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      Kannst du mit Bitcoins endlich reich werden?

      May 31, 2013
      Johannes Niederhauser

      Von Johannes Niederhauser

      Freier Autor


      Illustration von Viktor Matic 

      Selbst wenn du kein vereinsamter Geek bist, der sich seine Pornos anonym mit Bitcoins kauft, damit seine Mutter (oder die Polizei...) das nicht auf der Kreditkartenrechnung entdeckt, hast du vermutlich schon von Bitcoins gehört. 

      Was aber sind Bitcoins? Welche Ideologie steht dahinter? Sind sie nur kurzzeitig wegen der Eurokrise interessant? Denn ihr Kurs schnellte während der Tage der Zypernkrise erstmals wirklich in Höhe, nur um kurz danach wieder einzubrechen. 

      Oder könnte die Internetwährung unsere Welt(wirtschaft) massiv verändern und reale Gefahren für die Stabilität unseres Finanzsystems bedeuten? Die wirklich wichtige Frage auf lange Sicht aber ist: Wollen wir ein algorithmusgesteuertes Geldsystem oder soll Geld weiterhin eine soziale Institution von Menschen sein?

      Bitcoins sind das erste wirklich erfolgreiche virtuelle, komplett algorithmisierte und vor allem tatsächlich internationale, aber auch nahezu absolut anonyme Peer-to-Peer-Zahlungsmittel. Es gibt maximal 21 Millionen Bitcoins—diese Menge wird aber erst im Jahre 2140 erreicht werden. Im Moment sind erst rund 11 Millionen im Umlauf, aber alle 10 Minuten kommen 25 Bitcoins dazu.

      Natürlich gibt es Fehler im Algorithmus von Bitcoins. Es besteht auch die große Wahrscheinlichkeit, dass sie daran zugrunde gehen werden. Doch wichtiger ist, was sie momentan bereits bewirken und wie sich die damit losgetretene Entwicklung langfristig auf die Wirtschaft und das Finanzsystem auswirkt.  

      Die anonymen Bitcoins sind nicht verfolgbar. Das erlaubt das Florieren jeglicher Kriminalität, wie Geldwäsche in großem Stil, Finanzierung von Terrorismus und das Verbreiten von Kinderpornografie und Drogen. Da zudem die Bitcoins ja momentan noch komplett von realen Währungen abhängig sind—du kriegst sie ja nur im Tausch gegen Euros oder Dollar—fließen am Fiskus Einnahmen vorbei und direkt in illegale Märkte.

      Wie werden sich Bitcoins auf die Wirtschaft auswirken und was sagt eigentlich die Politik zu Bitcoins? Ein Sprecher des Bundesamtes für Finanzen bestätigt mir, dass die Entwicklung der Bitcoins kritisch mitverfolgt wird. Aber aus der Sicht des Ministeriums handelt es sich nur um eine Randerscheinung, die von der Finanz- und Eurokrise begünstigt wird. Die Europäische Zentralbank steht dem Ganzen schon kritischer gegenüber: Die EZB hat sich schon im Herbst 2012 mit Bitcoins und anderen privaten Währung intensiv beschäftigt. In einem Forschungspapier heißt es, dass momentan noch keine Gefahr für Preisstabilität oder Finanzmärkte ausgehe. Das Handelsvolumen ist schlicht noch zu gering. Aber in „Zukunft könnte sich das ändern, wenn sich solche Geldsysteme als echte Alternative zu traditionellen Währungen etablieren sollten.“ Und dann haben Währungen wie Bitcoins das Gefahrenpotential, „die relativen Preise von Gütern und Dienstleistungen zu stören.“ Das heißt, je mehr jetzt Bitcoins kaufen, desto stärker wird die sowieso schon hohe Volatilität der Bitcoins und desto stärker werden auch echte Preise von den unregulierten Bitcoins beeinträchtigt.

      Das Ding ist auch, dass du echt früh angefangen haben musst, um Kohle mit dieser Währung zu machen, und vor allem solltest du ein bisschen ein Computer-Geek sein. Rate mal, wer in letzter Zeit so richtig abgesahnt hat? Rick Falkvinge, der Gründer der schwedischen Piratenpartei. Passt perfekt. Er hatte fast sein gesamtes Vermögen in Bitcoins angelegt und als der Wert der Währung im April explodierte, hat er die meisten schnell verkauft.

      Wegen dieser Explosion wurden Bitcoins auch von Eric Posner, Professor für Recht an der University of Chicago, einerseits als Fantasie“, andererseits als „böses Schneballsystem“ bezeichnet , bei dem nur die Macher und ein paar Früheingeweihte, wie Rick, aus der Open-Source-Szene gewinnen könnten. Ob das stimmt, ist genauso wenig zu beurteilen wie die Existenz des japanischen Gründers (aber dazu später mehr).

      Wichtiger ist auch zu verstehen, welche Ideologie sich dahinter verbirgt. Es rein als Schneeballsystem zu bezeichnen, übersieht die Möglichkeiten und Gefahren. Denn um Kohle zu verdienen, sind Bitcoins anscheinend immer noch geeignet. 

      Vom Broker EXANTE gibt es einen ersten Bitcoin-Fund (mit Sitz in der Steueroase Bermuda!), der zwar erst vor drei Monaten gegründet wurde, aber in dieser kurzen Zeit den schier unfassbaren Return von mehr als 1000% einfuhr. Das klingt jetzt tatsächlich nach Investitionsblase, es aber zeigt auch, dass das Interesse von Großanlegern an Bitcoins schon längst geweckt ist. Der Wert der Bitcoins stieg von vorher knapp 25 Dollar auf etwa 266 Dollar in nur wenigen Wochen, um kurz danach wieder auf knapp 100 Dollar zu stürzen.

      Jedoch zeigt das Beispiel des Bitcoin-Funds eindringlich, dass es trotz der Absicht der Macher der Bitcoins nicht funktionieren kann, eine es wirklich dezentrale und von aller Macht befreite Währung zu schaffen: Der mit der größten Rechenleistung macht auch am meisten Asche, und so können lauter kleine Computer-Geeks mit einem fetten Rechner die Macht der Bitcoins übernehmen. Denn um richtig groß mitspielen zu wollen, brauchst du einen Rechner, der das auch mittragen und viele Bitcoins sozusagen produzieren und damit handeln kann, was in der Fachsprache „Minen“ heißt.  Das „Minen“ der Bitcoins folgt dabei einem immer gleichen festgesetzten Algorithmus. Dieser Algorithmus kann mittlerweile fast nur noch von Großrechnern mit extrem guter Grafikleistung ausgeführt werden. Das ist absichtlich so gemacht, damit im Laufe der Zeit immer weniger Bitcoins gemint werden können. Dein MacBook Air würde Jahrzehnte brauchen, um ein paar Bitcoins zu minen.

      Das Minen kostet aber auch eine Menge Strom. Und genau deshalb wurden im Dezember 2012 viele der großen Bitcoin-Rechner vom Netz genommen, was bei steigender Nachfrage zu einem knapperen Angebot geführt hat. Das hat vermutlich eher zu einem Preisanstieg der Bitcoins geführt als die Zypern- und Eurokrise allein, bestätigt Prof. Böhme. 

      Anders als beim normalen Geld werden Bitcoins also nicht zentral gesteuert oder kreiert, sondern sind völlig den Kräften des freien Marktes ausgeliefert. Das alles soll dazu dienen, Inflation zu vermeiden, indem eben keine Zentralbank mehr die Wirtschaft mit billigem Geld fluten kann. Deshalb ist auch die Menge festgesetzt.

      Der Wert der Bitcoins kommt nur „vom Glauben der Teilnehmer“, so Gavin Andresen, der Chefentwickler der Bitcoins und ohne dass eine Zentralbank das Ganze überblicken und kontrollieren kann. 

      Das soll nach Befreiung und „alle Macht dem Volk“ klingen, bedeutet aber auch—und das übersieht Gavin—, dass Bitcoins über keine Sicherheiten verfügen außer eben dem Glauben der Leute. 

      Das Forbes Magazine stellt demnach völlig richtig fest, dass Bitcoins alles Mögliche sein könnten, aber ganz sicher kein Geld. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, auch wenn sie das gerne wären. Noch sind Bitcoins eher ein Gut, das zu einem stark schwankenden Preis gekauft werden kann. Wenn die Bitcoin-Volkswirtschaft aber anwächst, das heißt, wenn immer mehr Güter und Dienstleistungen ausschließlich mit Bitcoins bezahlt werden, ohne sie in eine reale Währung umwechseln zu müssen, dann könnten Bitcoins über die Zeit zu einer wirklichen Währung werden. Das Ziel ist, dass auf lange Sicht immer mehr Unternehmen Bitcoins nutzen. Wordpress und Reddit akzeptieren Bitcoins bereits als Zahlungsmittel.

      Welche Ideologie steht hinter den Bitcoins? 

      Bitcoins wurden angeblich 2009 vom Japaner Satoshi Nakamoto erfunden. Keiner weiß bisher, wer er ist oder ob er wirklich existiert. Ein perfekter Gründungsmythos also. Ein unbekannter digitaler Robin Hood, der die Macht über das Geld an die armen ausgebeuteten Bürger dieser Welt zurückgibt, die von den bösen Zentralbanken versklavt worden sind (obwohl diese Macht natürlich nie in den Händen der Leute lag). Das ist die Ideologie hinter den Bitcoins. Die gleiche Denkweise findest du auch immer bei Verschwörungstheoretikern. 

      Da Zentralbanken die Macht über das Geld haben, wollen alle Staaten (oder halt die Illuminaten, Juden, die CIA oder sonst wer) uns versklaven, indem sie uns langsam aber sicher in eine endlose Schuldenspirale drängen. Diese Schuldenspirale wird, so die Behauptung der Verschwörer, von der Inflation angetrieben.

      Der Grund, Bitcoins zu kreieren, „war aber, eine komplett vorhersagbare Währung zu haben, die nicht von Staaten reguliert wird“, sagt Gavin Andresen. Amir Taakir, Projektentwickler bei Bitcoin, gibt im Interview offen zu, dass er ein „bisschen paranoid ist und niemandem sein Geld anvertrauen will.“ Weder Banken noch Staaten.

      Die Agenda der Entwickler von Bitcoins ist klar: Die Macht der Zentralbanken und damit der Staaten zu schwächen. Normalerweise wollen nur irgendwelche Chemtrail-Jünger so etwas. Die, allerdings, sind zu verkifft, um das durchzuziehen.

      Bitcoins verkörpern also ganz hip und unverkrampft die in Verschwörerkreisen weit verbreitete Paranoia und Angst vor der Staatsmacht. Das ist gepaart mit dem utopischen Glauben, dass in einem libertären oder anarchistischen Weltstaat alles von allein gut läuft. 

      Klar, Terroristen sind zwar auch privat und nicht staatlich organisiert, aber das übersehen die gefährlichen Tagträumer dann einfach. Der Anstieg der Beliebtheit ist andererseits auch Ausdruck der Verunsicherung bei Normalbürgern, die sich eine immer gleich berechnete Währung wünschen und nicht eine vom Menschen abhängige.

      Hinter Bitcoins steht der Wunsch, ein von Algorithmen kontrolliertes Geldsystem zu haben. Der Mensch soll nicht weniger eingreifen können. Computer sollen entscheiden. Dass das trotzdem nicht bedeutet, dass Geld weniger von Machtverhältnissen bestimmt wird, zeigt das Bitcoin-Fund-Beispiel. Um genau zu sein, könnte eine Bitcoin-GoldmanSachs im Bitcoin-Land noch mächtiger werden als im bisherigen Finanzsystem, in dem Zentralbanken und Staaten gegensteuern können.

      Vermutlich werden die Bitcoins selbst untergehen. Die Idee aber wird überleben und stärker werden. Genauso wie MySpace nur Vorreiter war und sein Nachfolger Facebook zunehmend unser Leben bestimmt, genauso wie Napster nur ein erster Schritt auf dem Weg hin zum unkomplizierten Teilen digitalisierter Musik war, so wird die nächste digitale private Währung, die die größten Fehler von Bitcoins verbessert haben wird, die Welt vermutlich im Sturm nehmen. Weitere virtuelle Alternativwährungen wie litecoins oder PPCoins sind schon unterwegs und Geld wird zunehmend also eine völlig neue Form annehmen. Eine rein digitale, rein berechnete, nicht mehr soziale, sondern algorithmisierte und automatisierte. Terroristen und andere Kriminelle werden sich so vermutlich noch leichter anonym Geld beschaffen können. 

      Doch wenn der Wunsch der Menschen nach mehr Stabilität durch algorithmusgesteuertes Geld größer wird, vielleicht bleibt dann für Zentralbanken nur der Ausweg, auch algorithmisiertes Geld anzubieten und nicht länger vom Menschen gesteuerte Währungen. Die Kontrolle hätten dann kalte tote Computer. Ist das wirklich eine bessere Aussicht als Menschen in Zentralbanken mit Gefühlen und Verstand?

       


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