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      Das exklusive Interview mit dem schwäbischen Spätzle-Terroristen!

      January 17, 2013

      Von Felix Nicklas

      Online-Redakteur


      Ulrich (Name von der Redaktion geändert). Wahlberliner und radikaler Wutschwabe. Der Anzug ist von der schwäbischen Firma Boss.

      Die Schwaben in Berlin fordern Autonomie innerhalb der Stadt, nachdem Wolfgang Thierse Berlin und der Republik einen Einblick in seine Gedankenwelt beim Frühstückkauf gegeben hat. Was als unbedachte und inhaltsleere Aussage eines Politiker begann, der in der Presse normalerweise durch seine Abstinenz hervorsticht, schlug nach einem „Anschlag“ von „Schwaben-Unterstützern“ auf die Kollwitz-Skulptur im Prenzlauer Berg plötzlich hohe Wellen. Belanglose Bezirkspolitiker aller Parteien fühlten sich angestachelt, ihre Meinung kundzutun, die Polizei leitete Ermittlungen ein, nachdem ein Bekennermanifest im Internet auftauchte, und die Presse der Republik stürzte sich dankbar auf all diese Inhaltsleere, um ihre Seiten zu füllen.

      Die Initiative mit dem Namen „Free Schwabylon“, die sich zu dem „Anschlag“ bekannte, hielt sich bislang bedeckt und im Hintergrund. Heute hat sich einer der Aktivisten jedoch exklusiv bei VICE zu der Aktion geäußert, die bereits die belangloseste Debatte in diesem noch jungen Jahr losgetreten hat.

      VICE: Gibt es keine anderen Probleme in Deutschland?
      Ulrich (Name von der Redaktion geändert): Ganz sicher, aber das Thema Schwaben in Berlin ist hochemotional, mit Wut und Aggression aufgeladen. Wir meinen, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde.

      Welchen Demütigungen und Repressionen sind Schwaben in Berlin Tag für Tag ausgesetzt?
      Angefangen bei Graffitis über sprachpolizeiliche Repression, bis hin zu Statements auf höchster politischer Ebene, wie kürzlich vom stellvertretenden Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse vorgetragen. Schwaben müssen sich in Berlin unzumutbare Dinge gefallen lassen. Wir wollten unserer Wut darüber Ausdruck verleihen.


      3,7 Kilo Spätzle. Von schwäbischer Hand selbst geschabt. Der Spätzle-Topf ist von der schwäbischen Firma WMF. Für die Spätzle wurden 1,5 Kilo Mehl und 15 Eier verwendet, alles bio natürlich.

      Was tragen Schwaben zum Stadtbild Berlins bei?
      Berliner Schwäbinnen und Schwaben arbeiten an der kulturellen und wirtschaftlichen Zukunft der Stadt. Sie sitzen in Opernhäusern, bei Filmfestivals, in Internet-Startups. Sie sind der Apfelmost in den Adern Berlins.

      Wie groß ist die Gruppe militanter Schwaben in Berlin?
      Wir wollen zu diesem Zeitpunkt keine näheren Angaben zur Organisationsstruktur unserer Gruppe machen. Allerdings haben wir festgestellt, dass unabhängig von uns bereits eine inoffizielle Facebook-Seite namens „Free Schwabylon“ gegründet wurde. Wir sind allerdings keine Open-Source-Terroristen, sondern führen unsere Aktionen in der Tradition schwäbischer Handarbeit durch. Deshalb möchten wir an dieser Stelle auf unsere offizielle Facebookseite verweisen, die über die Gründung eines autonomen schwäbischen Bezirks informiert.

      Aus welcher Situation heraus ist die Idee für den „Anschlag“ entstanden?
      Die Initation haben die Bemerkungen des antischwäbischen Agitators Wolfgang Thierse geliefert. Er hat sich in einer sachlich unrichtigen Art und Weise über Schwaben geäußert, über ihre Sprache, mit der er nicht vertraut ist, und ihre Gepflogenheiten, mit denen er nur aus der Ferne vertraut ist. Die darauf folgende Diskussion hat uns den Eindruck vermittelt, dass eine Menge schwäbischer Wut unter der Oberfläche des Prenzlauer Bergs kocht. Wir wollten, dass dieser Vulkan ausbricht.  

      War es von langer Hand geplant oder eine Handlung aus dem Affekt?
      Der Aktion gingen intensive handwerkliche und gewissermaßen rituelle Vorbereitungen voraus.  Die Handlung des Spätzleschabens ist hoch meditativ. Sie bringt einen zum Schwitzen und zum Nachdenken. Während des Schabens, Schöpfens und Essens kam uns die Idee, dieses Symbol schwäbischer Kultur dem Prenzlauer Berg buchstäblich ins Gesicht zu werfen.


      Die alte Käthe kurz nach der Aktion, die Berlin in Atem gehalten hat.

      Warum richtet sich euer Zorn ausgerechnet gegen die alte Künstlerin und Kommunistin Käthe Kollwitz?
      Hier liegt ein Missverständnis vor. Wir haben mit dem Spätzle-Attentat auf des Kollwitz Denkmal negative Reaktionen ausgelöst. An dieser Stelle möchten wir bekräftigen, dass uns die Bildhauerin Käthe Kollwitz bei unserem Anliegen nicht im geringsten interessiert. Eine „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ haben wir keineswegs beabsichtigt. Die Statue war ein notwendiges Opfer im Kampf um ein freies Schwabylon. Das Kollwitz-Denkmal, das vielen Berlinern etwas bedeutet, respektieren wir. Wir werden es nach der Gründung Schwabylons in Würde umsetzen lassen.

      Wohin?
      Diese Frage überlassen wir der Bezirksverwaltung Pankow.

      Von Wutbürgern zu Wutschwaben. Wie viel habt ihr aus den Protesten gegen Stuttgart 21 gelernt, das ihr nun auch in Berlin umsetzen werdet?
      Da wir alle seit Langem in Berlin wohnen, haben wir von Stuttgart 21 nur medial erfahren. Wir sind keine Stuttgarter Wutbürger, die etwas verhindern wollen, wir stehen stattdessen für die Errichtung eines freien Schwabylons ein.

      Es wurde gemeldet, dass die Polizei bizarrerweise Ermittlungen aufgenommen hat und eure Website analysiert. Was ist da der Stand der Dinge?
      Am Mittwoch sagte ein Sprecher der Berliner Polizei, dass keine Straftat vorliege und deshalb auch keine Ermittlungen durchgeführt würden. Wir können nur nochmal bekräftigen, dass keine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vorliegen kann, da sich unsere Aktion in keiner Weise auf Käthe Kollwitz bezieht.

      Wie heute vermeldet wurde, speisen den Länderfinanzausgleich mittlerweile nur noch die Bayern, die Baden-Württemberger und die Hessen. Die Steuerzahler dort schuften vor allem für Berlin. 7,9 Milliarden Euro werden in den Ausgleichstopf gezahlt, wovon 3,3 Milliarden in Berlin versickern. Wie steht ihr als Wahlberliner Schwaben dazu.  
      Der Anteil schwäbischer Mittel geht daraus nicht hervor. Angesichts vieler Großsteuerzahler aus dem Schwäbischen wird er jedoch beträchtlich sein. Und auch die Berliner Schwäbinnen und Schwaben leisten ein nicht zu unterschätzendes Steueraufkommen für Berlin.

      Gleichzeitig profitiert ihr Wahlberliner auch von diesen Zahlungen. Ist das nicht inzestuös?
      Es unterstreicht nur unsere territorialen Ansprüche. 


       Das ersehnte Schwaben-Ghetto.

      Wie stellt ihr euch dieses Utopia, den autonomen Bezirk Schwabylon rund um den Kollwitz-Platz vor?
      Es soll ein Raum sein, in dem sich Schwäbinnen und Schwaben als solche frei bewegen können, ohne sprachliche, kulturelle, kulinarische oder gewaltsame Übergriffe seitens einer autoritären Berliner Minderheit.

      „Wo diese Spätzle herkommen, gibt es noch mehr“ schreibt ihr auf der Seite. Erlebt Berlin nun einen Schwäbischen Frühling?
      Absolut. Der Kollwitzplatz ist unser Tahrir-Platz. Die Ankündigung, ganz Prenzlauer Berg mit einer Spätzleschicht zu überziehen, sollte unserer materiellen Potenz Ausdruck verleihen. Wir werden das nicht tun. Es wäre unappetitlich und geschmacklos. Den Vorwurf der Verschwendung weisen wir allerdings zurück. Wir haben ausgerechnet, was es kosten würde, den Prenzlauer Berg mit einer 1 Zentimeter dicken Schicht Spätzle zu überziehen. Die Materialkosten belaufen sich mit Bio-Preisen gerechnet auf 170.000 Euro. Geschabt wird ehrenamtlich. Das ist ein Bruchteil der Kosten von Stuttgart 21, die sich auf ungefähr 4,3 Milliarden Euro belaufen. Wir schaben, weil wir es haben.

      Was passiert mit Wolfgang Thierse, der dort wohnt? Kommt er in den Spätzle-Gulag?
      Solche totalitären Assoziationen möchten wir uns verbitten. Wir rufen die Berliner Bevölkerung des Kollwitz-Kiezes inklusive Herrn Thierse friedlich dazu auf, sich bis zum 31. Januar eine neue Bleibe zu suchen. Es gibt wunderbare Wohnungen in Karlshorst, Schöneweide oder Friedrichshagen. Dort wird auch Herr Thierse ein schönes Zuhause finden. Es soll dort auch eine Urberliner Backkultur geben. Wir Schwaben werden dem alten Arbeiterbezirk im Prenzlberg die Ehre erweisen, die ihm gebührt. Als gute Arbeiter in Unternehmensberatungen, in Werbeagenturen, bei Theaterfestivals und in Lifestyle-Redaktionen.

      Welche schwäbischen Begriffe neben „Wecken“ sollten dem Berliner gängig sein?
      Der angeblich schwäbische Terminus „Wecken“ wurde vom Nicht-Schwaben Wolfgang Thierse in die Debatte eingeführt. In Wirklichkeit muss von „Weckla“ die Rede sein. Weckla ist der Plural, Weckle der Singular. Wobei sich diese Laute in der deutschen Schrift nicht wiedergeben lassen. Das saugt man mit schwäbischer Muttermilch auf.

       

       

       


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      Themen: Schwaben, Wolfgang Thierse, Schwabylon, Spätzle, Käthe Kollwitz, Berlin, Länderfinanzausgleich, Baden-Württemberg, Stuttgart 21

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