Mode

Die Erektion und das Abklingen der Schamkapsel

von Natalie Espinosa

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Vor Kurzem habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich auf ein Gemälde von Heinrich VIII starrte – oder besser gesagt wie ich auf sein königliches Gemächt in diesem besagten Gemälde starrte – und ich wurde stutzig, „Was zum Teufel hat es überhaupt mit dieser so genannten Schamkapsel auf sich?“

Jetzt mal ehrlich, hat sich nicht schon jeder das eine oder andere Mal darüber gewundert? Dieser Genitalschutz ist auf eine komische Weise anziehend. In London berichten Fremdenführer im Tower sogar davon, dass die Schamkapsel von Heinrichs ausgestellter feierlicher Rüstung oft eher abgeklopft würde („to knock off „heißt aber auch herunterfallen oder auch stehlen, ich weiß nicht, was da besser passt), wenn Frauen sie anfassten – was angeblich Glück bringen soll. Also machte ich mich daran, im Geiste des Kuriosums Schamkapsel, die Ursprünge dieser historischen schützenden Gehäuse ausfindig zu machen.

Die kurze Version lautet folgendermaßen: Im 15. Jahrhundert wichen die langen Röcke und Hosen, die zu dieser Zeit im Trend lagen, eng geschnittene Westen mit kurzen Stoffapplikationen drumherum, dem so genannten Wams. Weil Männer also nun ihre entblößten Beine anderweitig bedecken mussten, begannen sie individuelle Strümpfe zu tragen (so genannte Beinlinge). Diese reichten von der Hüfte bis zum Fuß und wurden mit Schnüren am Wams angenestelt, dh. festgeschnürt. Das Unterhemd (oder das Unterkleid) wurde auf beiden Seiten oben in die Beinlinge gestopft und verdeckte somit die Genitalien und den Hintern.

Mit der Zeit änderte sich jedoch die Mode und die Säume so wie die Hemden wurden kürzer. Zwangsläufig waren so die Gesäße und Genitalien entblößt. Dieses Problem wurde dadurch gelöst, dass man ein großes dreieckiges Teilstück zwischen den zwei einzelnen Beinlingen anbrachte, das die Pobacken bedeckte. An der Vorderseite wurde schließlich auch ein Lappen angebracht, der an beiden Seiten an den Strümpfen festgemacht wurde. Dieser Lappen konnte tagsüber zum Pinkeln geöffnet werden. Hallo! Hier liegt der Ursprung der Schamkapsel.

Etwa zur Wende des 16. Jahrhunderts, wurde dann aus dem weichen Stofflappen ein vorgewölbter, gepolsterte und verzierter „Penis-Schaft“, der meistens dem restlichen Outfit angepasst wurde. Diese Auswölbung konnte mit Metallgarn verziert, mit Satin abgesteppt, mit Schleifen besetzt oder mit Bändern und Stoffen dekoriert werden. Sie wurden also zu hübschen persönlichen Penis-Palästen.

Diese Schamkapseln waren hohl, aus mehreren Stoff- oder Lederschichten gefertigt, oft mit Stroh und Pferdehaar ausgestopft und in verschiedenen Formen hergestellt. Der Leerraum schützte die Genitalien vor Reibung und möglichen Schlägen all der Utensilien, die einem Mann so am Gürtel hingen, wie etwa Schwerter, Dolche und schwere Geldbörsen.

Aber Moment mal! Es gibt auch eine Theorie, die besagt, dass die Entstehung der Schamkapsel mit der Syphilis-Epidemie im 16. Jahrhundert in Verbindung gebracht werden kann. „The Grat Pox“, wie man die Krankheit nannte, breitete sich schnell über Europa aus. Symptome waren unter anderem Geschwüre am Penis, fauliger Ausfluss und schmerzhaft angeschwollene Leisten, was natürlich zu Schwierigkeiten beim Laufen und Urinieren führte.

Eine Wundsalbe aus Quecksilber und tierischen Fetten war schließlich die geläufigste Behandlung bei Syphilis. In Anbetracht der vielen Symptome und den Heilmittel, bot die Schamkapsel eine große, schützende Hülle, die

a) Verbandsschichten an Ort und Stellte hielt,

b) verhinderte, dass die klebrigen Salben die schönen Stoffe verschmierten, aus denen die Kleider gemacht waren, und

c) eine Art Tarnung war, wie sie alle Männer trugen und niemand konnte wissen, wer die Syphilis hatte und wer nicht, sofern man sich nicht einer „Kleinwaffen“-Inspektion unterzog.

Und ja, natürlich waren Schamkapseln auch wichtige Bestandteile der Rüstung. Um mehr darüber zu erfahren habe ich mit Dirk Breiding, stellvertretendem Kurator der Waffen- und Rüstungen-Abteilung des Metropolitan Museum of Art in New York gesprochen. Wir trafen uns in der Waffen- und Rüstungen-Halle des Mets vor einer berühmten Schamkapsel, die dort ausgestellt wird. Sie ist ein Teil der Rüstung von Ferdinand I aus dem Jahr 1549.

 

Vice: Hallo Dirk. Die Schamkapsel ist also ein Accessoire, welches die Aufmerksamkeit auf sich zieht oder nicht?

Dirk Breiding: Das stimmt, aber welches Modeaccessoire tut das nicht? Trends kommen und gehen. Manche sind sehr skurril, andere sind albern, wieder andere anstößig. Ich frage mich, was zukünftige Generationen über Baggypants denken werden, bei denen der Schritt so tief sitzt, dass man kaum laufen kann. Trotzdem verurteile ich sie nicht. Wenn die Leute es mögen, ist doch alles gut. Aber jede Generation hat ihre lustigen Trends. Denken Sie an die toupierten Haare in den 80ern oder die hochgekrämpelten Jacket-Ärmel wie bei Miami Vice.

 

Aber es ist lustig, das Mittelalter als eine Generation zu sehen.

Ja, da haben Sie recht. Die Schamkapsel hielt sich zwei, sogar fast drei Genrationen, das ist also eine längere Zeit. Und sie erstreckte sich über eine ziemlich große Altersspanne. Kinder haben sie getragen, ältere Herren... Alle haben sie getragen, vermutlich ab dem achten Lebensjahr.

 

Die Schamkapseln waren aus Stoff gefertigt, bevor sie in die Rüstung eingearbeitet würden, richtig?

Seit 1510 wurden sie aus Metall gefertigt und dann gab es eine Entwicklungsphase, in der sich ihre Form veränderte. Sie wurden ein bisschen markanter und weniger schalenförmig. Als ich für unsere Website über Schamkapseln geschrieben habe, habe ich lange darüber nachgedacht, wie ich ihr Aussehen beschreiben würde. Ich kam auf den Ausdruck „cashewlike“.

 

Ich habe auch gesehen, dass sie als „French curve“/Kurvenlineal bezeichnet werden.

Es gibt jemanden, der die überaus verrückte Theorie vertritt, dass die Schamkapsel ein Halbmond darstellt und demzufolge ein Verbindung zu den Osmanen besteht. Aber warum sollte man osmanische Ikonografie benutzen? Für mich ist es eher ein Füllhorn. Oder es ist ganz einfach das, was es ist – ein erigierter Penis, welcher immer ein Zeichen von Potenz, Stärke und Gesundheit war.

 

Ging es dabei darum, sich mit anderen zu messen? Sich anatomisch zu messen?

Keine Ahnung. Sich in Träumen und Vorstellungen zu messen? Kann sein. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass seit Heinrich VIII Probleme damit hatte Nachkommen zu produzieren, er sich mit dieser großen Schamkapsel porträtieren und seine Rüstung sogar noch mit größeren Schakapseln ausstatten ließ. Ich denke, er hat sie dafür benutzt, den Leuten zu imponieren.

 

Was halten Sie von der Syphilis-Theorie?

Die Medizinjournalisten sagen, dass es wirklich schwer zu überprüfen, aber auch genauso schwer zu widerlegen ist. Die einzige Sache, über die ich mich allerdings wundere, ist – wenn die Schamkapsel doch so ein eindeutiges Symbol für Potenz ist und doch die Syphilis genau diese beeinträchtigt – warum würde man dann gerade die Aufmerksamkeit auf das Körperteil lenken, das infiziert ist? Für mich ist die Schamkapsel eher so ein Modeding, das sich langsam über eine ganze Generation entwickelt hat und schließlich hatten die Leute wirklich Spaß daran, wie das eben mit den meisten Modeaccessoires so ist, und dieser Prozess dauerte etwa 60 oder 70 Jahre. In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts verschwand sie dann plötzlich. Sie verschwand schneller von der Rüstung als von der normalen Kleidung und ich glaube, dass das daran liegt, dass die Schamkapsel als Teil der Rüstung sehr unpraktisch war.

 

Das wollte ich Sie gerade fragen. Könnte man damit tatsächlich in den Krieg ziehen?

Nein! Sie würde natürlich die Körperregion schützen, aber ein Kettenhemd, das sehr biegsam ist und gleichzeitig einen ziemlich guten Schutz bietet, würde das viel besser tun. Und mit einem Kettenhemd kann man im Sattel sitzen, wohingegen das Sitzen auf einem Pferd im Herrensitz mit einer Schamkapsel unglaublich schmerzhaft sein muss.

 

Wie leicht konnte man sie abnehmen, um auf die Toilette zu gehen?

Sie haben normalerweise oben ein Loch mit einem kleinen Riegel dran und man kann sie sehr schnell abnehmen. Das ist nicht besonders schwer. Aber wenn man gerade am Kämpfen ist, ist das wohl die kleinste Sorge, die man zu diesem Zeitpunkt hat. Man hat tatsächlich Forschungen in West Point betrieben und die meisten Soldaten, die unter Gefechtsstress stehen, bezeugen, dass ihr Stoffwechsel völlig im Sparmodus läuft. Sie müssen nicht aufs Klo. Sie müssen nur ihr Leben retten.

 

Das ist interessant. Ich dachte das Gegenteil würde zutreffen! Was trägt also ein Rüstungsträger unter der Schamkapsel?

Die Unterbekleidung ist eines der großen Geheimnisse der Geschichte, weil man sie ja eben fast nie sieht.

 

Wer trug denn überhaupt Schamkapseln? Ich habe gelesen, dass Soldaten sie an den Adel abgaben als die Syphilis sich ausbreitete.

Ich denke, dass es genau andersherum war. Wenn man sich auf die Originalquellen aus dieser Zeit bezieht und auf die Gemälde schaut, sieht man, dass sich die Schamkapsel fast wie alle Modeaccessoires – mit der High Society – entwickelt hat. Sie trugen es und so wollte jeder so auszusehen wie sie, also machte man es nach. Die Soldaten spielen dabei wohl die Rolle der Verbreitung. Durch die gesamten Kriege, die sich ereigneten, waren sie ständig auf Feldzügen und so trugen sie Trends sehr schnell von einer Region Europas, oder der Welt, in andere.

 

Ich habe gelesen, dass Schamkapseln mit verschiedenen Sachen ausgestopft wurden, was hat es damit auf sich?

Sie waren ausgestopft! Wissen Sie, es gibt bekannte Darstellungen von zivilen Schamkapseln, die als Taschen benutzt wurden. Es gibt in Madrid ein bekanntes Bild aus dem Jahr 1510 – ich glaube es ist von Carpaccio – welches einen jungen Ritter in Rüstung zeigt, der Briefe in seiner Schamkapsel trägt. Zu der Zeit hatte man keine Hosentaschen und so war die Schamkapsel ein Ort, an dem man Dinge verstauen konnte.

 

Yeah, mit leichtem Zugriff!

Genau. Der französische Autor Rabelais erwähnte so etwas in der Art. Er schrieb über Leute, die angeblich Orangen in ihrer Schamkapsel trugen, nur um sie in Anwesenheit einer Dame herauszunehmen.

 

Welche würden Sie sagen, sind die bekanntesten Schamkapseln?

Die von Kaiser Ferdinand II, die sich in Wien befindet. Viele der Medicis trugen Schamkapseln. Also ich glaube jeder trug Schamkapseln!

 

Heinrich VIII natürlich auch.

Ja, das berühmte Holbein-Portrait und seine Rüstung im Tower in London. Es gibt eine Rüstung, die sehr berühmt ist, weil die Schamkapsel so groß ist. Jeder lacht darüber. Hier in der Met tun die Leute das auch. Manchmal glaube ich, dass es daran liegt, dass die Leute schüchtern sind oder es einfach nicht verstehen.

 

Ich finde es interessant, dass Schamkapseln sich anscheinend in der Neuzeit nur durch Bands wie Mötley Crüe und Gwar überliefert haben.

Das stimmt. Aber eine Sache, die mir immer wieder auffällt ist, dass heutzutage in Europa nur sehr wenig Leute Speedos tragen, früher hat sie jeder getragen. Als ich ein kleiner Junge war, trug jeder am Strand Speedos. Vielleicht habe ich zu lange in England und Amerika gelebt, aber wenn ich jetzt einen Mann in einer Speedo sehe, lache ich genauso darüber wie meine amerikanischen Freunde.

 

Die Leute lachen also über diese Schamkapseln?

Wenn man hier steht und die Menge beobachtet, sieht man zwei von drei Leuten die lachen und darauf zeigen. Wir sind dazu bestimmt, Gefallen an der menschlichen Gestalt zu finden, warum also nicht? Ich sehe keinen Grund, warum wir sie verbergen oder verleugnen sollten.

Foto: BRYAN DERBALLA

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