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Die Zwiebel schälen

Ein junger Mann tritt wütend gegen einen der vielen Müllhaufen, die Oniontown überziehen.
Es gibt Orte auf der Welt, die von Natur aus verloren scheinen. Afghanistan ist so ein Ort. Ein anderer liegt eineinhalb Stunden nördlich von New York, außerhalb des im Hudson Valley gelegenen idyllischen Dörfchens Dover Plains. Er hört auf den Namen Oniontown. Trotz seines Namens ist Oniontown keine wirkliche Stadt—es ist eher eine an einem Berghang am Ende einer unbefestigten Sackgasse gelegene Enklave aus einer zusammengewürfelten Ansammlung von Trailern. Die Siedlung hat einen extrem schlechten Ruf, der Bilder von Hillbillys, Inzucht und Drogen heraufbeschwört. Die Anwohner bekommen wegen ihrer Adresse nur extrem schwer einen Job. Es wird erzählt, dass die Leute bei Auswärtsspielen des Basketballteams der örtlichen Highschool Zwiebeln aufs Spielfeld werfen. Und obwohl in den letzten 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt, die Rassentrennung beseitigt und Bürgerrechte zum Schutz von Minderheiten geschaffen worden sind, dauert die jahrhundertealte Stigmatisierung Oniontowns fort.
In Dover Plains verziehen die Leute schon bei der Erwähnung des Namens Oniontown das Gesicht, als hätten sie etwas Schlechtes gerochen, oder als wäre eine lang unterdrückte, unangenehme Erinnerung wieder aufgetaucht. Die Leute aus Oniontown werden traditionell für etwas Schlechteres gehalten als die Leute aus Dover—sie gelten als zahnlose Hinterwäldler, die in mittelalterlicher Dunkelheit auf ihrem Berg hausen. „Subhuman“ nennen ein paar der Dorfbewohner das. Selbst das örtliche Postamt, das weniger als einen Kilometer von Oniontown entfernt liegt, hält es nicht für nötig, in Oniontown Post auszutragen.
Keiner, nicht mal die Anwohner der Siedlung selbst, können sagen, woher der seltsame Name Oniontowns stammt. Manche glauben, es käme von „Youngintown“, weil die Leute hier so viele Kinder haben. Andere sagen, es wäre, weil die Bewohner nach Zwiebeln röchen. Eine dritte Fraktion meint, dass Onion ein Slangwort für „ungebildet“ sei.
Um 1800 besiedelten arme weiße Landarbeiter das Gebiet. Die erste Erwähnung Oniontowns, die ich fand, erschien in dem Buch Historic Dover von 1908: „Eine Meile südlich von Dover Plains gibt es eine kleine Siedlung, die aus zwei Klassen besteht—Männern, die den ganzen Tag keinen Finger rühren, und Frauen, die die Kinder erziehen und den Männern den Rücken frei halten.“ Die kleine Ansammlung von Trailern und anderen Behausungen scheint auf Fremde aber schon immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben. 1947 wagte sich ein Reporter des International News Service, James L. Kilgallen, nach Oniontown, und er veröffentlichte drei Artikel über das Örtchen, mit Titeln wie „Flucht aus dem Atomzeitalter: Eine echte Tobacco Road 100 Meilen entfernt vom Broadway“, „Kein Radio oder Auto stört die Hillbillys einer Kolonie, die 100 Jahre zurückgeblieben ist“ und „Neununddreißigjährige hat 13 Kinder“. In seinen Artikeln machte sich Kilgallen über die Oniontowner lustig, weil sie Angst vor der Kamera hatten und sich nicht mit Shakespeare auskannten—lobte aber im gleichen Atemzug ihren einfachen, ländlichen Lebensstil: „Man stelle sich einen Gemeinde vor, die kein elektrisches Licht, kein Radio, kein Kino und keine Badewannen kennt, wo die Kinder es in der Schule kaum bis zur achten Klasse schaffen und Analphabetismus grassiert …das Leben in Oniontown ist rau, hart und primitiv.“
Im letzten der drei Artikel fahren Kilgallen und sein Fotograf auf dem Rückweg aus Oniontown an üppigen Landgütern vorbei, und der Fotograf beschwört das Bild des edlen Wilden herauf: „Ich bezweifle, dass viele der Leute, die auf diesen Gütern wohnen, glücklicher sind als die Leute aus Oniontown. In Oniontown sorgen sie sich nicht um ihre Einkommenssteuer oder die Atombombe.“ Zwölf Jahre später fuhr Kilgallen noch einmal in die Siedlung und schrieb einen Fortsetzungsartikel mit dem brillanten Namen „Die kuriose Siedlung Oniontown versteckt sich immer noch hinter ihrem geflickten Lumpenvorhang“. Die Siedlung hatte immer noch keinen Strom.





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