©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Das unendliche Märchen

      September 18, 2012

      Von Dominik Schönleben

      Freier Autor

      Archivmaterial mit freundlicher Genehmigung vom Pabel-Moewig Verlag

      Wir schreiben das Jahr 1971. Amerika schickt den ersten Mann zum Mond: Major Perry Rhodan. Dort tritt er mit einer außerirdischen Rasse in Kontakt, den Arkoniden. Ausgestattet mit deren überlegener Technik, kehrt er kurz darauf zur Erde zurück. Als mächtigster Mensch der Welt zwingt er die beiden Achsenmächte—Amerika und die Ostblockstaaten—dazu, sich unter seiner Führung zu einer globalen demokratischen Regierung zu vereinen. Als die „Dritte Macht“ läutet er das neue Zeitalter des Menschengeschlechts ein und führt es in eine ungewisse Zukunft, zu den Sternen. Auf seinen ersten Abstechern in die Unweiten des Alls erhält er die Unsterblichkeit und trifft auf die üblichen Sci-Fi-Gestalten: übermächtige Superintelligenzen, dreiäugige Riesenbestien und knuddelige Weltraum-Biber. Diese utopische Zukunftsvision wird seit September 1961 im wöchentlichen Rhythmus als Heftroman ununterbrochen weitererzählt. Die Perry-Rhodan-Serie ist der erfolgreichste Groschenroman der Welt und die am längsten kontinuierlich fortlaufend erzählte Geschichte aller Zeiten. Es handelt sich bei dieser Space-Opera nicht um einen US-Import, sondern um einen Heldenmythos made in Germany. Auch heute noch ist Perry Rhodan eine Metapher der Weltgeschichte und ein Heftchen über den großen Traum der Menschheit, das Weltall mit all seinen Wundern zu erfahren. Selbst die Mauer fiel 1989 im Perry-Universum. Angeblich reiner Zufall. Aber vielleicht erfüllte sich hier auch unbewußt und parallel zur Realität der kollektive Traum der Deutschen, genau wie bei der Voraussage der Mondlandung für 1971, welche dann tatsächlich schon 1969 stattfand. Wir haben den Mann getroffen, der seit 13 Jahren die Schicksalsfäden unseres Helden im Weltall zieht: Klaus N. Frick, Chefredakteur von Perry Rhodan.

      VICE: Wie sah Science-Fiction in Deutschland vor Perry Rhodan aus?
      Klaus N. Frick:
      Science-Fiction in Deutschland gab es, wenn auch mit anderen Begrifflichkeiten, schon vor dem Krieg. Man ist bereits damals zum Mond geflogen, hat in der Vergangenheit gestöbert, nach Atlantis gesucht und kühnste technische Erfindungen gemacht. Der Heftroman mit Fortsetzungsgeschichte war ein gängiges Format, das es schon vor dem Ersten Weltkrieg gab. Die Autoren, die nach dem Krieg angefangen haben, haben auf diesem Fundament aufgebaut. In den späten 40ern hat man in Deutschland angefangen, Heftromane zu drucken, weil es kostengünstig war. Leute, die wenig Geld hatten, konnten nur Heftromane lesen. Das Taschenbuch kam erst um 1949/50 auf, mit Rowohlts Rotationsromanen [Romane, die aufgrund des Papiermangels in der Nachkriegszeit auf Zeitungspapier gedruckt wurden, Anm. d. Red.]. Davor gab es Heftromane für die armen Leute und gebundene Ausgaben für die gebildeten Stände.
       
      In diesem Zuge ist dann auch Perry Rhodan entstanden?
      Es gab relativ bald beliebte Autoren. Es gab Karl-Herbert Scheer, der 1948, mit Anfang 20, seinen ersten Roman Stern A funkt Hilfe veröffentlicht hat. Walter Ernsting kam erst 1950 aus der Kriegsgefangenschaft heim und wurde später Übersetzer. Diese beiden haben Mitte der 50er die Heftromanszene im Science-Fiction-Sektor dominiert. Der damalige Moewig-Verlagsleiter wollte eine Serie schaffen, in der die Geschichte der Menschheit in der Zukunft geschildert wird. Als Aufhänger nutzte man das damalige Ziel der Menschheit: die Mondlandung. Beide Autoren waren sehr unterschiedlich in ihrer Art zu schreiben und zu denken. Zusammen entwickelten sie im Frühjahr 1961 das Konzept für Perry Rhodan.

      Und was waren die Gegensätze zwischen Scheer und Ernsting?
      Scheer war ein Action-Autor, da hat es gekracht. Er hat Seeräuberromane, Weltraum-Agenten-Romane und Krimis geschrieben. Scheer wäre im Krieg gerne ein großer Ingenieur gewesen und hat in seinen Romanen die technische Zukunft beschrieben. Ein handfester Science-Autor. Ernsting war ein Träumer. Ernsting hat mir in einem seiner letzten Interviews erzählt, dass er während seiner Kriegsgefangenschaft in Karaganda immer davon geträumt hat, zum Mond zu fliegen. Er war 1945 bis 1950 in Russland in Gefangenschaft. Und während er dort mit Lungenentzündung auf der Krankenstation lag, hat er sich den Flug zum Mond vorgestellt. Er verkörperte die Fiction. Er war Pazifist. In seinen Romanen treten wunderliche Außerirdische auf, es geht um die Unsterblichkeit und Superintelligenzen. Die Gegensätze der beiden Autoren haben dazu beigetragen, dass Perry Rhodan ein Erfolg wurde. Die Vision der Serie war, dass der Krieg auf der Erde endet, man die Unterschiede zwischen Rassen, Religionen und Völkern—all diesen Unfug—beiseite schiebt und die Menschen zusammenhalten.
       
      Gibt es Gründe warum Perry Rhodan nie richtig international erfolgreich geworden ist?
      Die Art, wie unsere Autoren die Geschichten erzählen, ist natürlich eine europäische. Der grundsätzliche Unterschied zeigt sich schon im ersten Band. Der erste Perry-Rhodan-Roman beginnt damit, dass Major Perry Rhodan, ein amerikanischer Held, zum Mond fliegt. Die letzte Szene des ersten Romans ist—und das wäre für amerikanische oder russische Science-Fiction in den 60ern undenkbar gewesen—dass Perry Rhodan sich die Schulterklappen herunterreißt und in den Staub wirft: Er desertiert. Der Held ist ein Dieb und Deserteur.
       
      Was macht heute den Unterschied aus?
      Heute ist der Unterschied das serielle Erzählen. Das serielle Erzählen mit zehn bis zwölf Autoren über Jahrzehnte hinweg hat im Ausland nie funktioniert. In den USA gab es einen einzigen Versuch, eine Science-Fiction-Romanserie mit einem Autorenteam zu kreieren: Wild Cards. Ich glaube aber, in Deutschland war ich der Einzige, der sie gekauft und gelesen hat (lacht). Auch wenn man heute das serielle Erzählen aus dem Fernsehen kennt, war Perry Rhodan über Jahrzehnte hinweg die einzige Romanserie, bei der es funktioniert hat.

      In der klassischen Science-Fiction werden ja sozialkritische oder gesellschaftliche Fragen aufgeworfen. Gibt es auch eine Frage, die in Perry Rhodan gestellt wird?
      Dass die klassische Science-Fiction gesellschaftliche Fragen aufwirft, wäre mir neu. Das war in der Mehrheit der Science-Fiction bis in die 70er Jahre hinein ein Randthema. Wahrscheinlich haben Sie die besseren Romane gelesen, in denen solche Themen vorkamen. Die Mehrheit war eher auf Abenteuer orientiert. Science-Fiction war früher eine Ideen-Literatur. Es ging darum, eine möglichst originelle Idee zu haben und diese in einer Geschichte zu erzählen.
       
      Perry Rhodan ist also nur ein Abenteuerroman und kann sich nicht zur gehobenen Literatur zählen?
      (lacht) Perry Rhodan ist in erster Linie Unterhaltungsliteratur, ganz klar. Wir schreiben eine abenteuerliche Science-Fiction, wo jede Woche auch etwas passieren muss. Im Rahmen des Gesamtzusammenhangs bringen wir immer wieder Themen ein, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Hier ist die Serie ein Spiegelbild ihrer Zeit. Beispielsweise Mitte der 70er Jahre, als die Serie stark im Umbruch war, gab es eine Handlungsepisode von 50 Romanen, in denen eine Menschheit ohne Liebe präsentiert wurde. Es wurde eine Gesellschaft geschildert, die strikt nach kapitalistischer Logik funktioniert. Behinderte wurden abgeschoben, alte Menschen kamen in Stummhäuser. In den 80er Jahren war die Serie sehr stark auf einem Peace-and-Love-Trip. Perry Rhodan war öko-sozial. In den 90er Jahren haben wir bewusst gesagt, wir spiegeln die Entwicklung der Welt wider. Wir haben den Jugoslawien-Krieg als Anlass genommen, um in Perry Rhodan darüber nachzudenken, wie Krieg und Frieden in einem Universum funktionieren könnten, in dem Hunderttausende von Planeten existieren. Wie würde Perry Rhodan den Frieden durchsetzen. Müsste er verhandeln, müsste er mit einer Kriegsflotte kommen. Was macht Perry Rhodan, wenn zwei Planeten in der Nachbarschaft der Erde im Krieg liegen? Im Prinzip haben wir den Jugoslawienkonflikt in unserer Serie gespiegelt.
       
      Reale Ereignisse hatten also direkten Einfluss auf die Serie?
      Immer, das passiert auch in diesen Tagen.
       
      Ich hab gehört die Mauer wäre in Perry Rhodan 1989 auch gefallen?
      Das war aber wirklich Zufall. Es gab einen Handlungszyklus, in dem die Milchstraße mit einer Energiemauer umgeben war, und die fiel tatsächlich genau in dem Moment, als die Mauer bei uns gefallen ist.
       

      Kommentare