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      Der globale American Dream

      March 4, 2013

      Von VICE Staff

      Das 20. Jahrhundert wird oft als amerikanisches bezeichnet, und zwar nicht nur, weil die USA nach Lust und Laune alles und jeden bombardiert haben und einmarschiert sind, wo sie wollten, wann immer es ihnen gefiel. Vom Glamour des frühen Hollywood über Jackie O bis zu Britney Spears’ Schulmädchenschlampentum wurden amerikanische Modetrends in aller Welt bewundert und prägten den Kleidungsstil der Menschen von Polen bis Japan.

      Obgleich die meisten Kleidungsstücke aufgrund von Globalisierung und Outsourcing heute in Dritte-Welt-Sweatshops gefertigt werden, sind sie höchstwahrscheinlich entweder von Amerikanern designt oder zumindest stark beeinflusst worden. Ausländische Modedesigner lieben und hassen den weltweiten, stilbildenden Einfluss der USA. Für diese Modeausgabe mit dem Schwerpunkt Amerika schien es uns daher interessant, die Mitarbeiter unserer Auslandsstandorte in Erfahrung bringen zu lassen, was die einflussreichsten Modedesigner und -ikonen dort über das Modebewusstsein in den jeweiligen Ländern zu sagen haben. Wie erwartet, gab es sehr unterschiedliche Meinungen.


      Patrick Mohr
      Designer und Gründer seines eigenen Labels

      Amerikanische Mode ist sehr traditionell, ziemlich eingefahren. Sie ist irgendwie praktisch, aber sie wagt nichts und experimentiert nicht. Andererseits ist es eine eng mit dem Land verbundene Mode, zweckmäßige Kleidung, die jahrelang hält. Amerika verbinde ich mit der Geschichte der Cowboys und Designern wie Tommy Hilfiger: mit Fransenlederjacken oder dem klassischen Jeanshemd. Das ist für mich sehr amerikanisch.

      Amerikaner leben ganz anders als Deutsche. Es scheint überhaupt keine Rolle zu spielen, mit wem sie sich unterhalten. Sie sind ziemlich offen. Das vermisse ich hier, wo die Leute dich womöglich anschauen und fragen: „Wer bist du, und was kannst du?“ Das Streben nach Gleichheit lässt sich auch in meinen Arbeiten wiederfinden.

       


      Simon Porte Jacquemus
      Designer und CEO von Jacquemus

      Calvin Klein ist die einzige amerikanische Marke, die mir gefällt. Ich mag das Minimalistische daran—weißt du, eine ganz in grau gekleidete Frau mit Mittelscheitel und flachen Schuhen vor einer weißen Wand. Als ich älter wurde, fand ich all das amerikanische Zeug echt ätzend. Die USA haben mich nie gereizt oder zum Träumen veranlasst. Noch nicht einmal amerikanische Filme. Heute kann mich eine Victoria’s Secret Modenschau begeistern. Ich habe Spaß daran, weil es eigentlich kaum etwas Lustigeres gibt—obwohl das wirklich nichts mit meiner Arbeit zu tun hat.

       

      Ann-Sofie Back
      Designerin und Gründerin ihres eigenen Labels

      Ich finde, die amerikanische Mode hat sich in den vergangenen fünf oder sechs Jahren sehr verändert, dank all der neuen, coolen, asiatisch-amerikanischen Designer. Ohne die hätte ich nie daran gedacht, auf der New York Fashion Week zu erscheinen.

      Dann sind da noch schwedische Marken wie Gant und Lexington, die sich mithilfe eines American-Dream-Gefühls vermarkten. Das ist irgendwie lustig. Ich liebe Amerika. Ich habe mal eine Kollektion herausgebracht, die von US-Horrorfilmen der 80er-Jahre und den darin auftauchenden Archetypen inspiriert war: dem notgeilen Teenager, der Jungfrau, dem dummen Proll und so weiter. Zu der Kollektion gehört auch Schmuck aus Kaugummi, Karohemden, Latzhosen und Traumfängeraccessoires.

       


      Dudu Bertholini
      Miteigentümer von NEON und Designer von CORI

      Ich finde, das größte Vermächtnis der US-Mode ist legere, praktische Businesskleidung. Die USA schenkten der Welt [Roy] Halston, der minimalistische Kleidungsstücke kreierte und davon Millionen verkaufte. Was Ralph Lauren und Calvin Klein heute machen, gründet darauf.

      Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Amerikaner als die wichtigsten Trendsetter der Welt. Die ganze Welt wollte amerikanisch sein. Diese Einstellung verschwindet im 21. Jahrhundert allmählich, aber wir haben eine Menge davon übernommen—in Brasilien zum Beispiel Streetwear and HipHop. Gut, dass sich das jetzt ändert, denn die USA sind nun auch zu einem Synonym für Bullshit geworden.

       


      Sara Sachs
      Designer von Moonspoon Saloon

      Ich bin vor Kurzem nach Los Angeles gezogen. Der Optimismus der Performance-Szene hier hat mich stark beeinflusst. Zwei Wochen nach meiner Ankunft veranstaltete ich auf den Straßen von Chinatown eine Performance mit Rollschuh laufenden Tänzern, einem gigantischen, schwebenden Kopf und 25 Darstellern, die ich vorher gar nicht kannte.

      Ich fühlte mich hier willkommen. In Europa dagegen betrachten die Leute das, was du machst, sehr skeptisch, und sie haben dieses eigentümliche Bedürfnis, alles in Schubladen zu stecken. Moonspoon Saloon passte in keine der Modeschubladen, also haben wir anfangs viel in der Kunstszene gearbeitet. Wir haben praktisch sofort Kostüme für Beyoncé und Lady Gaga hergestellt. Ich bin hier viel entspannter.

       


      Alejandra Quesada
      Designerin und Unternehmerin

      Als mexikanische Designerin ist es unmöglich, mit der amerikanischen Modeindustrie zu konkurrieren. Sie produzieren so viel, dass sie zu weitaus günstigeren Preisen verkaufen können. Ich habe mich immer dafür eingesetzt auf bessere Qualität zu achten. Da es in Mexiko lange Zeit sehr schwer war, gute Kleidung zu bekommen, kauften die Mexikaner in den USA ein. Doch vor ein paar Jahren begann Inditex [einer der international größten Modehändler], in Mexiko Läden zu eröffnen, und die Leute kauften dort ein. In Mexiko ist der malinchismo immer noch weit verbreitet. Das heißt, man kauft lieber ausländische als einheimische Ware. Diese Einstellung ändert sich allerdings in letzter Zeit, sodass immer mehr heimische Textilien hergestellt werden, die auch immer häufiger von Mexikanern gekauft werden.     

       


      Katherine Hamnett
      Designerin und Gründerin ihres eigenen Labels

      Amerika hat den BH erfunden! Das hat enorm viel bewirkt: Frauen tragen ihre Brüste jetzt an einer interessanten Stelle und nicht mehr um die Füße gewickelt. Das veränderte den Look von Frauen überall auf der Welt.

      Das Schlimmste an der amerikanischen Mode ist, wie ich finde, ihr absolutes Desinteresse an Menschenrechten: wo das Zeug hergestellt wird, wie die Arbeiter behandelt werden. Traurig, wenn man die Bosse im Urlaub beobachtet, die Eigentümer dieser riesigen Konzerne, wie sie mit ihren riesigen Jachten protzen, die umgekippten Sozialbauten gleichen. Ihnen fehlt es an Intelligenz oder Fantasie, ihr Geld vernünftig auszugeben. Ich halte sie für verantwortungslos. 

       


      Elio Fiorucci
      Gründer des Fiorucci Labels

      Die gesamte Modeikonografie der 1950er-Jahre ist amerikanisch. Jahrelang hat der amerikanische Film unseren Lebens- und Kleidungsstil geprägt, von Cadillacs bis zu Haushaltsgeräten—eine Welt, die uns alle unterbewusst begeistert hat. Ich persönlich tendiere eher zur amerikanischen als zur viel restriktiveren europäischen Mode. Die Haute Couture ist wirklich prätentiös. Was ich unter anderem an der amerikanischen Mode liebe, ist der „Shabby-Chic-Stil“.

       


      Laura Vărgălui 
      Model und Stylistin

      Kaum etwas anderes hat die rumänische Mode und die Rumänen selbst so sehr beeinflusst wie der amerikanische Traum aus Film und Fernsehen. Wir glaubten, letztendlich könne er auch für uns wahr werden. Der Denver Clan und Dallas waren die Serien, die uns am stärksten geprägt haben. Amerikanische Mode verbinde ich mit dem Cowboy-Look: Hut, Jeansjacke und Jeanshosen. Letztere spielten in unserem Alltag eine wichtige Rolle. Wir alle wollten Jeans, nachdem wir sie im TV gesehen hatten. Während der kommunistischen Herrschaft konnte man sie allerdings nicht im Laden kaufen. Aber mein Vater war Seemann und brachte nach jeder Reise 20 bis 50 Paar Jeans mit. Wenn du beim Verkauf erwischt wurdest, konntest du dafür im Gefängnis landen.

      Porträts von Guillaume Belvèze, Noam Griegst, Alessandro Macri, Hanna ter Meulen, Mîndru, Fernanda Negrini, Tim Neugebauer, Yvonne Venegas

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