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      Nerd Meets VICE: Das schlechteste Computerspiel der Welt?

      August 24, 2012

      Von Dominik Schönleben

      Freier Autor

      Die bayerische Staatsregierung scheint zu glauben, dass sie für den Wahlkampf Propaganda in Form eines Videospieles benötigt, um seine Bürger und auch den Rest der Welt endlich davon zu überzeugen, dass es das großartigste Stück Land diesseits des Äquators ist. Ich möchte es gleich mal vorweg nehmen, es handelt sich bei Aufbruch Bayern, dem neuen browserbasierten Gaudibringer der Staatsregierung, nicht um ein Killerspiel. Ganz im Gegenteil: Wenn du den eigenen Patriotismus entdeckst, kannst du stattdessen deinen „inneren Gipfel“ erstürmen, wie das Kölner Entwicklerteam im Promo-Video auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Staatsregierung Bayern verkündet.

      Möchte man dem Video Glauben schenken, hat Bayern endlich einen neuen Kanal entdeckt, um „mit seinen Bürgern zu kommunizieren.“ Da bereits der Engel Aloisius etwas länger brauchte, um der bayerischen Staatsregierung die göttlichen Ratschläge zu überbringen—Spoiler: sie kamen nie an—wundert es kaum, dass auch Browsergames etwas mehr Zeit benötigt haben, um sich im Freistaat zu etablieren. Die beide unverkennbar dem Heldenmythos verfallenen Entwickler verkünden aber dennoch frohen Mutes, dass ihr Spiel alles besäße, was ein echter Adventurespiele-Hit so braucht: Charaktere, eine gute Spielewelt, eine Aufgabe, Achievements und Levels. Die Steuerung ist beschissen, ich stolpere im Spiel herum, als hätte ich gestern meinen ersten Computer gekauft, und das Spiel erfüllt keines seiner Versprechen. Es gibt nur ein Level, die Charaktere unterscheiden sich in männlich und weiblich und von den Achievements, mit denen ich die Pinnwände meiner Facebook-Freunde fluten könnte, fehlt weit und breit jede Spur. Die Größe der Spielewelt ist mit der Schneekugel vergleichbar, die mir meine Tante mal zu Weihnachten geschenkt hat und bei der ich mich nicht traue, sie wegzuschmeißen. Ich würde gerne sagen, dass es mit Abstand das schlechteste Browsergame seit Robot Unicorn Attack ist. In Wahrheit ist es noch viel schlechter, weil ihm das fehlt, was Robot Unicorn Attack brillant macht: Selbstironie. Traurigerweise kommt es leider selten vor, dass sich die bayerische Staatsregierung in Selbstironie übt. Für mich wäre das aber ihr einziger Ausweg, um sich bei diesem Desaster aus der Affäre zu ziehen. Da kann auch das Hoverboard nicht mehr viel rausholen.

      Als erstes habe ich mich an den eigentlichen Urheber dieses Verbrechens am bayerischen Patriotismus gewandt und bei takomat angerufen, der Entwicklerfirma von Aufbruch Bayern. Ich wollte ihnen die Möglichkeit geben, sich dazu zu äußern. Dabei bekam ich Herr Guido Doublet ans Telefon, den netten Herren mit der Brille aus dem Promotion-Video, der gleichzeitig auch Geschäftsführer von takomat ist.

      VICE: Hallo, ich schreibe gerade eine Review über das neue von Ihnen entwickelte Computerspiel Aufbruch Bayern. Und ich würde gerne dem Chefentwickler ein paar Fragen stellen.
      Guido Doublet: Können Sie gerne tun, der ist nur bis Ende der Woche in Urlaub.

      Gibt es vielleicht jemand anderen …
      Ich suche mal den entsprechenden Ansprechpartner raus, vielleicht mache ich das auch selber. Vielleicht geben Sie mir mal ein paar Stichpunkte.

      In ihrem Promotion-Video bezeichnen Sie die Diamanten als ein Symbol. Wofür stehen denn die Diamanten im bayerischen Kontext?
      Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir da eine kurze E-Mail zu schreiben? Ich bin jetzt auch in einer Besprechung. Das Promotion-Video haben übrigens nicht wir gemacht, sondern die Bayerische Staatskanzlei. Das ist nicht unser Promotion-Video, sondern das der Bayerischen Staatskanzlei.

      Ich fand das ziemlich irreführend, da wird von Levels, Achievements und verschiedenen Charakteren gesprochen. Ich kann die im Spiel gar nicht wieder finden?
      [lacht] Seien Sie mir nicht böse, ich bin jetzt hier in einer Besprechung. Am besten sie schreiben mir eine E-Mail, dann rufe ich sie heute Nachmittag zurück.

      Ich habe darauf hin Herrn Doublet eine E-Mail mit meinen Fragen geschrieben, sollte mich dann aber an die Pressestelle der Bayerischen Staatsregierung wenden.
      Das hab ich dann auch gemacht. Nachdem die Firma takomat nichts mehr mit ihrem eigenen Kind zu tun haben will und es an der Babyklappe der Staatsregierung abgegeben hat, blieb mir ja auch nichts anderes übrig.

      VICE: Was haben Sie für das Spiel Aufbruch Bayern bezahlt?
      Bayerische Staatsregierung: Das ist genau das Problem, wir geben zu den Einzelprojekten keine Kostenhöhe an. Wir hatten mal ein Viral-Video vor zwei Jahren mit Oliver Pocher, da sind wir auch ganz massiv mit Kostenanfragen überhäuft worden. Aber da es ein Einzelvertrag mit der Entwicklerfirma takomat aus Köln ist, nennen wir den Betrag nicht. Der Betrag ist Teil des Budgets für Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Staatsregierung. (Anm. d. Red.: Wie ich später per E-Mail erfuhr, sind für die gesamte Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Staatsregierung 1,989 Millionen Euro im Jahr 2012 eingeplant. Für die jeweiligen Fachministerien gibt es ein Extra-Budget.)

      Hat Horst Seehofer das Spiel bereits gespielt?
      Das wissen wir leider nicht, da jetzt Urlaubszeit ist und auch der Ministerpräsident im Urlaub ist.

      Wieso hat man sich bei einem solch patriotischen Spiel für eine Kölner Entwicklerfirma entschieden?
      Auch bei solchen Geschichten müssen wir das komplexe Vergaberecht beachten. Das Angebot aus Köln war schlicht das wirtschaftlichste.

      Aber macht es wirklich Sinn, das Billigste zu kaufen, kommt es nicht auf den Inhalt an?
      Billig ist nicht gleich wirtschaftlich. Es geht nicht nur ums Geld, es muss alles zusammenpassen.

      Ich war enttäuscht, nachdem ich nach dem Promo-Video Aufbruch Bayern gespielt habe, ich habe die versprochenen Levels, Achievements und Charaktere nicht gefunden?
      Ich habe mich auch mal auf die Suche gemacht und war überrascht. Das war eher Selbstdarstellung von der Firma. Bei den Charakteren beziehen sie sich wohl auf Mann und Frau, bei den Achievements auf die verschiedenen Projekte, die man mit den Kristallen bezahlen kann, aber Levels in dem Sinne habe ich auch nicht gefunden. Das ist irreführend, die beziehen sich wohl auf ihre landschaftlichen Ebenen.

      Wirft das kein schlechtes Licht auf die Staatsregierung, wenn solche Versprechen gemacht werden, ich klick dann da hin und denk mir: „So ein Schmarrn!“
      Das ist zu wenig. Das ist Werbung.

      Finden Sie das Spiel auch so peinlich wie ich?
      Dafür, dass das Spiel erst ein paar Tage unterwegs ist, kommt es echt gut an. Die Bayrische Staatsregierung ist ja ständig auf irgendwelchen Messen unterwegs. Schauen wir mal, wie es weiter geht. Für die erste Woche sind wir zufrieden.


      Abschließend lässt sich nur sagen, dass sich die Bayerische Staatsregierung bei diesem Spiel für ziemlich dumm verkaufen hat lassen. Das ist die für mich einzig logische Schlussfolgerung, nachdem sich selbst die Firma takomat von ihrem Spiel und dem Promo-Video distanzieren will. Manchmal frage ich mich echt, wie der Prozess abläuft, damit so ein Spiel bewilligt wird. Da ich leider nicht erfahren habe, wie viel die Staatsregierung für dieses Spiel bezahlt hat, konnte ich auch den Preis des Spiels nicht in Zusammenhang mit der von takomat gebrachten Leistung bringen. Dennoch: Egal wie viel das Spiel letztlich gekostet hat, es war zu viel. Es versagt als PR-Gag genau im eigentlichen Kompetenzbereich. Stattdessen lässt es die Staatsregierung in schlechtem Licht erscheinen, weshalb jeder Cent, der in dieses Projekt investiert wurde, verschwendet war.

      Als guter Bayer hat man sowieso längst erkannt, dass solch neumodisches Zeug wie das Internet eh vom Deifi (Teufel) erfunden wurde. Der Bayer kann da gut darauf verzichten, wenn die Regierung neue Wege sucht, um mit ihren Bürgern zu kommunizieren. Auch ohne Erinnerung von ganz oben weiß er, Bayern zu schätzen. Ich hoffe, nach dem Spielen von Aufbruch Bayern siehst du jetzt auch endlich ein, wie großartig Bayern wirklich ist. Wenn nicht, na ja, nicht jeder ist dafür gemacht, seinen inneren Gipfel zu stürmen.


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