©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Twitter ist in der Türkei Staatsfeind Nummer Eins, sagt Erdoğan

      June 3, 2013

      „Es gibt jetzt eine Bedrohung, welche sich Twitter nennt“, erklärte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan am Sonntag im Fernsehen. „Die besten Beispiele für Lügen finden sich dort. Für mich sind soziale Netzwerke die größte Bedrohung für die Gesellschaft.“

      Das ist genau die Aussage, die genau die sozialen Unruhen in der Türkei charakterisiert und auch bestätigt und anerkennt. Während die türkischen Massenmedien probiert haben, Zehntausende Demonstranten auf Istanbuls Straßen zu ignorieren, bot Twitter den Demonstranten eine Plattform, sich zu organisieren und ihre Beweggründe mitzuteilen.

      Was als friedlicher Protest gegen den Abriss eines Parks, der einem Einkaufszentrum weichen soll, begann, verwandelte sich schnell in einen Ausdruck türkischer Unzufriedenheit. Viele gesellschaftliche Schichten sind verärgert. Sie sehen, wie Erdoğan versucht, Demokratie in eine islamistische Diktatur zu verwandeln. Eine Kombination aus Gentrifizierung, Regierungskorruption und Beeinträchtigung der persönlichen Freiheiten, wie das Verbot von Alkoholkonsum oder Küssen in der Öffentlichkeit, hat in der Türkei den größten sozialen Aufstand seit Jahren provoziert.

      Und vergessen wir nicht den medialen Blackout—ein Mangel an Pressefreiheit ist immer ein Zeichen dafür, dass die ranghöchsten Beamten ein wenig zu machtgierig und korrupt geworden sind.

      Während des Wochenendes erstreckten sich die Proteste auf über die Hälfte der 81 türkischen Provinzen. Am heftigsten fielen sie in der Hauptstadt Ankara aus, wo gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten über 700 Verletzte forderten. Und auch in Istanbul, wo die Zahl der Verwundeten bei 1.000 lag (während du das hier liest, sind es sicher noch mehr). Regierungsbeamte haben bekannt gegeben, dass über 1.700 Verhaftungen vorgenommen wurden.

      Am Sonntagabend nahmen Fans des Istanbuler Fußballvereins Beşiktaş einen Bagger und fuhren damit gegen die Polizei an. Einige Menschen unterstützen die Protestler mit Lärm, indem sie auf Töpfe und Pfannen schlugen.

      Wir haben derzeit selber einige Journalisten und Filmemacher in der Türkei und haben mit Milène Larsson aus unserem Londoner Büro gesprochen, um sicherzugehen, dass keiner in den Tränengasschwaden umgekommen ist, und um ihre Einschätzung der Situation vor Ort zu erfahren.

      VICE: Hat sich die Lage inzwischen beruhigt? Oder nimmt die Gewalt weiter zu?
      Milène Larsson: Auf dem Taksim-Platz in Istanbul hat sich die Lage beruhigt. Die Demonstranten haben Barrikaden um den gesamten Park errichtet. So ist es für die Mannschaftswagen oder Räumfahrzeuge der Polizei nur sehr schwer, auf den Platz vorzudringen. Es war brutal. Sie haben Tränengas eingesetzt. Und ein anderes Gas, das die Menschen zum Erbrechen bringt. Es wurde behauptet, es sei Agent Orange, aber ich kann das weder bestätigen und noch dementieren.

      Hast du viele Verletzte gesehen?
      Wenn du die Straßen lang gehst, siehst du alle fünf Minuten jemanden, der eine Verletzung hat. Entweder sind es Prellungen oder Reizungen durch Tränengas. Es gibt sechs provisorische Kliniken, die mit ehrenamtlichen Ärzten und Medizinstudenten besetzt sind, weil die Polizei keine Krankenwagen durchlässt. In dem medizinischen Zentrum, das ich gestern besucht habe, waren 500 Menschen, die eine Behandlung benötigten.

      Am Freitag war eine Demonstrantin vor einem Krankenhaus und sah 40 Krankenwagen, die verletzte Menschen einlieferten—zu diesem Zeitpunkt lag die offizielle Zahl der verletzten Menschen bei weniger als 40. Ich kann also keine Verletztenzahlen bestätigen, aber offensichtlich sind es mehr Menschen als die Medien berichten. Und da wo ich jetzt bin, ist Gaviscon, ein Mittel, das gegen die Nachwirkungen von Tränengas verwendet wird, ausverkauft.

      Ich habe gehört, dass die Polizei Bänke und Werbetafeln zerstört, um es den Demonstranten anzuhängen. Hast du so was gesehen?
      Es sind haufenweise Gerüchte im Umlauf—über alle möglichen Dinge. In der ersten Nacht, in der wir hier waren, hörten wir Geschrei. Es hieß, junge Menschen würden auf offener Straße von der Polizei getötet worden sein. Das ist bislang immer noch unbestätigt.

      Dann gab es gestern eine Menge Gerede darüber, dass das türkische Greenpeace bestätigt hätte, Agent Orange würde gegen die Demonstranten eingesetzt werden. Aber ich glaube, das war nur ein Gerücht. Es ist möglich, dass sich Polizisten in die Menge gemischt haben, um Stress zu machen. Aber es könnten auch Hooligans oder Anarchisten gewesen sein.

      Wie alt sind die Demonstranten?
      Vorwiegend junge Leute, aber das Bewegende an diesem Protest ist, und darüber haben viele türkische Leute geredet, dass alle möglichen Menschen Seite an Seite protestieren. Da sind türkische Nationalisten neben muslimischen Antikapitalisten und sogar Kurden. Für die Türkei ist das etwas Besonderes. Hinzu kommt, dass man Frauen in Kopftüchern, Fußballhooligans und Anarchisten sieht. Alle sind auf der Straße, weil sie finden, dass dieses absolut brutale Durchgreifen bei einer friedlichen Demo unfair ist, und sie haben sich zusammengetan, um zu sagen: „Nein, das ist genug.“ 

      Scheinen die Demonstranten eine gemeinsame Ideologie zu haben?
      Wie bei jedem Protest siehst du natürlich sozialistische Flaggen und anarchistische Flaggen, aber wie ich vorher gesagt habe, ist dies ganz klar keine Demo mit einer klaren politischen Agenda. In erster Linie ist dies eine Demo für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie. Alles begann mit einem kleinen Aufstand gegen den Abriss des Gezi-Parks, wo Platz für ein Einkaufszentrum geschaffen werden sollte. Ein Abgeordneter der kurdischen Partei für Frieden und Demokratie, Sırrı Süreyya Önder, stand vor den Bulldozern und erzählte ihnen, dass es illegal sei, die Bäume im Gezi-Park ohne Erlaubnis niederzureißen. Er wurde von der Polizei mit einem Tränengasgeschoss verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert. Die Leute sind wütend, weil dies eine der letzten Grünflächen in diesem Teil Istanbuls ist und es historisch ein wichtiges Symbol des zivilen Widerstands ist, aber auch die Gentrifizierung dieses Gebiets ist etwas, auf das die Menschen seit einiger Zeit sauer sind. Die Leute werden wütender, je brutaler die Polizei wird.   

      Verbinden sich die Demonstranten mit der Hauptopposition der Türkei?
      Leute versuchen, den Protest für ihre eigenen ideologischen Ziele zu nutzen, aber da draußen sind viele verschiedene Gruppen. Ich kann nicht oft genug betonen, wie viele verschiedene Gruppen von Menschen da sind. Du hast Hipster neben Nationalisten neben muslimischen Antikapitalisten neben Familien neben Anarchisten. Es geht um Leute, die sich gegen Brutalität erheben und sagen, dass man ihre Stimme hören wird. Ich kann’s nicht glauben, ich habe die kurdische und die nationalistische Protestpartei Schulter an Schulter gesehen.


      Ein Mann wird aufgrund seiner Wunden in einem provisorischen Krankenhaus in Istanbul behandelt.

      Haben irgendwelche Pro-Regierungs-Gruppen oder Islamisten versucht, die Demonstranten anzugreifen?
      Ja, da waren Pro-AKP-Leute, die neben der Polizei gegen die Demonstranten in Istanbul und anderen Städten gekämpft haben. Diese Leute sind so sehr pro-AKP, dass man mit großer Sicherheit von Islamisten sprechen kann.

      Gibt es irgendwelche gemeinsamen Forderungen, Slogans oder Gesänge unter den meisten Demonstranten?
      Ich habe das hier gehört: „Von Schulter zu Schulter gegen Faschismus“, „Polizist, nimm deine Gasmaske ab und wir werden sehen, wer der echte Mann ist“ und „Hör nicht auf, dich zu äußern, wenn du das tust, wirst du der Nächste sein.“

      Was übertragen die regierungsnahen Nachrichtensender da drüben?
      Das ist etwas, worüber jeder, den wir interviewt haben, spricht: Sie wollen wissen, ob wir türkische oder internationale Medien sind. Es gibt dort kaum Berichterstattung. Wir haben Leute in einem Hotel interviewt und in den Nachrichten liefen fröhliche Bilder von Bauern und ihrem Vieh, während es draußen wie in einem Kriegsgebiet ausgesehen hat. Die Leute auf der Straße finden nicht, dass ausreichend darüber berichtet wird. Leute buhen die türkischen Übertragungswagen aus. Mit seinen TV-Auftritten macht Erdoğan die Leute weiter wütend, während die türkischen Medien zu den Protesten sehr still sind.

       


      EMPFOHLENE ARTIKEL

       

      Zwei Tage im Istanbuler Gasnebel
      Ich habe das ganze Wochenende auf Istanbuls Strassen die Schlachten zwischen Polizei und Demonstranten miterlebt und wäre beinahe im Starbucks verreckt.
      Mit Blockupy ins Herz der Bestie
      Die Arbeit am Widerstand ist nicht weniger anstrengend als ein Bürojob bei der EZB. Die einen werden nur mehr von der Polizei gestört als die anderen.
      The VICE Reports – Folge 1: Europas frustrierte Jugend
      50 Prozent Arbeitslosigkeit und keine Aussicht auf Besserung. In Spanien, Griechenland oder Portugal gehört der Protest mittlerweile zum Alltag.

       

      -

      Themen: Istanbul, Ankara, Aufstände, riots, Türkei, Erdogan, Matt Shea, Gas, Radikale Linke

      Kommentare