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Ein Ausflug nach Libyen: Die Gefangenen
Einer meiner Freunde, der schon seit ein paar Wochen in Bengasi war, sagte, dass es dort wirklich kein so großer Spaß sei. Die Rebellen wollen die ganze Zeit jeden mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Einsatzbereitschaft beeindrucken und das tun sie, indem sie sich Gaddafis Truppen einfach entgegenwerfen - deshalb hängt die ständige Gefahr, dass diese Fronttruppen einfach überrannt werden könnten, spürbar in der Luft. Nach Sonnenuntergang wurde es dann auch für uns gefährlich, denn das Geld ging uns langsam aus und die UN fackelte noch bezüglich möglicher Luftangriffe und einer Flugverbotszone herum. Dann, entgegen jedweder Hoffnung, zogen sie es schließlich doch durch.
Bevor ich gestern nach Bengast gefahren bin, hatte mein Freund mir noch eine Email geschickt: "Pack eine dieser großen Packungen Metamucil in deine Tasche. Ich brauche das Zeug dringender als alles Geld der Welt." Das Essen in Libyen bestand anscheinend hauptsächlich aus Brot.
Dünne Typen in engen Jeans, Mützen und Palästinenstertüchern liefen durch die Hotel-Lobby. Und viele Bärte. Das waren die vollkommen derangierten Journalisten, die keine Zeit hatten sich zu duschen oder ihre Haare zu waschen, obwohl sie in einem Hotel mit warmem Wasser untergebracht waren. Hinter dem Hotelrestaurant konnten wir in einem Raum ins Internet, in dem es unfassbar nach Kippen stank. Es war Christopher Hitchens Version des Paradies.

Insgesamt machte Bengasi einen recht sicheren Eindruck auf mich. Aber es gab Gerüchte über Anhänger Gaddafis in der Stadt, die die meisten Leute einfach ignorieren wollten und vielleicht auch ausblendeten, dass 40 Prozent aller Selbstmordattentäter im Irak aus dieser Region Lybiens kamen. Die Rebellen hatten Gefangene, die sie heute den Journalisten vorführen wollten. Human Rights Watch hätte die Show fast abgebrochen, weil die Genfer Konvention es verbietet, Gefangene öffentlich zu präsentieren. Die Journalistin, mit der ich gereist war, ist bei einem Telefonat fast ausgerastet als sie darauf zu sprechen kam. Die Veranstaltung lief dann trotzdem, und die Horde Journalisten - ich eingeschlossen - waren natürlich dabei.

Es war ein zweifelhafter Auftritt. Ein kleiner Typ, der sagte er käme aus dem Chad, behauptete, dass ihm eine libysche Staatsangehörigkeit und 10.000$ pro Monat versprochen worden wären, damit er in der lybischen Armee kämpft. Er sagte auch, man habe ihm Drogen und Viagra gegeben und, dass er laut Befehl die Männer töten und die Frauen vergewaltigen sollte. All das von so einem kleinen Typ.
Alles andere war auch deprimierend. Die Gefangenen waren verzweifelt aber froh mit uns reden zu können - es waren allesamt Deserteure. Sie sahen aus, als wären sie in guter Verfassung aber es war unmöglich irgendetwas zu überprüfen. Journalisten im Bus auf dem Weg zur nächsten Pressekonferenz (die meisten ließen sie ausfallen) sagten, einer der selben Gefangenen hätte eine komplett andere Geschichte erzählt, als sie ihn das das letzte mal gesehen hätten.
Es gibt hier endlos viele Waffen - und wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass nur ca. 10 Prozent der Menschen in Tarnanzügen Rebellen sind, wenn überhaupt. Ich beobachtete einen Typen mit einer AK-47, der fast einen fiesen Hechtsprung in meine Richtung hingelegt hätte, als ich ins Gerichtsgebäude ging, in dem die Gefangenen vorgeführt wurden. Später saß ein Typ mit Maschinengewehr da (es war größer und ich habe keine Ahnung welches Modell) und richtete es geistesabwesend auf uns. Das war alles ziemlich nervenaufreibend. Ich erwischte mich dabei zu überlegen, ob es nicht eine gute Idee wäre, für die nächste Konferenz mal eine Splitterschutzweste zu tragen.
Nichts von alldem trägt zur Entspannung der Lage bei oder verbessert irgendetwas, was hier gerade passiert oder vielleicht noch passieren wird. Sirte - eine von Gaddafis Festungen - könnte bald fallen. Sollte es dazu kommen, kontrollieren die Rebellen etwa 80% des Öls, was Gaddafis Möglichkeiten, noch das Mindeste an Einfluss zu bewahren, entscheidend einschränken dürfte. Was passiert mit einem Despoten, der nur noch Zugang zu einem Bruchteil seines Reichtums hat, während die Welt seinen Luftraum beherrscht? Jedenfalls nichts Gutes.

Fotos und Text: Jeremy Relph
Zuvor auf Viceland erschienen:





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