Musik

Neurosengeflüster mit The Big Pink

von Andreas Richter

Interviews mit The Big Pink zu führen, entwickelt sich bei uns langsam zu einer guten und gepflegten Tradition. Wir freuen uns immer wieder, sie zu sehen, können aber nur mutmaßen, ob das ganze auf Gegenseitigkeit beruht. Keine Ahnung, vielleicht zucken sie ja innerlich zusammen, wenn sie uns mit Diktiergerät und debilem Grinsen in der Ecke warten sehen. Vielleicht fühlen sie sich sogar gestalkt. Hey, vielleicht müssen sie unseretwegen sogar einen Therapeuten aufsuchen. Und selbst wenn, das Gespräch zu ihrem neuen Album ergab, dass es dafür genug gute Gründe gibt. Wir setzten uns mit Milo in einer Hotellobby-Ecke zusammen und allein das war gar nicht so einfach.

Milo: Kannst du mich an der Wand sitzen lassen? Ich fühl mich dann besser. Werde sonst paranoid.

VICE: Bestehst du auch auf dem Platz, wenn du ein Date hast?
Ja, aber da ist es schwierig, weil die Mädels auch meist auf dem Platz sitzen wollen. Ich hab einfach zu viele Mafia-Filme gesehen, in denen die Leute unvermittelt von hinten abgestochen wurden.

Neigst du grundsätzlich zu Paranoia?
Ja, ein bisschen schon. Aber es ist weniger Paranoia als die Tatsache, dass ich zu viel über bestimmte Dinge nachdenke. Aber es gibt eine Sache, vor der ich wirklich Angst habe. Früchte.

Wie bitte?
Früchte. Also nicht alle Früchte, aber es gibt so ein paar Sorten.

Was ist denn die furchteinflößendste Frucht?
Bananen. Aber um das zu erklären, es geht um verdorbene Früchte. Das ist richtig widerlich.

Träumst du auch davon?
Eher selten. Aber so etwas wie ein verfaulender Apfel macht mich richtig krank.

Hast du eine Ahnung, woher diese Sache kommt?
Nicht wirklich. Es hat etwas mit der Zersetzung zu tun, vielleicht die Angst vor dem Tod. Es gibt dazu kein traumatisches Ereignis oder so was. Ich mag es einfach nicht, wenn etwas stirbt.

Beenden wir mal die Therapiesitzung. Vielleicht erinnerst du dich ja noch an unser letztes Interview. Ich hatte gezählt, wie oft ihr auf dem letzten Album das Wort love benutzt.
Ja, 69. Ich erinnere mich genau.

Jedenfalls habe ich beim neuen Album wieder versucht, irgendwas zu zählen, aber ich habe nichts gefunden.
Tut mir leid. Es gibt diesmal kein dominantes Thema. Zumindest kannst du es nicht in einem Wort zusammenfassen. Das Thema der Platte ist, den Glauben an sich selbst zu stärken, positiv zu denken, sich durch harte Zeiten zu schlagen.

Ich habe gelesen, dass ihr euch viel neues Equipment zugelegt habt.
Ja, wir sind an viele Dinge anders herangegangen. Wir haben mehr mit Reason und Ableton gearbeitet und mit diesem Plugin The Mouth. Tim Exile hat das Ding entwickelt, es ist ganz cool, du kannst alles Mögliche reinladen, du kannst eine Gitarre wie einen Drumbeat klingen lassen und umgekehrt.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, was sind die wesentlichen Unterschiede im Songwriting im Vergleich zum letzten Album?
Wir haben zwar technisch einige Dinge anders gemacht, mehr Samples benutzt, mehr Beats programmiert. Aber der wichtigste Unterschied war in unserem Kopf. Als wir das erste Album aufnahmen, hatten wir beide Probleme mit Mädchen, wir waren beide sehr verletzt. Und dann waren wir mit diesem Material ja auch noch anderthalb Jahre auf Tour, was es nicht unbedingt leichter machte, darüber hinwegzukommen. Dieses Mal wollten wir Songs aufnehmen, bei denen wir auf der Bühne auch gute Laune bekommen. Deswegen haben viele der Songs eine positive Grundstimmung.

Glaubst du, eure Fans könnten die wirklich melancholischen Momente der alten Songs vermissen?
Zum Teil ist das ja noch da. Die Stimmung ist immer noch bittersüß. Superman ist zwar upbeat, hat aber trotzdem dieses Element, dass er eben nie der Superheld sein kann, der er sein möchte. In 13 geht es darum, keine Liebe zu finden. Und 77 ist ein sehr trauriges Lied.

Apropos Superman, bist du Comic-interessiert?
Ja, ich bin ein Marvel-Junge. Ich habe Silversurfer gesammelt, das war mein Liebling. Am coolsten war er ganz am Anfang, in den Sechzigern. Er war wie Marlon Brando als Hippie. Sehr cool.

Du hast davon gesprochen, dass ihr viel gesamplet habt. Was ist eine Quelle für ein Sample, die man nicht unbedingt erwarten würde?
Der Typ aus der Band Add N to (X) macht diese Compilations aus merkwürdiger 60ies Library-Music. So Funktionsmusik, die auch in Fernsehprogrammen eingesetzt wird. Ein paar dieser Sachen haben wir verwendet, sie sind aber nicht sehr dominant. Wir haben die Spuren so bearbeitet, dass du sie nicht mehr erkennen würdest, aber sie geben dem Song eine gewisse Wärme und Tiefe.

Streitet ihr euch manchmal über Songideen oder seid ihr generell auf der gleichen Wellenlänge?
Wir streiten uns nie. Wir arbeiten immer sehr schnell und es ist nicht so, dass wir übertrieben an irgendwelchen Ideen festhalten. Wenn dann jemand sagt: Dieser Synthie klingt Scheiße, dieser Text ist Mist oder was auch immer, dann ist das eben so. Wir versuchen uns durch die Meinung des anderen nicht verletzen zu lassen. Wäre es so, dann wären wir wohl das schlimmste sich hassende Ehepaar aller Zeiten.

Eine gesunde Einstellung für eine Paarbeziehung.
Absolut. Der Grund, warum manche Paare für fünfzig Jahre verheiratet sind, ist doch, dass sie beginnen, über die nervenden Angewohnheiten des anderen hinweg zu sehen. Du weißt, sie sind da, aber du gewöhnst dich dran und konzentrierst dich auf das, was wichtig ist.

Welche neue Zielgruppe wollt ihr mit dem Album einsammeln?
Wir nehmen alle. Ich muss aber sagen: Ich wäre gerne ein Popstar in Indien. Ich war ein paar Mal da und es ist fantastisch. In Indien wie ein Gott verehrt zu werden, das wärs.

Beim letzten Mal hattet ihr auch erzählt, dass ihr „Run This Town“ von Jay-Z covern wollt. Was ist daraus geworden?
Wir haben es echt versucht, immer wieder, aber es hat nicht funktioniert. Rappen ist auch nicht unbedingt unsere Stärke. Aber wir haben dann Beyonces „Sweet Dream“ gemacht, das auch ganz gut gelungen ist.

Wenn du kurz in die Rolle des PR-Experten schlüpfen könntest: Warum ist das neue Album besser als das alte?
Weil das Artwork besser ist. Das ist der Hauptgrund, haha. Es ist besser, weil wir diesmal wussten, was wir wollen. Die Songs des letzten Albums wurden ohne große Intention geschrieben und wurden am Ende einfach nur zusammengefasst. Es war kein Album, sondern eine Songsammlung. Diesmal wussten wir von Anfang an, wie das Album klingen soll, dass wir mehr in die upbeat-Richtung gehen wollen. Es gab eine Vision.

Das Artwork zitiert Sprayer-Ästhetik. Hast du eine Vergangenheit in der Szene?
Ja, ich habe Ende der Neunziger ein paar Jahre gesprüht, als ich so zwischen 14 und 18 Jahre alt war. Ich wurde ein paar Mal festgenommen. Beim letzten Mal hieß es dann, wenn wir dich noch mal erwischen, gehst du in den Knast. Und da habe ich lieber aufgehört. Wir sind damals auch nach Berlin gekommen, haben Züge bemalt, waren in Paris, in New York und so weiter. In Stay Gold geht es übrigens um Graffiti, darum, London zu bomben. Es sollte erst „Spray Gold“ heißen, haha.

The Big Pinks Future This ist auf 4AD erschienen.

Foto: Christoph Voy

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