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      Griechenlands junge Anarchisten werden von der Polizei halb totgeprügelt

      February 15, 2013

      Von Matthaios Tsimitakis

      Die griechische Polizei hat diese beiden Bilder von Nikolaos Romanos (20) veröffentlicht, einmal davor und einmal danach.

      Vor einer Woche versuchten acht Personen mit AK-47ern eine Bank und ein Postamt in der griechischen Stadt Velventos zu überfallen. Sie wurden durch die griechische Provinz Makedonien gejagt und entführten dabei einen 27 Jahre alten Arzt. Schließlich wurden vier von ihnen in einer engen Gasse in Veroia von der Polizei gestellt. Für Nikolaos Romanos (20), Andreas-Dimitris Bourzoukos (24), Yiannis Michailidis (25) und Dimitris Politis (24) war der Zeitpunkt gekommen, sich zu ergeben.

      Die Anarchisten gaben aus dem Gefängnis mehrere Erklärungen ab, in denen sie klarstellten, dass ihre Motive nicht privat waren, sondern sie die Überfälle als Teil ihres Kampfes gegen den Staat begriffen. Als sie verfolgt wurde, setzte die Gruppe ihre Waffen im Übrigen nicht ein. Auch taten sie ihrer Geisel nichts an. Das macht sie noch nicht zu Heiligen—es sind schließlich Bankräuber und Anarchisten mit AK47ern. Aber die Polizei folterte so heftig, dass NGOs wie Amnesty International und auch Teile der griechischen Presse sie nun als Opfer von Polizeigewalt bezeichnen.

      Was noch schlimmer ist: Die Bilder, die die Polizei von den Anarchisten veröffentlicht hat, wurden richtig schlecht mit Photoshop bearbeitet, um die offensichtlichen Wunden und Kratzer im Gesicht verschwinden zu lassen.


      Dimitris Politis.

      Die Polizei versucht von sich abzulenken; sie behaupteten, die Anarchisten hätten sich die Verletzungen selbst noch schlimmer gemacht, um dann der Polizei die Schuld dafür geben zu können. Außerdem behaupten sie, dass in der engen Gasse in Veroia auch ein Polizist verletzt worden wäre. Mehrere Zeugenaussagen widersprechen diesen Behauptungen–die vier Bankräuber sollen sich friedlich ergeben haben. (Auch die Geisel wurde angeblich von der Polizei geschlagen—das behaupten zumindest die Anarchisten in ihrer letzten Erklärung).

      Die griechischen Behörden sind schon in der Vergangenheit beschuldigt worden, antifaschistische Gefangene unfair behandelt zu haben. Wenn es um den Umgang mit Immigranten, Demonstranten oder Arbeitern geht, ist es erstaunlich, wie der Staat die Menschenrechte missachtet. Und wenn faschistische Schläger offen auf der Straße Einwanderer bedrohen, werden sie als Anhänger der faschistischen Partei Goldene Morgenrötung geschützt. Es gibt keine Bilder von ihnen und die Gerichtsverfahren wirken von außen einigermaßen gerecht.

      Was die griechische Öffentlichkeit aber eigentlich beunruhigt, ist die Herkunft der vier Anarchisten

      Sie sind alle 25 Jahre alt oder jünger, sie entstammen alle der wohlbehüteten oberen Mittelschicht. Alle waren auf exzellenten Privatschulen. Was sie aber auch noch gemeinsam haben: Sie sind alle durch die Unruhen 2008 nach der Tötung des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos durch einen Polizisten in Exarchia, radikalisiert worden. Der Jüngste unter ihnen—der 20-jährige Nikolaos Romanos—war eng mit Grigoropoulos befreundet und hat seinen Tod mit eigenen Augen mitansehen müssen.

      Für die konservativ geprägte Mehrheit der Bevölkerung stehen die vier für eine neue Generation von Terroristen. Sie gelten als die Nachfolger der alten linken Terroristen-Generation, die als Splittergruppe im Guerillakampf die Militärdiktatur von 1974 angriff. 2002 wurden die Protagonisten dieser Gruppe, die revolutionäre Organisation des 17. November, gefasst und den Behörden vorgeführt. So wurde es um die Bewegung relativ bald still. Doch hatten sie in dem Zeitraum zwischen 1975 und 1998 über 103 Attentate begangen und 23 Menschen ermordet.

      Betrachtet man die Situation aus der Sicht eines Anarchisten, sind diese Jugendlichen Revolutionäre. Sie halten eine große europäische Tradition hoch, nämlich für Freiheit und Menschenrechte einzutreten. Da viele Griechen verarmen und die Regierung eine rechtsgerichtete Politik durchsetzt, bekommt ihre Sache für so manchen einen romantischen Geschmack.

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      Andreas-Dimitris Bourzoukos.

      Die Unruhen im Dezember 2008 und die darauf folgenden Spannungen haben eine Art progressive Stadtguerilla entstehen lassen. Sie orientiert sich an den Anarchisten der 70er und 80er Jahren und ist gleichzeitig ein Produkt unserer Zeit. Im späten 20. Jahrhundert waren die Anarchisten in Europa noch überwiegend Marxisten, die im Verborgenen bestimmte Ziele verfolgten. Die neue Anarcho-Welle dagegen arbeitet in nationalen Netzwerken zusammen, die wiederum mit internationalen Netzwerken verbunden sind. Sie verfolgen dabei verschiedene Taktiken und greifen nicht nur Politiker an—sondern planen auch Bombenattentaten auf Banken und Polizeiwachen.

      Eine für die Bewegung typische Gruppe ist die „Verschwörung der Feuerzellen”. Bis jetzt sind mehr als 30 Personen der Mitgliedschaft verdächtigt und darum nach griechischen Anti-Terror-Gesetzen hinter Gittern gebracht worden. Die Polizei glaubt, dass auch zwei der vier jungen Männer von Velventos zu dieser Gruppe gehören. Ihre Grundideen hat die Gruppe vorwiegend in den Theorien von Sergei Netschajew gefunden, der über Nihilismus und Anarcho-Individualismus schrieb. Die autonomen Zellen der Gruppe haben seit 2008 mehr als 200 Terrorakte verübt.


      Yiannis Michailidis.


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