Musikreviews der Woche mit Captain Planet, No Regular Play und Fraktus

von VICE Staff

 

CONVERGE
 

PAUL BANKS
     
 

  PRINS THOMAS
 

KING DUDE




 

P.O.S.
We Don't Even Live Here
Rhymesayers Entertainment
Ein güldener Polit-Hip-Hop-Herbst für Minnesota: Nach Brother Ali legt nun auch der Doomtree-Gründer Stefon Alexander ein neues Album vor, das der humanistischen Sozialkritik des weißen Moslembruders eine gehörige Portion Anarchie entgegenhält. Anstrengend wird das höchstens, wenn zwischendurch Boyz Noise ans Mischpult tritt, um das Tonstudio kurzfristig in eine Super-Mario-Spukschloss-Disco zu verwandeln. Dafür gibt’s an anderer Stelle einen Refrain von Bon Ivers Justin Vernon, quasi als ausgleichende Gerechtigkeit. Und allein dafür, dass P.O.S. all diese Dinge so mühelos zusammenbringt, ohne sich dabei zu einem Vollhorst zu machen, gebührt ihm unser größter Respekt.

NORA JOHNES
 

 
   
 

REDSHAPE
Square
Running Back
Nachdem ich Redshapes neues, seinem Genre treu ergebenes und dennoch die Grenzen von Techno transzendierendes Album komplett durchgehört hatte, war ich verblüfft. Ich konnte darin weder Soul-Samples, anbiedernd kalkulierte Break-Konstruktionen oder überkomprimierte Preset-Plattitüden, noch Avantgardebäuerchen und elitäres Ausschlussgeklöppel ausmachen. Die Platte erschien also frei von beiden Polen alldessen, was an zeitgenössischer elektronischer Musik nervt. Ich glaubte zu träumen. Tatsächlich bin ich zwischendurch über die seligmachende Clever- und Roughness dieser Tunes kurz eingeschlafen. Ich erwachte vom Druck einer Erektion und geriet kurz in Panik. Sollte das alles gar nicht wahr gewesen sein? Einer Kompassnadel gleich zeigte die Latte auf die an meiner Brust ruhende CD-Hülle. Selten hat mich ein Anblick derart erleichtert.

PROF. DR. VIAGGRO
 

VESSEL
Order of Noise
Tri Angle
Typisches Tri Angle-Erzeugnis. Der Urheber: jung und (vermutlich) leidend. Der Sound: ein Spiegel dessen. Sebastian Gainsborough pflegt die Label-üblichen urbanen Entfremdungsmoods, setzt seine Beatpatterns aber gern mal mit verbundenen Augen. Was ihn auszeichnet: er liegt dabei trotzdem sehr oft, sehr unerklärlich intuitiv richtig. Jedoch schwebt sein in Ambientnebel aufgelöster Dubtechno oft noch zu friedlich durch den Äther, um dort anzudocken, wo er wahre Qualitäten beweisen könnte: An der Substanz.

T. VESSELCHEN
 

ANSTAM
Stones & Woods
50 Weapons/Rough Trade
Die „Produktinformation” für sein zweiten Albums musste Lars Stöwe alias Anstam selbst verfassen. Grundsätzlich kein guter Move. Nicht nur gefährdet man damit die Existenz von Musikjournalisten, nein, man wirkt auch schnell wie ein Maler, der meint, seine Bilder erklären zu müssen. Aber was will man machen, wenn den Freunden und Label-Praktikanten angesichts der fortgeschrittenen elektronischen Sophistication nicht besseres einfällt als dusselige In-Jokes, die keiner versteht? So entstehen dann Sätze wie dieser: „Ich schätze Stones & Woods ist offener für das Gefühl der Introvertiertheit, des Emotionalen und Sensiblen allgemein.” Allein für die substantivierten Adjektive hätte uns der Textchef schon die Hände abgehackt, vom Inhalt ganz zu schweigen.

SIMONE REIHNHOLDS
 

MAP.ACHE
Ulfo
Kann Records
Oh Housemusic, du kleine Hure! Du kannst so billig sein, so versessen auf den bald vergessenen Lustgewinn, so einfach dich hergebend für ein bisschen schnell verdientes, dreckiges Geld. Und du kannst so schön sein, in deinen kurzen ehrlichen, nachdenklichen Momenten ... Würg, was für eine Klischeegrütze. Gestern kam Pretty Woman im Fernsehen und meine Langeweile ließ mich schwach werden. Machen wir es kurz: Map.ache legt ein in Sachen Deepness, Haltbarkeit und Eigensinn nicht zu fickendes und unmissverständlich auf sämtliche Trends inklusive Vocals pfeifendes House-Album vor. Im Prinzip unbezahlbar und auch fast ein bisschen unwirklich. In etwa so wie eine alle notwendigen Kunstgriffe beherrschende, feuchte Träume wahr machende Eskortlady mit Doktor in Philosophie.

RICHARD GIER
 

MOULLINEX
Flora
Gomma/Groove Attack
In letzter Zeit habe ich ziemlich viel Moullinex gehört. Morgens zum Frühstück, bei meinen verstrahlten Sonntagmittagsspaziergängen oder abends, wenn ich rauchend mit einem Whiskey im Schaukelstuhl saß und über die Welt nachdachte. Sogar als neulich meine Mutter für eine Stunde auf einen Tee vorbeikam, was ungefähr nur einmal im Jahrzehnt vorkommt, habe ich Moullinex angemacht, um ihr damit subtil zu signalisieren, dass bei mir alles in Ordnung ist. Dabei ist Flora nicht mal eine besonders spektakuläre Platte. Es ist einfach eine lässige Neo-Disco-Scheibe, die intelligent genug ist, um nicht zu nerven, und geradlinig genug, um nicht die ganze Zeit hinhören zu müssen. Und als Bonustrack singt Peaches ein Cover von „Maniac“, du weißt schon, dem Flashdance-Lied, bei dem einem Frauen in einem bestimmten Alter immer so verführerische Blicke zuwerfen, weil sie sich an ihre erste große Liebe (Patrick Swayze) erinnert fühlen. Nur das eine Mal, als meine Mutter da war, habe ich vorher ausgemacht.

DON GOTTO

GRISCHA LICHTENBERGER
And. IV
Raster-Noton
Da Dank der Demokratisierung der Produktionsmittel deine Oma wie Richard Devine auf Meskalin klingen kann, ist das Glitchgewitter als musikalische Ausdrucksform so gut wie tot. Den Maschinen wurden die Geister ausgetrieben, die Utopien der Post-Rave Ära von dampfwalzengleichen Wobblebässen eingestampft und experimentelle elektronische Musik ist meistens nur experimentell, weil der Macher das Handbuch nie zur Hand genommen hat. Grischa Lichtenberger beweist hier das Gegenteil. Seine Musik ist Klang gewordene Fraktalisierung. Sie ist synästhetisch und skulpturhaft. Und trotz einer schonungslosen Konsequenz groovt es und man kann theoretisch dazu tanzen. Nur, dass wir noch nicht wissen wie.

DETLEF D! BOOST
 

NO REGULAR PLAY
Endangered Species
Wolf+Lamb
Erinnert sich noch jemand an diese Parental Advisory-Sticker? Was ist daraus geworden? Und wie niedlich war das eigentlich damals, als man sich noch über Gossenjargon echauffieren konnte? Heutzutage wird vor Potenzpillen, GHB und solchen Sachen gewarnt, aber unmissverständliche Schenkelspreizer wie diese hier sind frei verkäuflich. Kann mir doch keiner erzählen, dass solche discoiden Kuscheljams, bei denen sogar sämtliche Synths in Chloroform getunkt zu sein scheinen, nur der Liebe zur Musik wegen auf den Markt kommen! Himmel, sogar deren Trompetenarragements (normalerweise so wirksam wie eine kalte Dusche) lassen deine Schlange tanzen wie eine Fakirflöte.

LIBI D’OH
 

PRINS THOMAS
Prins Thomas 2
Full Pupp
Ich will gar nicht erst um den heißen Brei reden, ich habe eine Wette am Laufen, laut der ich über Prins Thomas' zweites Album lediglich sagen soll: „Gerd Janson findet es total gut, also muss es total gut sein.“ Dem voran geht eine unbändige Ehrfurcht für Gerd Jansons musikalisches Verständnis meiner Wettpartner und jedes in klaren Bahnen denken könnenden menschlichen Wesens. Und ganz ehrlich: Eine solche Wette ist um einiges schmerzloser als mich auf Hitler oder Jan Wigge beziehen zu müssen. Also will ich es, ohne zu wissen, was genau ich jetzt eigentlich gewinne, gar nicht sinnlos in die Länge ziehen und festhalten: Gerd Janson findet es total gut, also muss es total gut sein. (Ist es im Übrigen wirklich.)

FANGIRL FATIMA
 
ERDBEER-SCHNITZEL
Tender Leaf
Mirau
Wir befinden uns bekanntlich gerade in der Ära der großen R’n’B-Revision. Die meisten Interpreten haben ein Problem: Sie nehmen die Sache zu ernst und erschaffen ihrerseits Revisions-bedürftige Genres wie Dubstep. Andere sind in ihren Großstadtklischees gefangen oder teilen das Los von Kurzsichtigen: Sie sind zu nah dran. Klar, dass da erst ein Typ aus der SBZ (Soul befreiten Zone) Bonn kommen muss, um einen ungetrübten Blick auf den Verhandlungsgegenstand zu entwickeln und mit Tender Leaf das erste anschmiegsame, aber sich nicht anbiedernde, House-mitverarbeitende, aber keinerlei Floorverflachung zulassende und vor allem: sich zu jedem Unsinn bereit erklärende R’n’B-Album der Welt vorzulegen. Es besteht kein Zweifel: Das hier ist die Zukunft!

QUITTENKOTELETT
 

FRITZ KALKBRENNER
Sick Travellin’
Suol
Der Sinn für Romantik, den der Fritz in seinem Timbre mitschwingen lässt, wendet sich vor allem an die Zielgruppe von Paaren, die ihr gemeinsames Tiramisu mit nur einem Löffel bestellen oder an Leute, die einen Til Schweiger-Film bis zum Ende gucken können. Sein durchkomprimierter Konsens-Wumms mit Songwriting-Ambitionen in allen Ehren, aber mich kann er damit nicht gemeint haben. Ich teile meine Desserts grundsätzlich nie, und ich habe aus gutem Grund noch nie ein Schweiger- oder Kalkbrenner-Erzeugnis bis zum Ende rezipiert. Macht mich das nun zum falschen oder genau richtigen Kandidaten für diesen kleinen Text, bei dem wahrscheinlich auch schon jeder halbwegs anspruchsvolle Leser nach einem Halbsatz ausgestiegen ist?

RADO PONAX
 


 
   
     

STRIFE
Witness A Rebirth
6131 Records
Warum all diese Hardcore-Bands von damals auf einmal zurückkommen, kann die verschiedensten Gründe haben. Langeweile, Familienflucht, Loch in der Geldbörse. Im Fall von Strife wird das Motiv nun klar. Sie brauchten einfach ein paar Jahre der inhaltsanalytischen Sichtung ihres eigenen Œuvres und der vorbereitenden Kasteiung im Gym, um mit Witness A Rebirth ein Monster von Album aufzunehmen, das die Qualitäten von One Truth (Gangvocalvollbedienung, Pathos) und In This Defiance (erbarmungsloses Geballer) zusammen führt und als spätes Opus Magnum sämtlichen heutigen SXE-Anfänger-Schnulli vernichtend und unangespitzt in den Boden rammt.

EDGIE BÄTSCHIE
 

CAPTAIN PLANET
Treibeis
Zeitstrafe/Cargo
Ein wichtiger Hinweis an alle, die uns in letzter Zeit empörte Drohbriefe schicken, weil wir ihre favorisierten neuen Deutschpopacts nicht mit dem nötigen Respekt behandeln: Es ist schon in Ordnung, wenn ihr euer Abo kündigt, uns aus euren Freundeslisten schmeißt und auf dem Schulhof allen weitererzählt, dass wir in echt gar keine seriösen Journalisten sind. Aber bitte hebt euch auch noch ein kleines bisschen Wut für Captain Planet auf. Denn im Grunde sind es ja erst große Platten wie Treibeis, neben denen eure Lieblingsbands so scheiße aussehen. Und das sollte man denen auf keinen Fall durchgehen lassen.

SILVER SURFER

CONVERGE
All We Love We Leave Behind
Epitaph
Welch ein Dilemma. Eine neue Strife und gleichzeitig eine neue Converge. So viel Wut, so wenige bis gar keine Gefangene, so tief durchgetretene Gaspedale – aber nur ein Treppchen, auf dem „Bestes Album des Monats“ steht. Ist eines der beiden Geschütze besser dazu geeignet, dich in der U-Bahn wahllos Menschen ins Gesicht schreien zu lassen? Mitnichten. Beiderseits wird deine Misanthropie aufs Geilste stimuliert. Tut sich eine der Bands als in irgendeiner Nuance knochenbrechender hervor? Keinesfalls. Obwohl Converge natürlich die chirurgische Präzision, Strife dagegen den schnörkellosen Tritt in die Fresse als ihre Mittel wählen, ist die Brutalität auf beiden Seiten maximal ausgereift. Sollte man Converge im Vorteil wähnen, weil Jake Bannon im Gegensatz zu Rick Rodney kein Edgebreaker ist und für seine Platten all diese hübschen Bilder malt? Kinderkram. Lasst es uns wie echte Männer machen und eine Münze werfen...

WAYNE TWO SIDED COIN

 

NEUROSIS
Honor Found In Decay
Neurot Recordings
Kürzlich wurde eigens zur Deutung und Erforschung des Band-Œuvres ein Wissenschaftszweig aus der Taufe gehoben. Nennt sich Neurologie. Brüller, oder? Aber im Ernst: auch hier wird wieder, wie immer, das große komparatistische Eiergeschaukel beginnen, wird jeder mit ein bisschen Wolle im Gesicht und Dreck unter den Nägeln zwischen zwei Rülpsern irgendeine Meinung in die Welt dünsten. Um die klassischen Kardinalfragen gleich mal zu beantworten: Nein, Neurosis klingen schon wieder nicht wie zu Souls at Zero Zeiten (und werden es auch nie wieder). Ja, Honor übt sich in Ruhe (in der ja bekanntlich die Kraft liegt). Ja, von Tills und Kellys solistisches Gruftgeklampfe schlägt sich immer mehr im Bandsound nieder. Ja, Neurosis bleiben als Demiurgen seelenkundlicher Soundfinsternis auch hiernach konkurrenzlos. Nuff said.

CRUST IN PEACE


 
   
   

THE SOFT MOON
Zeros
Captured Tracks
Erinnern wir uns an die wichtigsten Lektionen klassischer Erziehungsliteratur: Kurz bevor Witwe Bolte auf hinterfotzigste Weise von Max und Moritz abgezockt wird, entschwindet sie in den Keller. Dort lagert der gute Sauerkohl, der sie aufgewärmt in ganz besondere Ekstase versetzt. Die Methode des Wiederaufwärmens ist auch im Musikbiz sehr beliebt, nur fallen die Ergebnisse dort meistens eher fade aus. Nicht so bei The Soft Moon. Deren eigentlich immer nach dem gleichen Muster vorgehender Neo-Post-Punk mundet nach dem dritten Aufwärmen so fein nuanciert und appetitlich wie noch nie, nur sollte klar sein: irgendwann hat man sich auch an der feinsten Delikatesse überfressen.

SUPPENKASPAR
 

TAMARYN
Tender New Signs
Mexican Summer
Das Internet so, in einer Rezension dieser Platte: „Why doesn't Mexican Summer have a sub-label called Mexican Bummer?“, und ich dann so: „Ach fuck, ey, war das nötig, mir die Unvoreingenommenheit zu verderben, ich hab’ doch noch gar nicht reingehört!?“, und das Internet wieder so: „Tja, selbst schuld.“ – und wo es Recht hat, hat es Recht, das Internet. In diesem Fall liegt’s mit dem Eingangsstatement aber auch nicht unbedingt weit daneben. Will sagen: klares Zweizunull für das Internet, was Tamaryn angeht.

ALEISTER KRAULI
 

PAUL BANKS
Banks
Matador
Am Ende ist es ganz anders, als wir alle denken: Statt wie bisher vermutet jegliches Talent, das irgendwann mal in ihm geschlummert hat, an eintönige, bluesgeschwängerte Altmännerelegien verloren zu haben, gibt sich Paul Banks mit jeder post-Interpol-Veröffentlichung ganz einfach besonders viel Mühe, dass alle Welt ihn hasst und somit sein Selbstbild des eigenbrötlerischen, unverstandenen Künstlers um jeden Preis aufrechterhalten bleibt. Aber vielleicht ist das auch nur eine verzweifelte Scheuklappentheorie von Leuten, die nicht akzeptieren können, dass alles Gute ein Ende haben muss. Egal wie wir es drehen und wenden mögen: Alles, was „Banks“ (und jetzt mal ehrlich, was für ein bescheuerter Albumtitel ist das denn bitte?) offeriert, ist ein riesengroßer Haufen Scheiße.

STELLA

ECKE SCHÖNHAUSER
Input
Tapete
Da ich nicht weiß, ob die Band diesen Vergleich super oder völlig daneben findet, kann ich ihn ziehen: in guten Momenten klingt diese Platte wie altes Zeug von Blumfeld, in schlechten wie ganz altes von Mittekill. Da Mittekill im Lauf der Zeit immer besser und Blumfeld immer schlechter wurden, kürzt sich das alles gegenseitig zueinander raus und wir sind wieder so schlau wie am Anfang. Immerhin: wenn man das schwurbelige Kontextgerede mal ausblendet (denn Input möchte ein „Konzeptalbum“ sein, und zwar – Achtung! – über „die Ex“, jawohl) bleibt noch ein angenehm dreckiger und seltsamer Zwilling der letzten paar Platten von Ja, Panik. Bei denen ist man ja am Ende auch immer genau so schlau wie am Anfang.

DIE EXEX
 

EL PERRO DEL MAR
Pale Fire
Memphis Industries
Es begab sich also zu der Zeit, als Lykke Li einen Slacker-Sonntag mit einer Musikproduktions-Software auf dem Sofa verbrachte und dabei die „balearic“ Drum-Patterns entdeckte und die Saxophon-Samples aus dem Unterverzeichnis „Examples“. Das Label war zuerst nicht sehr erfreut, drückte es aber diplomatisch aus und sagte: „klar, können wir veröffentlichen, ist aber schon ein bisschen anders als deine bisherigen Sachen, wir können deine Fans da nicht total irritieren, also vielleicht unter einem anderen Namen und mit ganz viel secret-sideproject-Gerede?“, woraufhin das Fräulein Li bockig wurde und keine Lust mehr auf die Veröffentlichung hatte. Die Wochen zogen ins Land, Lykke Li ließ sich von Triggerfinger covern und wurde dadurch noch reicher als sowieso schon und konnte sich von all dem Geld einen neuen Computer anschaffen. Ein Mädchen namens Sarah Assbring, das bitterlich an seinem Nachnamen litt und eines Tages trotzdem ein gebrauchtes Notebook günstig bei ebay erstand, fand auf jenem Computer 10 gar putzig klingende, über-harmlose Tracks, die sie einfach mal an ein Label schickte. Sie wurde einigermaßen erfolgreich, und wenn sie nicht gestorben sind, verbringen die beiden Frauen seitdem gemeinsam ihre Sonntage.

PELVIS LEBT


 
   
     

HGich.T
Lecko Grande
Tapete/Indigo
Wenn die Plattenfirma einem die Promo mit den aufmunternden Worten „Auch Scheiße kann wärmen!“ in die Hand drückt, können selbst VICE-Redakteure skeptisch werden. Nicht ganz zu Unrecht: HGich.T sind ein Hamburger Quatschkollektiv, das sich bemüht, alle einzelnen Dinge, die zur Produktion eines Albums dazu gehören, so schlecht wie möglich zu machen, in der Hoffnung, dass irgendjemand das dann gut findet. Brillant. Vielleicht sollten sie sich bei einem dieser Internet-Startup-Inkubatoren um ein paar Millionen Risikokapital bemühen. Angeblich suchen die dort händeringend nach solchen Leuten.

SIFF DISHES

KING DUDE
Burning Daylight
Van Records
Du hättest gern Fame, verfügst aber nur über drei Klampfengriffe und auch ansonsten nicht besonders viel musikalisches Talent? Mach es wie King Dude, kleister deine Artworks mit Runen und deine T-Shirts mit Frakturschrift zu, besorg dir ein paar Effektgeräte, um deine Songs hinter Hall zu verstecken und Typen mit HJ-Frisuren als Band und vertrau darauf, dass ein paar kritiklose, auf jeglichen pseudo-provokativen Mumpitz hereinfallende Permissivlinge eine unfreiwillige Death In June-Parodie (das hier) von einer freiwilligen (Death In June selbst) nicht unterscheiden können.

JOHNNY CASH COW

HANS UNSTERN
The Great Hans Unstern Swindle
Staatsakt/RTD
Hans Unstern schreibt Texte, die ihre eigene Interpretation enthalten, und macht Platten, die zugleich ihre eigene Kritik sind. Wenn ihm das so überzeugend gelingt wie hier, dann bringt er uns Rezensenten damit natürlich in eine prekäre Situation. Man wird sich plötzlich der Überflüssigkeit seiner eigenen Existenz bewusst und möchte am liebsten losheulen, alles hinschmeißen oder zumindest den Job an Hans Unstern abgeben, der ja eigentlich immer Geld gebrauchen kann, zumal er mit diesem Album ziemlich sicher keines verdienen wird. Dafür ist dann doch ein wenig zu gut.

UDO LATTEK

THE SCHWARZENBACH
Farnschiffe
Zick Zack
Dath ist ein guter Kerl. Ich habe keins seiner Werke begriffen, nicht mal das Pixie-Buch „Eisenmäuse” (trotzdem selten für lumpige 4.90 mehr Spaß gehabt); für mich bleibt er der einzige Vorzeige-Intellektuelle Deutschlands ohne Fremdschämpotential. Er ist der Mann, der Black Metal wirklich begriffen und Buffy wirklich geliebt hat,  der Buddy Giovinazzos „Life Is Hot In Cracktown” übersetzt und  ... der jetzt ein neues Album mit dem Kammerflimmer Kollektiv gemacht hat.  Das klingt genau so wie man sich’s vorstellt: Musik von entrückter Lässigkeit mit einem klitzekleinen Ästchen im Popo, dazu erzählt Dietmar Wundersames - nur die Linernotes von DD dem Älteren hätten nicht sein müssen.

EWALD BRAUNFELSER
 

STUDIO BRAUN PRÄSENTIERT: FRAKTUS
Millennium Edition
Staatsakt/RTD
Von der breiten Masse verkannt, wussten wir hier natürlich schon 1982, dass Fraktus’ einzigartige Mischung aus NDW-Schlager und Proto-Acid-House einmal in die Geschichtsbücher eingehen würde. Ihre stumpf-aggressiven 303-Basslines frästen sich mit so einer Durchschlagskraft in den Gehörgang und nervten dort das Gehirn derart penetrant, das spätere Nachahmer wie Scooter sich im Grunde nur noch an den gedeckten Tisch setzen mussten. Nur warum müssen jetzt diese Scherzkekese von Studio Braun mit einer Mockumentary daherkommen, die so tut, als hätte es diese fantastische Band nie gegeben? Mal ehrlich Leute, Telefonstreiche mit alten Leuten, Dorfbewohnern und andere Minderbemittelten sind ja echt in Ordnung, aber das geht jetzt doch eine Spur zu weit.

THEODOR VON UND ZU MÜNCHHAUSEN
 

 

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