Noch mehr Musikreviews!

von Vice Staff

 

 CHROMATICS
 

ADVANCE BASE
     
 

LAUREL HALO
 

BESSERE ZEITEN




 

EL-P
Cancer 4 Cure
Fat Possum
Company Flows El-P mag durchaus weiß sein, gleicht dieses Manko aber mit einer ordentlichen Dosis rothaarigen Feuers wieder aus. Es war ihm immer klar, dass er schon verdammt zornig rüberkommen muss, wenn er nicht einfach zwischen den drei anderen großen Bleichgesichtern (Eminem, 3rd Bass und MC Tunes ) einsortiert werden will. Und so sehr wir wissen, dass Indie-Rap fast immer scheiße ist, so sicher bildet El-P die Ausnahme zu dieser Regel. Mit EBM, Post-Drum‘n‘Bass- und Dubstep-Beats und einem Gastauftritt von Killer Mike ist dies eine seiner besten Platten. Fear of a ginger planet, baby.

RED HEAD OF DAVID
 

 
   
 

CHROMATICS
Kill For Love
Italians Do It Better
Die Welt ist nicht gerecht. So ein Nymphchen wie Lana Del Rey hat sich innerhalb kürzester Zeit mit ein bisschen 8mm-Optik, Hollywood-Fetisch, Geheimniskrämerei und der Aufsehen erregenden Angewohnheit, auf Bühnen stimmlich auch mal beherzt in die Scheiße zu greifen, bis ganz nach oben schaffen lassen, dabei wird das Konzept des abgründigen Vintage-Pops von Chromatics schon viel länger und niveauvoller verfolgt. Andererseits dürfte klar sein, dass über den Untergrund herausreichender Fame eine Band wie diese sofort entzaubern würde. Aber das ist nach Kill for Love nicht zu befürchten. Es ist ihr Opus Magnum, das zum Teil das abliefert, was man vom Nachfolger ihres Klassikers Night Drive eben erwartet. Der andere Teil besteht aus epischen Scores, die noch tiefer in Synth-Chloroform getaucht wurden als ihre sonst üblichen herzblutenden Disco-Jams und damit eher an Johnny Jewels Symmetry-Projekt erinnern. Diese bewusst gesetzten Längen und eine Spielzeit von insgesamt 90 Minuten dürften sicher sämtliche übereifrigen Hype-Opfer augenblicklichst zu Tode langweilen.

OLLI OPAL
 

LAUREL HALO
Quarantine
Hyperdub
Laurel Halo macht für Detroit das, was Burial für Südlondon gemacht hat. Nur kommt sie eben nicht aus Detroit sondern aus Ann Abor, und mittlerweile residiert sie auch in Brooklyn. Darum die Wahrheit kurz und bündig: Nach vorn gerückt aber immer noch entrückt und oft gedoppelt, spinnt sich die Stimme von Laurel Halo auf Quarantine in ein instrumentales Gewölle, das—vorausgesetzt man kann das unheilige Assoziations-Triumvirat aus Enya, Björk und Lisa Gerrard irgendwie loswerden—mit etwas gutem Willen/in besonders gelungenen Momenten an Fennesz‘ warmen Endless Summer erinnern kann.

CAROLA KÖNIG
 

LORN
Ask The Dusk
Ninja Tune/Rough Trade
Das Ninja Tune-Debüt von Lorn klingt ein bisschen wie die sukzessive in Schnappatmung übergehende Ventilation eines in Ausdauer ungeübten Jogginganfängers: Statt seine Kräfte über die gesamte Strecke hinweg zu verteilen, verschießt er sein Potential schon zu Beginn, um sich anschließend auf gänzlich unglückliche Art und Weise von Track zu Track zu hangeln, ohne jemals wieder auf das Anfangsniveau zurückzukehren. So gesehen geht ihm also ziemlich schnell die Puste aus, was insofern schade ist, als das Stücke wie „Ghosst“ und „This“ in ihren düsteren Basssphären durchaus als veritable Hits im aktuellen Glitchkosmos durchgehen könnten. Und wer mit Sportmetaphern nichts anfangen kann, dem sei lediglich gesagt, dass sich Lorn in den Möglichkeiten, die ihm seine vermutlich messieähnlich angehortete Techniksammlung versprach, verrannt hat. Bazinga!

KONNY DITION

SEBASTIEN TELLIER
My God Is Blue
Record Makers/Alive
Was ist blau, sieht aus wie Jesus und klingt wie Serge Gainsbourg? Was macht mittlerweile Musik, die nicht nur aussieht, sondern auch klingt wie der feuchte Traum eines UFO-Sekten-Hippies? Wer sagt Spiritualität, meint aber Masche? Wem sind wir deswegen trotzdem nicht böse? Wem nehmen wir allerdings nicht mehr ab, dass es keine Masche sein soll? Was ist musikalisch das regenbogenfarbene Kaugummi-Gegenstück zum „Drive“-Soundtrack geworden? Wessen Drogen würden wir auch gern mal ausprobieren? Die Antwort auf alle dieser Fragen bis auf eine lautet Sebastien Tellier, die Antwort auf die verbleibende lautet deine Mutter.

VOLLBART SIMPSON
 

PARA ONE
Passion
Because Music/Al!ve
Die Zukunft von Soul und R’n’B, so hört man gegenwärtig aus Paris, ist eine Zukunft ohne Menschen. Echte Gefühle existieren nicht mehr, werden aber durch eine von Skynet wiederbelebte Cyborg-Version von Al Green simuliert. Statt süßer Liebe gibt es nur noch strikte mechatronische Kopplungen von hydraulischen Apparaturen, die sich aneinander reiben, bis die Schaltkreise glühen. Zugegeben, die französische Vision von Leidenschaft im Jahre 2045 entbehrt nicht einer gewissen Plausibilität. Aber sollen wir das jetzt auch noch gut finden, oder was?

JOHN CONNOR
 

FRITTENBUDE
Delfinarium
Audiolith/Broken Silence
Auf ihrem dritten Album haben Frittenbude sich in radikaler Weise neu erfunden. OK, war nur ein Witz. Und ein billiger Trick, um deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Jetzt, wo du dich offenbar dazu entschlossen hast, weiter zu lesen, muss ich dir leider mitteilen, dass Frittenbude ziemlich genau so klingen wie immer und dass diese Rezension deshalb konsequenterweise keine weiteren Informationen enthält. Sorry.

WEISSWURST TONI
 


 
   
     

RISE AND FALL
Faith
Deathwish
Auf dem Cover der neuen Rise And Fall sind so ähnliche Symbole abgebildet wie auf dem Bedienfeld meiner Spülmaschine. Im Gegensatz zu all den Eco Plus, Super Dry Sensitive Green und Brilliant Boost-Programmen, verstehe ich hier aber eigentlich recht gut, worum es geht. Es geht darum, dir möglichst brutal einzubläuen, dass eigentlich alles hoffnungslos ist. Und da die Belgier, die ja nicht umsonst per Bandlogo und Sound schon seit Jahren die Nachlassverwaltung von From Ashes Rise anstreben, hierbei auch noch von Kurt Ballou scharf gemacht und solchen Leuten wie Steve Brodsky (Cave In) oder Kevin Baker (All Pigs Must Die) flankiert wurden, muss man echt sagen: Rise And Fall verdienen unter den heutigen Hardcore-Nihilisten mindestens das international gültige Zertifikat A+++, Verzeihung, ich meine natürlich ---.

DEAF ATHEIST
 

A PLACE TO BURY STRANGERS
Worship
Dead Oceans
Es ist bei dieser Platte wie bei jeder anderen von A Place To Bury Strangers: Man sollte sich besser keinen Lieblingssong heraus suchen, auf den man dann während einer live-Show hinfiebert. Bekanntlich drehen sie auf der Bühne ihre Geräte so hart auf Anschlag, dass du in dem folgenden Feedback-Gebläse nicht mal mehr erkennen wirst, wann ein Stück aufhört und das nächste anfängt. Ohne die reinigend-betäubende Qualität ihrer Konzerte schmähen zu wollen, aber ein bisschen schade ist das schon. Immerhin ist ihnen mit Worship ein Album gelungen, das detailliert und kleinteilig zu nennen in ihrer Welt durchaus berechtigt ist. In der echten Welt bleibt diese Einschätzung natürlich trotzdem noch so absurd wie die Praxis, im Kalligrafiekurs mit einer Abrissbirne zu arbeiten.

THEODOR NOISE

PHILM
Harmonic
Ipecac
Ich habe mich lange nicht mehr so gelangweilt. Dave Lombardo spielt Schlagzeug bei Slayer, richtig? Was ist dann bitte hier los? Minimal angezerrte Gitarren und luftige Vocals. Kein Sinn für Zielstrebigkeit. Kein Sinn für Zweckhaftigkeit. Kein...Sinn. Nur ein paar Jams von ein paar alten Typen, die ein bisschen an ihren Instrumenten herumfummeln, um sich etwas Abwechslung von ihrem eintönigen Alltag zu verschaffen. Und so klingen all diese angeberischen Gitarren-Slides am Ende wie das Stahlseil, das ich gerne um Lombardos fetten, selbstverliebten Hals schnüren würde.

HR. ABRAMOVITCH
 

PG. LOST
Key
Black Star Foundation/Cargo
PG.Lost konnten nie wirklich den Ruf abschütteln, musikalische Nachzügler zu sein. Zwar strotzt ihr Sound vor Wucht und Kompaktheit, zwar ist ihr Songwriting klug und dabei nie zu vertrackt, aber nein, hört man die Leute sagen, das ist alles schon mal da gewesen, Caspian, Explosions in the Sky, Mogwai, ja natürlich. Was bitte soll der Unsinn? Ich meine Conan der Barbar kann doch auch der größte Schwertkämpfer aller Zeiten gewesen sein, obwohl er ziemlich sicher nicht der erste war. Und dann möchte ich euch Spezialisten mal sehen, wie ihr so einem Hünen erklärt, dass er doch bitte ein wenig kreativer sein soll, vielleicht mal einen neuen Schwung ausprobieren, die Hand wechseln...PG.Lost sind der Conan des Post-Rocks, eine Klasse für sich, und am Ende des Tages ist es mir herzlich egal, wer ihre verdammte Streitaxt erfunden hat.

ELEFANT MAN
 


 
   
     

THE HIVES
Lex Hives
No Fun Ab/Sony
Der große Hype um die Hives setzte um die Jahrtausendwende ein und hielt sich einige Jahre. Ihre Daseinsberechtigung ergab sich danach vor allem daraus, dass sie ununterbrochen auf MTV liefen und kleine Mädchen ihre süßen Röckchen im Takt dieses ebenfalls voll süßen Rocks in den Indiedissen hüpfen ließen. Jetzt schreiben wir 2012, MTV soll es zwar noch irgendwo geben, keiner aber hat es je gesehen und kleine Mädchen gehen nicht mehr in Indiedissen, sondern auf Absturzraves. Der Hives-Rock jedoch ist so süß wie immer. Was ist das hier? Naturgemäß schon immer unzeitgemäße Musik, die in der Gegenwart noch unzeitgemäßer zu sein scheint? Ein doppelter Anachronismus? Also etwa die Zukunft?

EMMETT BROWN
 

LITTLE GANG
Half Of Everything
Hassle / DFA 1979
Kennst du das eigentlich noch, eine Platte zu hören, die geradezu mystisch wirkt? Unvorbereitet damit konfrontiert zu sein, dass sich da jemand um Wahrheit bemüht und Absolutheit, dass da jemand mit Musik versucht sich mitzuteilen, weil es nicht anders in Worte fassbar ist? So wie du das jahrelang von Current 93 kanntest, oder neuerdings von Tu Fawning vielleicht noch, oder ganz wenigen anderen Postrock- oder Black-Metal-Acts? Dass du einer Platte anspürst, dass sie für den Bauch gemacht ist, also keinen Emo-Mist oder verkopfte Lyrics beinhaltet, sondern eine musikalische Ahnung über die Welt rüberbringt? Ungefähr so, als würdest du nachts in einer Bar (nur leicht betrunken) jemanden kennenlernen, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen wirst? Nein? Besorg‘ dir Half Of Everything und schreib’ mir Dankesbriefe. Los.

THIRD GALLANT
 

BESSERE ZEITEN
Sanktionen im Schutt
Zick Zack/Hanseplatte
Blasse Typen mit Hornbrillen und Namen wie „Joachim“, „Jochen“ und „Björn“, die sperrige Wörter zu nichtssagenden Phrasen verketten und dabei einen möglichst betroffenen Gesichtsausdruck machen—die Hamburger Schule ist im Jahre 2012 dermaßen zu einem Klischee erstarrt, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, Mario Barth habe sich einen Tocotronic-Sketch ausgedacht. Wer weiß, hätte die Band ein saftiges Tittenbild aufs Cover genommen, könnte sie als Parodie ihrer selbst vielleicht schon bald vor 50.000 besoffenen Idioten in einem Fußballstadion auftreten. In dieser Form reicht es leider nicht mal für eine ehrenhafte Erwähnung beim Distelmeyer-Nachwuchspreis.

GÜNTER WALLSTRAFF
 

PIL
This Is PIL
PIL Official Limited/Cargo
Er ist der Komödiant unter den Grantlern, der launige Muezzin der Mürrischen, das beste Rolemodel für einen alten Sack seit Waldorf, Statler und Walt Kowalski. Knapp 20 Jahre musste John Lydon im Dschungelcamp Werbung für Butter machen weil er vor Unzeiten Sir Richard Branson nicht genug Bob Marleys in die Fänge getrieben hat. Egal, wie bei den Sex Pistols wächst Lydon an jeder Herausforderung—unterstützt von zwei Muckern und Bruce Smith (The Pop Group, Slits, African Headcharge) hat er einfach das zwingendste PIL-Album seit der legendären Metal Box zusammengeschustert.

CHIO CHIPMUNK
 

TERRIBLE FEELINGS
Shadows
Adrian Recordings
Wir verfolgen diese schwedische Band schon eine ganze Weile und waren von Anfang an von dem hier stattfindenden Etikettenschwindel beeindruckt. Du hörst dieser hochtourigen und eben typisch schwedischen Punk-Heiterkeit zu, merkst, wie du langsam besser drauf kommst, dann hörst du etwas genauer hin, schnappst ein paar Fetzen von Manuela Iwanssons existenzialistisch abgedunkelten und glühend intonierten Lyrics auf und auf einmal ist dir klar, warum die Band so heißt wie sie heißt. Das ist in etwa so als würdest du einen Großeinkauf bei Toys ‚R‘ Us machen und in jeder der verführerisch bunten Verpackungen, die du voller Vorfreude aufreißt, findest du nichts als Rasierklingen. Und das Beste ist: Der bittere überraschungseffekt funktioniert ein ganzes Album lang.
BENNY DOWNHILL

THE WALKMEN
Heaven
Bella Union
Wenn du schon einmal in die missliche Situation gekommen sein solltest, deine erste große Liebe nach Jahren wieder gesehen und nicht verstanden zu haben, warum du damals so verknallt warst, muss sich das in etwa so angefühlt haben wie Lisbon, das letzte Album der Walkmen, zu hören. Der Zauber war schlagartig verflogen, weil alles, was jemals schön und liebenswert gewesen war, plötzlich nicht mehr existierte. Nun stell dir aber vor, es gehen noch mal ein paar Jahre ins Land, du siehst sie wieder, möglicherweise mit geringeren Erwartungen im Angesicht des letzten Dämpfers. Und dann ist das Gefühl wieder da: Du verstehst, was diese Liebe ausgemacht hat, und du merkst, dass sich die Aura vergangener Zeiten wieder erhebt, und du vergisst, was dazwischen war. Das ist Heaven. Es ist perfekt.

I. POTZ
 

THE HUNDRED IN THE HANDS
Red Night
Warp Records
Die lächerlichen Verrenkungen, die man beim Songwriting so macht, um am Ende ebenjenes—einen „Song“—zu bekommen, also das ganze Hinproduzieren auf Struktur und Gefälligkeit und ein paar Ecken noch dazu, aber eben nicht zu viele, diese Verrenkungen führen dann irgendwann meist dazu, dass das Bauchgefühl vergessen wird, der Anlass, der Ausdruck. The Hundred In The Hands, vermute ich, haben beim ersten Album noch einen ähnlichen Fehler gemacht, diesen danach bemerkt und sich bei der Produktion ihrer jetzt zweiten Platte einen Scheiß um „Songs“ gekümmert, sondern um: Ausdruck, Seele, Abstraktion, Relevanz, Empathie, Stil, all solche Buzzwords. Allein dafür schon 7 Punkte. Einen extra dafür, dass Red Night eine riesige, schiefe, dreckige, finstere, sperrige Pop-Platte geworden ist trotz allem.

NEUN NEUNUNDNEUNZIG
 

EXITMUSIC
Passage
Secretly Canadian
Aleksa Palladino, die eine Hälfte von Exitmusic, ist eine dieser singenden Schauspielerinnen. Man hört das auch. Sie war sicher eines der Mädchen, die damals in den Prüfungen des Musikunterrichts dieses unverkennbare gepresste Vibrato auspackten, weil sie dachten, es würde ihre Performance irgendwie hingebungsvoller rüberkommen lassen. In Wahrheit jedoch klang das ganze eher wie das Sirenenheulen des Einsatzkommandos, das man sich in solchen Momenten herbei wünschte, um all der überschwänglichkeit ein möglichst brutales Ende zu bereiten. Palladino hat jetzt ein ganzes Album voller steril arrangierter Dreampop-Opulenz vollgeheult und wer das von Anfang bis Ende aushält, verdient all unsere Hochachtung.

LARKER PEWIS
 

FRAU KRAUSHAAR & HERR KRATZER
The Power of Appropriation
Materie/Rough Trade
Man muss diese ganzen Pudel-Künstler einfach gern haben. Immer geschmackvoll gekleidet, immer irgendwo zwischen Albernheit und Extravaganz mäandernd, aber eben auch immer mit mindestens einem halben Bein dort, wo die Avantgarde stünde, wenn es sie noch geben würde. Da kann man es Frau Kraushaar auch verzeihen, dass sie ihrer Folklore-Compilation den etwas prätentiösen Titel The Power of Appropriation gegeben hat, um noch den begriffsstutzigsten Kulturbanausen an ihrem subversiven Kunstverständnis teilhaben zu lassen. Andererseits: Als bekennende Revolutionärin eine Platte mit dem eigentlich passenderen Titel Die bunte Welt der Volksmusik zu veröffentlichen, das wäre vermutlich auch nach hinten losgegangen.

LILA LUXEMBäR
 

JAPANDROIDS
Celebration Rock
Polyvinyl/Cargo Records
Beim Titel Celebration Rock denkt man an langhaarige Harley-Tanzbärchen, die mit Lederjacken-Patches auf dem Rücken und Feuerzeug in der einen Hand ihr Sonnenbank-Mäuschen in der anderen festhalten, und sich nachmittags beim Grillen ein 800g-Steak reinziehen. Bei den Japandroids hingegen denkt man an zwei US-Hipster, die klingen wie fünf japanische Noisecore-Nerds, und denen erstmal vieles egal ist, vermutlich auch was sich Rezensenten unter dem Titel Celebration Rock so vorstellen, und was Harley-Tanzbärchen zu Mittag essen sowieso. Die acht Tracks des verflixten zweiten Albums jedenfalls klingen ordentlich egal und lässig, und wenn bei Rock irgendwas wichtig ist, dann ist das immer noch Egalheit und Lässigness. (Post Nothing fand ich als Titel aber immer noch knackiger.)

CELEBRATIUS NIHIL


 
   
     

LIARS
Wixiw
Mute
Auf der Bonus-CD ihres letzten Albums Sisterworld war bekanntlich der Trojaner Wixiw versteckt. Mit seiner Hilfe konnten die Liars weltweit Audio-Datein von den Festplatten der infizierten Rechner ihrer Hörer sammeln. Die mit dem Tag „Dance“ wurden daraufhin analysiert, um daraus einen zielgruppen-maximierten Best Of-Sound abzuleiten. Anschließend sperrten sich die Liars für mehrere Monate ein und versuchten auf unbekannten Instrumenten mit seltsamen Programmen und eigenwilligen Audio-Editoren den Sound ins Leben zu bringen. Das Ergebnis konnte nur großartig werden. Für den Datenmissbrauch gibt es trotzdem einen Punkt Abzug.

KAI NABEL
 

ED SCHRADER'S MUSIC BEAT
Jazz Mind
Upset the Rhythm
Ed Schrader erforscht in seinen psychoakustischen Arbeiten die Phänomenologie auditiver Reduktion. Seismographischen Interventionen gleich evozieren seine ultrasensitiven Klangstudien eine kritische Reflexion der populären Kultur und tasten sich bis zu jenem Kulminationspunkt der absoluten Differenz vor, an dem die zeitgenössische Ästhetik in der Negation zu sich selbst kommt, bis...OK, schon gut, ich dachte nur, dass man jetzt, wo die documenta vor der Tür steht, das intellektuelle Niveau der Musikkritik mal ein paar Meter in die Höhe schrauben könnte. Klar, eigentlich würde der Hinweis reichen, dass Schraders abgekochte Punk-Songs bei mir immer dieses wohlige Kribbeln in der Prostatagegend auslösen, aber als kulturkritisches Zentralorgan müssen wir uns nun mal stets auf der Höhe der Zeit bewegen, um unseren seriösen Ruf nicht zu gefährden.

KAROLIN KRISTOF KATHARGIEF
 

GAGGLE
From the Mouth to the Cave
Transgressive/Coorperative Music
Angesichts der Heulsusen, die täglich den Verwertungsrechten ihrer Sklavenhalter nachweinen, lob ich mir doch die antike Praxis: Der Mythologie zufolge, konnten Sirenen nur so lange leben, wie sie imstande waren, jeden vorbeifahrenden Seemann durch ihren Gesang in den Untergang zu treiben. Anderenfalls stürzten sie sich ins Meer und verwandelten sich in Inseln oder Klippen. Angesichts des 21-köpfigen, etwas zu munter jubilierenden Frauenchors Gaggle wünscht man sich dieselbe Lösung. Auf dem Papier war das sicherlich eine ganz nette Idee—für unsensible Klötze wie mich sind sie bereits Teil der Landgewinnung.

GYNTHER MISO
 

DIRTY PROJECTORS
Swing Lo Magellan
Domino
Bis gestern hatte ich die MTV-Kommerzpunker Offspring total vergessen. Dann wurde mir die Anekdote erzählt, dass der Bassist von Offspring einmal in einen Supermarkt nicht hinein kam, weil er so unscheinbar ist, dass ihn nicht mal der Bewegungssensor an der Tür erkannte. Jetzt heißt der Opener auf dieser Platte „Offspring are blank“. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Was übrigens auch auf dieses Album zutrifft. Es wird beworben mit der Feststellung, Dirty Projectors würden sich nie wiederholen. Das ist tatsächlich nicht gelogen. Mir kommt es nur so vor, als würden sie immer wieder versuchen, eine neue Nuance von Nerdgeklimper zu entwickeln, die dich als Hörer irgendwie dumm fühlen lässt. Ich glaube, ich lade mir lieber die Offspring-Diskografie runter.

BJ ARMSTRONG

ADVANCE BASE
A Shut-In's Trayer
Tomlab
Das Anger-Management-Seminar hat uns darauf vorbereitet. Die imaginären Worte platzen wie ein Warnhinweis des Labels in die Musik: „Achtung! Diese Musik enthält neben hirnerweichenden Klischees auch passive Aggressionen, die bei sensibleren Hörern berechtigte Gewaltfantasien auslösen können. Bitte wiederholen sie: ‚Es sind nicht meine Aggressionen, es sind nicht meine Aggressionen, es ...‘“ Ja, ich habe in meinem Leben viel Elend gesehen und gehört, aber ich wollte mir noch nicht mal vorstellen müssen, was für Menschen ihre Band Casiotone For The Painfully Alone nennen. Jetzt weiß ich es. Danke, Arschloch.

DON MANCINI
 

PEAKING LIGHTS
Lucifer
Domino
Den einzigen Unterhaltungswert, den man diesem Album abgewinnen kann, ist die augenscheinliche Mühe, die sich Peaking Lights gegeben haben müssen, um hinsichtlich der Trackbetitelung den Eindruck eines in sich kohärenten Konzepts zu erwecken. Dabei ist noch nicht mal das schlimmste, das es mit „Moonrise“ beginnt und mit „Morning Star“ endet (und hey, es ist auch noch nach dem Morgenstern benannt!). Unser persönlicher Favorit ist „Midnight (In The Valley Of Shadows)“, obwohl wir schon ein bisschen enttäuscht sind, dass uns hier nicht Fantasy-Metal-Epos geboten wird. Stattdessen gibt es lieb- und aussagelos vor sich hinblubberndes Samplegewäsch, und ob das vonnöten war, weiß wohl nur der Mond allein.

DJ SHUFFLE
 

FREDDY FISCHER & HIS COSMIC ROCKTIME BAND
Dreimal um die Sonne
Sounds of Subterrania/Rough Trade

Zugegeben, man muss schon eine ganze Reihe von Scham- und Schmerzgrenzen überschreiten, um sich dem emotionsgesättigten Schlagerdisco-Sound von Freddy Fischer in seiner vollen Pracht hingeben zu können. Zwischenzeitig habe ich hysterisch gelacht, geweint, gelitten, Schweißausbrüche, Schwindelgefühle und Krämpfe ertragen, mit Kündigung und Selbstmord gedroht. Aber rückblickend erscheinen mir all diese Grenzerfahrungen nur als notwendige Zwischenschritte eines qualvollen Exorzismus, an dessen Ende sich wie ein Phoenix aus der Asche meines früheren Ichs die glasklare Einsicht erhob, dass den Songs von Freddy „King“ Fischer eine tiefere Wahrheit innewohnt, die einfach nicht billiger zu haben ist.

SIGOURNEY WEBER

 

 

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