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      Krankheiten sind schlauer als unsere Medizin

      December 27, 2012

      Von Bruno Bayley


      Illustrationen von Sam Taylor

      Hier im Westen sind wir es gewohnt, für unsere tagtäglichen Wehwehchen stets ein wirksames Medikament zur Hand zu haben. Die schlechte Nachricht ist, dass viele dieser Medikamente bald nicht mehr wirken werden, weil die Erreger einiger der schrecklichsten Krankheiten dieser Welt—von denen viele scheinbar weitgehend ausgemerzt wurden—seit der Entwicklung ihrer Heilmittel mutiert sind und Resistenzen gebildet haben.
      Als zwanghafter Hypochonder musste ich mehr über diese bevorstehende biologische Katastrophe wissen, nicht zuletzt um den anstehenden dauerhaften Panikzustand bis dahin richtig genießen zu können. Zu diesem Zweck sprach ich mit Rachel Nugent, die während ihrer Tätigkeit im Center for Global Development die Arbeitsgruppe Arzneimittelresistenzen leitete, über ihre Erforschung dieser fürchterlichen Krankheiten und über Behandlungsmethoden, die schon bald völlig unwirksam sein werden.

      VICE: Warum helfen viele Medikamente, auf deren Entwicklung wir so viel Zeit und Geld verwendet haben, jetzt nicht mehr?
      Rachel Nugent:
      Krankheitserreger können auf unterschiedliche Weise resistent gegen Medikamente werden. Einmal dadurch, dass viele Menschen, die Medikamente einnehmen, diese nicht zu Ende nehmen. Womöglich fühlen sie sich nach ein paar Tagen besser und sehen keinen Grund mehr, das Medikament weiter zu nehmen. Dabei muss man, um Bazillen abzutöten, großen Druck ausüben. Das funktioniert nur, wenn man es bis zum Ende durchzieht. Stell dir vor, du stehst im Boxring, der Bazillus hängt schon in den Seilen und dann gehst du einfach weg und denkst, du hast gewonnen. Klar kann der Bazillus dann wiederkommen, und meist kommt er sogar gestärkt wieder. Das nennt man „erworbene Resistenz“, was bedeutet, dass der Erreger sich im Körper so anpasst, dass die Medikamente ihm nicht mehr so leicht etwas anhaben können. Die zweite Art der Verbreitung resistenter Erregerstämme geschieht durch Ansteckung von Mensch zu Mensch oder vom Tier zum Menschen. Je mehr der resistente Erregerstamm verbreitet wird, desto häufiger tritt er auf.

      Gelten resistente Formen von Erregern als neue Erregerstämme? Sind es noch dieselben?
      Ja, für gewöhnlich schon, aber Resistenz ist nicht immer das Ergebnis von Mutation. Sie kann auch aus anderen Anpassungen der Mikrobe an ihre Umgebung resultieren. Außerdem kommt es ständig zu Mutationen, die führen aber nicht immer zu Resistenzen. Ganz allgemein gesagt, sind Infektionskrankheiten das Gebiet, wo wir uns die meisten Sorgen über Resistenzen machen müssen, obwohl sie beispielsweise auch bei Medikamenten gegen Krebs vorkommen können.

      Die rasante Mutation von Infektionskrankheitserregern führt also auch schneller zu Arzneimittelresistenzen?
      Ja. Sie können sich mit einer Geschwindigkeit von Hunderten oder gar Tausenden von Mutationen pro Stunde verändern. Aber sie können sich auch anders verändern, um ein Medikament zu überleben. Malaria ist für uns beispielsweise sehr schwer zu kontrollieren. Wir haben eine Reihe neuer Medikamente dagegen entwickelt, aber der Parasit, der sie verursacht, passt sich sehr schnell und effizient an. Damit können wir nicht Schritt halten. Wir verfügen über sehr viele Antibiotika, aber viele sind sich sehr ähnlich. Somit wird es für jeden Erreger, der sich als Reaktion auf einen bestimmten Antibiotikatyp anpasst oder mutiert, leichter, gleichzeitig eine Resistenz gegen eine ganze Reihe anderer Antibiotika zu erwerben.

      Im Laufe der Recherche für dieses Interview habe ich herausgefunden, dass Tuberkulose eine der wichtigsten Fallstudien im Kampf gegen arzneimittelresistente bakterielle Erkrankungen ist. Ich dachte, wir hätten sie unter Kontrolle?
      TB ist ein großartiges Beispiel dafür, wie Arzneimittelresistenzen entstehen, denn um TB zu heilen, muss der Patient die Medikamente über einen langen Zeitraum einnehmen. Bei einem normalen Fall von TB nimmt man die Medikamente vielleicht neun Monate lang. Im Laufe der Behandlung bieten sich daher viele Gelegenheiten, die Einnahme schleifen zu lassen oder auch mal ganz zu vergessen. Und TB-Medikamente sind fies; die will man nicht wirklich nehmen. Neun Monate klingt zwar lang, doch wer das Pech hat, an einem resistenten TB-Erregerstamm erkrankt zu sein, wird mindestens zwei Jahre lang Medikamente nehmen müssen.

      Wie verbreitet ist die resistente Form der Tuberkulose?
      Sie ist ziemlich weit verbreitet. Ihre Behandlung erfordert eines der schlimmsten Arzneiregimes, die es gibt, und ist sehr viel teurer als die normale TB-Medikation. Mittlerweile gibt es auch ein paar Formen von TB, die wir gar nicht behandeln können. Die Medikamente, die uns zur Verfügung stehen, können sie offenbar nicht heilen. Wir nennen sie vollständig resistente TB, obwohl das noch kein offizieller Begriff ist. Die Begriffe, die für andere Formen resistenter TB verwendet werden, sind entweder MDR-TB für die multiresistente oder XDR-TB für die extrem arzneimittelresistente Form. Die vollständig resistente Form ist nicht sehr weit verbreitet, aber man redet auch nicht gern darüber.

      Tragen billige und gefälschte Medikamente aus Asien zum Dilemma der Arzneimittelresistenzen bei?
      Ja, und genau da werden Indien, China und andere Herkunftsländer qualitativ minderwertiger Arzneimittel sehr wichtig. Das Problem sind nicht nur die schlechten Gesundheitssysteme, die es in vielen dieser Länder gibt, sondern auch die minderwertigen Medikamente. Das sind Medikamente, die wie hochwertige Antibiotika oder Antimalariamittel funktionieren, d. h. sich so anfühlen und oft auch so wirken, doch werden sie häufig in Fabriken hergestellt, die mit den Wirkstoffen geizen. Oder sie werden qualitativ hochwertig produziert, verlieren aber irgendwo in der Lieferkette an Qualität. Sowohl gefälschte als auch minderwertige Arzneimittel sind eine Bedrohung und können zu Resistenzen führen, wobei ein gefälschtes Medikament den Wirkstoff gar nicht beinhaltet und daher auch nicht zur Resistenz beiträgt. Wenn ein Medikament allerdings zu wenig Wirkstoff enthält, wird der Bazillus dem Druck standhalten.

      Foto von CDC/Joe Millar

      Eine Aufnahme von Neisseria Gonorrhoeae und weißen Blutkörperchen. Wenn diese kleinen Typen in deinem Blut sind, hast du wahrscheinlich Gonorrhö. Und falls es ein resistenter Stamm ist, hast du ziemlich verloren.

      Ich habe kürzlich von einer Form der Super-Gonorrhö gelesen, die bislang unheilbar ist. Ich glaube, sie ist zuerst bei Sexarbeitern in Japan aufgetreten.
      Gonorrhö ist etwas, über das wir uns seit Jahrzehnten keine Gedanken mehr gemacht haben; mit Antibiotika war sie stets schnell und einfach zu behandeln. Mittlerweile haben wir es allerdings mit diesen neuen Erregerstämmen der Gonorrhö und ein paar anderer Geschlechtskrankheiten zu tun. Wenn man sie unbehandelt lässt, können diese Infektionen sehr gefährlich sein.

      Was ist mit Medikamenten gegen HIV und AIDS? Sind die auch langsam veraltet?
      Das ist in der Tat ein Fall, bei dem wir sagen können, dass die Resistenzen noch vor uns liegen, also irgendwo in der Zukunft. Es passiert sehr langsam—in weniger als fünf Prozent der Fälle entwickeln sich resistente Formen. Das ist noch sehr wenig, aber wenn wir Geld dafür ausgeben, dass ein Patient antiretrovirale Mittel bekommt (ARV), und nicht darauf achten, wie damit umgegangen wird und ob die Leute sich auch an ihr Arzneiregime halten, wird auch das bald ein großes Problem werden. Wir verlieren schon so viele unserer Antibiotika, und haben schon viele, wenn nicht alle, unserer Malariamittel verloren.

      Was wird passieren, wenn die Malariamittel nicht mehr wirken? Werden wir dann alle an Moskitostichen sterben?
      Wir beobachten heute Resistenzen auf alle Malariabehandlungen, sogar auf Kombinationstherapien mit Artemisinin. Das war bis vor Kurzem das einzige wirklich effektive Mittel gegen Malaria, und es war sehr nützlich, es mit anderen Malariamitteln zu kombinieren, da jedes andere Wirkungsmechanismen hat. Du hast vielleicht von Medikamentencocktails gegen AIDS gehört. Das Prinzip ist dasselbe.

      Warum wirken die alten Malariamittel nicht mehr?
      Bis vor Kurzem hatten wir zur Behandlung von Malaria nur veraltete Medikamente wie Sulfadoxin-Pyrimethamin und Chloroquin, deren Entwicklung in die 1950er Jahre zurückgeht. Je länger einige Medikamente verwendet werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass mit der Zeit Resistenzen gebildet werden.

      Gibt es überhaupt noch Hoffnung für Menschen, die sich mit diesen arzneimittelresistenten Erregerstämmen infiziert haben?
      Bei TB kann man nichts machen, außer sie mit Second- oder Third-Line-Medikamenten zu behandeln. Das sind unsere Backups. Sie sind teurer, haben normalerweise schlimmere Nebenwirkungen und erfordern modernere Gesundheitseinrichtungen, um sie zu verwalten.  

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