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      Lech mich am Arsch! Wohin mit deinen schwulen Parlamentariern, Polen?

      March 7, 2013


      Lech Walesa in: ¡Fiesta homophoba!

      Als ich ein kleines, anstrengendes Kind war, habe ich im Urlaub einen Stachel aus einer Kaktee gezogen und einem anderen kleinen anstrengenden Buben in den Unterarm gesteckt. Warum ich das getan habe, kann ich heute im Detail nicht mehr rekonstruierenirgendwie hatte es wohl damit zu tun, dass ich dachte, das Ding würde ihn maximal ein bisschen pieksen und nicht gleich wie eine verdammte Heroinnadel in seinem Nerd-Ärmchen verschwinden—, aber eines weiß ich noch ganz genau: Als ich sah, was meine Vorstellung von Spaß an der Haut des bleichen deutschen Nerd-Jungen angerichtet hatte, fühlte ich mich, als hätte mir jemand von hinten eine überraschende Gatorade-Dusche verpasst, nur dass es nicht Gatorade war, sondern Batteriesäure, und ich auch nicht als Head Coach den Super Bowl gewonnen hatte, sondern gerade vom Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag zu 20 Jahren Teabagging von Hugo Chávez' Leichnam verurteilt wurde.

      Ich denke, jeder kennt dieses Gefühl. Es beschleicht einen immer dann, wenn einem die Erkenntnis ins Bewusstsein sickert, dass man einen furchtbaren Fehler begangen hat, aber nichts mehr dagegen machen kann. Einer, dem dieses Gefühl scheinbar völlig unbekannt ist, ist der polnische Staatsmann, Revolutionär und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa. Der sorgt aktuell mit seinem Kommentar für Aufsehen, Schwule sollten im polnischen Parlament doch bitte künftig hinten sitzen oder überhaupt hinter Wände verbannt werden, weil sie sich als Minderheit besser um „kleinere Dinge“ kümmern sollten. „Was? Noch kleiner als die Schwänze ihrer homophoben Kollegen?“, werdet ihr fragen. In der Tat. Wenn es nach dem wampigen Walesa geht, haben sich homosexuelle Abgeordnete nicht mehr bei Mehrheitsthemen einzumischen und ihre Minderheitenansichten gefälligst für sich zu behalten, bitte, danke.


      Sehen so Mehrheiten aus? Und wenn ja, wieso?

      Wie das alles zusammenhängt und was der Sitzplatz eines Abgeordneten mit seiner sexuellen Ausrichtung zu tun hat, ist mir zwar nicht ganz klar, aber anscheinend haben Angehörige einer Minderheit nicht das Recht auf gute Sicht oder Fußfreiheit. Ich persönlich würde schwule Parlamentarier eher in die erste Reihe verbannen, damit sie nicht dort hinten in Kontakt mit anderen Revoluzzern kommen und unbeobachtet eine neue Weltverschwörung gemeinsam mit den anderen Minderheiten (also den Juden, Behinderten und Schwarzen) austüfteln können.

      Ich schätze, da spricht die politische Naivität aus mir, weshalb auch nicht ich Präsident von Polen war, sondern eben der lustige Lech. Dieser macht übrigens seit seinem Anti-Schwulen-Sager dadurch auf sich aufmerksam, dass er absolut nicht vor hat, sich bei irgendjemandem für irgendetwas zu entschuldigen.


      Der Lech und seine Lorbeer-Hörnchen

      Jemand, der das „Gatorade-Gefühl der furchtbaren Fehler“ in diesen Tagen dafür umso besser kennenlernt, ist wohl das Nobelpreiskomitee, das sich seit Mittwochmittag bei jeder neuen News-Meldung, die mit den Worten „Lech Walesa ... “,  „Anti-Gay ... “ oder „Polen ... “ anfängt, hinter der kollektiven Facepalm versteckt. Mehr als Facepalm ist aber leider auch nicht drin: Dummerweise sagen nämlich die Statuten in Paragraf 10, dass einmal gefällte Entscheidungen und überreichte Preise nicht mehr rückgängig gemacht werden könnenwahrscheinlich auch einfach deshalb, weil es in der Praxis eher schwer ist, jemandem zuerst 1 Million Euro zu überreichen und sie dann Jahre später zurück zu verlangen. Ganz rechtLech Walesa ist nicht nur braver Katholik, ehrbarer Schnauzbartträger und homophober Vati von acht Sprösslingen, sondern außerdem jemand, dem man für seine Bemühungen gegen den Kommunismus einst viel, viel Geld geschenkt hat. Geld, das jetzt in die Errichtung neuer Schutzwälle gegen die Schwulen aus der letzten Reihe fließen könnte. Zur besseren Orientierung, so sieht die Sitzordnung im polnischen Unterhaus aktuell aus:

      Ich will euch jetzt gar nicht mit Details über die Zusammensetzung und die genaue Positionierung der einzelnen Parteien langweilen (mehr dazu hier), nur so viel: Rot und Orange sind die einzigen Symbolfarben, wo die dahinterstehenden Parteien nicht entweder wertekonservativ, nationalkonservativ, gemäßigt konservativ oder einfach nur konservativ in der Selbstbeschreibung stehen haben. Dass das nach einer radikalen Reform schreit, ist ja hoffentlich keine Frage. Und weil man wenige immer einfacher ändern kann als alle, ist es nur fair, wenn man sich zuerst um die paar Querschläger und Partypupser am linken Ende des Lichtspektrums (dort bei den warmen Farben, hihihi) kümmert. Und was haben alle Linken gemeinsam? Genau. Sie sind schwul, schwarz, jüdisch oder haben keine Beine.

      Langsam versteht ihr, worauf Lech Walesa und ich hinaus wollen, oder? Ich habe zwar noch nicht persönlich mit ihm sprechen können, um mir meine Vermutung bestätigen zu lassen, dass er mit seinem Plan das polnische Parlament in eine Partyzone für Werte- bis Rechtskonservative verwandeln will, aber das Telefon sollte jeden Moment läuten und dann bin ich mir sicher, dass Lech mir ein zustimmendes „Tak, tak, tak!" entgegenlispeln wird (von dem ich hoffe, dass es mich nicht irgendwie erregt, weil ich wirklich nicht hinter eine Mauer oder auf den Mond ausquartiert werden will).

      Bis dahin habe ich schon mal skizziert, wie die Sitzordnung im Sejm künftig aussehen könnte. Nichts zu danken, Lechy-Boy.

      Natürlich haben auch wir zuerst versucht, für diesen Artikel jemanden aus der beinahe betroffenen Zielgruppe der homosexuell orientierten Parlamentarier zu bekommen, aber leider sind selbst hierzulande alle schwulen Abgeordneten gerade damit beschäftigt, sich von ihren konservativ-katholischen Kollegen die Augen verkleben und die Beine zusammenbinden zu lassen, um an ihren neuen Arbeitsplatz bei den Mülltonnen hinter dem Parlament zu übersiedeln. Mahalo!

       

      Markus auf Twitter: @wurstzombie


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      Themen: lech walesa, Homophobie, Polen, parlament, diskriminierung, Homosexualität

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