Nordkorea öffnet sich der Privatwirtschaft (oder so ähnlich ...)

von Alex Hoban

Ohne Nordkorea wären die Kremel-Astrologen am Ende des Kalten Krieges einfach so verschwunden. Aber zum Glück gibt es Nordkorea ja. Und daher können wir weiterhin tief in Kim Jung-uns dicke Birne kucken—wie in eine Kristallkugel—und uns fragen, warum dieser exzentrische Autokrat seinem Volk ein erstklassiges Delfinarium hinstellt, bevor es ihm ein paar anständige Straßen gibt.

Vor wenigen Tagen hat Kim, der jüngste Herrscher der Welt, eine Neujahrsansprache gehalten. Zum ersten Mal in fast 20 Jahren hat sich somit ein nordkoreanischer autokratischer Zar direkt an sein Volk gewandt—und er hat verkündet, warum 2013 für das Land einfach bombastisch werden wird. 

Obwohl Kim dafür bekannt ist, eine große Klappe mit nichts dahinter zu haben, spricht doch einiges dafür, dass es ernsthafte Bemühungen gibt, tatsächlich etwas für die Wirtschaft zu tun—das Land nimmt vorsichtig Kontakt zur Außenwelt auf—, aber natürlich nur unter strenger Kontrolle. 

Eine der größten Nachrichten 2012 war die Ankündigung, dass die deutsche Luxushotelkette Kempinski ein Hotel in der Hauptstadt Pjöngjang eröffnen wird.

Und dann wurde auch noch bekannt, dass Eric Schmidt, der Vorstandsvorsitzende von Google, einen Besuch hinter den letzten Zipfel des Eisernen Vorhang unternommen hat, um mal zu sehen, was die Zukunft für das in High-Tech vernarrte Land bereithält. Auch wenn es in Nordkorea kein Internet gibt, gieren die Menschen nämlich nach Technologien und Computern. Software wird auf heißbegehrten USB-Sticks ausgetauscht. Manche besitzen sogar ihren eigenen iPad-Klon. Als ich das letzte Mal Ende 2010 dort war, erzählte mir ein Nordkoreaner: „Ja, ich habe schon vom Internet gehört. Und von Google. Und ich glaube, wenn wir das auch hätten, könnte es unser Land retten.“

Wie es scheint, kommen neue technologische und wirtschaftliche Eroberungen gut an. Der jüngste Raketenstart am 12. Dezember hat nicht nur die internationalen Medien in helle Aufregung versetzt, sondern auch in Nordkorea für einen interstellaren Moralschub gesorgt—trotz der Gerüchte, dass der Satellit gar nicht wirklich funktionstüchtig ist


Foto: AP

Kann es Nordkorea wirklich zum neuen China schaffen?

Ich will jetzt nicht als Spielverderber dastehen, aber China hat zwei Jahrzehnte gebraucht, um von einem landwirtschaftlich geprägten und rückständigen Staat zum globalen Wirtschaftswunderland von heute zu gelangen. Oder wie es der amerikanische Nordkorea-Experte Stephen Haggard von der School of International Relations and Pacific Studies in Kalifornien ausgedrückt hat: Dieses Gerede, wie von Zauberhand zum nächsten Hongkong, Singapur oder etwa Südkorea aufzusteigen—und das in nur einem Jahr—, ist nicht mehr als das aufgeregte Geplapper eines enthusiastischen jungen Mannes, dem sein Vati die Schlüssel zu einem heruntergekommenen Land gegeben hat, noch bevor jener überhaupt Auto fahren konnte.

In seiner Neujahrsrede wandte sich Kim auch an den benachbarten Süden. Dabei sprach er sich dafür aus, Frieden und Stabilität auf der Halbinsel zu schaffen und weitere Konfrontationen zu vermeiden. „Es ist eine wichtige Aufgabe, die Teilung des Landes zu beenden, es wiederzuvereinigen und die Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden beizulegen“, teilte er seinem Volk mit. 

Auch wenn sich das zuerst mal schön und gut anhört, ist das Angebot auf eine friedliche Wiedervereinigung eher problematisch—solange die Kim-Dynastie und ihr verkrusteter Elitenapparat nicht freiwillig die Koffer packen und nach Ecuador auswandern, damit Südkorea das Land an Starbucks verscherbeln kann.

Gegenüber seinem Volk trat Kim menschlicher und zugänglicher auf als in der Vergangenheit. Auch wenn er Optimismus verbreitet, bleibt aber die Frage, wie er seinen Plan in die Tat umsetzen will. 

Eins ist sicher: Der Norden verändert sich nur langsam und der Zusammenbruch des Regimes oder gar eine demokratische Öffnung sind sehr unwahrscheinlich. Zumindest in der nahen Zukunft. Auch wenn sich Nordkorea ganz behutsam der Welt öffnet, wird es sich am Vorbild Chinas orientieren: einem Land, das trotz eines beachtlichen Wirtschaftswachstums nach wie vor von einer korrupten Einparteiendiktatur regiert wird.


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