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      Katastrophen Made in Bangladesh

      March 7, 2013

      Von James Pogue


      Hasan Raza/AP

      Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht genau, wie viele von Swapnas Kollegen am 24. November in der Fabrik von Tazreen Fashions ums Leben kamen. Sie nähte gerade an ein Paar Shorts—oder „Halbhosen“, wie sie in Bangladesch genannt werden—als auf dem Boden liegende Garn- und Acrylreste zu brennen begannen. Swapna war erst seit Kurzem schwanger, ihr Mann Mominul arbeitete in derselben Fabrik als Qualitätsprüfer. Als die Feuersirene losging, befahlen die Abteilungsleiter den Hunderten von Arbeitern und Arbeiterinnen unter lautem Geschrei, sich wieder hinzusetzen. Es sei alles in Ordnung. Als die Sirene Minuten später wieder losging, war es zu spät. In drei Treppenhäusern stieg Rauch auf; die Lichter gingen aus. Es gab keine Notausgänge. Swapna wäre lieber gesprungen, als lebendig zu verbrennen, aber alle Fenster waren durch Eisengitter versperrt.

      Mominul hatte, nachdem das Licht ausgegangen war, die Suche nach seiner Frau aufgegeben, und rannte in eine Ecke auf seiner Etage, wo es einigen Männern gelungen war, das Gitter von einem der Fenster zu reißen. Bauarbeiter hatten versehentlich ein wackliges Bambusgerüst an einer Außenwand stehen lassen und etlichen Arbeitern gelang es, aus dem Fenster runter auf das Dach eines nahegelegenen Schuppens zu klettern. Als er auf dem Schuppendach stand, konnte er zusehen, wie das Feuer die acht Stockwerke der Fabrik hochkletterte. Einige Arbeiter rissen Abluftventilatoren aus den Fenstern und sprangen über 30 Meter in den Tod. Plötzlich krabbelte eine kohlschwarze, schreiende Gestalt das Gerüst herunter auf das Dach des Schuppens. Laut schreiend griff die Gestalt nach ihm. Erst als sie sich beruhigte, erkannte Mominul, dass es sich um seine Frau handelte.

      Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Tazreen-Fabrik im Industriegebiet Ashulia bei Dhaka in Bangladesch hatten T-Shirts, Jeans und Shorts unter anderem für die Walmart-Eigenmarke Faded Glory, für Sears und M. J. Soffe, ein Bekleidungsunternehmen der US-Marine, genäht. Das Geschäft mit der Herstellung und dem Export von Konfektionskleidung wird von Unternehmensberatern, westlichen Geschäftsleuten und Regierungstypen mit „Ready-Made Garments“, kurz „RMG“ bezeichnet, während man in Bangladesch schlicht „Bekleidung“ sagt—so wie in „vor der Bekleidung waren all diese Leute Bauern“. Es begann in den 1980ern, als eine winzige Branche unter der Führung einer Gruppe ambitionierter kleiner Geschäftsleute anfing, von den Standortvorteilen zu profitieren, zu denen unter anderem Kinderarbeit und ein extrem niedriger Mindestlohn gehörten.

      Doch die Bedingungen sollten sich über die Jahre langsam bessern. Zum Teil war dies darauf zurückzuführen, dass westliche Textileinkäufer wie Walmart und Nike zum Ziel unablässiger Aktivistenkampagnen wurden, in denen die Ausbeuterbedingungen angeprangert wurden. Firmen, die sich auf derartige Infrastrukturen verließen, reagierten, indem sie Standards einführten, die Kinder- und Sklavenarbeit und andere offensichtliche Formen von Missbrauch in Fabriken beseitigen sollten. 1992 veröffentlichte Walmart ein Dokument mit zwölf Standards für Zulieferer, in denen generelle Prinzipien festgehalten wurden, die von einheimischen Fabriken in Bereichen wie Lohn („Zulieferer müssen ein faires Entgelt zahlen“), Gefängnisarbeit („darf nicht geduldet werden“) und das Recht auf den Zusammenschluss in Gewerkschaften (Zulieferer haben dieses Recht zu tolerieren, „solange derartige Gruppierungen in ihrem eigenen Land legal sind“) einzuhalten sind. Ein weiterer Aspekt ist die Sicherheit: „Walmart geht keine Geschäftsbeziehung mit Zulieferern ein, die eine ungesunde oder gefährliche Arbeitsumgebung bieten“.

      Richtlinien wie diese Vereinbarung von Walmart sind ein Grund, warum das Feuer bei Tazreen Fashions Ende 2012 weltweit für Schlagzeilen sorgte und warum es von allen, von der Redaktion der New York Times bis hin zur US-amerikanischen Arbeitsministerin Hilda Solis, mit dem entsetzlichen Brand der Triangle Shirtwaist Factory von 1911 verglichen wurde: Es hatte etwas von einer anachronistischen Tragödie, wie sie eigentlich nur in einem früheren Zeitalter passieren konnte, als es noch keine „Lieferantenstandards“ gab. Das einzige Problem an dieser Geschichte—welches vielen Mainstream-Zeitungen und anderen Beobachtern entgangen ist—ist, dass es sich dabei um ein Märchen handelt.

      Das Feuer von Tazreen war nämlich nicht wirklich außergewöhnlich. Seit 2006 sind in Bangladesch 500 Arbeiter bei Fabrikbränden ums Leben gekommen. Regelmäßig werden Arbeiter, die versuchen, Gewerkschaften zu gründen, von staatlichen Sicherheitskräften verprügelt und festgenommen. Die Bangladesh Garment Manufacturers & Exporters Association (BGMEA) hat zusammen mit der Regierung eine neue Einheit geschaffen, die sogenannte Industriepolizei, der Menschenrechtsgruppen vorwerfen, Arbeiter zu schikanieren und einzuschüchtern. Mindestens ein Aktivist wurde entführt und ermordet. Aufstände sind an der Tagesordnung. In dem Monat, nachdem es Swapna und Mominul gelungen war, Tazreen zu entkommen, brachen mindestens 17 weitere Feuer in Kleiderfabriken in Industriegebieten aus.

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      Themen: Bangladesh, Arbeitsbedingungen, Sklaven

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