
VOID
Sessions 1981–83
Dischord |
Vielleicht fragst du dich auch manchmal, wo eigentlich diese sogenannten lost tapes irgendwelcher aufgelöster, ermordeter, drogentoter oder pensionierter Künstler/Bands auftauchen. Also das Zeug, das pünktlich zum Weihnachtsgeschäft als Bonusmaterial an Releases getackert wird, die du ohnehin schon seit Jahren im Schrank stehen hast. Natürlich war das Material überhaupt nicht lost, sondern wird von einer perfide vorgehenden Industrie planmäßig und tröpfchenweise in das Sammlerherz injiziert. Anders dürfte es sich im Fall von Void verhalten. Hier kam wahrscheinlich wirklich jemand nach 30 Jahren zum ersten Mal auf die Idee, das Dischord-Archiv zu entstauben und stolperte dann irgendwann auf ein unveröffentlichtes Bootleg der ersten und bereits von Wahnsinn gesäumten Void-Aufnahmesessions. Das Ganze wird dir nun spektakulär remastered, mit allerlei wesentlichem Bonusmaterial ergänzt von den letzten Industrieverweigerern nachgeliefert. Ein wichtiges Stück HardcorePunk-Geschichte, das in seiner ergänzenden Funktion unverzichtbar ist, aber auch den Erstkontakt mit einer unübertroffenen Band ermöglicht.
MARLES CHANSON |
|
|

JACUZZI BOYS
Glazin
Hardly Art |
Mal wieder ein irreführender Bandname. Was klingt wie die Beach Boys nach bestandenem Bescheidenheits-Seminar, ist in Wahrheit ein Trio mit dem unfehlbaren Talent, jeden ihrer Song wie einen ausgeschlagenen Goldzahn aus dem Ozean der LoFi-Grütze heraus scheinen zu lassen. Sie hätten tatsächlich jedes Recht zur Anmaßung. Sogar, wenn sie wie auf dem neuen Album den selig ruhenden T.Rex an den Hintern greifen, entfährt dem morschen Glam-Gerippe ein erstaunlich vitales Jauchzen.
BENNI BADEMEISTER |
|
|

ADOLAR
Zu den Takten des Programms
unterm durchschnitt/Broken Silence |
In den letzten Monaten haben sich zahlreiche deutsche Rockbands am Seiltanz über der Schlucht aus gefühlsduseliger Peinlichkeit probiert. Meistens sind sie nach wenigen Schritten abgeschmiert. Wir hatten es uns derweil am Rande des Abgrunds gemütlich gemacht, ein paar Bier getrunken und Haltungsnoten verteilt. Und während wir da so saßen und kicherten, tippten uns plötzlich diese vier Sachsen auf die Schulter. Instinktiv fuhren wir sie an: „Warum seid ihr nicht auf dem verdammten Seil?“ Und sie erwiderten verdutzt: „Welches Seil? Wir sind mit Hubschrauber da.“ Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.
HEINER SCHRÖBBELS |
|
|

ABWÄRTS
Glazin
Hardly Art |
|
 |

LOU REED & METALLICA
Lulu
Universal |
Es ging dieser Veröffentlichung ein nie da gewesener Shitstorm an allen möglichen Medienfronten voraus. Ich vermute also, du weißt bereits, dass dieses Album mit einem Namen, der Hochkultur verspricht, aber eben auch klingt wie kindliche Notdurft, zu den schrecklichsten akustischen Ereignissen zu zählen ist seit der Mutation Yoko Onos. Man könnte jetzt noch ein paar Witze über Geräuschfolter und Guantanamo und so weiter machen, aber ich nutze den Platz lieber, um darauf hinzuweisen, dass ich gestern „Drive“ gesehen habe. Ein wirklich stimmungsvoll inszenierter und gut komponierter Film. Übrigens auch mit einem hörenswerten Score. Dem genauen Gegenteil von dieser Platte hier, nur um es sicherheitshalber noch mal zu sagen.
ANGELO BADEMANTEL |
|
|
SICK OF IT ALL
Nonstop
Century Media
|
Sick Of It All waren schon immer die Arbeitstiere ihres Genres, die pflichtbewussten, drahtigen Proletarier am HardcorePunk-Fließband. Stets in eine blütenweiße Weste gewandet, immer ein mustergültiges Gewissen vertretend, seit 25 Jahren unermüdlich tourend, immerfort arschtretend. Bevor das hier anfängt, wie das Arbeitszeugnis des VEB NYHC zu klingen, kommen wir zum Fazit dieser Rezension: Andere Bands würfeln ihr schon angestaubtes Originalmaterial zu Best-Of-Alben zusammen, Sick Of It All spielen ihre ewigen Klassiker noch mal neu, noch mal schneller, noch mal härter, noch mal besser ein. Eat this, Klassenfeind!
ALTER WULBRICHT |
|
|

RETOX
Ugly Animals
Ipecac |
Splitterbombe aus Powerviolence-, Grind- und Thrashpunk-Versatzstücken, verleimt in einschlägiger Vergangenheit. Es ist mal wieder Justin Pearson (Swing Kids, The Locust, The Crimson Curse und so weiter), der zusammen mit Locust und anderen Leuten nicht nur der Blog-gefilterten Zeitgeistdekadenz, sondern gleich der ganzen abgrundtief verkommenen Welt den eigenen Hass vor die Füße kotzt. Das Ganze passiert jedoch nicht ohne gewisse Zugeständnisse. In der Zeit, in der andere ihr MacBook hochfahren, prügeln Retox ein ganzes Album ein. Das hier geht 13 Minuten und dürfte somit auch für das Publikum rezipierbar sein, dessen Aufmerksamkeitsspanne auf 160 Zeichen begrenzt ist.
OMG, TFA! |
|
Kommentieren