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      Handbuch eines heimlichen Trinkers

      December 21, 2012

      Von Clancy Martin

      Illustratiert von Esra Røise

      Meine glücklichsten Tage als heimlicher Trinker verlebte ich in Kansas City, als meine jüngste Tochter noch ein Baby war. Sie war allergisch auf Muttermilch, also nahm ich ein Fläschchen mit Sojamilch, steckte sie ins Tragetuch und spazierte mit ihr einen halben Block bis zum nächsten Laden, wo ich eine kleine Flasche Jack Daniels und einen großen Becher Dr Pepper Light kaufte. In einer kleinen Straße hinter dem Laden schüttete ich von Letzterem die Hälfte weg und füllte den Becher mit Whiskey auf. Wie schwer es in einer Stadt ist, solche geografischen Schlupfwinkel zu finden, merkt man erst, wenn man danach zu suchen beginnt. 

      Ich kippte den Whiskey runter. Dann spazierten wir durch die Straßen meines Viertels. Dabei kamen wir für gewöhnlich an der verlassenen Pension vorbei, in der Hemingway gewohnt hatte, als er für den Kansas City Star schrieb. Meine Tochter schlürfte ihre Sojamilch (sie war ein Zwei-Flaschen-Kind, daher hatte ich immer eine zweite Flasche in der Tasche), und ich meinen Drink. Unter den Bäumen von Rockhill sahen wir uns an, schlenderten durch den Hyde Park, das großartige verfallene Kansas City, vorbei an den Villen und backsteinernen Rehabilitationszentren, dem Nelson-Atkins Museum und dem erleuchteten Teich von Walter De Maria. Wenn sie eingeschlafen war, brachte ich sie nach Hause und legte sie in ihr Bettchen. Bis sie anderthalb Jahre alt war, schlief sie jeden Abend so ein.

      Im Winter packte ich sie unter meine Jacke, sodass nur noch ihr kleines Gesicht herauslugte, und manchmal gingen wir dann in eine irische Bar auf der Main Street oder in Dave’s Stagecoach Inn—eine Kneipe auf der Westport Road, die ich sehr mochte. Ein heimlicher Trinker vermisst seine Bars. Einen Drink an einer Bar zu nehmen, ist nicht vergleichbar mit anderen Drinks—es ist ein Ritual wie das feine Zerreiben von Koks oder das langsame Erhitzen von Heroin—selbst wenn der Barmann zu beschäftigt ist, um Konversation zu machen, und sich auch sonst niemand unterhalten möchte.

      In einer sehr kalten Winternacht, als die Bar im Dave’s ziemlich voll war, meinte ein Barmann, den ich noch nie leiden konnte, zu mir: „Wenn du das Baby dabei hast, kann ich dir nichts ausschenken, Mann.“

      „Du hast mich hier aber schon zigmal bedient, als ich sie dabei hatte“, erwiderte ich. „Das Baby trinkt ja nicht.“ In den wenigen Bars, die wir frequentierten, sahen die meisten Leute mich gern mit dem Baby. Die meisten Betrunkenen sind freundliche, nette und freigiebige Menschen, die Mitgefühl mit den Schwierigkeiten anderer Leute haben und Babys mögen.

      „Du solltest bei der Kälte nicht mit dem Baby unterwegs sein, ich kann dir nichts geben.“

      „Entschuldigung, was hast du da gesagt?“, schrie ich ihn an. „Hast du mir gerade gesagt, wie ich mich um mein Baby zu kümmern hab? Wie viel Kinder hast du denn?“

      Mir war klar, dass er keine Kinder hatte. Ich verlor die Beherrschung. Unter meinem schweren Wintermantel war meine Kleine wärmer eingepackt als zu Hause in ihrem Bettchen. „Wenn ich eins nicht ausstehen kann, dann sind das Leute, die mir sagen wollen, wie ich meine Kinder großzuziehen habe“, sagte ich zu einer Frau, die neben mir stand. Sie nickte verständnisvoll. Später, als ich mit dem Trinken aufgehört hatte, wollte ich noch mal hingehen und mich bei dem Typen entschuldigen. Aber wenn du als Alkoholiker einmal damit anfängst, dich zu entschuldigen, hört es nicht mehr auf. Ganz egal, was sie bei den Anonymen Alkoholikern sagen.
       

      Heimliche Trinker sind überall. Sie sind ständig um uns herum.

      Wenn du dir in der Mittagspause oder an einem ruhigen Nachmittag einen genehmigen willst und eine Frau allein in der Ecke des Restaurants sitzen siehst, vor sich ein Glas Weißwein und einen Teller mit fadem Gemüse, würden die meisten gar nicht darauf kommen, dass sie etwas verbirgt. Und genau das ist der Trick. Sie weiß, dass Weißwein im Allgemeinen nicht als des Alkoholikers Lieblingsgetränk gilt.

      Dir fällt ein Mann auf, der in einem Schnapsladen nervös zur Kasse schaut, fast so, als plane er, den Laden auszurauben. Er nimmt seine Flasche Rum und lässt den Kassenbon liegen—er ist volljährig, was ist das Problem? Wenn er sich über die Schulter sieht, dann nicht aus Angst vor den Bullen oder vor dir. Dann hält er Ausschau nach Leuten, die er lieber nicht sehen will, besser gesagt, von denen er nicht gesehen werden will. Er hält Ausschau nach den Freunden seiner Frau. Nach Mitgliedern seiner AA-Gruppe. Kollegen. Verflossenen, die wissen, dass er eigentlich trocken sein sollte. Studenten oder Kunden. Nach all jenen, die er anlügt—die glauben, dass er nicht mehr trinkt.

      Wenn ein heimlicher Trinker ein Restaurant betritt, scannt er es zunächst nach dem Barkeeper, den Toiletten und einem Tisch ab, an dem man mit dem Rücken zur Bar sitzt. „Wir würden gern dort sitzen“, sagt er der Platzanweiserin am Eingang. Im Idealfall befindet sich eine Wand oder eine Säule oder ein anderes Hindernis zwischen seinem Tisch und der Bar. Wenn die Bar und der Zugang zu den Toiletten zu weit auseinander liegen, wird ein guter heimlicher Trinker vorschlagen, ein anderes Restaurant aufzusuchen. Am besten sind Restaurants, in denen Bar und Toilettenzugang völlig vom Essbereich getrennt sind, was es dem heimlichen Trinker ermöglicht, relativ problemlos mit seiner Begleitung mitzuhalten.

      Die oberste Regel des heimlichen Trinkens ist die allerwichtigste: Sorge dafür, dass deine Begleitung trinkt. Nur der Nüchterne erkennt den Betrunkenen.

      Der heimliche Trinker sucht öfter die Toilette auf als normale Menschen. Ich weiß nicht, wie oft man mir schon ohne Anzeichen von Sarkasmus gesagt hat: „Du hast aber eine schwache Blase.“ Der kluge heimliche Trinker trinkt viel Wasser und bestellt auch häufig mehrere Getränke gleichzeitig—Kaffee, Cola Light, Wasser—das verstärkt die Illusion, er sei ein genesender Alkoholiker.

      Selbst wenn ein heimlicher Trinker in einem Restaurant landet, in dem sich die Bar und der Zugang zu den Toiletten direkt im Essbereich befinden, gibt es einen Weg. Vor etwa einem Jahr war ich mit einer Verabredung morgens auf der Upper West Side in einem Dim-Sum-Restaurant, dessen Bar voll im Blick und genau gegenüber der Toilette lag. Es gab in dieser Gegend keine anderen Dim-Sum-Restaurants, und als wir drin waren, wollte sie auch noch unbedingt neben mir sitzen. Im Vorbeigehen hatte ich um die Ecke ein kleines, im Souterrain gelegenes Frühstückslokal gesehen. Die Chancen waren gering, aber auf mehr konnte ich nicht hoffen. Wie in den meisten Restaurants befanden sich die Toiletten des Dim-Sum-Ladens in der Nähe des Eingangs. Ich ging in Richtung Toilette, schlich mich durch die Hintertür raus und flitzte zu dem Frühstückslokal. Dort hatten sie keine harten Sachen, verkauften aber Wein in kleinen Flaschen. Ich kaufte drei Flaschen Merlot—untrinkbarer Fusel, der kaum besser schmeckte als Hustensaft—und bezahlte bar. Auf dem Bürgersteig stürzte ich alle drei hinunter, mit dem Rücken zu meiner Freundin. Bevor wir mit dem Essen fertig waren, ging ich noch zweimal dorthin zurück. Und das, obwohl ich jedes Mal durch die Eingangstür wieder hereinkommen musste. Keine Ahnung, wie ich meiner Begleitung das erklärt hätte—die zu diesem Zeitpunkt allen Grund gehabt hätte, misstrauisch zu sein—aber glücklicherweise bemerkte sie es nicht. Wahrscheinlich wäre mir jede Lüge recht gewesen. Um 11 Uhr morgens war die Wahrheit einfach zu absurd, selbst für mich.

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