©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      In Search of Great Men

      February 9, 2013

      Als ich Flem Flam zum ersten Mal kennengelernt habe, hatte unser Zug schon zwölf Stunden Verspätung. Wir waren unterwegs nach Westen und die erste Lok blieb in Nebraska liegen. Südlich von Denver wurden wir von einer Güterlok abgeschleppt, die östlich von Santa Fe den Geist aufgab, woraufhin wir um Mitternacht in Albuquerque vier Stunden lang strandeten und auf einen Ersatzzug warteten. In Bakersfield mussten wir dann in Busse umsteigen. Noch vor dem Morgengrauen rezitierte Flem Flam drei Stunden lang Gedichte über sein Leben in der Southside Chicagos als traumatisierter Vietnamveteran: „Ich sollte eigentlich Businessanzüge tragen und in Konferenzräumen sitzen, stattdessen habe ich barfuß im Schnee nach Heroin gesucht.“

      Ich habe ein 15-Tage-Amtrak-Ticket gekauft und die USA durchquert, um unterwegs die anderen Passagiere zu fotografieren. Ich habe sie gefragt, woher sie kommen und wo sie hinwollen: ein 18-Jähriger, der wegen Meskalin-Missbrauchs angeklagt ist, eine Frau, die unterwegs nach Madison war, um an der Beerdigung ihres Exfreundes teilzunehmen, oder eine Stripperin auf dem Weg nach Atlanta, wo sie Kosmetikerin werden wollte.

      Amisch reisten in großen Gruppen nach Tijuana, um sich dort, für einen Bruchteil des Preises in den USA, medizinisch behandeln zu lassen. Als sie rausfand, wie alt ich war und dass ich nicht verheiratet bin, sagte Mary-Ellen zu mir: „Es ist besser, Single zu sein, als sich zu wünschen, Single zu sein.“

      Als ich aufwuchs, hörte ich die Geschichten über den Privatwaggon, der meinem Großvater geschenkt wurde. Er fand das übertrieben und spendete den Waggon an ein Lager für arme Kinder an der Grenze zu Virginia. Ich habe Oakland mit der Idee verlassen, diesen Waggon zu finden, ihn zu fotografieren und so diesen Mann besser kennenzulernen, den ich nie getroffen hatte. Sein Vermächtnis wurde für mich zum Symbol alles Guten und all dem, was ich selbst sein wollte.

      In meiner ersten Nacht, in Richtung Osten in einem Zug namens Zephyr, hatten Leute, die unterwegs in die Entzugsklinik waren, Sex auf dem Klo, Babys weinten und ein junger Cowboy zeichnete schwangere Frauen. Ich habe verstanden, dass Zugreisen für diejenigen unter uns sind, die den amerikanischen Traum nicht ganz greifen können, ihm aber nichtsdestotrotz immer weiter hinterherjagen.

      Kommentare