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      Ich war auf der Chemtrail-Demo – als Pilot verkleidet

      Von Matern Boeselager

      Redakteur

      September 30, 2014
      Aus der Kolumne 'Wirres Deutschland'

      Ist euch auch schon aufgefallen, dass die Temperatur sinkt, wenn die Sonne untergeht? Und seid ihr auch nicht überzeugt von der Erklärung, dass das eben daran liegt, dass die Sonne untergegangen ist? Dann solltet ihr euch dringend mit Chemtrails befassen.

      Die Chemtrail-Bewegung ist ein kleine, aber sehr aktive Gruppe von Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen, die man täglich am Himmel sieht, nicht einfach nur aus den kondensierten Abgasen der Triebwerke bestehen. Vielmehr handelt es sich dabei um die Sprühspuren von giftigen Chemikalien, die dunkle Mächte mithilfe von (auch zivilen) Flugzeugen auf der ganzen Welt verteilen lassen, um das Klima zu beeinflussen, Ernten zu vernichten und die Bevölkerung zu unterjochen. Das alles geschieht natürlich im Geheimen—deshalb hat es sich die Chemtrail-Bewegung zur Aufgabe gemacht, das ahnungslose Volk vor dieser globalen Verschwörung zu warnen.

      Zu diesem Zweck unterhalten die Volksaufklärer nicht nur zahlreiche Web- und Facebook-Seiten oder gründen Bürgerinitiativen mit Namen wie „Sauberer Himmel", sondern sie versammeln sich auch einmal im Jahr zum „Global March Against Chemtrails and Geoengeneering [sic]"—so auch am letzten Samstag in Berlin. Weil ich diese Bewegung schon immer faszinierend fand—immerhin sind das Leute, die selbst von den Organisatoren der Montags-Mahnwachen für unangenehme Spinner gehalten werden—, wollte ich das auf keinen Fall verpassen. Um das ganze aber noch interessanter zu machen, beschloss ich, mich für den Umzug als Pilot zu verkleiden—denn wer muss dringender über die Gefahr von Chemtrails informiert werden als ein Pilot?

      Übrigens der einzige „Chemtrail" an dem Tag.

      1. Teil: „Das sollte Sie besonders interessieren!"

      Es war allerdings gar nicht so einfach, an eine Piloten-Uniform zu kommen. Die echten Film- und Theaterverleihe behaupteten, keine realistischen Uniformen ausgeben zu dürfen—und mit so einer Karnevals-Uniform aus Polyester musste ich natürlich gar nicht erst auf der Demo auftauchen. Zum Glück fand ich in letzter Sekunde doch noch einen Kostümverleih, der Uniformen aus den Altbeständen einer bankrotten Fluggesellschaft auf Lager hatte („Die sind alle abgestürzt, aber wir haben die ordentlich reinigen lassen"). So kam es, dass ich kurz darauf in voller Montur in der S-Bahn auf dem Weg zum Alexanderplatz saß.

      Hier überkamen mich die ersten Zweifel. Würden die misstrauischen Verschwörungstheoretiker mir die Maskerade abnehmen? Die Uniform passte zwar gut und sah auch relativ seriös aus, der Rest von mir aber leider nicht. Ich hatte es nicht mehr geschafft, mir einen korrekten Haarschnitt zu verpassen, selbst fürs Rasieren war keine Zeit gewesen. Und auch wenn sie es mir zuerst glauben würden—was würde passieren, wenn sie mich nach irgendwelchen technischen Details fragen? Mein Fachwissen über die Luftfahrt beschränkt sich auf die interessante Information, dass Tomatensaft in Flughöhe angeblich besser schmeckt als am Boden.

      Versuchen musste ich es trotzdem, immerhin trug ich schon die Uniform. Mit dem Fotografen Jermain machte ich aus, dass ich mich einfach entlang der Marschroute an die Straße stellen und so tun würde, als wäre ich von der Demo völlig überrascht. Ich stand also planmäßig auf der Oranienburger Straße, schräg gegenüber der Neuen Synagoge, als der „March against Chemtrails" um die Ecke bog.

      Angeführt wurde der Marsch von einem mit Transparenten beklebten Wohnmobil, auf dem ein Lautsprecher montiert war. Vor dem Wohnmobil liefen Leute mit Flyern. Bevor ich mir überlegen konnte, wie ich mit den besorgten Bürgern ins Gespräch kommen sollte, steuerte bereits eine ältere Dame auf mich zu und drückte mir mit den Worten „Das sollte Sie besonders interessieren!" einen Flyer in die Hand. Ich war natürlich sehr interessiert. Wenig später lief ich neben einer mittelalten Frau im Hippie-Look hinter dem Wohnmobil her.

      Während ich mir gerade von der Frau erklären ließ, worum es eigentlich ging („Klima-Kriegsführung in Deutschland"), drängelte sich ein Mann dazwischen, den ich jetzt mal Klaus nennen will. Klaus freute sich enorm, einen echten Piloten über Chemtrails aufklären zu können. „Sie fliegen selber, vorne im Cockpit?", fragte er mich aufgeregt, und meine Antwort, ich sei aber nur Kopilot, schien ihn völlig zufrieden zu stellen.

      Klaus fing sofort an, mich ins Bild zu setzen. „Haben Sie mal gemerkt, dass die Flieger so nen Ausstoß haben hinten dran? Sehen Sie ja ständig, oder? Schonmal drauf gekommen, dass das auch künstlich gemacht werden könnte?" Von da an bombardierte er mich während des ganzen restlichen Marsches mit Fakten und Chemikalien, so dass mir der Kopf schwamm: US-Patente auf Aerosol-Ceilings, Geoengineering in der Stratosphäre, Welsbach-Partikel, Aluminiumoxide, Bariumsalz, solares Radiation Management, Alphastrahler—Klaus wusste alles, und er wollte mir alles mitteilen.

      Während wir redeten, versuchte ich mir, so gut ich konnte, einen Überblick über meine Mitmarschierenden zu verschaffen. Um uns herum gingen ca. 150 Menschen, von denen manche relativ normal aussahen—soweit das eben möglich ist, wenn man als erwachsener Mensch mit Transparenten gegen „Wetterkontrolle" wedelt und dabei „Und wir fordern immer wieder: Stoppt doch diese Todesflieger!" skandiert. Aber es gab auch skurrilere Gestalten: Abgesehen von ein paar glatzköpfigen Jungs, die sich selbst T-Shirts mit russischen Buchstaben bemalt hatten—und von denen einer im Vorbeigehen lachend auf die Neue Synagoge zeigte und „Eigentlich müssten wir da reingehen" sagte—fiel mir vor allem ein älterer Herr auf, der seinen elektrischen Rollstuhl in eine Art Karnevalswagen für Reichsdeutsche verwandelt hatte: Hinten wehte die Reichskriegsflagge, in den Radnaben waren Eiserne Kreuze eingesetzt, und auf dem Schoß trug er einen Pudel mit echtem Reichskriegshalsband.

      Mittlerweile hatte sich ein älterer Herr zu Klaus und mir gesellt, der mich unter anderem eindringlich warnte, mein neues Wissen ja nicht an meinem Arbeitsplatz preiszugeben. „Gehn Sie damit aber auf der Arbeit nicht hausieren, da verlieren Se den Job!", warnte er mich. Und zu Klaus: „Musste den Leuten immer sagen, wenn du sie aufklärst!", denn „Leute kriegen ihre Fahrerlaubnis weg, wenn die von Chemtrails sprechen! Das ist kein vom System erlaubtes Wort!"

      Klaus war der alte Mann ein bisschen peinlich. „Hier laufen auch viele skurrile Typen mit, das ist das Problem", sagte er leise zu mir. „Der da hat keine Zähne im Mund, das ist der Sache nicht förderlich—da denkst du gleich, das sind hier Spinner." Da hat er wohl recht.

      Zum 2. Teil: Reichsbürger, Montagsdemonstranten und Esoterik-Nazis

      Themen: Chemtrails, Werner Altnickel, Dennis Ingo Schulz, Claus Petersen, Mario Romanowski, Reichsdeutsche, Barium-Salze, Aluminium, monsanto, Rothschilds, Die FED, Das Schuldgeldsystem, Bla bla bla, 10 Jahre VICE

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