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      Randalierende Faschisten am polnischen Unabhängigkeitstag

      November 14, 2012

      In Polen gibt es seit knapp 20 Jahren einen Hang zu rechtsextremer Gewalt gegen die üblichen Gruppen, die sich gegen Rassismus und Hass einsetzten: linke Aktivisten, die Medien, die LGBT-Community und jeden, der kein totales Arschloch ist und so weiter und so fort. Seit 1989 sind 39 Menschen durch Übergriffe der Rechtsextremisten ums Leben gekommen und viele Tausende wurden verletzt.

      Zu diesen polnischen Nationalisten zählen auch rechtsextreme polnischen Hooligans—eine Szene, die andere europäische Hools aussehen lässt, als seien sie Protagonisten aus 500 Days of Summer.

      Diese abwechslungsreiche Mischung gewalttätiger, rechtsextremer Nationalisten und Fußballhooligans hat letztes Jahr die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregt, als sich am polnischen Unabhängigkeitstag Nationalisten mit der Polizei eine Riesenschlacht lieferten, nachdem lokale und ausländische Antifa-Aktivisten die Marschrute der Faschos blockierten. Diese Zusammenstöße gehörten zu den schlimmsten, die es in Polen in den letzten Jahren gegeben hat, mit mehr als 200 festgenommenen Demonstranten auf beiden Seiten, 14 zerstörten Polizeiwagen und zwei ausgebrannten Übertragungswagen.

      Dieses Jahr bin ich nach Polen gereist, um zu sehen, ob es sich um dabei um eine einmalige Angelegenheit handelte, oder aber, wie viele sagen, diese Zusammenstöße die Rechtsextremisten bestärkt haben und so zu  einer noch größeren Beteiligung anlässlich der am vergangenen Sonntag stattfindenden Feierlichkeiten ermutigt haben.

      Ich kam am Sonntag in Warschau an und spazierte durch die Stadt, vorbei an Polizeifahrzeugen und extra anlässlich der Paraden zum Unabhängigkeitstag angerückten Soldaten. Während ich also durch die Stadt streifte, entdeckte ich eine Gruppe, die historische Szenen der polnischen Geschichte nachspielte, d.h. da war eine Horde von Leuten, von denen sich einige als Nazis verkleidet hatten andere als polnische Widerstandskämpfer, und dazwischen kleine Kinder, die mit Waffenrepliken spielten. Ein toller Start.

      Ich lief weiter Richtung Altstadt, wo ich mit Michat Borowy verabredet war, Sprecher der antifaschistischen Organisation 11 Listopada, die Proteste gegen den jährlich stattfindenden Nationalisten-Aufmarsch organisiert.
      „Wir werden immer aktiv und stellen uns den Rechtsextremisten entgegen, wenn sie versuchen, die Straßen einzunehmen und die Nationalfeiertage zu dominieren“, sagt Michat. „Im Jahr 2008 traten sie bei ihren Märschen viel unverhohlener auf, sie trugen SS-Uniformen und machten den Hitlergruß. Wir haben damals mit unseren Blockaden die Rechtsextremisten stoppen können, aber dann ist 2010 wieder alles eskaliert, nachdem wir die Koalition des 11. Novembers gründeten. Die Idee, die dahinter stand, war, eine Vereinigung aller zu schaffen, die den Nationalisten und Rassisten entgegentreten wollen. Genau zu diesem Zeitpunkt begannen sie, statt Uniformen Anzüge zu tragen, wodurch sie eher wie normale Patrioten aussahen und nicht mehr wie Nazi-Skinheads. Das machte alles noch viel gefährlicher.“

      Ich frage mich, ob sie nach der negativen Berichterstattung durch die Presse zu ihren Blockaden im letzten Jahr womöglich ihre Taktik ändern würden. „Dieses Jahr haben wir die Absicht, die Nationalisten als das zu zeigen, was sie wirklich sind. Sie haben sich mittlerweile nämlich mit viel gemäßigteren, konservativen Gruppen zusammengeschlossen, um dadurch ihre Anzahl zu erhöhen, und sie missbrauchen die Symbolik des Unabhängigkeitstag für ihre Zwecke, sie eignen sich Bildsprache und Metaphorik an und setzten dabei ihre Propaganda ein. Wir müssen den Menschen zeigen, dass das gewalttätige Leute sind.“

      Ich fragte Michal, was er von den Protesten dieses Jahr erwarte. „Die Faschisten selbst sind nicht so stark, aber sie haben massive Unterstützung durch die Fußballhooligans, die mit ihnen marschieren. Solange die Hooligans also in Warschau sind, vergessen sie ihre Rivalitäten, die sie untereinander haben, obwohl es letztes Jahr einen Kampf zweier Typen gegeben hat, wonach beide im Krankenhaus endeten. Außerdem haben sie einige der schlimmsten Faschisten ganz Europas ausfindig gemacht—darunter Schweden, Tschechen und Serben—und gestern hat eine Gruppe von etwa 25 Italienern und Spaniern, die Plakate hochgehalten haben und ,Hitler war gut. Scheiß auf Antifa' riefen, einen von uns geschnappt und verprügelt.“

      Mir fiel auf, dass Michat ein blaues Auge hatte, was ihn dazu veranlasste, mir von einem Vorfall zu berichten, der ziemlich typisch für Antifa-Mitglieder in Polen ist: „Ich wollte einen faschistischen Aufkleber von einer Mauer in einem U-Bahnhof abmachen, als fünf Typen mich und meine zwei Freunde angriffen. Die Attacke dauerte nur einige Sekunden, aber mich haben sie erwischt. Du weißt nie, wo sie gerade sind, das ist eine ständige Bedrohung. Als einer unserer Sprecher ein Radio-Interview gegeben hatte, sind sie ihm gefolgt, glücklicherweise ist es ihm gelungen zu entkommen. Das sind keine angenehmen Lebensumstände. Ich wurde schon so oft angegriffen.“

      Die Veranstaltungen des nächsten Tages fanden in Form von Militärparaden, einer früh morgendlichen katholischen Versammlung und anderen Schauspielen statt und waren von starken Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Spürhunde und Metalldetektoren waren überall und Präsident Bronislaw Komorowski hatte nach den Zwischenfällen vom vergangenen Jahr einen separaten Demonstrationszug zum Gedenken der Kriegsveteranen ohne Übergriffe von Nationalsozialisten auf die Veranstaltung organisiert.

      Die Demonstrationszüge der Antifa und der Nationalisten starteten an entgegengesetzten Enden des Stadtzentrums. Da die Demonstration der Antifa früher begann, eilte ich also dahin, wo sie sich versammelten.

      Angesichts einer Ansammlung von rund 500 Menschen erschien die starke Polizeipräsenz unangemessen. Dadurch und auch durch die Tatsache, dass polnische Polizisten sogar ihre griechischen Kollegen spärlich ausgerüstet aussehen lassen (jedes Mitglied einer Einsatztruppe ist mit Schlagstock, Schutzschild und Panzeranzügen bewaffnet, einige haben Gewehre mit scharfer Munition, andere Schusswaffen mit Pfefferspraygeschossen), würdest du niemals auf die Idee kommen, dich ernsthaft mit ihnen anlegen zu wollen.

      Den Demonstrationszug umringte eine Gruppe Undercover-Polizisten, die wirklich exzellente Arbeit darin leisteten, absolut unerkannt zu bleiben, indem sie alle die exakt gleiche Kleidung trugen. Richtig subtile, geheime Polizeiarbeit.

      Nachdem die Polizei die Demonstranten eingekesselt hatten (um kleine Gruppen davon abzuhalten, aus dem Demonstrationszug auszubrechen und mit Nationalisten aneinander zu geraten) und das ganze schon eine Stunde Verspätung hatte, ging es endlich los.

      Die Polizei gab sehr zum Ärger der Antifa-Mitglieder den ermüdend zähen Marschschritt vor, aber immerhin schien alles friedlich abzulaufen. Da hörten wir plötzlich—perfektes Timing, nachdem wir in falscher Sicherheit gewogen wurden—eine Reihe von Explosionen. Ich dachte zuerst, sie wären Teil einer Militärparade, als sie aber nicht aufhörten, verließ ich die Antifa-Demo und lief zu dem Teil des Stadtzentrums, wo sich die Nationalisten gerade versammelten.

      Als ich mich der Nationalisten-Demo näherte, wurde die Polizistenpräsenz stärker, Wasserwerfer umzingelten den Protest und Polizeihunde und Pferdestaffeln standen in der Nähe bereit, für den Fall der Fälle.

      Als ich um die Ecke bog und das Kulturzentrum erreichte, war ich geschockt. Ich wusste zwar, dass die Nationalisten-Demo der der Antifa zahlenmässig überlegen sein würde, aber was ich da sah, war absurd. Auf dem Platz und den Straßen rund um die zentrale U-Bahnstation drängten sich Massen von Menschen—es waren mehr als 10.000 Nationalisten gekommen, viele davon Fußballhooligans in den Farben ihrer Mannschaften.

      Stell dir die Ruhe vor, die in dem Film Football Factory herrscht, bevor die Massenschlägerei losgeht, eine beängstigende, spannungsgeladen Ruhe, weil jederzeit irgendetwas Schreckliches passieren wird, und dann mündet die ganze Szene in eine grauenerregende Darstellung menschlicher Fäuste im Testosteronrausch. Genau so war das hier. Dass auf der Demo im vergangenen Jahr eine Menge Presseleute (auch der polnische VICE-Fotograf) attackiert wurden, trug auch nicht unbedingt dazu bei, dass mich sicher fühlte.

      Ich fühlte mich ein bisschen besser, als ich sah, dass dieser Polizist seine Aufmerksamkeit ganz den hervorragenden Ereignissen in seiner nächsten Umgebung widmete.

      Als ich dann noch feststellte, dass Marks & Spencer ganz den Schutz erhielt, den sie verdient hatten, hellte sich meine Stimmung auf.

      Im Gegensatz zur Antifa, waren die Nationalisten ziemlich lax damit beschäftigt, ihren Scheiß aufzubauen und ließen sich alle Zeit der Welt, bis es langsam dunkel wurde, womit sie den versammelten Fotografen richtig ans Bein pissten.

      Falls du bis jetzt an der rechtsextremen Gesinnung dieser Leute gezweifelt haben solltest: Der Aufmarsch wurde von zwei polnischen rechtsextremen Gruppierungen organisiert: ONR (Nationalradikales Lager) und die Allpolnische Jugend, deren Programm ausdrücklich ihre ablehnende Position zu Abtreibung und Homosexualität erklärt und Demonstrationen für die Rechte von Homosexuellen als „militante Homosexualität“ bezeichnet. Oh, bei solchen Märschen wurde auch schon gehört, wie sie „Lasst uns alle Schwuchteln vergasen!“ gesungen haben. Sie sind wirklich ein liebenswerter Haufen.

      Als sich ihr Demonstrationszug dann in Bewegung setzte, war er auf beiden Seiten von Hooligans flankiert, deren Job es anscheinend war, die Fotografen völlig ungestraft zu drangsalieren. In einem kurzen Moment griffen sie plötzlich die Reihe der Fotografen an und zertrümmerten eine Vielzahl von Kameras mit ihren Hämmern.

      Aus dem Nichts brach schließlich das Chaos aus. Hunderte Hooligans hatten es an die Spitze des Demonstrationsmarsches geschafft und griffen die Fotografen auf der Straße an, bevor sie sich der Polski Bank zuwandten, die Fensterscheiben zerstörten und versuchten, das gesamte Gebäude in Brand zu stecken. Die Antwort der Polizei kam prompt, aber als sie anrückten, hagelte es Molotowcocktails und Ziegelsteine.

      Nicht nur den von zu beiden Seiten abgefeuerten Projektilen musste ich ausweichen, sondern auch der Gruppe Hooligans, die gezielt Fotografen verfolgten und attackierten, um sie davon abzuhalten, die Geschehnisse zu dokumentieren. Das, liebe Leute, ist zweifellos die beste Art, einen Sonntagnachmittag zu verbringen.

      Einige entschlossen sich dazu, ihre Wut auf friedlichem Wege auszudrücken.

      Andere taten das nicht.

      Als die Gewalt eskalierte, kam die Polizei mit ihrem Wasserwerfer an, was diese Typen nicht im geringsten irgendwie beeindrucken konnte. Es war ihnen scheißegal.

      Die Polizisten wurden nach wie vor zum Ziel zahlreicher Angriffe und ihre Taktik, alle Straßensteine einzusammeln, brachte sie da überraschenderweise auch nicht weiter. Also schalteten sie einen Gang hoch und schossen Blendgranaten, um die Hooligans zurückzudrängen.

      Jemand hatte mir zuvor gesagt, dass die Hooligans gerne einige Stimulanzien in Puderform zu sich nehmen, bevor sie sich zusammentun und die Scheiße aus den Polizisten rausprügeln, aber Koks ist in Warschau ziemlich teuer, also nehmen die meisten Amphetamin. Was ich vergessen hatte, war, dass Speed absolut jedes Gefühl von Angst nivelliert und diesen Typen dazu bringt, lässig hinter einer Reihe Polizisten entlang zu schlendern, bevor er achtlos einen Stein auf einen wirft, wonach er ruhig zurück in die Menschenmenge wandert.

      Was dieser hier wohl dabei vergessen hat: Polizisten haben Beine. Als er sich also umdrehte, tauchte hinter ihm eine Gruppe auf—wie echte Männer—und rammte ihn unangespitzt in den Boden.

      Dann kam eine Einsatztruppe und verhaftete ihn.

      Während auf der anderen Straßenseite Polizisten immer noch beschossen wurden, hätte mich fast etwas am Bein getroffen, das entweder ein ziemlich gut gezielter Schuss war oder eine richtig beschissener Wurf. Ich weiß, ich hätte mich wirklich nicht genau in die Schusslinie stellen sollen (nochmal Entschuldigung, Mama).

      Die Polizisten waren zu diesem Zeitpunkt definitiv in der Laune für ein Feierabendbier, also kam ihr Tränengas zum Einsatz, womit sie endlich irgendeine Art von Wirkung auf die Hooligans erzielten—keiner von ihnen hatte eine Gasmaske dabei. Amateure.

      Nur für den Fall, dass das Gas nicht ausreichen sollte, schossen die Polizisten auch noch mit ihren Gewehren in die Menge hinein. Barmherzigerweise benutzen sie Gummigeschosse, aber auch die sind immer noch Geschosse und tun verdammt weh, wenn du sie abbekommst.

      Dem Demonstrationszug folgte ein riesiger Tieflader-LKW, von während der Straßenrandalen in Endlosschleife nationalistische Lieder gespielt wurden. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte jemand das Mirko übernommen und es geschafft, die Menge davon zu überzeugen, sich zu beruhigen. Im Gegenzug ließen die Polizisten sie weiter marschieren, bevor sie dann an ihrem Zielpunkt angekommen waren, einer Statue von Roman Dmowski, einem nationalistischen Führer der 1920er.

      Ich sprach mit dem älteren Nationalisten Darius, der über die gewalttätigen Ausschreitungen sehr wütend war. „Die Polizei hat die Menge provoziert—sie haben uns nicht marschieren lassen. Das ist ihre Propaganda, um uns in den Medien schlecht aussehen zu lassen.“

      Ob das nun der Fall war oder nicht, die Nationalisten hatten gute Arbeit geleistet, sich selbst wie gewalttätige Neandertaler aussehen zu lassen, noch bevor ich auf der Seite der Polizei irgendeine Bewegung ausmachen konnte. Das ist wahrscheinlich nicht schwer, wenn du so archaische Ansichten hast wie sie. Bevor die Menge verschwand, wurden noch einige Reden gehalten, dann eilte jeder nach Hause.

      Als ich später in die Innenstadt zurückkehrte, war von den Zusammenstößen keine Spur mehr zu sehen. Die Straßen waren aufgeräumt, der Straßenverkehr floss, und die Stadt war komplett zur Normalität zurückgekehrt.

      Die Vorkommnisse diese Tages sind schwer zusammenzufassen—friedlich in einem Moment, unglaublich gewalttätig im nächsten—aber ich war mir im Nachhinein, nachdem ich alles in voller Länge mit eigenen Augen gesehen hatte, sicher: Die Rechtsextremisten sind in Polen zweifellos auf dem Vormarsch. Während der Demonstration war bekannt gegeben worden, dass die nationale Bewegung eine Partei unter paramilitärischer Führung (Straz Niepodleglosci) im Stile der umstrittenen ungarischen Magya Garde gründen würde. Und als wenn das Randalieren am Sonntag nicht genug gewesen wäre, gab es Montagnacht auf einem Platz im Stadtzentrum von Breslau einen Übergriff durch eine Gruppe von etwa hundert Nationalisten, bei dem viele Anwohner verletzt wurden, einer davon sogar lebensgefährlich.

      Auch wenn diese Bewegung im Vergleich zu anderen politischen Parteien noch relativ klein erscheint, könnten doch ihre homophoben, anti-semitischen und gewalttätigen Bestrebungen leicht dazu führen, Polens Status als funktionierende Demokratie zu beschädigen.
      Es muss mehr passieren, als die Antifa alleine bewältigen kann.


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