Mode

Kambodscha Couture

von William Fairman


Eine der bemerkenswertesten Shows war die von Remy Ho, einen in L.A. lebenden Exilkambodschaner. Seine Familie konnte in den 70ern aus Kambodscha fliehen, als Remy noch ein Baby war. Während der Flucht hatte Remys Vater ihn in einem Rucksack versteckt, aber als er unter einem Stacheldraht hindurchklettern musste, blieb der Rucksack hängen und Remys Gesicht wurde so zerkratzt, dass er bis heute eine Narbe hat.

Kambodschas jüngere Geschichte ist von Völkermord, Krieg und Korruption geprägt. Aber das war nicht immer so. Während der 60er ging es in Kambodscha wesentlich fröhlicher zu: Man liebte Psych-Rock, die Mädchen hatten Bobfrisuren a là Mia Wallace, und die meisten jungen Leute waren ordentlich am Feiern. Dann kam der Vietnamkrieg und die Kambodschaner sahen zu, wie vietnamesische und amerikanische Teenager sich gegenseitig mit MGs niedermähten, und dachten sich: „Gott sei Dank geht es uns nicht so.“ (Mal von dem Flächenbombardement abgesehen.)

Kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs, begann der in Frankreich ausgebildete Anführer der kommunistischen Roten Khmer, ein Mann mit dem nom de guerre Pol Pot, im Zuge einer massiven Landübernahme in aller Ruhe zwei Millionen Kambodschaner abzuschlachten. Wer sein Ackerland nicht an die Roten Khmer abgeben wollte, wurde kurzerhand abgeknallt. Heute, 40 Jahre später, möchte das Land, das einst als der Wilde Westen des Ostens bekannt war, lieber für etwas anderes stehen als für Massenmord. Deshalb fand im November Kambodschas erste Fashion Week statt. Da musste unser Fashion-Week-Internationale-Team natürlich unbedingt hin.

Phnom Penh ist eine seltsame Stadt. Wenn man die Flusspromenade am Mekong entlang spaziert, bekommt man einen ganz guten Eindruck von der örtlichen Szene: Jugendliche, die sich als Mädchen verkleidet haben, stellen zur Unterhaltung der Familien aus der Nachbarschaft, die zum Spazieren hier her gekommen sind, Szenen häuslicher Gewalt nach. Es ist die hiesige Version der Jongleure und lebenden Statuen westlicher großer Städte, nur viel deprimierender und sexuell zweideutiger. Wenn man es quer durch die Millionen schlenkernder und hupender Tuk-Tuks und Mopeds über die Straße schafft, stößt man auf einen finstereren Teil der Stadt, wo sich Trauben westlicher Männer mittleren Alters vor Clubs mit Namen wie „Heart of Darkness“ versammeln. Wir gingen circa fünf Minuten in einen dieser Läden rein, nur um mit anzusehen, wie ein Tourist eine Prostituierte unter den argwöhnischen Blicken ihres Zuhälters grob befingerte.

Eine junge Amerikanerin, die seit einem Jahr in Phnom Penh arbeitete, erzählte mir, dass die Leute, die hierherkommen, zu verlorenen Seelen werden. Und es fällt einem nicht schwer zu erahnen warum. Psychopharmaka sind zu Spottpreisen frei in Straßenapotheken erhältlich, Restaurants mit Namen wie „Happy Pizza“ verkaufen faustgroße Tüten mit Marihuana für fünf Dollar das Stück, und eine größere Gruppe auf unbekanntem Wege hergekommener Westafrikaner treibt regen Handel mit Heroin. Und irgendwo inmitten all diesen Trubels brummen die Textilfabriken mit dem Klang der 400.000 von jungen Frauen betriebenen Nähmaschinen, auf denen die billigen, massenproduzierten Klamotten hergestellt werden, deren Nutznießer Leute wie du und ich sind.

Ihr könnt Fashion Week Internationale: Cambodia auf VICE.com ansehen.

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