Reisen

Jesus Sibiriens

von Rocco Castoro

Die Mysterien des Lehrers

Von Rocco Castoro


Wissarion (aka Sergej Anatoljewitsch Torop, alias Der Lehrer), Gründer der „Kirche des letzten Testaments“

Ich bin seit zehn Stunden in Russland und nehme den Express­zug zurück zum Flughafen. Es ist August in Moskau und ich schwitze außergewöhnlich heftig und bin jetzt auch noch spät dran. Wenn ich den Flug verpasse, werde ich sehr wahrscheinlich nicht rechtzeitig zum großen „Fest der Fruchtbarkeit“ in Petropawlowka sein und dort mit einem Sibirier sprechen können, der aussieht wie Jesus und glaubt, dass er das Wort Gottes verkündet.

Es geht nur ein Flug pro Tag und ich habe keine Ahnung, wie ich mich am Telefon mit Wladiwostok Airlines verständigen soll, der größten Fluggesellschaft Sibiriens. Wenn ich nicht rechtzeitig da bin, muss ich umbuchen und das bedeutet, ich werde eine Frau namens Tamriko—mit der ich bisher nur E-Mail-Kontakt hatte—bitten müssen, einen ihrer Kollegen zu überreden, zur unchristlichen Zeit von 4 Uhr morgens aufzustehen, drei Stunden bis zum Abakan Airport zu fahren, um dort einen neugierigen amerikanischen Besucher abzuholen und ihn in eine abgelegene und tief religiöse Gemeinde von 4.000 Einwohnern zu bringen, mitten in den Wäldern der Taiga. Das wäre auch an jedem anderen Tag an der Grenze der Zumutbarkeit gewesen und ich musste schon einmal wegen unvorhersehbarer Visaprobleme darum bitten. Wenn ich nicht in 30 Minuten beim Check-in bin, werde ich allerfrühestens am 18. August ankommen. Das ist der höchste Feiertag der „Kirche des letzten Testaments“. An diesem Tag hat vor zehn Jahren ein 29-jähriger ehemaliger Polizeibeamter und talentierter Maler namens Sergej Anatoljewitsch Torop seine Wiedergeburt als Wissarion ausgerufen. Seither hat er eine „geeinigte Religion“ aufgebaut, ein unüberschaubares Gemisch aus christlichen, buddhistischen, hinduistischen, heidnischen und anderen Glaubensrichtungen. Nahezu alles, was Wissarion jemals gesagt oder gedacht hat, ist im unendlichen „Letzten Testament“ festgehalten, das mittlerweile zehn Bände und mehrere Tausend Seiten umfasst. Seine über 5.000 Anhänger halten ihn für eine Art Messias, auch bekannt als „Der Lehrer“. Sie glauben, dass das Universum zwei Ursprünge hat (einer ist die Natur, der andere die menschliche Seele), dass es einen außerirdischen Geist (also Aliens) gibt und dass der Untergang der Welt bevorsteht. Das jedenfalls habe ich aus den paar Schriften verstanden, die mehr schlecht als recht ins Englische übersetzt worden sind.

Auf der Zugfahrt gehen mir die Eindrücke meines Kurztrips durch Moskau im Kopf herum: Vieles dort ist grau, ein bisschen braun und merkwürdig effizient. Tatsächlich komme ich pünktlich in Wnukowo an und renne zum Gate. Als ich das Ende der kleinen Warteschlange erreicht habe, schaue ich auf eine neonbeleuchtete Bar hinter mir. Ich hatte gehofft, mir noch ein Bier holen zu können, denn dort, wo ich hinfahre, ist Alkohol nicht erlaubt. Stattdessen denke ich daran, wie beschissen ich dran wäre, wenn das hier der JFK-Flughafen wäre, und dass ich in den nächsten Tagen aufpassen muss, nicht dauernd „Scheiße“ zu sagen, denn Fluchen ist in der Kirche ebenfalls verboten. Genauso wie Tabak, Fleisch und wahrscheinlich noch viel mehr. Tamriko hatte mich aber vor meiner Ankunft vor allem auf die ersten zwei Verbote hingewiesen. Vier Stunden, ein graues Stück Hähnchen und zwei sonderbare Zitronenkekse später, lande ich mit einer halben Stunde Verspätung um 7.30 Uhr in Abakan. Ich gehe in die winzige Empfangshalle. Es riecht komisch. Alles sieht aus, als sei es von einer gigantischen sowjetischen Flughafenbaumaschine zusammengesetzt worden, die überall die gleichen Flughäfen hingesetzt hat, die nun in Vergessenheit geraten sind und verrotten. Das Schlimmste ist, dass ich niemanden mit einem Schild sehe, auf dem ROCCO steht. Tamriko hatte mir versichert, dass ein Typ namens Ruslin mit diesem Schild auf mich warten würde. Zu erschöpft, um mich aufzuregen, setze ich mich hin und warte 15 Minuten, bis plötzlich ein großer, etwa 20-25 Jahre alter Mann mit drahtigem blonden Haar und einem Pappschild unterm Arm den Sicherheitscheck passiert und den Raum durchsucht. Noch bevor ich das Schild lesen kann, weiß ich, dass er das ist—ein Typ, den man sofort erkennt. Ich stehe auf und gehe zu ihm rüber. Ruckartig dreht er mir seinen Kopf zu.

„Rocco“, sage ich, während ich auf meine Brust zeige. Er schaut mir direkt in die Augen und starrt mich ein paar Sekunden lang an, bevor er das Schild vor sich hält. Ich nicke. „Ja“, sagt er und zieht sich etwas über den Kopf, das irgendwie muslimisch aussieht. Ohne ein Wort zu sagen, verlassen wir das Gebäude und gehen zum Parkplatz. Mir läuft es kalt den Rücken runter.

Am Auto angekommen—einem Kombi mit Allradantrieb, das Steuer auf der rechten Seite—treffe ich eine Frau, die ich für seine Freundin oder Ehefrau halte. Sie ist jung und auf eine eigenartige Weise hübsch, sie lächelt, als sie sich vorstellt. Leider werde ich mir ihren Namen niemals auch nur ansatzweise richtig merken, geschweige denn aussprechen können. Ich habe nicht einmal versucht, ihn in mein Notizbuch zu schreiben.
Vorne im Auto unterhalten die beiden sich ein paar Sekunden lang leise, dann zeigt der Mann auf eine Thermoskanne in der Konsole. „Kaffee?“ Ich nicke. Er gießt ihn in eine Tasse, während die Frau im Fußbereich herumwühlt und ein Einweckglas herauszieht, dessen Inhalt aussieht wie Kleister. Sie schüttet etwas in die Tasse und gibt sie mir. Beide starren mich an, bis ich einen Schluck trinke. Falls das Gift oder Gehirnwäschesaft war, hat es ziemlich gut geschmeckt. Ich trinke schnell aus und ohne ein Wort zu wechseln, bleiben wir noch eine Minute sitzen. „Wir fahren“, sagt der Mann und dreht den Schlüssel um.

Ich bemerke ziemlich schnell, dass Ruslin und seine Frau entweder nicht viel Englisch sprechen oder aber—aus welchem Grund auch immer—keine Lust haben, mit mir zu reden. Ich beschäftige mich derweil damit, meinen 3G-Internetstick, den ich in Moskau gekauft habe, auf meinem Laptop zu installieren. Ich schaffe es, eine Verbindung herzustellen und versuche mit vielen Unterbrechungen einen Videochat mit meiner Freundin aufzubauen, dann einen iChat. Ich erzähle ihr, das alles gut läuft, dass ich ungefähr seit 26 Stunden wach bin und mache Witze über den eigenartigen Kaffee, der mir verabreicht wurde, von zwei Leuten, die offensichtlich Mitglieder einer Sekte sind und mich nun zum entlegensten Ort Sibiriens fahren. Dann ist die Verbindung weg.

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