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      Maximum Security

      October 25, 2012
      Felix Nicklas

      Von Felix Nicklas

      Online-Redakteur

      Während die Weltwirtschaft weiter den Bach runtergeht, der Ifo-Geschäftsklimaindex im September einen neuen Tiefstand erreicht hat, sich die Schere zwischen Arm und Reich laut dem neuen Armutsreport der Bundesregierung immer weiter öffnet, und Demonstrationen, bei denen wütende Bürger von der Staatsmacht zusammengeknüppelt werden, in Europa schon Alltag geworden sind, macht sich die Security-Industrie die Taschen voll.

      Die Security Essen ist die weltweit größte Messe für Pfefferspraypistolen, gepanzerte Limousinen, Stacheldraht, Schlagstöcke und alles andere, was den Pöbel auf der Straße davon abhält, mit Fackeln und Mistgabeln über die 1% herzufallen.



      Die großen Renner sind zurzeit „Non-Letale“ Waffen, doch wenn man nur lange und hart genug mit einem Kubotan, einem kugelschreiber-großen Schlagstock zur Selbst-verteidigung zuschlägt, sind die Grenzen wohl fließend.

      Allein in Deutschland ist der Umsatz der Sicherheitsindustrie zwischen 2009 und 2011 um knapp sieben Prozent auf elf Milliarden Euro gestiegen. Hiervon profitieren zunehmend private Sicherheitsdienste, da der Staat dem in gewissen Teilen der Gesellschaft wachsenden Bedürfnis an Personen- und Objektschutz allein nicht länger nachkommen kann. Staatliche Machtmonopole werden in die Hände von privaten Dienstleistern gelegt. In Gefängnissen, auf Flughäfen, entlang von Grenzen und auf den Straßen werden immer öfter private Sicherheitsfirmen eingesetzt. Eine Studie der Universität Cambridge besagt zudem, dass über 20 Millionen Menschen weltweit in diesem Sektor arbeiten—beinahe doppelt so viele wie Polizisten. Nach Angaben der Europäischen Union hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Umsatz des weltweiten Sicherheitsmarktes von rund zehn auf 100 Milliarden Euro glatt verzehnfacht. 

      Die Sicherheitsmesse in Essen ist das Schlachtfest einer der Industrien, die am meisten davon profitiert, wenn die Zeiten von Unsicherheit geprägt sind und es einer Menge Leuten richtig scheiße geht. In einigen europäischen Ländern, die von der anhaltenden Krise besonders heftig geschüttelt wurden, wie Italien, hat sich das bereits auf die Kriminalitätsstatistik ausgewirkt. Aber auch Deutschland verzeichnet laut Krimi­nalstatistik 2011 einen Anstieg bei Eigentumsdelikten wie Wohnungseinbrüchen. Die Aussage von Innenminister Friedrich, dies sei „besorgniserregend“, wird von der Branche, teils hinter vorgehaltener Hand, teils ganz offen bejubelt, da sie vor allem eines ist: gut fürs Geschäft. 

      Besorgniserregend sind aber auch einige der Produkte, die auf der Messe von 1.086 Ausstellern aus 40 Ländern, darunter die USA, Israel, Ukraine, Russland, Taiwan und vor allem von der VR China vorgestellt werden, sowie auch die Menschen, die sich dort auf Shopping-Tour begeben. Ich habe den vagen Verdacht, mich hier in einen Albtraum zu begeben. Eigentlich hatte ich scharfe Sicherheitskontrollen erwartet, Nacktscanner an den Eingängen, hässliche Menschen, die versuchen, mich am Einlass abzutasten oder Ähnliches. Aber nichts dergleichen. Ein paar gelangweilte Messeangestellte, die beinahe schlaftrunken kurz auf meinen Ausweis schielen und mich durchwinken, sind die einzige, kaum herausfordernde Grenze zwischen dem Chaos der Welt und dem vermeintlich sichersten Ort der Welt. Die Szenerie, die ich betrete, hat viel Ähnlichkeit mit einer Waffenmesse, nur mit dem kleinen Unterschied, dass alle hier feilgebotenen Produkte die bestehenden Machtverhältnisse auf viel perfidere Art als mit tödlicher Gewalt festigen. Statt auf Raketen und Maschinengewehre starre ich deshalb in Vitrinen, in denen sich Elektroschocker und Schlagstöcke auftürmen—„Non-Letale Waffen“, wie sie im Branchenjargon genannt werden. Sicherheitskameras zeichnen neuerdings in HD auf, und scannen Gesichter automatisch und exakter als jemals zuvor, Drohnen, die eigentlich ebenfalls für das Militär entwickelt wurden, sind nun auf dem Privatmarkt erhältlich, ebenso wie Pfeffergaspistolen, die ihre Ladung per Patronen meterweit und zielgenau schießen können. All diese Entwicklungen werden von der Branche als zukunftsweisend und bahnbrechend gefeiert. Doch bei mir klopft die Paranoia an, wenn ich mich vor martialisch ausgestatteten Schaufensterpuppen mit Schlagstöcken in Polizeischutzausrüstung wiederfinde, deren arabische Beschriftungen ihre Zielgruppe offensichtlich machen. Man macht kein Geheimnis daraus, welche Länder hier zurzeit auf Shoppingtour sind.  


      Georg Orwells Visionen und Prophezeiungen haben sich auf der Security Essen endlich erfüllt. Die totale Überwachung ist hier bereits Realität.

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