Reisen

Islands poetischer Mörder

von Alex Hoban

Ich bin mit Bjarni Bernhardur verabredet, der vor 25 Jahren seinen Vermieter zur Musik von Louis Armstrong ermordet hat. Heute hat er mich zu sich eingeladen, um Tee zu trinken, etwas Salami zu essen und über sein Leben zu sprechen.

Wie viele Rentner, die endlich Zeit dafür haben, raucht Bjarni Pfeife, schreibt Gedichte, unternimmt regelmäßig Spaziergänge und müffelt nach Suppe. Doch bevor er zum Mörder wurde war Bjarni ein recht erfolgreicher Dichter. Diese Karriere führt er nun wieder fort, um mit den Tragödien, die sich in seinem Leben ereignet haben klarzukommen. Jeder in Reykjavik kennt ihn, da er meistens an einer Ecke in Pósthússtræti steht und dabei „Gedichte! Gedichte! Kommt, holt euch eure Gedichte!“ brüllt. Das macht er immer am Montag, Mittwoch und Samstag. Also, schaut mal bei ihm vorbei.

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Damals, 1986 als sich Gorbatschow und Reagan in Reykjavik zu dem Gipfeltreffen trafen, das zum Ende des Kalten Krieges führen sollte, saß Bjarni Bernhardur nur ein paar Straßen weiter und kämpfte mit einer von LSD induzierten Psychose.

Er erzählt mir eine geschliffene Geschichte darüber, wie er vor seinem Schlafzimmerfenster saß und zwei Privatjets aus ihren zwei, entgegengesetzten Zeitzonen angeflogen kommen sah. Für ihn war dieser Gipfel nicht mehr und nicht weniger, als eine faschistoide Verschwörung. Während also Gorbi und Reagan über Interkontinentalraketen und eine neue Weltordnung sprachen, besuchte Bjarni seinen Vermieter, der in sich in seiner Vision zu Hitler verwandelt hatte und nun mit Amerika und der Sowjetunion kollaborierte. Nachdem der Vermieter ihm die Tür öffnete, fragte ihn Bjarni, ob sie nicht etwas Louis Armstrong hören können. Danach wurde alles dunkel.

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