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Gunter Sachs — Lebemann und Mann der Wissenschaft

von Felix Nicklas

Gunter Sachs war nicht immer der strahlende Playboy, gefeierte Fotograf und in den Höschen verschiedenster Frauen. Eigentlich war er studierter Mathematiker, ein Mann der Zahlen, der Statistik und der Vernunft, bis er sein Faible für Astrologie entdeckte.

Wie die Zahnarztgattin, die versucht, die Leere in ihrem Leben mit Steinauflegen und Tarot zu füllen, suchte sich auch Sachs in seinen späten Lebensjahren ein neues Steckenpferd. Doch anstatt sich wie viele andere, alternde und todesnahe Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dem Okkultismus, Scientology oder jungen Frauen zuzuwenden, fand Sachs sein Heil in der Astrologie.

Von vielen verspottetet, meistens voller Scham und mit ein klein wenig Angst jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit gelesen, bedienen Horoskope zumeist die irrationale Seite des menschlichen Wesens und sind somit die Atavismen der Aufklärung. Man sollte sie eigentlich verbieten, doch Sachs wollte stattdessen der Astrologie zu neuen Höhen verhelfen und sie endlich auf Augenhöhe mit etablierten Wissenschaften bringen.

Vor Gunter Sachs galt Michel Gauquelin lange Zeit als der bedeutendste Forscher im Bereich der Astrologie. Abgesehen davon, dass er glaubte, herausgefunden zu haben, dass bei Sportlern der Mars zur Geburtstunde überdurchschnittlich häufig in zwei Sektoren stand, diesen Beweis jedoch niemals wiederholen konnte, ist ein weiteres Experiment von ihm viel aufschlussreicher in Bezug darauf, wie dumm die Menschen sind und wie leicht sie der Scharlatanerie die Astrologie erliegen: Gauquelin schaltete ein Inserat in einer Zeitung, dem zu entnehmen war, dass man bei ihm kostenlos persönliche Horoskope bestellen könne. Dann schickte Gauquelin allen Interessenten den gleichen Text zu. Die Hauptfrage in dem beigefügten Fragebogen lautete, ob der Horoskoptext den Charakter der Person korrekt beschreibe. 94 Prozent der Leute waren überzeugt, dass das Horoskop ihren Charakter zutreffend beschrieb. Es handelte sich dabei allerdings um das Horoskop des Massenmörders Marcel Petiot.

In den Neunzigern verlor sich schließlich der bereits greise Playboy Gunter Sachs im Hokuspokus aus Asszendenten und Sternzeichen. Er gründete das „Institut zur empirischen und mathematischen Untersuchung des möglichen Wahrheitsgehaltes der Astrologie in Bezug auf das Verhalten von Menschen und deren Anlagen“, kurz IMWA, und organisierte sich in einer Nacht und Nebel-Aktion die Geburtsdaten von über 20 Millionen Menschen aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Doch die Öffentlichkeit war damals noch nicht Wutbürger genug, um sich über diesen gigantischen Datenmissbrauch in Rage zu reden. Diese Unmengen an Daten jagte der Playboy durch verschiedenste Computer, die er von seinem, von Franz Josef Wagner auf 2 Milliarden Euro geschätzen Vermögen erworben hatte, und wertete sie mit seinem umfassenden Wissen über Mathematik auf seinem schweizer Chalet aus.

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Seine These lautete, dass er dabei signifikante Abweichungen von einem durchschnittlichen Lebenswandel feststellen können müsste. Bei der Analyse der Zusammenhänge zwischen den sogenannten Sonnenzeichen und verschiedenen Verhaltensweisen stellte er schließlich tatsächlich Abweichungen in den Bereichen Eheschließung, Berufswahl, Verkehrsverhalten und Neigung zum Suizid fest. In diesem Moment des Triumphs sprang er auf, riss sich seinen Kimono vom Leib, schrie „Quod erat demonstrandum!“ und „Eureka!“ und fuhr mit seinem Sportwagen an einen Ort mit St. im Ortsnamen, um eine Flasche Dom Perignon aus einem güldenen Eimer zu saufen. Nein, ganz so war es natürlich nicht. In Wirklichkeit veröffentlichte Sachs seine „empirisch gewonnenen“ und „statistisch erhobenen“ Erkenntnisse in einem Buch namens „Akte Astrologie“ und schloss mit der Feststellung, "dass Sternzeichen... einen gewissen Einfluss auf das Verhalten von Menschen ausüben". Das Buch hielt sich wochenlang in der Spiegelbestsellerliste. Wer als Steinbock geboren ist, der tut mir nun jedoch besonders leid, denn laut Sachs tendieren Steinböcke zu Drogenhandel und Maurerjobs.

Doch wie immer ruft der Erfolg auch Neider und Kritiker auf den Plan. "Ungezügelt kausal", spottete der Statistik-Professor Herbert Basler. "Irrelevant, an der Sache vorbei", ätzte der Astrologe Peter Niehenke. "Aus sozialwissenschaftlicher Sicht dilettantisch", pöbelte der Soziologe Edgar Wunder. Die von Sachs hervorgehobenen „signifikanten Abweichungen“ wurden von der Welt der Wissenschaft voller Verachtung als so genannte "Dreckeffekte", also zufällige, nicht interpretierbare Abweichungen abgetan, und Sachs Reputation als Wissenschaftler erhielt einen schweren Schlag.

Selbst die Deutschen Planetarien gaben eine gemeinsame Erklärung heraus, um die Scharlertarneri der Astrologie ein für alle mal zu beenden und sie aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben: "Die Sterne lügen nicht. Sie können gar nicht lügen. Über unser persönliches Schicksal sagen sie nämlich gar nichts aus.—Menschen sind ein Augenblicksereignis in der rund 20 Milliarden Jahre alten Geschichte des Universums... Diese Erkenntnis hat eine tiefe Kränkung der Menschheit zur Folge."

Gunter Sachs starb an diesem Wochenende an einem gebrochenen Herzen.

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