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      Wir sprachen mit Menschen aus Israel und Palästina über den Nahostkonflikt

      November 16, 2012

      Von VICE Staff

      Vorgestern haben israelische Kampfflugzeuge Raketen auf den Gazastreifen abgefeuert. Dabei wurde u.a. der Militärchef der Hamas, Ahmed al-Dschabari, getötet. Die Angriffe waren Vergeltungsakte für die seit Tagen anhaltenden Raketenangriffe auf israelische Gebiete durch die Hamas, welche heute auch Angriffe auf Jerusalem gefahren hat, wobei aber wohl niemand getötet wurde.

      Die Hamas hat lange davor zurückgeschreckt, Raketen auf Tel Aviv abzuschießen, da sie wusste, dass ein Angriff auf Tel Aviv die endgültige Eskalation des Konflikts zwischen Israel und Palästina zur Folge hätte.  
      Gestern jedoch flogen zum ersten Mal seit 1991 Raketen in Richtung Tel Aviv. Es sieht danach aus, als hätten die Raketen Tel Aviv verfehlt: Eine landete im Meer, die andere ging kurz vor den Stadtmauern nieder. Aber bisher kann niemand mit Sicherheit sagen, welche Auswirkungen dieser Raketenangriff auf den bestehenden Konflikt haben wird. 

      Derzeit befinden sich Filmteams von VICE auf beiden Seiten der Grenze—sowohl in Tel Aviv als auch im Westjordanland. Durch sie halten wir Kontakt zu Leuten aus beiden Lagern, um ganz genau herauszufinden, was vor sich geht.
       
      Zuerst eine anonyme Quelle aus Tel Aviv, die mit uns über die Raketenangriffe sprach.

      VICE: Fühlen sich die Bewohner Tel Avivs unter Beschuss?
      Anonyme Quelle in Tel Aviv: Es ist ehrlich gesagt ziemlich ruhig hier. Wir haben keine Zerstörung gesehen, und auch wenn die Presse fälschlicherweise „Raketen“ schreibt, sind es gar keine echten Raketen. Es sind ja noch nicht mal Bomben, es ist etwas, das aus Rohr- und Gerüstbauteilen gefertigt ist, etwas, das einschlägt und auseinander bricht. Wer davon getroffen wird, stirbt natürlich, es kann auch ein Haus beschädigen, aber es ist jetzt nicht hochgefährlich. Und es sind auch keine zielgerichteten Raketen, sie sind also nicht wirklich präzise.  

      Wie ist die momentane Stimmung auf der Straße?
      Die Haltung der Israelis scheint zu sein: „Die Hamas denkt, dass sie uns damit wehtut? Die kann uns gar nichts!“ Tatsächlich begegnen viele dem Ganzen mit Heiterkeit und einer Art jüdischem Stolz, aber im Großen und Ganzen verhalten sich alle vollkommen normal.
      Es herrscht keine Hysterie und egal, wen du danach fragst, was vor sich geht, er wird dir sagen: „Schau, sie werden es nicht wagen, Tel Aviv zu bombardieren. Die Hamas weiß, dass sie damit unsere Achillessehne treffen würde und wir ihnen darauf mit einer verdammten Atombombe antworten würden.“

      OK, laut BBC hat die Hamas aber genau das getan, oder es zumindest versucht.
      Ja, aber kein Mensch in Tel Aviv macht sich wegen dieser „Bomben“ Sorgen. Wie ich schon sagte, die Menschen Israels lachen darüber, wie stümperhaft das Design, wie ungenau und wie harmlos diese Raketen sind. Sie sehen sie als mickrige, lachhafte, leere Drohungen. Sollten sie irgendwann tatsächlich Schaden verursachen, glaubt die Mehrheit der Bewohner, dass Israel sich rächen wird, sprich, dass der Krieg ausbrechen wird.

      Wurde euch nahegelegt, euch in Bombenschutzbunker zu begeben?
      Nein, aber falls es mal soweit sein sollte, hier gibt’s an jeder Ecke einen.

      Sind seit den Attacken mehr Mitglieder der israelischen Verteidigungskräfte zu sehen?
      Nein. Die einzigen Leute der Streitkräfte, die wir gesehen haben, waren außer Dienst, ganz zwanglos. Die Mädchen hatten ihre Uniformen an und trugen dazu Handtaschen und anderes Zeug. Von den Streitkräften, die wir gesehen haben, hatte keiner etwas damit zu tun. Um ehrlich zu sein, hätte man wahrscheinlich gar nicht gemerkt, dass irgendetwas los war.

      Denkst du, alle sind so ruhig, weil sie daran gewöhnt sind oder weil sie sich einfach nicht wirklich von den Hamas bedroht fühlen?  
      Nun, das ist es ja gerade, weil sie eben nicht daran gewöhnt sind und das letzte Mal, dass so etwas ähnliches passiert ist, schon mehrere Jahre zurückliegt. Deshalb bin ich mir nicht sicher. Vielleicht blenden die Leute es einfach aus, da sie wissen, dass die Raketen nicht wirklich effektiv sind. Sie sind fest davon überzeugt, dass das Letzte, was die Hamas tun würde, ist, Tel Aviv wirklich anzugreifen. Denn sie wissen, was das zur Folge hätte: den ultimativen Krieg.

      Wie war es in den letzten paar Tagen?
      Letzte Nacht, als es richtig losging, saß ich auf der Terrasse eines Cafés. Die Leute rauchten Gras und fuhren mit ihren Fahrrädern mit Einkäufen in ihren Körben umher. Absolut alles war wie immer. Nun, die Leute riefen sich gegenseitig an, um zu fragen, ob alles OK sei, aber das war es dann auch schon. Als es so weit war, und die Raketen sich näherten, landete eine im Meer und die andere in unbewohntem Gebiet. Sie sind ja noch nicht mal explosiv. Wir sprachen mit Leuten, über ihre Pläne für die Nacht. Die Leute gehen immer noch aus, die Bars bleiben offen und die Clubs werden sich füllen.

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      Ein israelischer Luftangriff in Gaza.

      Als nächstes sprachen wir mit einer anonymen Quelle im Westjordanland, die uns von den Protesten erzählte, die in den vergangenen Tagen entflammt waren.

      VICE: Hey, was passiert bei euch? Welche Auswirkungen haben die Angriffe auf den Gazastreifen für das Westjordanland?
      Anonyme Quelle aus dem Westjordanland: Wir hörten, gestern sei es im Gazastreifen eskaliert, und dass Israel immer regelmäßiger feuern würde. Immer mehr Raketen stürzten vom Himmel und die Menschen in Ramallah wollten raus auf die Straße, weshalb sich eine große Gruppe von Leuten hier auf dem Hauptplatz versammelte und von hier aus loszog.

      Wo gingen sie hin?
      Sie stimmten einen Sprechchor an, riefen, sie wollen bis nach Beit El, eine Siedlung außerhalb von Ramallah. Auf dem Weg gaben sie ihren Wunsch nach einer Eintracht der drei Fraktionen Palästinas—Fatah, Hamas und die Volksfront—kund.

      Wer marschierte alles?
      Oh, alle marschierten. Männer, Frauen, die Alten und die Kinder. All diese Menschen gemeinsam zu einer riesigen Gruppe auf der Straße zu sehen, war ziemlich faszinierend. Sie gingen einfach weiter in Richtung Beit El, ohne zu wissen, was passieren würde. Ich hatte irgendwie Angst, denn ich wusste, sollten diese Leute Beit El tatsächlich erreichen, würden sie dort von israelischen Gewehrsalven begrüßt werden.

      Sie kamen aber niemals an, oder?
      Nein, auf halben Weg tauchten wie immer Truppen der palästinensischen Behörden auf und stoppten die Menge, indem sie auf der Hauptstraße eine menschliche Barriere formten und niemanden mehr durchließen. Aber die Meute blieb. Sie schrieen die Soldaten an und beleidigten sie und fragten, auf welcher Seite sie stünden.

      Wie reagierten die Soldaten?
      Sie blieben ruhig und ließen die Leute reden. Das Ganze verlief komplett gewaltfrei: Die Soldaten wollten niemanden angreifen und die Menge der Protestierenden hatte auch kein Interesse daran, eine Schlacht mit den Soldaten anzuzetteln. Sie wollten nur das Problem diskutieren—sie wollten das Gefühl haben, etwas zu bewirken. Sie blieben dort für drei oder vier Stunden und du konntest sehen, dass es die Soldaten nicht kalt ließ, sie irgendwann sogar tatsächlich begannen, sich zu schämen. Das zu beobachten, war eine echte Befriedigung für die Menschen.
      Selbst das kleinste Zeichen von Seiten der Soldaten, das zeigte, dass sie der Aufmarsch der Zivilisten nicht kalt ließ, stellte die Protestierenden zufrieden. Ich war froh, das zu sehen und froh, dass niemand verletzt wurde.

      Was ist heute passiert?
      Heute sah man noch mehr Leute durch die Straßen ziehen und Sprechgesänge von sich geben, aber diesmal konnte man die Wut in ihren Stimmen hören. Sie haben die bestehenden Verhältnisse satt, deshalb riefen sie Sachen wie: „Wir hoffen diese Raketen treffen Tel Aviv.“ Und weißt du, ich kann sie verstehen. Die Israelis greifen wirklich zu harten Maßnahmen und die Menschen in Gaza leiden. Viele sind bereits gestorben und sie wollen nicht, dass das so weitergeht. Es macht sie wütend.


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      Themen: israel, Hamas, Tel Aviv, Gazastreifen, KRIEG, Terror, Westjordanland

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