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      „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Leute beim Arbeitgeber verpfiffen werden“ „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Leute beim Arbeitgeber verpfiffen werden“
      Foto: Sandra Stein

      „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Leute beim Arbeitgeber verpfiffen werden“

      Von Lisa Ludwig

      Editor-in-Chief Broadly Deutschland

      September 16, 2015

      Die deutsche Fernsehlandschaft hat ein Problem: Sie ist ziemlich langweilig. Zumindest meistens. Umso deutlicher schlägt es demzufolge ein, wenn jemand aus der Mitte des öffentlich-rechtlichen Gebührensumpfes die Sachen ein bisschen anders anpackt und ordentlich austeilt. Man möchte nicht die überstrapazierte Metapher des Spiegelvorhaltens bemühen, aber wenn es jemand in den vergangenen Monaten geschafft hat, den Finger besonders tief in die breitenmediale Wunde zu legen, dann waren es Jan Böhmermann und sein Neo Magazin Royale. Vermeintlich falsche Mittelfinger griechischer Politiker, das Vorführen von Fernseh-Tausendsassa-Raab, Photoshop Philipp—der blasse, dünne Junge aus Bremen hat sich vom Schmidt-Sidekick und Roche-Partner zum Viralitätsmonster von ZDFneo entwickelt. Außerdem hasst er Sami Slimani wie kaum ein Zweiter. Mehr als genug Gründe also, sich mit dem 34-Jährigen über Nazi-Kommentare, Negerwitze und die Abschaffung des Wahlrechts für Fans von YouTube-Stars zu unterhalten. Wir treffen uns am Studio in Köln-Ehrenfeld, irgendwo zwischen Baumarkt, Autohaus und ehemaligem Teppichladen.

      VICE: Das war jetzt eine ziemliche Odyssee hierher. Ich glaube, zurück fahre ich mit dem Taxi. Das muss man sich als aufstrebendes, junges Medienimperium schon mal leisten können.
      Jan Böhmermann: Was heißt aufstrebend? VICE ist bereits angekommen. Ich war einmal bei der VICE im Berliner Büro, vor sieben Jahren oder so. Da war das noch aufstrebend.

      Es ist teilweise wirklich verrückt, was die Leute für eine Vorstellung von uns als Medium haben. Kürzlich haben sich die Leute auf Facebook darüber aufgeregt, dass man tatsächlich irgendeine Art von Qualifikation braucht, um bei uns zu arbeiten. Dann kriegt man Kommentare, die suggerieren, dass wir die ganze Zeit zugekokst sind und auf Kleinwüchsigen durchs Büro reiten, und man sitzt da, füllt Excel-Tabellen aus und denkt sich „I wish, Alter".
      Das habe ich mitbekommen und ist lustigerweise auch das, was die bei uns immer denken. Dass hinter allem, was meinetwegen auch crazy aussieht, im besten Falle „normale" Arbeit steckt, ist für die meisten Leute unvorstellbar. Das ist natürlich der Mythos, von dem man auch zehrt, andererseits geht es aber auch gar nicht anders. Wenn du echt verrückt wärst und es keine Excel-Sheets gäbe, würde es einfach nicht laufen. Dann säßen da einfach nur ein Haufen Drogenabhängiger und das Ganze wäre ein einziger Junkiestrich. Sowohl bei uns als auch bei euch.

      Alle Fotos: Sandra Stein

      Ich finde es immer sehr schwierig, mit Leuten ein Interview zu machen, die sowohl lustig als auch ein bisschen gemein sind. Deswegen ist es zum Beispiel sehr anstrengend, K.I.Z. zu interviewen, weil du kaum einen Satz aus denen rauskriegst, der nicht ironisch verzerrt ist.
      Die sagen natürlich auch oft Schimpfwörter. Da musst du bei mir keine Angst haben. Spast, Fotze, Messer ins Gesicht, Negerschwänze—alles K.I.Z., das bin nicht ich.

      Zumindest für das Wort „Neger" hast du kürzlich auf Twitter einen ziemlich krassen Einlauf gekriegt, oder nicht?
      Ich bin wahnsinnig sensibel, wenn es darum geht, die Freiheit der Kunst zu beschneiden—von links wie rechts. Wenn man Spast, Fotze, Messer ins Gesicht und Negerschwänze singen darf, um jetzt mal bei K.I.Z. zu bleiben, darf man das im richtigen Zusammenhang auch, wenn es Not tut und es das aktuelle Thema hergibt, in meinem Job machen. Wenn man Leute damit aufregt—ich sage das ja nicht aus Provokation, sondern weil es das Thema der Woche ist—und du dir für zwei Stunden den Duktus vom bayerischen Innenminister draufschaffst, dann muss das gehen. Es gibt keine rassistische Sprache, es gibt auch keine sexistische Sprache. Es gibt Sexisten und Rassisten, die Sprache benutzen. Es ist ein Unterschied, ob du das Wort im satirischen oder überzeichneten Kunstzusammenhang bringt, oder ob man das vor einem brennenden Flüchtlingsheim sagt. Kunst ist Kunst und echtes Leben ist echtes Leben. Das muss man einfach aushalten. Es tut mir Leid.

      Wir haben die Politiker-Kommentare zur Asyldebatte nach Dummheit sortiert.

      Ist es bei solchen Themen besonders schwierig, einen cleveren, lustigen Dreh zu finden?
      Den finden wir ja nicht immer. Manchmal machen wir auch Scheiße. Wenn du jede Woche eine Sendung machst, bist du eben nicht immer Schützenkönig. Großer Medizincheck zwei Tage vor der Aufzeichnung, schlecht geschlafen oder Magen-Darm—solche Sachen beeinflussen natürlich auch die Sendung. Es gibt aber, glaube ich, kein Thema, was nicht eine komisch aufbereitbare Facette beinhaltet. Das Foto von dem dreijährigen Jungen zum Beispiel, der mit dem Gesicht im Sand am Strand von Bodrum liegt, was einige Zeitungen gezeigt haben, kriegt man natürlich auch in einen Kontext, der zumindest mal nicht nur die Tragik der Ereignisse illustriert.

      Wenn man sich zum Beispiel darauf konzentriert, was die nächste Eilmeldung nach diesem Bild war: Nämlich, dass die Schleuser festgenommen wurden, die dafür verantwortlich sind, dass der Junge tot ist, und dass alle gejubelt haben: „Hurra, hurra, das Problem ist gelöst!" Das ist natürlich ein absoluter Scherz. Das Problem ist nicht der Schleuser oder die Flüchtlingsboote, auf denen die etwas weniger armen Leute gegen Geld rübergesteuert werden. Das Problem sitzt hier und trifft Entscheidungen, die dazu führen, dass so etwas passiert. Das ist natürlich keine Punchline oder so was, aber das ist schon ein Aspekt, dem man wieder Komik abgewinnen kann.

      Macht es einen dann so ein bisschen traurig, wenn in der Sommerpause Angela Merkel ein Flüchtlingsmädchen awkward umarmt und man das nicht für die Sendung aufgreifen kann?
      Ja, mit dem Touch of Death! Ich glaube, sie hat es fast totgestreichelt, das arme Mädchen. Auf der einen Seite habe ich natürlich auch großes Verständnis: Da wollte die Kanzlerin einmal Empathie zeigen und das ist nicht unbedingt eines der Gefühle, die häufig körperlich aber auch innerlich aus ihr rauskommen, und dann ist das so was Unglückliches. Als PR-Berater von Angela Merkel würde ich ihr raten, sich in nächster Zeit von Kindern, die potentiell anfangen könnten zu weinen, fernzuhalten. Man muss das auch ganz technisch sehen. Als Politiker ist das natürlich schwierig: Ein weinendes Flüchtlingskind kriegst du nicht weggestreichelt, das geht nicht. Das hat die Kanzlerin wahrscheinlich unterschätzt.

      Wobei man natürlich auch sagen könnte: Immerhin hat sie die Eier gehabt, nicht zu behaupten „Ja, ja, du darfst bleiben", nur um die Situation zu entschärfen.
      Es ist einfach doof gelaufen für sie. Ich glaube, dieser Vorfall ist einer der Gründe, warum weite Teile ihrer Partei etwas gegen Flüchtlinge haben. Flüchtlinge bringen die Kanzlerin einfach in emotional schwierige Situationen und das gibt keine guten Fotos. Dann lieber auf irgendsoeinem Matjes-Kutter an der Ostsee—lieber einen Fisch in den Mund, als Flüchtlinge streicheln. Das ist besser, das ist eindeutiger, das ist das vorteilhaftere Foto.

      Braucht diese Flüchtlingsdebatte vielleicht einfach mehr emotionale Leute? Wie Til Schweiger beispielsweise.
      Das habe ich auch schon überlegt. Til Schweiger läuft zwar immer zwei, drei Schritte zu weit in die richtige Richtung, aber groß denken ist erst einmal nicht schlecht und gleichzeitig etwas, womit wir Deutschen eigentlich ein Problem haben. Das ist bei uns historisch gesehen meistens nicht so gut ausgegangen und deshalb sind wir eher bescheiden. Ich finde es schön, dass wir jemanden haben, der wieder ein bisschen Emotion in die Politik mit rein bringt. Allerdings wäre es gut, wenn man seine Aktivitäten, die er neben Schauspielkarriere und Menschenfreund hat, mehr miteinbringen könnte. Wenn sich zum Beispiel jeder Flüchtling mit der Barefoot-Living-Kaschmirkollektion eindecken dürfte. Da gibt es einen Free-Tibet-Schal und so einen schönen Pulli für 299 Euro ...

      Alles in Sepiatönen, wie in den Filmen?
      Ja, alles in Brauntönen. Man sieht hinterher komplett aus wie Emma Schweiger als Mann und kriegt noch so einen Keinohrhasen mit ins Paket reingelegt. Das wäre ein Approach, der noch ein bisschen glaubwürdiger wäre und die Welt von Til Schweiger wäre noch enger mit seiner Hilfe für Flüchtlinge verzahnt. Was ich wirklich erstaunlich finde, ist, dass mit den Flüchtlingen so eine Art neue Bürgerbewegung entstanden ist. Da holen Leute aus ihren Kellern die Altkleider raus, googlen, wo das nächste Flüchtlingsheim steht, und es gibt einfach einen hohen Grad an Awareness. Deswegen könnte man jetzt sagen: Warum Populismus nicht auch für gute Zwecke einsetzen? Auf der anderen Seite: Warum nutzt man Populismus überhaupt? Die Zeiten des Gebrülls sind einfach vorbei.

      Ich kann verstehen, dass in meiner Generation gerade ein „Wir müssen jetzt mal was machen"-Gefühl entsteht und gesagt wird, dass man jetzt endlich mal Haltung zeigen muss. Aber Haltung heißt auch, auf Mäßigung zu drängen, zum Beispiel. Wenn Künstler jetzt für Flüchtlinge ein Konzert geben, ist das eine tolle Sache, aber den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden für eine Sache, die man prinzipiell scheiße findet, ist auch nicht sonderlich schwer. In diesem Jahr gab es Anschläge auf 320 Flüchtlingsheime, im letzten Jahr waren es 150. Da hat aber keiner ein Konzert gestartet. Es ist schön, dass man dafür Aufmerksamkeit schafft, aber es ist eben auch in zwei Wochen noch ein Problem, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Das ist so mein Problem mit der Geschichte.

      Wie siehst du in dem Zusammenhang das Drängen darauf, Neonazi-Kommentare bei Facebook zu löschen und die Leute bei ihren Chefs zu verpetzen?
      Das hat für mich zwei Seiten. Wenn es über nervige, AfD-lastige, konservative Meinungen hinausgeht und es wirklich strafrechtlich relevant wird, dann finde ich das nicht gut. Mit allem anderen muss man sich auseinandersetzen. Es gibt da auch einen ganz aktuellen Fall, an dem ich das festmachen kann. Jemand hat einen YouTube-Account in meinem Namen eröffnet—mit meinem Profil, es sah also aus, als wäre es mein offizieller Account—und darunter schlimmste, verfassungsfeindliche Kommentare à la „Ich vergas dich, du Jude" reingeschrieben. Das hat er in einem Maß gemacht, dass es nicht nur ohnehin furchtbar war, sondern auch eigentlich nicht OK, dass das ungeahndet bleibt. Wenn auch nur im Ansatz das Missverständnis entstehen könnte, dass das irgendetwas mit mir zu tun hat, muss ich zumindest versucht haben, den ausfindig zu machen und zu verklagen. Das mag ein 14-jähriger Vollidiot sein, ist mir scheißegal—ich will so einen Scheiß einfach nicht unter meinem Namen lesen.

      Rechte überschwemmen das Internet mit gefälschten Memes, um gegen Flüchtlinge zu hetzen.

      Was nicht gut ist, ist, die Leute beim Arbeitgeber zu verpetzen. Was sind das für Mittelaltermethoden? Es ist die Aufgabe des Staats, da einzugreifen. Das müssen Polizisten und Staatsanwaltschaften machen. Die müssen die Möglichkeiten haben, bei Google und Facebook an die Adressen der Leute zu kommen und dann muss es im Sinne der Gemeinschaft verfolgt werden. Ich bin kein Linker oder so was und mein Verständnis von Staat ist eigentlich, dass im Idealfall wir der Staat sind. Wir im Sinne von alle Leute. Staat ist nicht irgendetwas, das über uns ist und bestimmt, was wir alle machen. Die Organisation der Menschen in der Gesellschaft, das ist der Staat. Und wenn der Staat momentan die Haltung hat, dass die Amerikaner zwar über alles Bescheid wissen, was wir wo im Internet machen, wir selber haben aber gar keine Ahnung, dann ist das ein Problem, was uns etwas angeht. Dann müssen wir sagen: Staat, stell dich so auf, dass du deine Leute dementsprechend schulst, damit sie Straftaten, die im Internet passieren, verfolgen können. Das ist jetzt keine attraktive Position, aber das ist etwas, das passieren muss.

      Vorhin im Zug habe ich übrigens gelesen, dass jetzt jemand aus der rechten Ecke Til Schweiger wegen Volksverhetzung angezeigt hat. Weil er gegen die gehetzt hat, die tatsächlich Volksverhetzung betreiben.
      Den Linken wird ja oft vorgeworfen, dass sie dem Staat strukturellen Rassismus und allgemeine Rechtslastigkeit unterstellen. Das halte ich eigentlich für Quatsch, zumindest flächendeckend. Punktuell gibt es viele Schwierigkeiten und wenn jetzt 42 Leute im nationalsozialistischen Untergrund NSU-V-Leute waren, dann muss man sich schon fragen: Was ist denn da eigentlich los? Auf der anderen Seite ... Wenn du das Grundgesetz für Zwecke missbrauchst, die gegen das Grundgesetz verstoßen, dann muss das einfach geahndet werden. Ich finde, man darf niemandem Rechte gewähren, die diese Leute beabsichtigen, anderen einzuschränken. Das geht dann auch so weit, dass ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, dass dieser Vollidiot, der irgendwelche Kinder in der S-Bahn anpinkelt, nicht wenigstens eine Nacht in der Zelle verbringt—obwohl er mehrfach wegen einschlägiger Delikte vorbestraft ist. Es gibt einfach Dinge, die wir nicht tolerieren dürfen.

      Wobei er in U-Haft wahrscheinlich sicherer wäre als draußen, nachdem Spiegel TV in einem Beitrag gezeigt hat, wo er wohnt.
      Aber es kann ja nicht der Appell sein, dass wir jetzt alle Selbstjustiz üben! Wenn das Internet zur Folge hat, dass erstens jede Meinung gleich viel wiegt, dass zweitens solche Dinge wie „Ich verpfeif den beim Arbeitgeber" oder „Wir wissen, wo der wohnt" Einzug halten in unser Land, dann ist das nicht mehr viele Schritte entfernt von: Warum schneiden wir ihm nicht einfach den Kopf ab und filmen das? Das ist einfach Quatsch. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Leute beim Arbeitgeber verpfiffen und rausgeschmissen werden. Egal weswegen. Die Alternative zum Rechtsstaat ist nicht, dass jetzt das Internet entscheidet, was zu passieren hat—oder Til Schweiger.

      Die Flüchtlingsdebatte braucht Til Schweiger.

      Das ist jetzt offensichtlich ein Thema, das dich wütend macht. Räumt ihr Dingen, die euch als Redaktion persönlich betreffen, bewusst mehr Platz in der Sendung ein?
      Nee. Ich sage immer in meinen endlosen Monologen vor meinen eingeschüchterten Mitarbeitern: Das Wichtigste ist, dass es unterhaltsam ist. Ich will eigentlich alle 45 Sekunden zumindest den Versuch eines guten Witzes und alles andere ist erst einmal unwichtig. Die zweite Ebene ist, dass wir versuchen, uns mit Themen zu beschäftigen, die interessant sind. Von denen wir Ahnung und eine Meinung zu haben und von denen wir glauben, dass es interessant sein könnte, sie in der Sendung zu besprechen. Wo die Leute, die das sehen, hinterher irgendetwas davon haben. Egal ob sie es scheiße finden oder einfach nur irgendetwas anderes fühlen als „Na ja, ich schalte mal um". Manchmal gelingt das überhaupt nicht, manchmal zu gut.

      Nach dem Varoufakis-Stinkefinger-Ding haben wir uns zum Beispiel gesagt, dass wir jetzt mal zwei Wochen den Kopf unten halten müssen. Ich gehe mir ja manchmal auch selbst auf die Nerven, wenn ich mal wieder nachts schlaftrunken irgendetwas getwittert habe und am nächsten Morgen bist du eine Meldung bei Focus Online. Da fühlt man sich so ein bisschen wie ein Elefant, der nicht weiß, dass er ein Elefant ist, und sich umdreht und wieder die Hälfte des Regals umgeschmissen hat. Es ist ja auch nicht immer mit Absicht.

      Wobei du in einem Interview gesagt hast, dass es wichtig ist, gehasst zu werden.
      Ja, total! Der einzige Grund, warum ich Comedy mache, war immer die Verarbeitung des Hasses und der Ablehnung der anderen. Deswegen gerätst du in so einen Job rein. Wenn du die Ablehnung nicht mehr hast, kannst du den Job nicht mehr machen. Ich tue viel dafür, abgelehnt zu werden. Regelmäßig. Die Leute haben jetzt keine Angst vor mir, aber die, die mich auf der Straße erkennen, haben nicht das Bedürfnis, die große Nähe oder so zu suchen. Ich bin jetzt nicht so der Knuddeltyp, das finde ich eigentlich ganz angenehm. Wobei es Dinge gibt, die ich einfach nicht mehr machen kann. Ich habe mich kürzlich mit Kollegen unterhalten, die jetzt mit einer Fahrgemeinschaft nach Berlin fahren wollten oder Dinge bei eBay verkaufen. Ich war früher ein wahnsinnig toller eBay-Verkäufer. Ich habe immer ganz tolle Fotos von den Produkten gemacht und zu Höchstpreisen irgendwelchen Schund verkauft. Es sind die kleinen Dinge, wo es wehtut.

      Ich glaube, auf eBay ist aber auch niemand mehr. eBay ist vorbei.
      Ja? Was ist denn das nächste große Ding? Snapchat? Alle sagen Snapchat. Weißt du, ich gehe ja jetzt steil auf die 30 zu ... [lacht] Nein, ich bin 34, und es ist einfach leider so: Du kannst so unangepasst tun, wie du möchtest, aber irgendwann interessierst du dich einfach für die Lokalpresse und warum die Straße abgesperrt ist und was das für ein Lärm ist abends. Ich bin mittlerweile auch in so einem Stadium, wo ich meine Apps einfach nicht mehr aktualisiere und immer noch mit einem alten Betriebssystem arbeite. Ich will mich nicht mehr umarbeiten und als der Word-97-Hund verschwunden ist und Karl Klammer kam, war das erste Mal der Moment da, wo ich wirklich gedacht habe, dass ich alt werde. Ich schaffe den Umstieg nicht. Man merkt langsam: Das Alter klopft in der Gestalt von verweigerten Software-Updates an die Tür.

      Vielleicht auch in Gestalt von Sami Slimani.
      Den weiß ich eigentlich ganz gut einzuordnen. Das ist einfach der gleiche Quatsch wie die Caught-in-the-Act-Pflegecreme in den 90ern, oder der Golf Bon Jovi. Das ist letztendlich der totale Sell-Out—nur im Fall von Sami Slimani ohne jegliches Talent. Bon Jovi können wenigstens noch „Bed of Roses" spielen, wenn auch nur im Halb-Playback, und haben eine coole Tätowierung auf dem Oberarm. Eigentlich ist das ein totaler Lackmustest, um mal ein Wort aus den 80ern zu verwenden, für unser demokratisches Verständnis. Wenn wir aufgeklärten Internet-Geeks YouTube-Stars scheiße finden, die aber sieben Millionen Klicks für ein Schminktutorial haben—wie ist das dann eigentlich mit Wahlen? Zählt dann eine Stimme mehr und eine weniger? Das Internet macht Menschen, die nicht konservativ sind, konservativ. Weil wir uns das vom Leib halten müssen. Ich glaube, das Internet und die Möglichkeit, dass jeder eine Meinung hat, lässt einen inneren Algorithmus entstehen, den die Älteren als Konservativismus kennen. Wir würden das wahrscheinlich als reaktionär empfinden, aber ich habe noch keine Methode gefunden, wie man das von sich weghält. Es ist ja auch toll, dass jeder eine Meinung hat. Aber ... Nein, auch nicht! [lacht]

      Wie Musik machende YouTuber ihre Fans verarschen.

      Insbesondere durch diese ganzen Social-Media-Sachen scheinen die Leute den Eindruck gewonnen zu haben, dass Meinungsfreiheit miteinschließt, dass man sich mit ihnen auseinandersetzen MUSS.
      Ja, das ist ein ganz großes Missverständnis. Wie haben wir früher bei der Zeitung diese Arschlöcher gehasst, die Leserbriefe schreiben! Nicht wegen der berechtigten, konstruktiven Kritik, sondern einfach, weil das meistens irgendwelche Akademiker-Klugscheißer oder Leute mit Hund in einem zu großen Haus, weil Mutti gestorben ist, die Langeweile hatten, waren. Diese Menschen regieren das Internet und jeder kann so einer sein und jeder ist so einer—einschließlich der Leute, die es eigentlich nur gut meinen. Einschließlich mir selbst. Es gibt keine kontrollierenden Instanzen mehr, es gibt niemanden mehr, der die Macht hat zu sagen: Wir sind das Medium, wir sind die Redaktion, wir filtern das, wir kuratieren das für euch. Es hat jeder seine eigene Filterblase und jeder hat seine eigene kleine Wahrheit, die für ihn auch stimmig ist. Das führt irgendwann entweder zu einer totalen Abstumpfung oder einer Aufwiegelung gegeneinander. Einer „Mir ist alles egal"-Haltung oder zum schlimmsten Weltkrieg aller Zeiten. Dum-dum-duuuuum. [macht Explosionsgeräusche mit dem Mund]

      Ein wunderschönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

      Lisa hängt nicht besoffen auf Facebook, dafür aber ab und an angetrunken auf Twitter. Folgt ihr doch mal.

      Themen: Jan Böhmermann, Kultur, Deutschland, Neo Magazin Royale, ZDF, Fernsehen, Interview, Meinung, Politik, Til Schweiger, Flüchtlinge, Rassismus, Nazis, YouTube, Sami Slimani

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