Occupy Turkey

Zwei Tage im Istanbuler Gasnebel

von Matern Boeselager

Für mich hat es damit angefangen, dass mir am Freitagmittag ein Mädchen vor die Füße gekotzt hat. Erst war ich etwas irritiert, aber dann bemerkte ich plötzlich den Geruch von Tränengas und die anderen Leute, die mir alle heulend und mit Taschentüchern vorm Mund entgegen gestolpert kamen. Das Gas trieb mich in eine Seitengasse, wo die Wirkung schnell nachließ. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich in den nächsten zwei Tagen mehr von dem Zeug einatmen würde als Zigarettenrauch, obwohl ich mich kräftig bemüht habe, die Balance zu halten. 

Wirklich angefangen hatte es eigentlich am Morgen, als die Polizei die im Gezi-Park sitzenden Demonstranten im Morgengrauen überfiel, sie mit Tränengas und Wasserwerfern beschoss und ihre Zelte anzündete. Dabei gab es ungefähr ein Dutzend Verletzte. 

Der Gezi-Park liegt hinter dem Taksim-Platz, dem Hauptverkehrsknotenpunkt in der Innenstadt, der gerade massiv umgebaut wird. Ein Teil dieser von Ministerpräsident Tayyip Erdoğan und der Regierungspartei AKP geplanten Umbauaktion sah vor, den Gezi-Park durch eine rekonstruierte osmanische Kaserne zu ersetzen, in der eine Shopping-Mall untergebracht werden sollte. 

In der Istanbuler Innenstadt gibt es außer diesem Park eigentlich gar keine Grünflächen. Malls und andere Großbauprojekte gibt es aber eine ganze Menge, und deshalb haben ein paar Leute ihre Unzufriedenheit über diese Pläne mit einer OccupyGezi-Aktion zum Ausdruck gebracht. In der internationalen Presse wurden die am Freitag dann auch noch hauptsächlich als „Öko-Protestler“ dargestellt, die sich um die 75 Jahre alten Bäume sorgen. Bäume in Ehren, aber was hier in den letzten drei Tagen los war, das hat mich eher an Black Hawk Down als an Stuttgart 21 erinnert. 

„Lutsch meinen Schwanz, Tayyip“

Die İstiklal Caddesi ist die größte Einkaufsstraße von Istanbul, wo sich an jedem normalen Tag Tausende Menschen aneinander vorbeidrücken, um in die Schaufenster zu kucken und von Straßenverkäufern gekochte Maiskolben oder gefüllte Muscheln zu kaufen. Als ich so gegen 9 Uhr abends da war, war die ganze Straße eine einzige Menschenmasse, ein endloses Meer aus Köpfen und Fäusten, die sich gen Taksim-Platz richteten und in beeindruckendem Einklang klatschten, pfiffen und Parolen skandierten. 

Dazu muss man sagen, dass sich die türkische Sprache außergewöhnlich gut zum Skandieren eignet, weil jede Silbe im Grunde gleich betont werden kann, und man deswegen fast jeden Satz zu einem schönen Stakkato-Ohrwurm machen kann. Die beliebtesten: „Taksim gehört uns, İstiklal gehört uns“, „Tayyip, tritt zurück“, „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“ (der kommt immer am besten direkt nach einer Gasattacke), „Ihr seid alle Hurensöhne“, und ja, „Lutsch meinen Schwanz, Tayyip“. Das Gefühl, dem allmächtigen Premierminister im Takt mit tausenden anderen Menschen ungestraft eine derartige Beleidigung an den Kopf zu schleudern, wirkte wie elektrisierend auf die Menge. Die Leute brüllten aus vollem Hals und freuten sich dann jedes Mal wie kleine Kinder. 

Ein ca. 30-jähriger Mann namens Ihsan erklärte mir in den Schreipausen, dass er noch nie in seinem Leben demonstriert habe, aber heute müsse man einfach. „Es geht nicht mehr um den Park, es geht jetzt um alles! Die wollen uns unser Leben wegnehmen, unsere Freiheit. Tayyip will uns in die Osmanenzeit zurückjagen, aber wir machen nicht mehr mit!“ Ihsan erklärte mir auch, dass die Polizei den Taksim-Platz abgeriegelt habe. 

Die Masse bewegte sich nicht wirklich nach vorne, und man konnte den Platz nicht sehen, also beschloss ich, es mit einer Freundin durch die Seitenstraßen zu versuchen. Hier war die Stimmung weniger aggressiv, und alles war voller Jugendliche, die in Gruppen auf der Straße standen oder saßen, Bier tranken und „Prost Tayyip“ sangen. Die Stimmung war ausgelassen, Pärchen knutschten auf der Straße, und die Biervorräte der Kioske waren leergekauft—obwohl Erdoğan angeblich gerade Alkoholverkauf nach 10 Uhr verbieten wollte. 

Je näher wir dem Platz kamen, desto mehr Leute hatten improvisierte Gasmasken aus Schals und OP-Masken und Taucherbrillen auf. Eine Menge Leute trugen auch Zitronen und Plastikflaschen mit einer milchigen Flüssigkeit mit sich herum, eine Mischung aus Magenmittel und Wasser, die das Tränengas neutralisieren sollen. Und schließlich war ich in der Meşelik Sokak ganz vorne an der Front angekommen. 

Die Straße war wie eine Kampfzone zwischen den Demonstranten und den Wasserwerfern und Gasgrenadieren der Polizei. Gerade als ich ankam, war ein Polizeitrupp am anderen Ende aufgetaucht, um die Demonstranten auseinander zu scheuchen. Das geht in der Theorie ziemlich simpel, weil man einfach mit Gasgranaten in die Richtung der Demonstranten schießt, die dann fliehen müssen. 

Wenn man ein bisschen Tränengas abbekommt, fangen die Augen und die Nase an zu brennen, und man muss schauen, dass man möglichst schnell aus der Wolke rauskommt. Wenn man zu langsam ist und eine richtige Ladung bekommt, dann wird man komplett blind, verliert die Kontrolle über seine Beine, es zieht sich einem die Lunge zusammen, und man weiß nicht, ob man kotzen oder ersticken soll. 

Aber das Zeug verzieht sich auch schnell wieder, und sobald die Luft auch nur annähernd rein war, kamen die Leute wieder vorgerannt und schmissen Steine oder Flaschen in Richtung der Polizisten. Das heißt im Grunde, dass man die ganze Zeit vorläuft, um zu schreien, Steine zu werfen oder (in meinem Fall) Fotos zu machen, dann kommen die Granaten, man stolpert wieder zurück, versucht, seine Schleimhäute unter Kontrolle zu kriegen, und läuft wieder vor. 

Es war jedes Mal beeindruckend zu sehen, wie bei jedem hustenden und rotzenden Rückzug „Langsam! Ruhig!“ herumgerufen wurde, um eine Massenpanik zu vermeiden, dann die Studenten mit dem „Augen-Ayran“ kamen, um den Leuten die Gesichter zu waschen, bis dann irgendjemand „Freunde, wieder nach vorne!“ rief, so dass alle wieder vorliefen. 

Die Türken reden sich in jeder Lebenslage immer gerne als „Freunde“ (Arkadaşlar) an, was in der Situation besonders rührend wirkte („Freunde, die Schweine kommen von hinten!“, „Freunde, wir brauchen mehr Steine auf dieser Seite!“, „Freunde, macht Platz für den Verletzten!“). 

Nach circa zwei Stunden von diesem Vor und Zurück hatte es die Polizei aber anscheinend satt und schoss uns komplett voll, mit dem großen Wasserwerfer und wohl irgendwie auch von hinten, jedenfalls war das Gas plötzlich überall, ich konnte nichts mehr sehen und bin nur noch den anderen Füßen durch irgendwelche Gassen hinterher gestolpert. 

Als ich wieder klar war, beschloss ich, erstmal eine Pause zu machen und mir in Cihangir  ein paar Bier zu holen. Cihangir ist das Szeneviertel Istanbuls, und auch hier waren überall Menschen auf der Straße. Die Atmosphäre war irgendwie wie ein wütendes Woodstock, man war Schulter an Schulter gegen den Faschismus und trank dabei Bier.

Am Himmel flogen immer wieder Helikopter mit Suchscheinwerfern vorbei und wurden ausgebuht. Alle Leute, mit denen ich sprach, waren sich einig, dass es längst nicht mehr um den Park ging, sondern dass man Erdoğan einfach mal zeigen müsse, dass er nicht alles machen kann, was er will. Und alle wollten weitermachen, bis die Polizei den Platz räumt, „auch wenn es einen Monat dauert!“

Nachts gegen 3 Uhr war auf dem Hauptschauplatz vom Vormittag, der İstiklal, alles leergefegt. Nur ein vorbeiziehender Polizeitrupp schoss noch einmal zwei Granaten ab, wovon mich eine am Arm erwischte, aber auf 200 Meter tat es nicht furchtbar weh. Am Samstag habe ich noch einen Freund getroffen, der auf 150 Meter eine an den Hinterkopf bekommen hatte und genäht werden musste. 

Unter den Demonstranten erzählte man sich von vier Toten, unter anderem einem Mädchen, das unter einen Polizeipanzer geraten war, und zwei Studenten, denen von Gasgranaten die Augen aus dem Kopf getrieben wurden. Ich hatte ehrlich gesagt keine Möglichkeit, diese Geschichten zu überprüfen, aber was ich am nächsten Tag gesehen habe, lässt mich denken, dass nur vier Tote fast ein Wunder wären.


Ein Mann lag verletzt auf dem Boden

Am Samstag waren zum ersten Mal auch Kamerateams (alle mit richtig schicken Gasmasken) zu sehen. Am Vorabend hatte ich immer wieder gehört, dass kein einziger türkischer Sender über die Krawalle berichtet hatte, stattdessen liefen Kochshows. 

Während ich zum Taksim hochlief, fingen die Polizisten aber trotzdem ganz ungeniert an, wieder Gas in die Seitengassen reinzuballern. Plötzlich knallte es ein paarmal, und dann kamen an die zweihundert Menschen auf mich zu gerannt, (auf der Flucht vor Gas hinter ihnen), während sich ein Trupp Polizisten hinter mir befand. Die Kollegen hatten sich mittlerweile die Gasmasken aufgesetzt und leiteten die Menge durch ein paar gezielte Schüsse vor die Füße in eine steile Straße den Berg runter. 

Obwohl die Leute sowieso schon auf der Flucht waren, schoss ein kleiner Wichser, den ich vorher bei mir „Cop Babyface“ getauft hatte, auf höchstens 15 Meter noch einmal hinterher (allerdings immerhin zuerst auf den Boden). Die Granate schnitt mir leider den Weg den Berg runter ab, also rannte ich wieder hoch, vorbei an meinen Freunden und Helfern, und fand mich mit einer Gruppe von circa 30 Leuten vor dem Starbucks unter dem Marmara-Hotel wieder.

Das Gas wehte schon aus allen Richtungen über den Platz, und das ist ein Scheißgefühl, wenn man keine Seitengassen zur Flucht hat. Die Polizisten fanden das aber nicht genug und schossen aus beiden Richtungen noch eine Salve genau auf uns, so dass wir alle nur noch in den Starbucks rennen konnten. 

Ein geschlossener Raum mit der einzigen Öffnung zur vergasten Straße ist der beschissenste Zufluchtsort, den man sich vorstellen kann, aber wir hatten keine Wahl. Drinnen war die Hölle, was ich noch sehen konnte, waren überall gekrümmte, hustende und kotzende Gestalten, keiner konnte sprechen, kein Arkadaşlar mehr, nur blanke Panik, dass immer mehr Gas kommt und wir alle bei Starbucks ersticken. 

Als ich irgendwann doch wieder rauskam, war ich ziemlich am Ende und wollte eigentlich nur noch, dass alles aufhört. Von mir aus hätte Erdoğan sich ein privates Disneyland auf den Park bauen können, solange sie nur aufhören, uns zu vergasen. 

Ich hatte mich ein bisschen gefangen und bin zu den Polizisten gewankt. Der eine meinte zu mir, das Gas sei OK, wenn man eine Gasmaske habe. Die anderen haben nur blöd gegrinst, und ich habe das Interview abgebrochen, weil ich einfach zu wütend war und nicht in eine Schlägerei mit denen geraten wollte. 

Mittlerweile waren die Fernsehjournalisten auch auf dem Platz angekommen, was die Polizisten anscheinend etwas gehemmt hat, weiter zu schießen. Es waren aber auch keine Demonstranten mehr da. Sie ließen sogar einen Konvoi schwarzer Autos mit Abgeordneten der nationalistischen MHP (gegen die AKP) durch, die den Journalisten am Atatürk-Denkmal was in die Kameras quatschten. 

Ich lief nach Cihangir, wo die die Demonstranten Barrikaden aus brennendem Müll und Blumenkästen gebaut hatten. Wie schon gesagt, Cihangir ist das Szeneviertel. Hier wohnen Schauspieler und Kreative, es gibt coole Cafés, Boutiquen und teure Feinkostläden. Die Bewohner sitzen meistens in den Teehäusern und Bars um die malerische Firuz-Ağa-Moschee und vergleichen ihre wohlfrisierten Schnurrbärte und Sonnenbrillen. 

Es begann im Grunde wieder das gleiche Spiel wie am Vorabend: Die Polizei rückte an und schoss mit Tränengas, die Demonstranten warteten, bis das Gas sich etwas verzogen hatte, rannten vor und bauten die Barrikaden wieder auf, und die Polizisten machten sie wieder kaputt.

Allerdings kam es mir diesmal gefährlicher vor, weil ich gesehen hatte, dass die Polizisten ihre Granaten mittlerweile einfach in hohem Bogen direkt in die Menge (und nicht zuerst auf den Boden) schossen. Wenn es knallte, musste man sich also sehr schnell Deckung suchen. 

Wenn die Polizei zu schnell war, konnte man sich manchmal in ein Haus retten. Irgendwann saß ich in einem dunklen Treppenhaus, hinter mir keuchte und weinte ein völlig vergaster Typ, dem literweise Rotz aus der Nase lief, und darüber drei weinende Mädchen, von denen eine immer wieder „Tayyip, Tayyip, Gott verfluche dich“ schluchzte, während man durch die Glastür und die Gasschwaden draußen die schweren Stiefel der vorbeilaufenden Polizisten sehen konnte. Reines Bürgerkriegsgefühl. 

Ich floh weiter auf ein Hausdach mit Ali, der mir erklärte, dass das Volk gewinnen würde, „weil wir so viel Hass auf Erdoğan in uns haben.“ Unten rannten sie schon wieder vor und sangen: „In dieser Straße sind wir!“ Die Wasserwerfer versprühten mittlerweile ein orangenes Gemisch aus Wasser und Reizmitteln, weshalb viel erzählt wurde, sie würden „Agent Orange“ in das Gas mischen. Warum genau die Polizei die Demonstranten mit Entlaubungsmitteln vergasen sollte, weiß ich nicht. 

Vor der Moschee erklärte mir ein vor Wut fast heulender Schauspieler, dass Erdoğan sich wie ein „König“ aufführt. „Aber wir sind bereit für unseren König, soll er kommen! Uns steht die Scheiße bis hier! Wir tragen den Kopf immer hoch, weil uns die Scheiße bis zum Hals steht!“ Ein anderer rief dazwischen, dass Erdoğan die ganze Türkei „und die Zukunft unserer Kinder“ verkauft habe. 

Ich sah, wie sich ein Rettungswagen von unten den Weg durch die Menge bahnen wollte, aber aufgehalten und von Demonstranten durchsucht wurde, weil schon welche dabei erwischt wurden, wie sie Gasnachschub zur Polizei bringen, erklärten mir die Leute. 

Plötzlich war alles vorbei. Die Demonstranten kamen langsam aus ihren Löchern gekrochen, und die Polizei tauchte nicht wieder auf. Weil keiner wusste, was das zu bedeuten hatte, dauerte es eine ganze Weile, bis sich die Masse die eben noch hart umkämpfte Straße hochtraute, und plötzlich war der Weg zum Taksim-Platz frei.

„Wir haben gesiegt!“

Um kurz nach vier stand ich auf dem Platz, umgeben von Tausenden Demonstranten, die langsam ihre Masken abnahmen. Von der Polizei war nichts zu sehen. Ece Ertan, eine vor Erschöpfung und Adrenalin zitternde Aktivistin der „Revolutionären Arbeiterpartei“, sagte mir, dass sie nie mit einem solchen Sieg gerechnet habe. „Die Demonstranten waren unglaublich zäh. Vielleicht hat sich über die Zeit immer mehr Frust mit der AKP aufgebaut.“

Wie eigentlich alle, die ich dazu befragt habe, findet sie Barrikaden und Steine völlig legitim. „Das ist Selbstverteidigung. Zu bestimmten Zeiten muss man die richtigen Mittel einsetzen.“ Ob die letzten beiden Tage etwas verändern werden? „Es gibt noch viel zu tun. Aber Erdoğan hat jetzt Angst, dass das hier unser Tahrir-Platz wird." 


Der Typ hält eine Sprühflasche mit Medizin gegen das Gas in der Hand. 

Überall war die Euphorie zu spüren, aber gleichzeitig waren alle überzeugt, dass die Polizei zurückkommen würde. Irgendjemand zündete eine Polizeihütte am Eingang zum Park an, und eine riesige Rauchsäule krönte die Szene. 

Eren (der mit der Granate am Kopf) erklärte mir, dass es jetzt nur noch um „Schwanzvergleich“ ginge. „Wir denken, dass wir gewonnen haben, aber wir haben Tayyip gesagt, er soll unseren Schwanz lutschen. Das kann er nicht mit sich machen lassen.“ Viele Leute in der ganzen Innenstadt setzen sich irgendwo auf den Boden und tranken Bier. Freiwillige verteilten Käsebrote. 

Eine ganze Gruppe brach nach Beşiktaş auf, wo weiter Kämpfe stattfanden, aber der Großteil schien sich auszuruhen und auf die Nacht vorzubereiten. Auf der verwüsteten İstiklal hatten die ersten Geschäfte wieder offen, und Leute ließen sich vor den Graffiti fotografieren. 

Die Straße ist auf ihrer gesamten Länge mit Anti-Erdoğan-Sprüchen vollgeschmiert, kein Rolladen oder Schaufenster wurde verschont. Richtig zerstört wurden aber nur zwei Geschäfte. Später bauten findige Geschäftsleute entlang der Straße Bier- und Tequilastände für die „Erdoğan-Party“ auf, die aber wahnsinnig überteuert waren. Überall zogen Gruppen Betrunkener herum, die andauernd in Anti-Erdoğan-Gegröle ausbrachen. 

Gegen 11 Uhr war ich das erste Mal im Gezi-Park, wo sich Hunderte Menschen versammelt hatten und feierten. Am Eingang hatten sie zwei Polizeiautos und einen Bus zerstört, und als ich um 2 Uhr nachts noch einmal auf den Platz kam, hatten sie zwei riesige Feuer mit Materialien von der Baustelle gebaut. Der Platz und der Park waren immer noch voller Menschen, auch weil man Angst hatte, dass die Polizei zurückkommen würde, wenn es zu wenige werden.

Von verschiedenen Leuten wurde mir erzählt, dass die Polizei um 3 Uhr den Strom abschalten würde, das sei im BBC so gemeldet worden. Eine Gruppe Studenten meinte, dass die Polizei dann im Schutze der Dunkelheit ihr „neues, noch stärkeres Gas“ und Gummigeschosse einsetzen würde. 

Als es um viertel nach drei immer noch nicht passiert war, bin ich nach Hause gegangen, und bis jetzt (Sonntagabend) hat die Polizei am Taksim noch nichts unternommen. In Beşiktaş und Akaretler wurde Sonntagnacht immer noch heftig gekämpft, und in Videos aus Beşiktaş habe ich auch zum ersten Mal Polizisten mit Gummigeschossen auf flüchtende Demonstranten schießen gesehen. Hundert Meter vor meinem Haus stehen jetzt noch zwei Schützenpanzer, zwei gepanzerte Jeeps, ein Wasserwerfer und sieben Busse der Polizei bereit. 

Was kommt jetzt?

Kein Mensch weiß, ob dieser Erfolg langfristig an der Politik Erdoğans etwas ändern oder seine Wahlaussichten ernsthaft in Gefahr bringen wird. Erdoğan soll sich mittlerweile entschuldigt haben, der Innenminister hat angekündigt, Polizisten zu bestrafen, die unverhältnismäßige Gewalt angewendet haben. 

Noch am Freitag wurde bekannt, dass ein Gericht einen Baustopp über den Park verhängt hatte. Da war die Sache aber schon längst über den Park hinausgewachsen. 

Der bleibendste Effekt dieser zwei Tage wird vielleicht einfach sein, dass die türkische Zivilgesellschaft gemerkt hat, dass sie nicht alles mit sich machen lassen muss. Die Demonstranten wirkten während der ganzen Zeit so, als wären sie nicht nur von der Heftigkeit der Polizeireaktion geschockt, sondern auch von der Energie, die plötzlich alle ergriffen hatte.

Es wurde permanent fotografiert und gefilmt und getwittert und gefacebookt und gegrinst, und die Solidarität unter den Demonstranten war ergreifend. „Wir sind hier nicht wie in Europa, wo immer demonstriert wird“, erzählte mir ein Student. „Das hier ist für uns das erste Mal.“ 

Wie breit die Unterstützung der Gesamtbevölkerung für die Bewegung ist, ist ebenfalls schwer zu sagen. Im Allgemeinen wirkten die meisten Demonstranten eher wie Studenten aus der Mittelklasse. Andererseits kam es in der ganzen Türkei in 48 Provinzen zu Demonstrationen und Verhaftungen, besonders heftig in Ankara.

Und es war eine Jugendbewegung—ich würde behaupten, dass 90 Prozent der Demonstranten zwischen 15 und 30 waren. Natürlich lässt sich das Ganze nicht mit dem Arabischen Frühling vergleichen, wo die Leute mit deutlich mehr zu tun hatten als mit Gasgranaten. Aber dass die Polizei bereit ist, eher eine ganze Innenstadt in einem Gasmeer zu versenken, als Insubordination zu tolerieren, kann in dem EU-Schwellenland Türkei auch nicht mehr normal sein. 

Eine Sache ist noch wichtig: Es wurde bestimmt viel zerschlagen und angezündet, was nicht unbedingt hätte zerstört werden müssen. Trotzdem war es auf keinen Fall ein Krawall von unausgelasteten Jugendlichen. Die Polizei hat die Demonstranten aufs Brutalste aus dem Park geworfen, und dann sind die Leute losgegangen, um friedlich auf dem Platz zu demonstrieren. Um sie zu vertreiben, hat die Polizei sie völlig unprovoziert mit Gas beschossen. Eine Nacht und einen halben Tag lang sind die Leute immer und immer wieder in das Gas marschiert und haben sich nicht vertreiben lassen. Was auch immer es war, es war auf jeden Fall heldenhaft.

Fotos: Matern Boeselager 


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