie dieser Entzug genau aussieht, erklärte mir Fachärztin Anett Bläser vom Uni-Klinikum Leipzig, während sie mir zwei Stationen des Uni-Klinikums zeigte, in denen „normale“ Frühchen und normalgewichtige Babys zusammen mit Kindern behandelt werden, die ihre ersten Wochen auf der Welt mit einem Drogenentzug zubringen.

Die Neugeborenen-Station sieht modern und trotzdem sehr freundlich aus, an den Wänden hängen fast überall bunt bemalte Fotocollagen, in denen Eltern stolz die Entwicklung ihrer Frühchen dokumentieren, denen es heute gut geht. Am meisten überrascht mich merkwürdigerweise, dass ich die Entzugskinder, die inmitten der „normalen“ Kinder liegen, nicht erkenne. Sie sehen genauso aus wie alle anderen Babys. Frühgeburten kommen bei ihnen mit 15-prozentiger Wahrscheinlichkeit vor, nicht wesentlich häufiger als bei nicht abhängigen Müttern, wo die Wahrscheinlichkeit zehn Prozent beträgt. Berührende Anblicke von Inkubatoren mit zerbrechlich aussehenden Frühchen voller Schläuche lassen keinen Rückschluss darauf zu, ob es sich hier um ein Kind handelt, das einen Entzug durchmacht, oder ein „normales“ Baby, das einfach zu früh gekommen ist.

Die Entzugssymptomatik, allem voran das typische, sehr schrille Schreien, tritt meist innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach der Geburt auf, wenn der Drogenpegel das erste Mal absinkt und das Kind nicht mehr von der Mutter mitversorgt wird. Die Schwere des Entzugs wird anhand des Finnegan-Scores bestimmt, der Punkte vergibt für alle typischen Symptome: schrilles Schreien, Durchfälle, Schlafprobleme, erhöhte Körpertemperatur und, bei den ganz schlimmen Fällen, starke Krampfanfälle. Das Medikament der Wahl, Morphin, wird entsprechend des Scores dosiert. Die Babys bekommen alle vier bis sechs Stunden Morphintropfen entweder in den Mund geträufelt oder direkt per Magensonde, und die Dosierung wird Schritt für Schritt reduziert. Der Entzug dauert bis zu vier Wochen.

Bevor das Morphin den Entzug erträglich macht, sind die Kinder extrem empfindlich und reagieren auf alle störenden Einflüsse wie Licht oder Geräusche mit dem charakteristischen, markerschütternden Schreien. „Die wirken unwahrscheinlich gestresst. Das ist schon vergleichbar mit den Entzugsbildern [von Erwachsenen], die man manchmal in Filmen sieht. Sie können sich natürlich nicht so äußern, aber man hat den Eindruck, dass es sehr vergleichbar ist“, erzählt Frau Bläser vom dem, was die Kinder erleben. Das Schwitzen, das man von Junkies auf Entzug kennt, äußert sich bei den Babys durch stark erhöhte Körpertemperatur, weil Neugeborene noch nicht richtig schwitzen können.

Die unterschiedlichen Drogen, die von Müttern vor und während der Schwangerschaft konsumiert werden, haben ganz unterschiedliche Effekte auf den Verlauf der Schwangerschaft und den Entzug danach. Kokain und Crystal führen zu weniger stark ausgeprägten Entzugserscheinungen. Bei Heroin gibt es in der Schwangerschaft oft Schwankungen in der intra-uterinen Versorgung, was z. B. mit einem erhöhten Risiko von Frühgeburten einhergeht. Den stabilsten Verlauf in der Schwangerschaft garantiert Methadon, das substituierte Frauen als Ersatz für Heroin auch während der Schwangerschaft täglich unter ärztlicher Aufsicht einnehmen und so einen nahezu konstanten Opioid-Spiegel halten. Allerding beschert Methadon den Neugeborenen auch den mit Abstand heftigsten und längsten Entzug. Methadon ist auch der Stoff, von dem am häufigsten entzogen werden muss, aber es geht oft auch um Heroin-Gebrauch ohne Substitution, Methadon mit Beigebrauch, wie z. B. Diazepam (Valium) und: „Crystal ist ganz groß im Kommen. Alle möglichen Substanzen können dann noch dazukommen. Aber Methadon ist so das Hauptsächliche, womit wir’s zu tun haben“, fasst Frau Bläser ganz ruhig und nüchtern zusammen, was mir immer noch unfassbar erscheint.


Stillen ist bis auf sehr seltene Ausnahmen ausgeschlossen bei Entzugskindern.

Mein erster Gedanke ist, warum die Frauen nicht frühzeitig entziehen, wenn sie merken, dass sie schwanger sind. Warum das aus medizinischer Sicht nicht vertretbar ist, erklärt Frau Bläser: „Das ist versucht worden, man ist aber davon abgekommen, weil man in der Schwangerschaft einen möglichst stabilen Verlauf haben will. Gerade im letzten Drittel steigt der Drogenbedarf eher an, das heißt der Stoffwechsel der Frauen verändert sich, so dass sie eher mehr brauchen. Und da sind dann mehr Frauen zum Beikonsum übergegangen oder haben sich doch wieder Heroin beschafft, sodass die ganze Sache wieder instabiler wurde. Deswegen macht man das eher nicht mehr.“

Dass Neugeborene „überraschend“ auf Entzug in der Klinik landen, ist eher die Ausnahme. Die meisten Fälle werden schon über die Schwangerschaft hinweg begleitet und einige engagierte Ärzte und Sozialarbeiter versuchen, die Frauen in einem möglichst dichten, wenn auch kaum flächendeckenden Netz aufzufangen.

Die ersten Fälle kamen Ende der 90er in die Leipziger Kliniken. Heute sind es in der Uni-Klinik ca. 20 Kinder im Jahr, was zwar bei 600 Neugeborenen im Jahr einen kleinen Prozentsatz ausmacht, aber trotzdem besorgniserregend ist, vor allem, weil es vor einigen Jahren noch halb so viele waren. Es gibt noch ein weiteres Krankenhaus in Leipzig, das Entzugskinder behandelt und wahrscheinlich ähnlich viele Fälle im Jahr hat. Ganz genaue Statistiken gibt es aber zu dieser Thematik weder lokal noch bundesweit, erklärt Frau Bläser. „Es gibt keine zentrale Erfassung, wie viele Kinder mit Drogenentzug es in Deutschland gibt. Da kocht jede Stadt so ihr eigenes Süppchen.“ Es sind engagierte Ärzte wie Frau Bläser, die eigene Studien betreiben und zumindest die Fälle in ihren Krankenhäusern dokumentieren. Als ihr vor einigen Jahren der massive Anstieg auffiel, fing sie an, sich genauer mit den Entzugskindern zu beschäftigen und ist mittlerweile in der Uni-Klinik zur Hauptansprechpartnerin für die Thematik geworden.

Neben fehlenden Erhebungen über das Vorkommen von neonatalem Entzug, gibt es auch sehr wenige Studien zu Spätfolgen. Es ist schwer, Studien zu Drogenentzugskindern zu machen, da in der Regel nur die Kinder, denen es gut geht und die in eine sichere Umgebung entlassen werden, wieder vorgestellt werden. „Die Kinder, die in eher schlechterem Milieu untergekommen sind, werden einem nicht wieder vorgestellt“, erklärt Frau Bläser. Diese Selektion macht es schwer, wirklich einzuschätzen, welche Folgen der Konsum in der Schwangerschaft oder die wochenlange Morphingabe in den ersten Wochen auf der Welt hat.

Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass Kinder, die in Drogenhaushalten aufwachsen, ein deutlich höheres Risiko haben, später mal selbst substanzabhängig zu werden. Ob das aber am Konsum in der Schwangerschaft und dem Entzug liegt oder daran, dass die Kinder das Abhängigkeitsverhalten von ihren Eltern und ihrem Umfeld gelernt haben, ist nicht nachvollziehbar. Allerdings, so erklärt Frau Bläser die gängige These, gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass es eher am Umfeld liegt als an der Abhängigkeit in der Schwangerschaft.

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