Musik
„München geht’s gut - mir nicht“

Der Alltag in Münchens Abseitsvierteln ist vor allem geprägt von Geldnot und einem Umfeld mit viel Drogen, Kriminalität und Gewalt.
Um es vorwegzunehmen, München geht es tatsächlich gut. München belegt schon seit Jahren den ersten Platz diverser Städterankings als wirtschaftlich attraktivste deutsche Großstadt. In den Abseitsvierteln wie Milbertshofen, Hasenbergl oder Neuperlach hat der Alltag aber wenig mit Schickmicki-Getue zutun. Hier geht es darum, über die Runden zu kommen, gerade weil München so teuer ist. Wenn die Bildung für besser bezahlte Jobs fehlt, fühlt es sich wie ein Witz an, sich mit legalem Geldverdienen abzuquälen, das dann kaum für die Miete reicht. Die Migranten müssen sich zudem noch mit Alltagsrassismus herumschlagen. Genau dieses Umfeld ist der Nährboden für Münchens Underground-HipHop, der die hier schwelende Wut und Frustration ausspuckt. Statt unreflektiert Hass auf die Oberschicht auszuschütten, zeugt ihre Musik von einer Menge Talent, Gespür für Poesie und Kreativität. Es wäre zynisch, es ausschließlich für eigenes Verschulden zu halten, dass so viele hier es irgendwie nicht hinkriegen, die existierenden Bildungschancen besser für sich zu nutzen.
Anfang September hing ich ein paar Tage mit Rappern in Milbertshofen und Neuperlach ab, um zu sehen, wie sie wirklich leben, und was sie und die Leute in ihrem Umfeld davon abhält, sich wie der Rest von München die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.
Koka Slim war so etwas wie mein Guide, was möglich war, weil er gerade Urlaub hatte. Alle Rapper, die ich traf, haben einen Job, einige zwei oder drei Jobs gleichzeitig. Slim zeigte mir Milbertshofen, nahm mich mit zu verschiedenen Freunden, zu ihren Hangoutspots und dem besten Dönerladen im Viertel.

Koka Slim
Slims Vater kam als tunesischer Gastarbeiter nach München und holte dann seine Mutter und den einmonatigen Slim nach. „Dann hatte Deutschland ein Problem mehr“, scherzt Slim. Heute ist er 27, arbeitet in einem Supermarkt und wohnt immer noch bei seinen Eltern, wo er lieber heute als morgen ausziehen würde. Das Problem ist, dass er wie so viele hier auf eine Sozialwohnung warten muss. Eine normale Wohnung kann er sich mit seinen Einkünften bei den Münchner Mietpreisen nicht leisten. Aber er darf auch nicht viel mehr verdienen als jetzt, weil er sonst keinen Anspruch mehr auf eine solche Wohnung hätte. Also teilt er sich weiterhin eine kleine Wohnung mit seinen Eltern. Wenn seine Rechnungen bezahlt sind und er seinen monatlichen Beitrag zur Familienkasse geleistet hat, bleiben ihm ca. 400 Euro. „Sei froh, dass du nicht in Uganda lebst ... aber mich interessiert Uganda nicht, weil ich grad aufstehe und nix zu essen hab. Der Kühlschrank ist leer“, sagte er mir: „Ich würd’ dich gern zu Hause reinlassen, aber meine Mutter meinte, das würde sie lieber nicht machen. Dann könntest du mal sehen, wie abgefuckt es ist.“
Die Wohnungssituation in München wird immer schwieriger. Die Mieten steigen von Jahr zu Jahr und die Abseitsviertel werden zunehmend privatisiert. Oberbürgermeister Christian Ude bezeichnete Ende Juli den Anstieg der Mietpreise als das größte soziale Problem der Stadt. Slim beschreibt die Stimmung drastischer: „Es spannt sich immer mehr. Die Leute sind noch ruhig, aber man merkt, dass da eine gewisse Spannung ist. Wenn irgendwann die Bombe platzt, wird irgendeiner sagen: Boah, man hat’s kommen sehen, aber warum hat keiner was getan? Ohne Scheiß, ich will nicht übertreiben, aber ich hätte nichts dagegen, wenn Autos brennen, ich würd’s verstehen.“
Am zweiten Tag treffe ich Slim mitten in Milbertshofen an der U-Bahn-Station Frankfurter Ring. Er hat Sero40 mitgebracht und die beiden entschuldigen sich, dass leider einfach nicht so viel los sei im Viertel am frühen Nachmittag, weil viele Leute hier immer bis nachmittags schlafen. Wir laufen vorbei an einer Arztpraxis, in der „so ein Hippiearzt mit Buffalos“ einem immer eine Krankschreibung gibt, wenn man eine braucht, aber „geh da nie hin, wenn du echt was hast“, warnen sie. Slim zeigt im Vorbeigehen auf ein Kennzeichen: M-BH, „das steht für Milbertshofen, die Leute lieben ihre Hood“.






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