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      Leg dich nicht mit Chemtrail-Verschwörungstheoretikern an

      Von Michael Allen

      October 15, 2014

      Flugzeug-Kondensstreifen. Verschwörungstheoretiker bezeichnen sie als „Chemtrails“. Foto: Prashanta | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

      Die Chemtrail-Verschwörungstheorie gehört zu der eher komischen Sorte. Hier behaupten die gleichen Leute, die die Bilderberg-Konferenz für die Erfindung von Malaria verantwortlich machen, Folgendes: Von Flugzeugen hinterlassene Abgase sind voller fieser chemischer oder biologischer Mittel, die die Regierung abwerfen lässt, um das Wetter zu manipulieren, eine gewaltige elektromagnetische Superwaffe zu bauen, die Bevölkerung zu kontrollieren oder im Grunde all das zu tun, was ein soziopathischer Film-Bösewicht mit einer angsteinflößenden Technologie machen würde, die zu 100 Prozent nicht existiert.

      Es wurde nie wirklich erklärt, warum genau die Regierungen überall giftige Chemikalien verteilen lassen wollen und damit auch sich selbst und geliebte Menschen in Gefahr bringen würden. Trotz dieses ziemlich grundlegenden, logischen Denkfehlers und der Tatsache, dass Wissenschaftler die Theorie schon tausendfach widerlegt haben, glauben viele Menschen immer noch daran. Vielleicht hat sich auch in deinem Facebook-Newsfeed schon mal jemand über Fotos von Kondensstreifen aufgeregt.

      Chris Bovey in Argentinien

      Am 1. Oktober dachte sich Chris Bovey, ein 41-jähriger Mann aus dem englischen Totnes, dass er die Chemtrail-Verschwörungstheoretiker mal auf den Arm nehmen sollte. Während seinem Flug von Buenos Aires nach England musste die Maschine in Sao Paulo notlanden und zur Gewichtsreduzierung wurde überflüssiger Treibstoff entsorgt. Chris saß am Fenster und entschied sich dazu, das Kerosin zu filmen, das aus dem Flügel gespritzt wurde.

      Nach der Landung stellte er das Video ins Internet und schrieb dazu einen Text, der das Ganze mit Chemtrails in Verbindung brachte—in der Hoffnung, ein paar leichtgläubige Freunde damit hereinlegen zu können. Das Video wurde inzwischen schon 1,1 Millionen mal angeschaut, fast 20.000 mal geteilt und etliche typische Kommentare gesammelt (die Zuschauer sollen „verdammt noch mal aufwachen“ und Zweifler sind „dumme, bezahlte Blender“).

      Das bloße Filmen reichte Chris aber nicht. Zusätzlich behauptete er auch, bei seiner Ankunft in England aufgehalten und von den Behörden befragt worden zu sein, die anschließend sein Handy konfisziert haben sollen. Damit versetzte er die Leute nur noch mehr in helle Aufregung. Die „Aluhut“-Website (O-Ton Chris) neonettle.com nahm sich der Story an und verkaufte sie als den ultimativen Beweis für Chemtrails.

      Das von Chris gefilmte Video

      Mick West, ein Autor der Anti-Verschwörungstheorie-Website Metabunk (dort wurde dargelegt, warum Chris Video ein Hoax ist), erklärte mir die Geschichte der Chemtrail-Theorie. „Das alles fing Ende der 90er-Jahre an“, sagte er. „Den Leuten fielen einfach zum ersten Mal diese Kondensstreifen hinter den Flugzeugen auf. Es entstand die Vorstellung, dass sie normalerweise nicht sehr lange am Himmel bleiben sollten. Wenn also etwas länger als fünf Minuten da oben zu sehen war, dann muss es gesprüht worden sein.“

      Chemtrail-Verfechter reiten zwar immer wieder darauf herum, dass alle Herdenmenschen blind der Regierung glauben. Sie selbst neigen allerdings dazu, alles zu glauben, was so im Internet steht. Mick ist der Meinung, dass allein die Menge an unbestätigten „Beweisen“ im Internet dazu führt, dass gerade diese Verschwörungstheorie immer aktuell bleiben wird.

      „Die Leute teilen für sie interessante Sachen, ohne sie sich wirklich anzuschauen. Sie glauben demjenigen, der das Ganze ursprünglich gepostet hat, einfach, dass es sich dabei um Tatsachen handelt“, sagte er. „Ich wusste von Anfang an, dass das irgendwie eine Art Hoax ist, aber man will eben sein Weltbild bestätigt sehen. Wenn Verschwörungstheoretiker etwas entdecken, das ihre Thesen unterstützt, dann stürzen sie sich darauf.“

      Chris wurde schließlich in eine Radiosendung eingeladen, die von Richie Allen moderiert wurde. Der wiederum ist mit David Icke —einem Typ, der behauptet, dass wir von einer Gruppe Echsenmenschen regiert werden, die sich als politische Machthaber verkleiden. Während der Sendung gab Chris zu, dass die ganze Sache nur als Streich gedacht war. Das Gespräch verwandelte sich dann in eine Debatte über die Richtigkeit der Chemtrail-Theorie.

      Seitdem ist Chris dem „vulgären Geschimpfe“ von wütenden Verschwörungstheoretikern ausgesetzt. Man muss zwar zugeben, dass das komplett seine Schuld ist, aber es ist trotzdem eine unschöne Situation. Ich rief Chris an, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.

      VICE: Hi Chris. Ich habe gehört, dass du ziemlich schlimme Nachrichten erhalten hast, nachdem du die Verschwörungstheoretiker hinters Licht geführt hast.
      Chris Bovey: Ja, da waren ein paar echt krasse Dinger dabei. Ich wurde als Lockvogel bezeichnet, der von der Regierung bezahlt wird. Auf meinen Lohn warte ich aber immer noch. Am schlimmsten war es auf meiner Facebook-Seite. Die übelste Nachricht habe ich nicht gelöscht, weil sie den Typen wie einen richtigen Idioten dastehen lässt. Dabei ging es um Sex mit Ziegen und wie ich im Gefängnis richtig in den Arsch gefickt werde.

      Ein Anderer sagte, dass ich in die Hölle komme, weil ich das Erste der zehn Gebote gebrochen habe. Ich bin nicht religiös, ich kenne das erste Gebot nicht. Vielleicht lautet es ja „Du sollst keine Chemtrail-Hoaxes online stellen.“ Wieder andere haben gesagt, dass ich dazu gezwungen wurde, das Ganze jetzt als Scherz dazustellen und es sich bei meinem Video wirklich um das Abwerfen von Chemtrail-Molekülen gehandelt hat.

      Warum haben die Leute deiner Meinung nach so schnell geglaubt, dass es sich bei deinem Video um einen Beweis für Chemtrails handelt?
      Ich glaube, dass die Menschen das einfach glauben wollen. Außerdem wird der Regierung nicht vertraut. Es sagt eigentlich schon viel über eine Regierung aus, wenn die Leute glauben, dass sie zu so etwas bereit wäre. Hinzu kommt das fehlende wissenschaftliche Verständnis. Man muss ja nichtmal großartig nachforschen—wenn man auf contrailscience.com geht, wird einem ganz simpel die Entstehung von Kondensstreifen erklärt.

      Haben die Leute inzwischen aufgehört, dein Video als Beleg für Chemtrails zu verbreiten? Du hast ja immerhin alles erklärt.
      Nicht im geringsten. Genau jetzt in diesem Moment teilen es bestimmt einen Haufen Leute und schreiben „Chemtrails“ in allen möglichen Sprachen—ein paar davon erkenne ich nicht mal.

      Ich habe bestimmt 500 Freundesanfragen bekommen, die ich auch alle angenommen habe. Mittlerweile habe ich sie aber wieder gelöscht, weil ich standing zu irgendwelchen komischen Seiten eingeladen wurde. Ich wusste schon vorher, dass es solche Menschen gibt, deswegen habe ich das Video ja auch hochgeladen. Mir war aber nicht bewusst, wie sehr an diese Sache geglaubt wird. Ich habe versucht, mit einigen dieser Menschen zu reden und sie davon zu überzeugen, dass sie falsch liegen. Obwohl ich sogar Beweise hatte, haben sie mich aber nur als Lockvogel bezeichnet und geblockt.

      Wie lange interessiert du dich schon für Chemtrails?
      ich erinnere mich daran, wie ich sie als Kind in der Grundschule gesehen habe. Auf dem Spielplatz beobachtete ich den Himmel und mir fiel auf, dass die Kondensstreifen einiger Flugzeuge länger waren. Ich fragte mich, wieso das so ist. Natürlich war mir damals noch nicht bewusst, dass hier die Illuminaten am Werk sind.

      Warum hast du zugegeben, dass das Video ein Hoax ist und nicht einfach weitergemacht?
      Es wurde mir langsam unangenehm. Ich wollte auch nicht, dass mich meine Freunde für einen Idioten halten. Das war also die perfekte Gelegenheit, reinen Tisch zu machen, und auch die perfekte Gelegenheit, ihnen einen Bären aufzubinden.

      Glaubst du, dass sich die Chemtrail-Verschwörungstheorie irgendwie beweisen lässt?
      Nein, die ist kompletter Humbug. Es gibt absolut keine Beweise.

      Vielen Dank, Chris. 

      Themen: Chemtrails, Verschwörungstheorie, internet, Flugzeug, Kondensstreifen, Sex mit Ziegen, interview, Chris Bovey

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