Die Deutsche Bank verzockt das Brot für die Welt

von Johannes Niederhauser

Die Frage, wie krank eigentlich eine Welt ist, in der alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, in der Menschen von einer Schüssel Reis am Tag leben, während andere in klimatisierten Räumen vor Bildschirmen künstliche Wetten auf Nahrungsmitteloptionen abschließen, um am Ende des Jahres mit einem fetten Bonus nach Hause zu kommen, scheinen sich Deutsche Bank und Co. nicht zu stellen.

Ackermanns 20%-Profit-Monster steigt also wieder in den in den höchst umstrittenen Handel mit Agrarderivaten ein, um mit Optionen auf die Grundnahrungsmittel Weizen, Mais, Soja und Vieh zu spekulieren. Vielleicht haben die gerade bekanntgegebenen Milliardenverluste ihren Teil zu der Entscheidung beigetragen.

Denn die Wachstumsraten sind in diesem Geschäft einfach zu verlockend. Dabei ist nach wie vor unklar, wie sehr sich dieser Handel tatsächlich auf echte Lebensmittelpreise auswirkt.

Die Deutsche Bank handelt nicht mit echtem Weizen und lagert diesen irgendwo, um durch künstliche Verknappung die Preise ins Bodenlose zu treiben. Wenn es so einfach wäre, könnte sich die Deutsche Bank auch nicht so geschickt aus der Verantwortung schwadronieren mit dicken Studien und überpathetischen CSR-Berichten. Sie handelt ausschließlich mit virtuellen Optionen auf Zukunftspreise von Getreide. Dabei habe diese virtuelle Welt keinen Einfluss auf die echte. So lautet die Pauschalausrede der Banken. Doch Markus Rücker, Pressesprecher der NGO Foodwatch, versichert mir: „Hier geht es tatsächlich um Leib und Leben! Spekulation, wie sie die Deutsche Bank betreibt, verteuert die realen Nahrungsmittelpreise und treibt damit die Armen der Welt in den Hungertod.“

 

Was passiert also am Terminmarkt für Getreide?

Ursprünglich wurde dieser eingerichtet, um Preisschwankungen auszugleichen. Dort wird zwischen „Future“- und „Spot“-Preisen unterschieden. Das kann also beispielsweise einem Getreideverarbeiter helfen, der anhand des Future-Preises erkennt, dass das Getreide in etwa zwei bis drei Monaten—weiter gehen die Projektionen meist nicht—billiger sein wird als heute, also zum „Spot“-Preis. „Es gibt logischerweise einen Zusammenhang zwischen den beiden Preisen. Der zukünftige Preis beeinflusst den heutigen und umgekehrt“, erzählt mir Rückerer von Foodwatch und verweist mich auf eine Studie zu dem Thema, die Foodwatch bereits 2011 veröffentlicht hat.

Der Getreideverarbeiter ist also—böses Wort—Spekulant. Er spekuliert auf einen günstigeren Preis in naher Zukunft. Das tut er mit seinem Unternehmen, seinem Geld, seiner Existenz. Das Totschlagargument der Banken ist ja gerne, dass es immer schon Spekulation gegeben habe. Stimmt auch. Der Bauer spekuliert auf die Ernte ähnlich wie der gerade erwähnte Getreideverarbeiter. Das Argument ist also, dass die Spekulanten der Investmentbanken ja im Grunde das Gleiche tun. Nur dumm, dass das Argument hinkt und widerlich verdächtig nach böswilliger Verdrehung der Wirklichkeit stinkt: Denn ein Investmentbanker spekuliert ZU KEINEM ZEITPUNKT mit eigenem Geld, der eigenen Existenz und/oder eigenem Boden. Er ist vollkommen verantwortungslos. Außer seinem Bonus am Ende des Jahres ist er nicht vielem verpflichtet. Vielleicht kann er seinen Job verlieren. Aber sogar die meisten Investmentbanker der Skandalbank Lehman Brothers haben schnell eine Neuanstellung gefunden und noch schön Boni in Höhe von 1,4 Milliarden Euro eingestrichen.

Weizen ist ein sexy Anlagegut geworden

Die Deutsche Bank (und andere illustre Spielteilnehmer wie Goldman Sachs oder JP Morgan) spielt also am Termingeschäft für Grundnahrungsmittel Russisches Roulette auf Kosten von Produzenten und Verarbeitern. Im Umkehrschluss heißt das: Auf Kosten der Ärmsten der Armen. Dabei versichere eine neue Studie der Deutschen Bank empirisch eindeutig, dass ihre Spekulationen am Agrarrohstoffterminmarkt keinen Einfluss auf die tatsächlichen Lebensmittelpreise hätten. „Dafür sind primär die wachsende Weltbevölkerung, der wachsende Hunger auf Fleisch sowie die Ineffizienz beim Ackerbau verantwortlich. 40% der gesamten Getreideernte verrottet“, berichtet mir Dr. Klaus Winkler, Pressesprecher der Deutschen Bank. „Ich diskutiere das Thema jetzt nicht im Detail mit Ihnen“, doch Winkler verweist mich auf das Ergebnis einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bank: „Unsere Arbeitsgruppe ist zu dem Schluss gekommen, dass sich empirisch kein Zusammenhang zwischen der Preissteigerung am Terminmarkt und tatsächlichen Preisen der Grundnahrungsmittel feststellen lässt.“

Für die Deutsche Bank ist demnach eindeutig kein Zusammenhang zwischen Finanztransaktionen und dem Hunger in der Welt festzustellen. Auf meine Frage, ob das Grundmodell der Ökonomie, Nachfrage bedingt Angebot und damit Preis, hier nicht gilt, antwortet Winkler leicht erbost: „Ja, wenn Sie die Antworten schon kennen, dann brauchen Sie ja nicht zu fragen.“ „Ist eine Arbeitsgruppe, die nur aus Mitarbeitern der Deutschen Bank besteht, nicht eher parteiisch?", möchte ich von Winkler wissen. Er antwortet schlicht mit „Nein!“

Doch so ganz sicher scheint sich die Deutsche Bank nicht zu sein. Auf der Unternehmenswebsite findet sich die nahezu höhnische Aussage: „Die Auswertung zahlreicher Untersuchungen ergab, dass es kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung gibt, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für die Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich.“ Das kann alles und nichts heißen. Doch eines wird deutlich: Dass es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen Finanzspekulation auf Lebensmitteloptionen und tatsächlichen Lebensmittelpreisen gibt, schließt auch die Deutsche Bank eigentlich nicht völlig aus.

Nicht alle machen bei dem umstrittenen Geschäft mit

Die DEKA kam genau deshalb für sich zu der Überzeugung, aus dem Indexgeschäft auf Grundnahrungsmittel auszusteigen. Man habe zwar „keine gesicherten Erkenntnisse, die einen Zusammenhang zwischen Indexinvestments und der tatsächlichen Preisentwicklung von Agrarrohstoffen hinreichend belegen. Wir können einen solchen Zusammenhang aber auch nicht ausschließen“, berichtet mir Markus Rosenberg, Pressesprecher der DEKA.

Auch die G20 und die UNO schließen den Zusammenhang zwischen aufgeblähter Spekulation und Realwirtschaft nicht aus. Ebenso wenig wie Deutschlands Agrarministerin Aigner. „Ich erwarte, dass ein klarer Trennstrich gezogen wird zwischen verantwortungsvollen Investitionen, die hilfreich sind im Kampf gegen den Hunger, und Transaktionen, die Preisschwankungen weltweit verstärken können“, sagte Aigner gegenüber dem Handelsblatt.

Und genau das ist der Punkt: Eigentlich hilft der Terminmarkt Herstellern und Verarbeitern. Doch das Mitspielen der Banken, die ein gänzlich anderes Interesse verfolgen, verzerrt diesen Markt. Doch hat die Deutsche Bank nicht behauptet, dass es gar keinen Zusammenhang gebe? Wieso behauptet sie dann andererseits, dass sich „zahlreiche Vorteile von Agrarterminmärkten für landwirtschaftliche Betriebe und Verarbeiter von Nahrungsmitteln“ ergeben? Ja was jetzt? Gibt es einen Zusammenhang oder nicht?

Die Banken verstecken sich hinter unpersönlichen Spekulationsgeschäften

Die Auswirkungen maßloser Spekulation am Finanzmarkt und ihr Einfluss auf die Realwirtschaft zeigen sich ja ganz schön seit der Finanzkrise 2008. Damals wurde den Banken 1700 Milliarden Euro Rettungsgeld bewilligt, das hauptsächlich in Investmentgeschäften verschossen wurde. Gleichzeitig reduzierten die Geberländer das Volumen des Welternährungsprogramms der UNO von 6 auf 3 Milliarden Euro.

Die Banken spekulieren derweil munter weiter, manipulieren wo und wie es eben gerade passt und verantwortlich sind am Ende die Politik oder der ominöse Markt. Das Perverse an dem Geschäft ist, dass es absolut anonym und indirekt geschieht. Du siehst nie ein Opfer der Bankenspekulation. Ein Kind, das an Hunger stirbt, stirbt nicht direkt deshalb, weil ein von Imponiergehabe getriebener Investmentfutzi in Frankfurt am Main gerade für 30 Sekunden eine Option auf 400 Tonnen Weizen gehalten hat, um damit für die Bank Millionen zu scheffeln. Denn die Banken verstecken sich hinter dem unpersönlichen Preismechanismus, den sie durch ihre von Profitgier getriebenen Spekulationsgeschäfte in Gang setzen und so den Ärmsten der Armen die Lebensgrundlage entziehen.  

 


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