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      Schlag die Demokratie

      November 12, 2012
      Johannes Niederhauser

      Von Johannes Niederhauser

      Freier Autor

      Ist dir auch noch schlecht von gestern? Wer immer noch ein Idealbild der Demokratie in sich trägt—im Sinne von: Interessierte Bürger wählen engagierte Volksvertreter, die (frei nach Kant) nur zum Wohl der Allgemeinheit handeln—, der musste gestern der pöbelhaften Fratze der selbstgefälligsten aller Herrschaftsformen ins Gesicht blicken und sich eingestehen, dass Stefan Raab mit seiner Brot-und-Spiele-DSDS-für-Politiker-aus-zweiter-Reihe-Sendung Absolute Mehrheit mal wieder den Nerv der Zeit getroffen hat: Politik verkommt zur Unterhaltung.

      Raab sieht das natürlich ganz anders. Die biedermännische Süddeutsche übrigens auch, die hinter dem Klamauk tatsächlich Inhalt vermutet.

      „Die Zeit ist reif für einen Neuanfang. 3 Themen. 5 Gäste. 100.000 Euro Belohnung. Meinung muss sich wieder lohnen.“ So beginnt die Sendung mit der bekannten Raab-Hintergrundstimme von Manfred Winkens. Raabs Geisteszustand zeigt sich in seiner Anmoderation: „Politik bestimmt Ihr Leben“, verkündet er schulmännisch. Ach echt?! Wusste ich gar nicht. Raab scheint sein Publikum zu kennen und nicht viel von ihm zu halten. „Manchmal kommen die Politiker ja gar nicht in die Sitzung, hier müssen sie kommen.“ Grölen im Publikum. Hallo Stammtisch. Dass sie zu Raab ganz gewiss nicht kommen müssen, zeigt die illustre Gästeliste von Politikern aus den eher hinteren Reihen: der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, der CDU-Wirtschaftsexperte, Michael Fuchs, der FDP-Chef im Kieler Landtag, Wolfgang Kubicki, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Jan van Aken, und die Internet-Unternehmerin Verena Delius als Bürgerin.

      „Meinung muss sich wieder lohnen.“ Allein dieser Satz sagt alles über die Sendung und das dort vorherrschende Politik- und Demokratieverständnis. Erst durch monetäre Aufwertung von breitgetretenen Plattitüden wird die politische Meinung—wohl eher das beim Zuschauer am besten anklingende Stammtisch-Statement—hier wertvoll. Politische Meinung, lieber Raab, lohnt sich aber in einer Demokratie immer, denn diese baut allein auf der Meinung der Menschen auf. Gefährlich wird der „Meinung muss sich (geldlich) wieder lohnen“-Schwachsinn vor allem dann, wenn du bedenkst, was Raab im Vorfeld seiner Sendung gesagt hat. Nämlich, dass seine jungen Zuschauer noch formbar seien. Raab scheint sich eine Horde von Zuschauern heranziehen zu wollen, die glauben, „gute“ politische Meinung solle mit Geld belohnt werden. Wunderbar. Dann haben wir bald italienische Zustände. Da belohnt die Mafia auch den Politiker mit Geld, wenn er eine bestimmte politische Meinung hat.

      Raab aber scheint wirklich zu glauben, er habe einen Auftrag und seine Sendung würde in Deutschland etwas Gutes bewegen. Immer wieder betont er, er sei sich sicher, die Kanzlerin schaue zu. Außerdem lobt er seine Gäste für ihren Pioniergeist. Schön, wie suggestiv Sprache in ungeschulten Ohren klingt. Pioniergeist hat so einen mutig-wertvollen Klang. Doch dass auch die ersten Gäste des Dschungelcamps „Pioniere“ waren, hat Klein Stefan noch nicht kapiert.

      Ungefähr auf dem Niveau des Dschungelcamps bewegt sich auch das ganze Format. Der Zuschauer soll schön von zu Hause aus anrufen und für seinen Lieblingskandidaten stimmen. Der Anruf kostet 50 Cent. Das freut die Produktionsfirma. So lassen sich auch die 100.000 Euro Preisgeld über die dummen Schäfchen am Fernsehschirm rückfinanzieren, die glauben, sie würden durch ihren Anruf am politischen Tagesgeschehen aktiv teilnehmen. Raab und seine Produzenten bei Brainpool bepissen sich wahrscheinlich jetzt noch vor Lachen.

      Weil Raab, nach eigener Aussage, kein Politikprofi ist, hat er sich Peter Limbourg ins Boot geholt. Der Sat1-Politik-Kommentator meint zu Beginn der Sendung: „Direktes Feedback ist gut.“ Ja, gut für den Geldbeutel der Produzenten. Im demokratischen Sinne ist direktes Feedback kaum zu verteidigen. Der Diskurs geht verloren und das Nachdenken über die Aussagen sowieso. Natürlich wird gerne immer wieder darauf hingewiesen, die Bevölkerung müsse stärker in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden, alles müsse transparent werden. Wozu das führen kann, kann am Beispiel der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus gezeigt werden. DIE ZEIT fragte im März ganz richtig: „Wenn alle gleich viel zu sagen haben, wer übernimmt dann Entscheidungen? Wenn alles öffentlich ist, wo werden dann vertrauliche Gespräche geführt?“. Es gibt einen Grund, warum Politiker sich in Gremien treffen und bis zum Erbrechen mit einem komplexen Themeninhalt beschäftigen: Nämlich die Komplexität der Inhalte. Es kann schlicht nicht jeder in Allem ein Experte sein. Wenn aber jeder wie ein Experte mitreden dürfte, dann wäre der gesamte Entscheidungsprozess gelähmt. Das Land unregierbar. Interessanterweise findet Bernd Schlömer, der Vorsitzende der Piraten, Raabs Sendeformat gefährlich: Es könne Populismus fördern.

      Abstimmen konntest du übrigens schon nach drei Minuten. Da wurde noch gar nichts gesagt. So viel zum Inhalt. Doch die Telefonnummern für die Kandidaten waren bereits von Limbourg und Raab mitgeteilt worden. Bevor es in die „politische“ Diskussion geht, zeigt Raab dann noch, dass sich auch für all seine Schäfchen da draußen das Anrufen lohnen kann: Wer Glück hat, gewinnt ein Auto. Innerhalb der ersten etwa sechs Minuten passiert also gar nichts von Gehalt. Doch du sollst am besten schon anrufen. Und das bleibt die ganze Sendung hindurch das Wichtigste. Raab unterbricht immer wieder die Diskussion, um den Trend anzuzeigen. Raab: „Ja, aber nur kurz was sagen, weil wir müssen zur Wertung übergehen.“ Auch Limbourg weist mehrmals darauf hin: „Wir haben keine Zeit. Ich höre gerade von der Regie, dass wir uns das Auto noch mal ansehen, bevor wir in die Werbung gehen. Ihr Part, Herr Raab.“ Oh Gott. So muss politische Diskussion heute sein. Kurz, schmerz- und belanglos und der Zuschauer muss auch was gewinnen können. Dass es Bürgerpflicht ist (und nicht nur Recht!), sich an der politischen Diskussion zu beteiligen, und zwar, ohne dafür irgendetwas zu kriegen, scheint keiner der Zuschauer, Verantwortlichen oder Gäste noch zu wissen.

      Doch worüber wurde eigentlich „diskutiert“? Drei Themen stellte Raab. Reichensteuer. Energiewende. Die legale Grauzone des Internets. Schlagabtausch vom Feinsten. Jeder der Gäste kann seine vorformulierten Statements rauspressen. Spannend war, dass Raab seine persönliche Meinung beim Thema Reichensteuer nicht unter Verschluss halten konnte. Er nennt die von der SPD geplante Vermögenssteuer „Zwangsanleihe“. Der Multimillionär Stefan Raab fürchtet ganz offensichtlich um sein Konto. Den meisten Applaus, wie er selbst erschrocken feststellt, erntet er aus der Ecke der FDP-Anhänger im Publikum für seine unqualifizierten Kommentare. Verächtlich nennt er den Vorschlag einer stärkeren Besteuerung der Reichen ein Vorhaben wie das Robin Hoods. Die Mehrheit des Publikums grölt.   

      Kubicki, der FDP-Mann, ist von Beginn an auf Platz 1. Er holt zwar nicht die absolute Mehrheit und bekommt keine 100.000 Euro, doch er durchschaut von Anfang an, wie es funktioniert. Raab sagte zu Beginn der Sendung: „Macht euch mal locker.“ Kubicki mit offenem Kragen ohne Schlips bietet wenig Inhalt, aber hält dafür Händchen mit dem weiblichen Zuschauergast. Kubicki will den Zuschauern gefallen. Ebenso van Aken, der sich beim Reden ausschließlich den Kameras zuwendet. Wenigstens wissen wir jetzt, dass der durchschnittliche Raab-Zuschauer wirtschaftsliberal ist und BWL oder Jura studiert. Kubicki: „Die Armen werden nicht dadurch reicher, dass die Reichen arm gemacht werden.“ Aua. Auf diesem Niveau dümpelt die Sendung vor sich hin. Es geht darum, dass Politiker „ein menschliches Gesicht zeigen“, wie Raab es formuliert. Das bedeutet übersetzt: Nicht anecken, Ball flach halten, lächeln und flirten.

      Das Gute am schnellen Sendeformat ist, dass Raab kaum am Moderieren ist. Es gibt einen schmerzlosen Schlagabtausch zwischen den Gästen und dann kommt auch schon wieder Werbung. Zum Abschluss sagt Raab noch: „Ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht und eine Anregung gegeben, mal über Politik nachzudenken.“ Letzteres ja. Aber anders als du denkst. Der High School Popularity Contest geht zu Ende. Politik hat in Deutschland endlich DSDS-Niveau erreicht. Raabs Fazit schon vor der Ausstrahlung war:

      „Durch diese Sendung wird die Welt nicht schlechter werden! Und das ist schon mal geil.“ Vielleicht hat er Recht. Die Sendung zeigt wohl eher, wie beschissen schon alles ist.


       


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      Themen: Stefan Raab, Pro 7, Absolute Mehrheit, Politik, Deutschland

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