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      Millionen von Menschen werden in Assads Krieg verstümmelt ...

      December 5, 2012

      Von Milène Larsson

      Fotos mit freundlicher Genehmigung von Chavia Ali


      Chavia mit Mitgliedern des Kulturforums für Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Syrien vor dem Haus des Friedens 2011 in Homs

      Chavia Ali ist 32 Jahre alt und Vorsitzende des Kulturforums für Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Syrien und die bekannteste Kämpferin für die Rechte Behinderter im Nahen Osten. Sich unter einem brutalen Regime wie dem von Assad für Menschenrechte einzusetzen, ist eine riskante Angelegenheit. Wer darüber hinaus als Frau kurdischer Abstammung—was auf Chavia zutrifft—eine NGO für Menschenrechte ins Leben ruft, riskiert lebenslange Haft.

      Chavia sitzt im Rollstuhl, seit sie als Baby an Kinderlähmung erkrankte, doch das hat sie nicht davon abgehalten, in ihrem Kampf für ein menschenwürdigeres Dasein behinderter Menschen in Syrien mit übermenschlicher Kraft gegen die Hindernisse durch das Sozial- und Arbeitsamt und die ständige Bedrohung durch die Geheimpolizei zu kämpfen. Sie erhielt nationale und internationale Anerkennung für ihre Arbeit, und nachdem ihr jahrelang immer wieder Steine in den Weg gelegt worden waren, erkannte das Assad-Regime vor ein paar Jahren, dass es in seinem eigenen Interesse war, ihren guten Namen zu nutzen, um sein eigenes Image zu verbessern.

      2010 erhielt Chavias Organisation finanzielle Unterstützung durch den Fonds, den Syriens First Lady Asma al-Assad ins Leben gerufen hatte, nachdem Chavia mit ihr bei verschiedenen Gelegenheiten über ihre Probleme gesprochen hatte. Dieser neu erwachte offenere Umgang mit den Bürgerrechten weckte internationales Medieninteresse, u. a. auch bei der New York Times, die Chavia über die ungewöhnliche Zusammenarbeit interviewte. Nach einem Jahr stellte sich leider heraus, dass die ganze Aktion bloß eine große Werbekampagne mit leeren Floskeln und uneingelösten Versprechungen war. Vor April 2011, als Assads Armee das Feuer auf friedliche Demonstranten und Zivilisten eröffnete, lebten in Syrien etwa zwei Millionen behinderte Menschen. Als wir im Oktober mit Chavia sprachen—zwei Monate nachdem sie aus Aleppo nach Schweden geflohen war—schätzte sie die Zahl auf inzwischen fünf Millionen oder mehr.

      VICE: Wie schwierig ist es für behinderte Menschen, in Syrien zu leben?
      Chavia Ali:
      Wenn Gebäude evakuiert werden, werden Menschen mit Behinderungen einfach zurückgelassen. Und bei Stromausfällen müssen diejenigen, die auf eine Eisenlunge angewiesen sind, sich mit Ersatzbatterien begnügen. Medikamente sind schwer zu beschaffen, und die Soldaten nehmen keinerlei Rücksicht darauf, ob jemand behindert ist oder nicht. Mein Freund Abdul ist fast vollständig gelähmt und kann nur noch seinen Kopf bewegen. Weil er an den Demonstrationen in Aleppo teilnehmen wollte, fuhr er mit seinem elektrischen Rollstuhl auf die Straße. Da hat ihn ein Polizist ins Gesicht geschlagen, und er fiel zu Boden. Als zwei Frauen ihm zu Hilfe kommen wollten, haben sie Abdul und die beiden Frauen mitgenommen und für einen Monat ins Gefängnis gesperrt. Denen ist völlig egal, ob du eine Frau oder ein Kind bist oder ob du im Rollstuhl sitzt. Wenn du gegen sie bist, bringen sie dich um.

      Schon bevor der Konflikt ausbrach, war Syrien eines der schlimmsten Länder für Behinderte auf der ganzen Welt. Von dem Prinzip der Barrierefreiheit hat die Regierung noch nie etwas gehört, und Behinderte werden wie minderwertige Menschen behandelt. Anstatt uns dabei zu unterstützen, uns in die Gesellschaft einzugliedern und uns eine Ausbildung zu ermöglichen, sind wir nach wie vor abhängig von wohltätigen Einrichtungen. In Syrien gibt es insgesamt 514 Organisationen für behinderte Menschen, aber keine von ihnen befasst sich mit ihren Rechten. Sie geben den Menschen Brot und manchmal auch Geld, aber sie haben keinerlei Strategien, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen und ihre Situation nachhaltig zu verändern. Viele behinderte Menschen in Syrien sind Analphabeten, weil die Regierung niemals dafür gesorgt hat, dass die Schulen behindertenfreundlich gemacht werden.

      Hat es ein ausschlaggebendes Erlebnis in deinem Leben gegeben, das dich dazu gebracht hat, dich für die Rechte der Behinderten einzusetzen?
      Ich habe mich an der Universität von Aleppo eingeschrieben, um Jura zu studieren, weil sie einen Aufzug hatte, sodass ich auch in der Lage sein würde, die Vorlesungen zu besuchen.

      Ich hatte große Erwartungen; doch als ich an meinem ersten Tag die Uni besuchte und den Aufzug benutzen wollte, war er kaputt, und ein Vorbeigehender sagte mir, dass er bereits seit mindestens zehn Jahren kaputt war. Das Universitätspersonal fand immer wieder faule Ausreden, warum er nicht repariert wurde, und monatelang passierte überhaupt nichts. Schließlich besuchte ich das Büro eines Lokalpolitikers, der genug Macht hatte, um mein Problem innerhalb einer Sekunde zu lösen. Und weißt du, was er gesagt hat? „Warum wollen Sie studieren und arbeiten, wenn Sie sich noch nicht mal vorwärtsbewegen können?“ Das hat mich so deprimiert, dass ich zwei Monate lang im Bett blieb und verzweifelt darüber nachdachte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Schließlich beschloss ich, mein eigenes Problem mit dem defekten Aufzug zu vergessen und mich auf die Probleme zu konzentrieren, welche die Behinderten in unserer Gesellschaft allgemein hatten. Wenn wir irgendwann eine Demokratie bekommen, werden wir endlich in der Lage sein, Menschen mit Behinderungen mehr Mitbestimmungsrecht einräumen zu können, wie z. B. das Recht zu wählen. Im alten Syrien hatten wir das nämlich nicht.

      Wie hast du es geschafft, finanzielle Unterstützung von Asma al-Assad zu bekommen?
      Bei internationalen Organisationen für Behinderte war ich inzwischen berühmt, und die First Lady hatte von mir und meiner Arbeit gehört. Der Fonds, den sie unter sich hat, entwickelte ein Programm zur Unterstützung von Kulturprojekten; mein Verband hat sich beworben, und sie beschlossen, mit uns zusammenzuarbeiten. Das Programm sollte zwei Jahre dauern, wurde aber nach einem Jahr abgebrochen, weil ich nicht damit einverstanden war, wie sie die ganze Sache als Werbeprojekt für sich selbst missbrauchten, um zu zeigen, wie toll sie waren und was sie für tolle Sachen machten. Als ich forderte, dass das Geld dazu genutzt werden sollte, echte Arbeit zu leisten und echte Probleme zu lösen, drehten sie den Geldhahn zu. Und als dann die Revolution ausbrach, riefen sie mich jede Woche an, weil sie verzweifelt versuchten, öffentliche Aktionen zu organisieren, die beweisen würden, dass sie etwas Gutes tun, und durch die sie der Welt sagen konnten: „Seht ihr, wir haben gar keine Probleme in Syrien.“ Sie flehten mich buchstäblich an. „Bitte machen Sie das Projekt mit uns. Stellen Sie sich nur vor, was Sie für Schlagzeilen bekämen, von denen alle Behinderten profitieren könnten.“ Aber ich antwortete: „Jeden Tag sterben Menschen in unserem Land und Sie wollen, dass ich der Presse erzähle, wie sehr Ihnen ihr Wohl am Herzen liegt? Für wie blöd halten Sie mich?“

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