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      Das bayrische Dadaab

      October 18, 2012

      Von Dominik Schönleben

      Freier Autor

      Die Zentrale Aufnahmeeinrichtung in Zirndorf ist eine Endstation für Flüchtlinge in Deutschland. Wer im bayrischen Regierungsbezirk Mittelfranken Asyl beantragt, muss sich hier innerhalb von zehn Tagen melden, wenn er auf eine Zukunft in Deutschland hoffen will. Das Lager besitzt eine Kapazität von 500 Menschen, doch derzeit leben, oder besser gesagt vegetieren, dort über 900—und es werden täglich mehr. Obwohl Bayern eines der reichsten Bundesländer ist, scheint für dieses deutsche Dadaab und die Menschen dort nicht genügen Geld vorhanden zu sein.

      Als ich gemeinsam mit Werner Staritz, dem Leiter der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf, sein Büro verlasse, klatscht mir ein unerträglicher Schweißgeruch ins Gesicht und benebelt mir die Sinne. Es ist wie, als wenn wir in eine andere Welt treten würden. Auf der einen Seite der Tür liegt die ordentliche Welt der gutdeutschen Bürokratie, mit fein säuberlich sortierten Aktenschränken und aufgeräumten Schreibtischen. Trittst du durch die Pforte, wartet ein dreckiger, versiffter Gang auf dich, in dem einige Männer unterschiedlichster ethnischer Herkunft in einer mir unverständlichen Sprache diskutieren. Sie alle ringen sich um eine Tür, jeder von ihnen hat einen kleinen abgenutzten blauen Zettel, der eine Nummer trägt, mit den Fingern umklammert. Staritz klopft im Vorübergehen einem asiatisch wirkenden Mann auf die Schulter, er brüllt von allen am lautesten. „Einer nach dem Anderen, einer nach dem Anderen …“, wiederholt Staritz, wie ein Mantra, mit fester aber ruhiger Stimme. Die Männer vor der Tür werden leiser. Es wirkt nicht so, als hätten sie verstanden, was er zu ihnen gesagt hat, aber sie beruhigen sich trotzdem ein wenig. Wir treten nach draußen auf das Gelände, während mir Staritz erklärt, worauf die Leute hier warten: „Zweimal pro Woche kommt nachmittags ein Arzt zur Behandlung der Asylbewerber zu uns in die Einrichtung.“



      Auf die Anfrage, mit dem Arzt sprechen zu können, führt man mich in sein Behandlungszimmer. Seine Patientin, ein junges arabisch aussehendes Mädchen im Rollstuhl. Ich will mich entschuldigen, später wiederkommen, wenn er mit der Behandlung fertig ist. Doch man besteht darauf, dass ich reinkomme. Seine Patientin muss warten. Privatsphäre gleich null. Der Arzt erzählt mir, dass die Asylbewerber während der restlichen Woche auch zu Ärzten in Zirndorf gehen können. Wer aber vom Arzt, egal ob bei ihm oder in Fürth, behandelt werden will, muss sich zuerst im Sozialamt eine Erlaubnis dafür holen.



      Sinti und Roma aus Mazedonien machen fast 40% der Asylbewerber aus. Aufnahmeeinrichtungsleiter Staritz erzählt dazu: „Viele Politiker äußern bereits den Verdacht, dass viele Sinti und Roma bei uns ein sicheres Winterquartier suchen und auch die vom Bundesverfassungsgericht verordnete Erhöhung der Taschengeldsätze ein Lockmittel sei.“ Bis sie vom Bundesamt wieder ausgewiesen werden können, vergehe zumeist aber über ein viertel Jahr und ihre Anerkennungsquote läge bei 0,0 Prozent.



      Im Hof sehen wir Kinder über den Absperrzaun ins Nachbargrundstück klettern. Sie scheinen sich mit den anderen Kindern, Schüler einer Förderschule, angefreundet zu haben. Sie lachen und tollen herum. Das gesamte Areal ist von einer knapp drei Meter hohen Mauer umgeben—zum Schutz der Asylbewerber, wie man mir vor meinem Besuch am Telefon erzählt hat. Die Kinder haben trotzdem Spaß, sie spielen hinter den Dixiklos Verstecken. Als wir übers Gras bei der ehemaligen Kapelle gehen, die jetzt zum Bettenlager umfunktioniert ist, werde ich gewarnt aufzupassen, wo ich hintrete: Bevor hier Dixiklos aufgestellt wurden, mussten die Leute ihre Notdurft auf dem Hof verüben.



      Viele der Asylbewerber würden aber auch einfach so jeden Morgen ihren Müll aus dem Fenster werfen, erzählt Staritz bedauernd. Ein paar der Bewohner sind hier deshalb auch fürs Saubermachen zuständig. Sie erhalten ein zusätzliches Taschengeld von einem Euro pro Stunde, um dem Hausmeister unter die Arme zu greifen. Wie gut das funktioniert, sieht man überall. Die Flure sehen aus, als hätte jemand mit dreckigem Wasser versucht, den Schmutz besonders flächendeckend zu verteilen und an allen Ecken stehen überquellende Mülleimer herum.



      Staritz macht mich auf einen jungen Mann aufmerksam: Amare* komme aus Äthiopien und spricht ein gebrochenes, aber verständliches Englisch. „Aber da ist Wasser in meinem Zimmer“, glaube ich zu verstehen, als ich Amare frage, ob wir uns irgendwo hinsetzten können, um kurz zu reden. Statt in sein Zimmer führt er mich in einen Raum, der scheinbar ehemals die Abstellkammer des Hausmeisters gewesen ist. Als ich eintrete, sehe ich seine Freunde über ein Kantinentablett gebeugt sitzen, auf dem 10cm hoch Tabak aufgehäuft ist. Sie sehen so aus, als fühlen sie sich bei etwas ertappt und lassen es sofort unter einer Bettdecke verschwinden. Die Vier schlafen auf alten, ranzigen Matratzen, die in den vier Ecken des Raumes auf dem Fußboden liegen. Jeder hat seine Habseligkeiten neben seiner Matratze zu einem Haufen gestapelt. Richtige Möbel gibt es keine, nur eine kleine Spielzeugtafel, die man eigentlich in einem Kinderzimmer vermuten würde.

      Amare erzählt: „Jeden Tag kommen alle Äthiopier hierher und ich gebe Deutschunterricht.“ 30 Leute quetschen sich dann in einen Raum, der bereits mit mir, dem Fotografen, Herrn Staritz und den fünf Äthiopiern als überfüllt bezeichnet werden könnte. Früher gab es in der alten Kapelle zweimal die Woche Deutschunterricht. Der fällt jetzt aus, was vielleicht genau der Grund ist, warum Amare sich darum kümmert, seinen Landsleuten Deutsch beizubringen, obwohl seine Kenntnisse selbst nur rudimentär sind. „In Äthiopien war mein Leben bedroht, weil ich die Opposition unterstütz habe“, erklärt Amare. Er erzählt, er habe dort sein Möglichstes gegen die Regierung getan: Er schrieb Texte, machte Fotos und Videos. „2003 habe ich ein Foto von einem Massaker in Hawassa an die Opposition weitergegeben. Weil die Regierung wusste, dass ich solche Dinge gemacht habe, musste ich fliehen. Sie wollten mich umbringen.“ Die Flucht nach Deutschland ging deshalb nicht ohne gefälschten Ausweis. Für umgerechnet 10.000 Euro kaufte er einen Flug und Papiere von einem Menschenschieber. „Deutschland hat mein Leben gerettet!“, verkündet er überschwänglich. Als ich versuche, ihn noch einmal auf das Wasser in seinem  Zimmer anzusprechen, leugnet Amare das Problem. Alles sei in bester Ordnung!

      Aus ehrfürchtigen Augen blicken mich Amare und seine Jungs an. Wenn ich durch den Raum gehe, ducken sie sich weg und weichen mir aus, als hätten sie irgendetwas von mir zu befürchten. Lächle ich sie an, lächeln sie nervös und eingeschüchtert zurück. Sie scheinen zu glauben, ich wäre wichtig, jemand, der über ihnen steht. Ich fühle mich stattdessen wie ein erbärmlicher Feigling. Ich kann es nicht glauben, dass Menschen in Deutschland unter solchen Zuständen leben müssen. Doch die Menschen hier im Lager sehen das alles ganz anders. Zum wiederholten Male versichern sie mir, wie großartig alles hier ist. Später erzählt mir ein anderer Flüchtling, warum es in Deutschland so großartig ist: „Man bekommt genug zu essen und muss nicht auf der Straße schlafen.“



      In den Ländern, aus denen sie kommen, sind Journalisten Menschen, die täglich mit der Furcht einschlafen, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen—oder Schlimmeres. Eigentlich hat Amare in seinem Land meinen Job gemacht. Diese Erkenntnis ist mir besonders unangenehm. Als ich gehe, winke ich ihnen unbeholfen zu, mir fällt nichts Besseres ein, als zu sagen: „Viel Glück!“ Dann drehe ich mich weg und gehe. Ich möchte nicht mehr zurückblicken, tue es aber dann doch. Sie lächeln mich immer noch auf die Selbe erwartungsvolle Weise an. Vielleicht glauben sie, dass ich ihnen irgendwie helfen werde oder kann. Doch das kann ich nicht. Würde es überhaupt etwas ändern, wenn irgendwer dies hier liest.

       

      Fotos: Tarek J. Schakib Ekbatan

       

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