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      Apple will wissen, wie oft seine Mitarbeiter pissen gehen

      January 28, 2013

      Von Marta Popowska

      Kann sich noch jemand an den Apple Slogan „Think different“ erinnern? Damals war Apple noch richtig cool, IBM und Microsoft dagegen nicht. Doch die Zeiten ändern sich, und mittlerweile fühlen sich viele von dem Konzern nur noch verarscht. Ganz vorne wohl das Verkaufspersonal der Apple Stores. Ein anonymer Blogger erhebt seit Kurzem schwere Vorwürfe gegen das einstige Enfant Terrible der Computerwelt. Auf seinem Blog About Apple berichtet er jedoch nicht über minderjährige Arbeiter bei Apples Zulieferern irgendwo in China, sondern über die miesen Zustände in den schicken Apple Stores bei uns in Deutschland. Gute Laune funktioniert hier nämlich nur unter Zwang. Glaubt man den Anschuldigungen des Bloggers (und das muss man wohl), herrschen in der Apple-Retail-Welt eher Regeln, wie wir sie eben in China vermuten. Da sollen Mitarbeiter zu Überstunden gezwungen werden, gemeinsames Abfeiern der Verkaufserfolge findet auf Kommando statt, und die gleichen Posten sollen völlig unterschiedlich bezahlt sein, weshalb Apple Retail seinen Verkäufern schriftlich verbietet, über ihr Gehalt zu sprechen. Vor den Pausenräumen und vor Klos seien Kameras, um zu schauen, wer wie oft muss. Riecht alles irgendwie nach Scheiße.

      Kein Wunder also, dass der Blogger, der von uns nur AN genannt werden will, lieber anonym bleiben möchte. Auf unsere Fragen antwortet er daher nur per E-Mail. Denn seinen Job will er behalten. Er schreibt: „Wir arbeiten auf dem Todesstern, arbeiten am Todesstern. Ich möchte, dass sich dies ändert und die Bedingungen für Apple-Retail-Angestellte verbessert werden.“

      VICE: Möchtest du uns etwas zu deiner Identität sagen?
      AN: Ich bin seit Jahren Apple-Fan und habe ich mich ganz bewusst für eine Stelle bei meiner einstigen Traumfirma beworben. Die Produkte hatten mich immer überzeugt. Das ist auch heute noch so, obwohl ich sehe, dass der technische Vorsprung Apples zusammengeschmolzen ist.

      Was hat dich bewogen, deinen Blog ins Leben zu rufen?
      Es gibt diese Diskrepanz zwischen der Marke Apple und der Art, wie die Produkte vermarktet werden. Den Kunden wird vermittelt, sie seinen auf der besseren, der guten Seite. Dann zu sehen, wie es tatsächlich bei Apple zugeht, das hat mich buchstäblich vom Glauben abfallen lassen. Das hat mich entsetzt.

      Hinzu kommen die persönlichen Schicksale, die Zusammenbrüche, die Weinkrämpfe, die Burnouts, die vielen Kollegen, die psychische Probleme entwickelt haben. All das hat mich dazu bewogen, das, was innerhalb der Mauern eines Apple Stores passiert, nach außen zu tragen. Ich möchte, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können und dass man endlich besser mit ihnen umgeht. Menschen sind für Apple offensichtlich Material, das muss aufhören.

      In deinem Blog heißt es auch, Apple-Verträge würden gegen deutsches Recht verstoßen. Kannst du ein Beispiel nennen?
      Ich bin kein Jurist. Aber ich weiß, dass das Verbot, über den eigenen Lohn zu sprechen, nicht rechtens ist. Darüber hinaus gibt es sehr viele Regelungen zum Thema Videoüberwachung und Verhaltenskodex in der Firma, die mir recht seltsam vorkommen. Das ist ein Thema, dem ich selbst noch nachspüren möchte. Auch ob die Verträge nicht nur in diesem einen Punkt, sondern wahrscheinlich noch in vielen weiteren nicht mit dem deutschen Gesetz in Einklang stehen.

      Apple scheint ein Konzern zu sein, der sich nicht allzu sehr um schlechte Presse schert. Es gibt ja regelmäßig Meldungen über die schlechten Bedingungen in den chinesischen Zuliefererfirmen. Woran, glaubst du, liegt das?
      Ich denke, das ist eine professionelle Haltung Apples. Krisenmanagement kann man ja, ganz grob gesagt, auf zwei Arten machen: Entweder sich hinzustellen und mea culpa zu rufen, oder man schweigt eben zu allem und weiß von gar nichts.

      Es gibt bei Apple ein quasi-religiöses Verhältnis zur Wahrheit: Egal, wie die Wirklichkeit aussieht, sie muss immer als gut formuliert werden. Etwas Schlechtes auszudrücken, das ist bei Apple nicht erlaubt. Würde man sagen: Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit vermehrt das und das schief lief, so würde man ermahnt werden, es positiv umzuformulieren. Es ist anfänglich sehr schwer, nicht einfach das zu sagen, was man denkt, aber Hand in Hand mit der Angst lernt man diesen Apple-Talk schnell.


      Bei Apple in Schweden scheint die Stimmung blendend zu sein.

      Wie gehen deine Kollegen/innen mit der Situation um? Beschweren sich welche?
      Wärest du mit einer Horde Apple-Store-Mitarbeiter an einem Samstagabend unterwegs und die ersten Biere wären geflossen, so könntest du eines hören: schimpfen, schimpfen, schimpfen. Später geht es dann wieder um andere Themen, aber die Schimpf-Stunde gehört dazu wie selbstverständlich. Viele schlucken alles, was mit ihnen geschieht. Manchmal kann der eine oder die andere nicht mehr, dann kommt es auch einmal zu einem sehr emotionalen Ausbruch. Da sitzen dann Kollegen auf dem Klo und heulen, männlich wie weiblich.

      Was passiert, wenn man sich doch traut und sich beschwert?
      Bei Apple wird eigentlich das sogenannte Fearless-Feedback gepredigt. Auf meinem Blog findest du einen Artikel dazu. Beschwerden sollten also gar kein Problem sein. Doch darf ja nichts Schlechtes bei Apple entstehen. Für eine Beschwerde gibt es nach Apples Ideologie also gar keinen Grund. Aber soweit die Theorie. Wenn man sich beschwert, dann kommt ein Apparat in Gang, auf den die Manager offensichtlich vorbereitet wurden, da alle es sehr ähnlich machen.

      Wie muss ich mir das vorstellen?
      Das Gespräch wird so gedreht, dass am Ende derjenige, der sich ursprünglich beschwert hat, selbst das Problem ist. Eine Verantwortung des Managements wird dabei immer abgestritten. Fehler beim Management existieren nicht. Es wird mit Gegenfragen gearbeitet. Wie kann man die Situation besser machen? Warum glaube man überhaupt, dass es sich um ein Problem handle? Was sage der Verhaltenskodex, die Apple Steps of Service oder das Credo, dazu? Anstatt nach einer Lösung zu suchen, werden die Inhalte dessen abgefragt, was man einst im Training verinnerlicht haben sollte. Es ist, als sei man ein dummer Schüler, dem man erst einmal die neuesten Vokabeln entlockt, bevor man irgendetwas anderes mit ihm bespricht.

      Wie siehst du die Zukunft von Apple Retail?
      Apple Retail wird sich nicht verändern, denn Unliebsame werden entweder gefeuert oder gehen von alleine, da sie es nicht mehr aushalten. Das klingt resigniert, ist aber wahrscheinlich das, was leider passieren wird. Es gibt zu viele, die bei dieser Firma arbeiten möchten. Es geht eben nur darum, die Quote der Hörigen, die sich vor jeden Karren spannen und auch alles mit sich machen lassen, zu optimieren. Grundsätzlich denke ich, dass Apple Retail noch eine große Zeit vor sich hat. Den gehobenen Mittelstand hat Apple fest in der Hand, der Rest folgt ja in Scharen wie die Schafe zur Futterkrippe.

      Aber Apples Konzept ist doch nicht zeitlos?
      Ich gehe davon aus, dass der ganze Rummel nicht mehr als zehn Jahre anhalten wird, dann wird sich Apple strategisch neu aufstellen müssen. Denn es sind ja gerade die Leute unter 25, von denen ich mitbekomme, dass sie sich zusehends von Apple abwenden und diese Produkte als die ihrer Elterngeneration begreifen. Neue Studien aus den USA belegen diesen Trend. Apple wird also aufpassen müssen, dass die Apple Stores nicht eines Tages Orte werden, an denen sich Rentner gegenseitig die sagenumwobenen Geschichten vom ersten iPhone erzählen werden. Ob Apple dies schafft, da bin ich mir nicht sicher. Giganten wie Sony oder IBM sind auch schon gefallen.

      Die Vorwürfe, die du äußerst, sind ja nicht ohne. Hast du keine Angst aufzufliegen?
      Na, ich sollte wohl mehr Angst haben, als ich das gerade habe. Denn Apple fackelt nicht lange und setzt alles ein, was sie mobilisieren können, um den Willen der Firma durchzusetzen. Noch ein Satz zur Angst: Die ist bei Apple Retail so alltäglich, das Management ist so beschäftigt damit, für Kontrolle und Angst zu sorgen, dass man sich daran gewöhnt.

      Was erwartet deine Leser als nächstes?
      Ich arbeite an einem Psychogramm des Managements, an einer Analyse der Sprache von und bei Apple sowie an einem Artikel über eine gesetzliche Ungewissheit der Arbeit der Apple-Techniker, genannt Genius.


      ALLES FÜR DIE FIRMA:

       

      Apples Fashion-Fiasko
      Bevor Steve Jobs den schwarzen Rolli salonfähig gemacht hat, hat Apple in den 80ern mit einer eigenen Kollektion ziemlich in die Scheiße gegriffen.
      In Japan arbeitet man sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode
      Es gibt sogar ein eigenes Wort für Leute, die sich in Japan in normalen Jobs in normalen Büros zu Tode arbeiten: Karōshi.
      Ich habe meinem Boss eine reingehauen
      Ich habe meinem Boss eine reingehauen. Es fühlte sich gut an und hat sich positiv auf mein Einkommen ausgewirkt.

       

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      Themen: Apple, Ipod, Arbeit, Sklaven, Ausbeutung, Schlecker

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