In den 90ern war ich David Petraeus‘ Hure und ich hasste es

von Duncan Larkin

 

Petraeus verlieh dem Autor ein dämliches Abzeichen für irgendeine Tat, an die er sich nicht mehr erinnert. 

 

Niemals werde ich das letzte Spektakel vergessen können, weil es Petraeus vermutlich seinen heiß begehrten Stern verschaffte. Eines Tages fiel das Los auf mich: Meine Kolonne war auserwählt worden, die Fähigkeiten des XVIII. US-Luftlandekorps vorzuführen. Petraeus wies uns an zu demonstrieren, wie fehlerlos die besten Soldaten Amerikas „militärische Operationen in urbanem Gelände“ durchführten. Es war eine Show für Thurmond, diesen alten, weibernden Brummbär—ausgerechnet vor ihm mussten wir unser Bestes geben. Er repräsentierte die Menschen von South Carolina und er war der Vorsitzende des allmächtigen „Comittee on Armed Services“ des Senats, was bedeutet, er verfügte über einen Etat von mehreren Milliarden Dollar. Das machte ihn wichtig für David Petraeus, den aufsteigenden Stern am amerikanischen Militärhimmel. 

Wir verbrachten 24 Stunden am Tag damit, uns auf diesen Zirkus vorzubereiten. Wir mussten ohne Scherz die am besten aussehenden Offiziere auswählen und unsere Ausrüstung auf Hochglanz polieren, sodass sie wie Hollywoodrequisiten in den Händen von John Wayne und Audie Murphy aussah. Petraeus ließ uns die Übung immer wieder wiederholen, als Vorbereitung für Meister Thurmond. Unsere Männer mussten sich steif und roboterartig bewegen. Mit ihren schussbereiten AR-15s im Teufelsgriff drangen sie in Räume ein und sicherten sie. Die Feinde (damals eine stümperhafte Truppe von inkompetenten Rebellen, die ihre Uniformen verkehrt herum anhatten) starben sofort und gaben dabei melodramatisches Stöhnen von sich, wie man es sich eben von dahinscheidenden Bösewichten erwartete. Zum Schluss erschien ein schwarzer Helikopter—der „Deus ex Machina“ des XXVIII. Luftlandekorps—, um die armen Verwundeten zu evakuieren, und damit den Steuerzahlern zu beweisen, dass wir, wie im Film Black Hawk Down so eindrucksvoll gezeigt, niemals einen tapferen Soldaten zurücklassen würden. Und wir haben geübt. Verdammt, wie haben wir geübt. Wir wurden mit Zeilen gefüttert und mussten sie auswendig lernen. Wir gingen nach links, rechts und wieder nach links. Wir riefen „Raum eins, gesichert!“ Wir feuerten zwei runden ab: Bum! Bum! Wir traten Türen mit unseren polierten Stiefeln ein. Wir machten die Drogendealerschweine fertig und ließen sie sich windend und sterbend zurück, denn Bösewichte hatten es verdient zu leiden. Danach funkten wir die Kommandozentrale an und teilten ihnen mit, dass wir gewonnen hatten. 

Hurra, Amerika! 

Wir übten auch nachts. Dann wiederholten wir die Übung am nächsten Tag, während Petraeus uns zusah.

Er sagte, wir wären gut, aber dass wir noch besser aussehen müssten. Deshalb befahl „Devil Six“—das war sein Funkname—den Mechanikern unserer Fahrzeugflotte, einen riesigen 8-Kilowatt-Generator auf Rädern anzuwerfen, damit wir die bunten Weihnachtslichterketten zum Leuchten bringen konnten, die wir rund um das mit Buschwerk übersäte Gelände von Fort Bragg, wo unsere Show stattfinden würde, gespannt hatten. Außerdem bauten wir noch einen Fernseher mit 90 cm Bilddiagonale und einen Videorekorder auf, um unser Possenspiel festhalten zu können. Anschließend ließ Petraeus dann noch eine Tribüne errichten. Das einzige, das noch fehlte, war ein jonglierender Patriotenclown auf einem Einrad. Der ganze Zirkus nur zum Wohle von Devil Six’ hochwichtigen Karriere.

Je näher der Tag der Vorführung rückte, desto wichtiger wurde die Aufmachung.  Wir mussten unsere Uniformen pressen und stärken. Wir mussten uns zweimal täglich rasieren. Die Schirme unsere Kappen wurden mit Hilfe von Wasser und kleinen Trinkgläsern zu perfekten Parabeln gefaltet. Die Stoffhüllen unsere Kevlarhelme wurden gebügelt. Unsere Kampfanzüge mit Tesafilm von Staub und Härchen befreit. Unsere gesamte Ausrüstung musste schwarz und glänzend sein. Die vermeintlichen Verwundeten mussten still liegen. Jede sichtbare Hand musste schnurgerade sein. Die Latrinenschüsseln sahen aus wie der polierte Schatz von Sierra Madre. Der Weg zum Schauplatz musste absolut frei sein von Unkraut und Steinen, deren Durchmesser größer als zwei Zentimeter war. Kein einziges Lebewesen durfte im Weg dieses schmächtigen Militärvorsitzenden kriechen oder wachsen.

Jemand bezeichnete das ganze aus Versehen als Zirkus, während sich Petraeus in Hörweite befand. Der Mann wurde im Polizeigriff zu einem Hummer geschleppt, der ihn zurück zur Basis brachte. Sarkasmus war nicht erlaubt. Eine Veranstaltung, nur für Ja-Sager. Diese Zirkusshow erforderte Unterwürfigkeit und gute Manieren.

Als Thurmond dann schließlich erschien, wurde er von seinem mit Khakihosen und blauen Blazern ausstaffierten Beraterstab eskortiert. Das waren die Typen, die die wichtigen Entscheidungen trafen. Thurmond litt an Lähmungen und zitterte deshalb wie der wackelige Pfeiler eines Zelts, das gerade aufgebaut wird. Da er kaum einen Schritt vor den anderen setzen konnte, setzten ihn seine Handlanger auf einen motorisierten Rollstuhl. (Wir mussten den Rollstuhl im Vorfeld mit einer Mischung aus Glas- und Allzweckreiniger sauber machen. Wir lackierten ihn sogar braunoliv.)

Nachdem Thurmond rollend an seinem Beobachtungsposten angelangt war, funkte Petraeus den Kommandanten meiner Kompanie an, welcher wiederum mich anfunkte. Ich funkte den Adonis-Offizier an, der dann den Unteroffizier mit dem kräftigen Kieferknochen anfunkte, welcher das Spektakel lostrat. Die Roboter marschierten auf das Gelände. Die angeblichen südamerikanischen Rebellen mit den niederträchtig aussehenden Schnurrbärten wurden getötet. Die „Verluste“ hielten die Klappe. Helikopter schwebten ein und landeten. Alles war gut, alles hatte sich letztendlich zum Guten gewendet.

Senator Thurmond klatschte und klopfte Petraeus auf den Rücken.

„Ihre Jungs sehen gut aus“, sagte er zustimmend. Ein langer weißer Speichelfaden erschien zwischen seinen Lippen. „Was für eine feine Soldatentruppe!“

„Ja, Sir“, antwortete Petraeus strahlend. „Ja, Sir, das sind sie mit Sicherheit.“

„Es gefällt mir“, sagte Thurmond und nickte dabei. Dann gab er einem seiner Helfer, der gerade etwas niederschrieb, ein Zeichen. 

Petraeus hatte es an diesem Tag geschafft. Von da an stand seiner Zukunft als General nichts mehr im Weg. 

Sie schoben Thurmond in einen speziellen Kleinbus. Der Bus wendete und fuhr über die Straße von dannen. Wir standen still und salutierten, bis wir den Wagen nicht mehr sehen konnten. 

Dann wandte sich der Kommandant meiner Kompanie an mich. „Schalten Sie das Aggregat aus!“, befahl er. 

„Ja, Sir.“

Die Weihnachtsbeleuchtung erlosch, Lichtstrahlen von Taschenlampen erschienen, meine Männer unterhielten sich, während sie anfingen, den Übungsplatz aufzuräumen. 

Nachdem wir fertig waren, fuhren wir zurück zur Basis, in unsere wackeligen Häuser und küssten unsere Frauen.

Am nächsten Tag standen wir auf und es fing von vorne an. Jahrelang taten wir diesen Mist, alles für Petraeus. 

Ein paar Monate bevor er uns verließ, erschien Devil Six unangemeldet zu einem Workout meiner Einheit, um uns zu beaufsichtigen. Inzwischen waren meine Haare länger und ich hatte etwas mehr Fleisch auf den Rippen. Ich hatte schon einen Fuß in der Tür—ich hatte genug und war, was das Militär betraf, vollständig desillusioniert. Ich war kurz davor, auf meine Abfindung zu verzichten, während Petraeus sich auf seinem verrückten, kometenhaften Sprung an die Spitze befand. Wir reisten mit der gleichen Geschwindigkeit in verschiedene Richtungen. Er ertappte mich dabei, wie ich bei den Push-ups schummelte und rief mich zu sich, um sich mit mir zu unterhalten. 

„Wie ist Ihr Name, Soldat?“, fragte er.

Ich stand still. „Larkin, Sir.“

„Welchen Rang haben Sie?“

„Captain.“

„Sie sind ein Offizier?“

„Ja, Sir.“

„Captain Larkin, Sie sollten sich schämen, Push-ups zu faken.“

Er schüttelte den Kopf und stand einen Moment lang einfach so da. Unsere Blicke trafen sich.

„Sie sind kein gutes Beispiel für ihre Truppe.“

„Ja, Sir.“

„Sie bringen Schande über sich, Captain Larkin. Das wissen Sie, oder?“

„Ja, Sir.“

„Sie haben einen Haarschnitt nötig und müssen sich wiegen lassen.“

„Ja, Sir.“

Er murmelte seinem Adjutanten etwas zu und ging. Ich salutierte. Das war das letzte Mal, dass ich Petraeus gesehen habe. 

Jetzt, fast 20 Jahre später, stelle ich mir den alten Krieger vor, wie er mit heruntergelassener Uniformhose dasteht. Stelle mir seine unter seinem Schreibtisch stattfindenden Schweinereien vor. Wie er seine Hüften in die Leisten seiner kriecherischen Biografin drückt.

ER ist eine verdammte Schande.

 


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