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      Feuchter Handkuss von Wowi!

      January 18, 2013

      Von Nadja Sayej

      Freie Autorin

      Weil ich so eine verruchte Freelancerin bin, habe ich mich in die renommierte PREMIUM-Fashion-Show-Dinner-Party reingeschlichen. Eigentlich war ich nur für die After-Party angemeldet, aber ich habe mir gedacht, ich komme einfach mal ein paar Stunden früher und schau, was so geht. Einfach mal, um zu sehen, was da so für Gäste hinkommen und vielleicht kann ich ein paar Promis fotografieren. Ich hätte nie gedacht, dass ich da wirklich reinkomme. Im Vorfeld habe ich die PR-Tussi mehrmals gefragt, ob ich mit zum Dinner darf, und sie meinte aber immer wieder ganz stur: „Keine Presse zugelassen.“ Die Gäste wollen nicht beim Essen gestört werden, oder dass Journalisten ihnen Fragen stellen oder sie filmen, während sie sich mit geschmortem Chicorée und Maracujaeiskreationen vollstopfen. 

      Angekommen im Bahnhof Potsdamer Platz, wo die Location war, habe ich es trotz allem geschafft, an der Menge vorbei zu schleichen und in den Saal mit weißen Tischen und dem sexy Menu von Berlins Star-Koch Markus Semmler zu gelangen. Ich hab mir am Rand ein Plätzchen gesucht. Da saß auch ein älterer Herr, der früher mal Newsletter über den Einzelhandel geschrieben hat. Er hat das Schreiben aber schon vor langer Zeit aufgegeben. Er meinte, er sei mit den Premium-Gründern, Anita und Norbert Tillmann, befreundet. In dem Augenblick habe ich bemerkt, dass ich die einzige Journalistin im Saal war. Und bald war mir auch klar, warum. Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit war auch eingeladen. 

      Wowereit saß da in der Mitte vom Raum, in seiner Beamten-Kluft, in einem blauen Hemd und mit weiß-grauen Haaren, die aussahen, als hätte er vergessen, sie an diesem Tag zu waschen. Er schien ein bisschen weggetreten, war aber dennoch der ausgebuffte Politiker, den wir kennen. Wortgewandt, distanziert, freundlich—so wie Politiker eben sind. Die Leute haben immer wieder zu ihm rübergeschaut, aber keiner hat sich getraut, mit ihm zu reden—außer natürlich die, die ihn kannten. Und, außer mir, der verrückten Journalistin. 

      Nachdem Tillmann einige Worte gesagt hatte, kam eine Frau auf die Bühne, die wohl wie Anna Wintour aussehen sollte. Mit großer Brille und Bob. Die fing dann an, ein Karaokelied zu singen (total schief). Aus der Menge hörte man Buh-Rufe. Aber es galt nicht der Musik, sondern dem Bürgermeister, der sich gerade anschickte, die Bühne zu betreten. Ich war total überrascht, als man seinen Namen aufrief, und er auf einmal von seinem Tisch aufstand und Richtung Bühne tänzelte.  

      Er nimmt die Buh-Rufe zur Kenntnis, erwähnt kurz den Patzer mit dem BER Flughafen, den wir ja schon zu genüge kennen. 

      Wowereit leitet über zu dem Thema Berlin, und dass es eine internationale Modemetropole sei. Wir seien Berlin und würden uns nicht mit New York vergleichen, sagte er. Ein Hotspot für Mode. Dann setzte er sich wieder an den Tillmann-Tisch. Es gab Kaviar, wilden Lachs, gedünsteten Steinbutt mit einer Buttersoße, roter Beete, Haselnüssen und Zitronenbasilikum. Danach gab es Perlhuhnbrust in Trüffel mit Kartoffelbrei. 

      Ich bin Wowereit als Fan begegnet. Er wirkte ein bisschen angetrunken, aber das waren wir doch alle, oder?

      Es war eine Fashion-Party, und es wurde 2011 Dittelsheimer RieslingKalkstein“ trocken aus großen Flaschen serviert. Ich nahm mein Glas und bin rüber zu dem Wowereit-VIP-Tisch gelaufen—mein Tischnachbar wünschte mir noch schnell viel Glück. 

      „Ich bin aus Kanada“, sagte ich, während ich Wowereit meine Hand entgegen streckte. Ich habe seine Hand geküsst, und er hat meine geküsst. 

      „Welche Stadt?“, hat er gefragt.

      „Toronto“, antwortete ich, während ich gegenüber von ihm und dem Koch, Markus Semmler, Platz nahm. 

      „Oh, ist Mel Lastman immer noch Bürgermeister da?“, fragte Wowereit. Aber das war vor 9 Jahren ...

      „Nein, der Bürgermeister heißt Rob Ford und wurde gerade gefeuert“, habe ich geantwortet. (Nur so nebenbei: Im November wurde Ford wegen Amtsmissbrauch angeklagt, weil er sich verbotenerweise für die Finanzierung der Football-Liga eingesetzt hat.)

      Wowereit zeigt auf sich selber, mit den Worten: „Oh, so wie ich.“

      Die Nachspeise wurde serviert. Der elegante Kellner brachte uns eine Maracuja-Parfait-Kreation mit Mango, Schokoladencreme und Champagnerschaum. Es waren ungefähr 200 Gäste da, dennoch waren 12 Tische leer. (Das ist typisch Berlin—erst sagt man zu und kommt aber dann doch nicht. Alle sind immer viel zu beschäftigt für alles). Wowereit verschwand in der Menge und suchte sich einen Tisch in einer Ecke, wo er sich mit ein paar seiner männlichen Freunden unterhielt. Er wollte ein bisschen Privatsphäre. Das kann man verstehen, aber immerhin opferte er mir 15 Minuten—das ist mehr als ich vom Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky bekam. 

       


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