Pornostars, Zauberer und Puppenspieler

von Grey Hutton

Fremde in unser Zuhause zu lassen, ist nicht gerade etwas, das wir alle machen, besonders, wenn du verdächtig aussehende Puppen oder obsessive Großbritannien-Schreine versteckt. Dennoch haben der Fotograf Daniel Tischler und der Journalist Rainer Brenner in den vergangenen vier Jahren Zugang zu Wohnungen von einigen der obskursten Charaktere der Schweiz bekommen. So ist es ihnen gelungen, einen Blick darauf zu erhaschen, was hinter den verschlossenen Türen passiert und wie diese Menschen ticken. Pornostars, Zauberer, Puppenspieler und Chocolatiers: All diese exzentrischen Schweizer Türen wurden ihnen geöffnet. Sie haben in ihrem neuen Buch Paradise Tea nicht nur Porträts zusammengetragen, sondern diese auch mit Anekdoten und Auszügen aus ihren Erfahrungen gespickt. Es ist eine großartige Sammlung. Wir hatten in einer unserer Ausgaben zwei Bilder aus der Reihe und nun wollten wir mehr über ihr Buch erfahren und haben mit Daniel gesprochen.

VICE: Das ist ja mal eine ordentliche Sammlung an Charakteren, die ihr in diesem Buch zusammengetragen habt. Wie ist es euch gelungen, sie alle zu finden und auch zu fotografieren?
Daniel Tischler:
Hey, ja, danke. Das Buch zeigt die komplette Serie an Leuten, die ich und der Journalist Rainer Brenner für die Rubrik Querschläger des Kinki Magazins über eine Zeitspanne von vier Jahren besucht haben. Wir hielten uns einzig an die Auflage vom Magazin, dass das  Motto „Alles ausser angepasst“ bleibt. So konnte ich zusammen mit Rainer jeden Monat aufs Neue die Person porträtieren, die uns für unser Konzept von einer Paradise Tea-Welt am meisten interessierte. 

Wer von all den Leuten ist am bizarrsten?
Ha! Mich haben so viele auf gute und harte Art traumatisiert, ich kann es gar nicht mehr sagen. Der Vincent Raven, JP Love,  oder sogar Andi Stutz! Er ließ uns erst mit unserer Arbeit anfangen, nachdem er uns in seinem eigenen Restaurant zum Mittagessen eingeladen hat und auch erst nach fünf Flaschen Wein. Oder vielleicht doch der Mann namens Queen. Ja doch, es ist Queen.

Was ist mit dem Typen mit den Dreadlocks und den Lederhosen? Der sieh ganz schön daneben aus!
Das Bild von JP Love fotografierte ich in seinem Esszimmer in Bern. Im früheren Leben arbeitete er als Broker an der Börse, jetzt ist er Pornostar und Schlagersänger. Als ich ihn fotografierte, kam er direkt von Mallorca und hatte zwei kleine Hunde dabei, der eine sah ziemlich fertig aus und schlief sofort ein.

Ich kann mir vorstellen, dass er sich mit dem Typen, dessen Kopf in der Trockenhaube steckt, gut verstehen würde ...
Haha, Reverend Beatman und JP Love trinken dann sicher nicht Eistee miteinander.

Für mich sind diese Bilder Ausdruck einer grellen Kultur und Schweizer Identität. Aber was hat es mit diesem einen Bild auf sich von diesem Typen, der so besessen von Großbritannien ist?
In seiner Einzimmerwohnung in Basel, die schon von außen mit zwei Fahnenmasten zu erkennen ist, ergibt sich über und über ein Bild mit Karten, Fotos und Souvenirs rund ums Königshaus. Sie gehört dem Mann, der sich selbst Queen nennt. Er baute sogar detailgetreu ihre Kronjuwelen nach. Er erzählte uns, dass ihm seine Trips nach London nicht nur gut in Erinnerung bleiben, in seinem Quote für unser Buch sagt er: „Ich lasse mir meine Illusionen nicht nehmen.“

Aber da hat sich doch ein kleiner Eiffelturm eingeschlichen!
Echt? Ja stimmt, wie hast du das bloß gesehen?! Auch das Wort Mega kann ich über dem Turm lesen!

Manche Bildkompositionen in eurer Serie sind schon etwas bizarr, aber mit den Leuten scheint ihr ganz gut zurecht gekommen zu sein. Habt ihr da eine bestimmte Taktik verfolgt, oder schaut ihr einfach, wie sich die Dinge mit den Leuten entwickeln?
Ich probiere einfach verschiedene Sachen aus und nehme viele Dinge um mich herum zur Hand. Zack-Zack. So kann ich die Leute busy halten und von sich ablenken. Das ist mir bei einem Porträt sehr wichtig. Auf der einen Seite weiß ich auch, dass bei meinen Shootings ständig Dinge passieren, die ich nicht erwarte, und andererseits schwebt mir im Hinterkopf eine Welt vor, die an die Idee eines zu warmen und zu süßen Eistees erinnert. Mit der Verknüpfung dieser unterschiedlichen Bereiche habe ich dann die Bilder inszeniert.

Eins muss ich noch wissen: Warum ist denn in dem einen Foto ein Reh zusammen mit drei Hunden auf dem Bett abgebildet?
Weil Sara, das Reh, sich im Hunderudel integriert hat und denkt, es ist selbst ein Hund!

 


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