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      Reviews

      December 31, 2011

      Von VICE Staff


       

      ALL PIGS MUST DIE
       

      SHE & HIM
           
       

      PEAKING LIGHTS
       

      POP WILL EAT ITSELF




       

      PUSHA T
      Fear of God 2: Let Us Pray
      Re-Up Gang/G.O.O.D. Music/Decon
      Die Beats von Bangladesh und Pharrell, Gastauftritte von Diddy, Kanye, Rick Ross, 50 Cent und Tyler … das größte Problem von Pusha T’s Debütalbum ist nicht mal, dass es sich um einen halbgaren Aufguss seines letzten Mixtapes handelt. Das Problem ist vielmehr, dass es vermutlich niemandem auffallen würde, wenn Pusha T selbst gar nicht dabei wäre. Das ist ein wenig so, als ob man sich mit seinem Erzfeind zur Privatschlägerei in einer dunklen Gasse verabredet, und dann einfach das Kickbox-Nationalteam hinschickt: Keine schlechte Idee, aber irgendwie doch ganz schön feige.

      JEAN-CLAUDE VAN DUMM
       

      V/A
      Bangs and Works Vol. 2
      Planet Mu

      UGLY DUCKLING
      Moving at Breakneck Speed
      Special/Alive
      Ugly Duckling erweisen sich auch auf ihrem fünften Album als vollständig trendresistent und vertrauen ihrer bewährten Mischung aus tiefenentspanntem Flow, treffsicherem Sampling und unbedingter Loyalität. Eine Art Tick, Trick und Track des amerikanischen Raps, die uns mit ihrem Delorian in die 90er zurückbeamen und dort gleich zu einer Pool-Party mit De La Soul und Jurassic 5 einladen. Vermutlich gibt es gar nicht so viele Orte in der Geschichte, die einem eine derartig gute Zeit versprechen.

      G. FUNKER
       
      Noch eine Footwork-Compilation aus Chicago (unter anderem mit Tracks von DJ Roc, Spinn und Rashad), die erneut irgendwo zwischen großartig und haarsträubend angesiedelt ist. Bei dem gelegentlich etwas re-re-re-re-repetitiven Sound möchte man sich schon mal einen Spieß in die Nase rammen und sich am juckenden Gehirn kratzen, aber wenn man sich erstmal von dem verschrobenen Fluss aus glitzernden Beats, wuchtigen Bässen und Mortal-Kombat-Samples hinfort tragen lässt, hat das einen eigenartig euphorisierenden Effekt.

      NED BUNGER
       

       
         
       

      TYCHO
      Dive
      Ghostly International
      Ich bin mir sicher, die hierfür vorgesehenen Genres heißen Dreamhouse, Dreamdub oder Dream-Irgendwas. Um meinem journalistischen Anspruch gerecht zu werden, habe ich mich direkt von diesen flächigen Scores sedieren lassen und fand mich plötzlich in einer irrgartenähnlichen, kein Ende nehmenden Ikea-Musterwohnung wieder. In einem Zimmer trieben es Kunstgeschichte-Studenten zu Moon Safari, im nächsten dozierte Jean Michel Jarre das kleine Arpeggio-Einmaleins. Es war wirklich schrecklich. Ich wachte schweißgebadet auf und habe seitdem Angst im Dunkeln.

      KYLE WALSH
       

      ESPERANZA
      s/t
      Gomma/Groove Attack
      Eigentlich sollte man ja froh sein, wenn es inmitten der die aktuellen Trends dominierenden No-Future-Apokalypse-Kids jemand wagt, mit einer Mischung aus Tropical, Disco und Psychedelic House ein paar bunte Batikkleckse in das dunkelgraue Einerlei zu bringen. Und sich dann auch noch „Hoffnung“ nennt. Nur muss man dann auch akzeptieren können, dass sich Leute, die auf umgedrehte Kreuze und Dreiecke stehen, per se nicht helfen lassen wollen. Der Versuch wird aber trotzdem anerkannt.

      BIBI WITCHHOUSE
       

      MR. OIZO
      Stade 2
      Ed Banger
      In Anlehnung an die bekannte Theorie, wonach ein Affe, der unendlich lange auf einer Schreibmaschine herumspringt, früher oder später große Weltliteratur hervorbringt, hat Mr. Oizo einfach einen Zufallsgenerator an Ableton Live angeschlossen und wartet seitdem darauf, dass ein zweites „Flatbeat“ entsteht. Vielleicht sollte ihm mal irgendein Mathematiker erklären, dass die Wahrscheinlichkeit, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, eher gegen null geht. Oder zumindest darauf hinweisen, dass man nicht jeden Fehlversuch auf CD pressen und vervielfältigen sollte, wenn man die Menschheit nicht in eine schwerwiegende Ressourcenkrise stürzen möchte.

      BAMBI FOR BIGGIE
       

      NOTIC NASTIC
      Fullscreen
      Shitkatapult
      Also der Sound stimmt schon mal, die Produktion geht in Ordnung, und dass das Ganze bei Shitkatapult rauskommt, ist auch nachvollziehbar. Knackig und kantig, modern und glatt. Aber: Wenn jetzt irgendwann bei einem eventuellen nächsten Album noch so was wie eine Idee, eine Dramaturgie, eine Komposition dazukommt, … dann könnte man das vielleicht auch am Stück durchhören, ohne permanent darauf zu warten, dass es endlich losgeht.

      RASTA NUTUN
       

      SUPERSHIRT
      Kunstwerk
      Audiolith/Broken Silence

      SOFT METALS
      s/t
      Captured Tracks
      Sehr wissend verlötetes Amalgam aus Cold Wave, Synth-Pop, frühem Acidhouse und Kraftwerk-Exegese, das sich neben dem ehrfürchtigen Umgang mit dem Quellmaterial besonders durch Patricia Halls weichzeichnende Stimme hervor tut. Einen Song hiervon zu hören, ist in etwa so, als würde jemand Ladytron auf dem Taschenrechner vorrechnen, was sie seit Seventeen falsch gemacht haben.

      0818 35308
       

      SULLY
      Carrier
      Keysound/Cargo Records
      Wer diese Platte einzig als Quelle zwei, drei floortauglicher Mixkomponenten betrachtet, sollte sich entweder die Füße waschen oder sich endlich belehren lassen, dass der gemeine Cookiemonster-Wobble nur eine kleine Facette des Dubstep-Klangspektrums darstellt. Insofern scheint Sullys einzige Schwäche seine Neigung zur Kürze zu sein, denn obwohl der Spannungsbogen von Carrier deckungsgleich ist mit einem weiteren Abend auf der Piste, vom ersten Schnaps an der Bar bis zum ernüchternden Ankommen zu Hause, kann man wohl kaum erwarten, dass selbiger in Echtzeit nur 40 Minuten dauert.

      TED RISS
       

      RUEDE HAGELSTEIN &
      THE NOBLETTES

      Soft Pack
      Souvenir
      Nach Apparat nun also auch Ruede Hagelstein. Diese armen Irren tauschen ihre gut laufenden Producer/DJ-Karrieren und damit die letzte popkulturelle Nische, in der man wie ein Star verehrt, von Veranstaltern hofiert, mit warmen Mahlzeiten und ansehnlichen Gagen versorgt wird und in der man es sich noch aussuchen kann, wen man nach dem Zweistundenset flachlegt, gegen das Leben in einer Band (also das Gegenteil von alldem). Es ist schwer zu sagen, ob man sie für diesen Wahnsinn auslachen oder ihren Idealismus bewundern sollte. So oder so kann man sich hier an einem wirklich guten, trotz des loungig-jazzigen Anstrichs keinerlei Kitsch-Spuren hinterlassenden Album fern jeglichen Techhouse-Stumpfsinns wärmen.

      AXL ROSE
       

      MICKEY MOONLIGHT
      And the Time Axis Manipulation Corporation
      Ed Banger
      Was hat man zu erwarten, wenn die krawallverliebten Profihipster von Ed Banger ihre Labelpolitik neu ausrichten wollen? Die Antwort kommt in Form einer skurrilen Bongo-Disco-Wundertüte, die klingt, als ob man Haschkekse und Heliumballons in einem karibischen Kindergarten verteilt hätte. Diese Platte würde ihre vollkommene Daseinsberechtigung wohl als Soundtrack für ein Nintendo-Spiel Sun Ra’s Adventures in Outer Space erhalten, aber ehrlich gesagt schätze ich die Chancen, dass so ein Spiel erscheint, als sehr gering ein.

      KOOPA TROOPA
      Hey, die 8.000-Mark-Typen haben ein neues Album gemacht! Kurzzeitig war ich völlig aus dem Häuschen und konnte es kaum erwarten, unser ganzes Büro mit diesen ironie- und energiegeladenen Stimmungstracks zu beschallen! Aber dann schickte mir mein Kollege einen Link zu einem total witzigen Browserspiel, in dem man seine eigene Marihuanazucht besitzen kann (eine Art Farmville für Kiffer). Damit war ich dann die nächsten zwei Wochen ausgelastet und jetzt ist mein Praktikum irgendwie schon wieder vorbei, ohne dass ich etwas Sinnvolles getan hätte.

      AYNER VON VIELEN

       
         
           

      RUSSIAN CIRCLES
      Empros
      Sargent House/Cargo
      Eine der mächtigsten Prog-Metal-Bands der letzten Jahre ist plötzlich um ein gutes Stück mächtiger geworden und jetzt müssen wir unser ganzes Bewertungssystem neu justieren. So ähnlich müssen sich die Wissenschaftler am CERN gefühlt haben, als sie diese Neutrinoteilchen entdeckten, die schneller fliegen als Licht. Man merkt, dass man seine gesamten Erwartungen auf einem ziemlich morschen Fundament errichtet hat und fängt dann einfach an zu beten, dass jetzt nicht plötzlich ein schwarzes Loch entsteht und die Erde von Innen verschluckt.

      KOMMANDER KEEN
       

      ALL PIGS MUST DIE
      God is War
      Southern Lord
      „Du Schwein“ ist ein uraltes, beliebtes Pejorativum. Wer nur ein bisschen Ahnung von Viehzucht hat oder Google bedienen kann, weiß, dass hier völlig unzutreffende Zuschreibungen stattfinden und den armen Schweinen aus dem Tierreich tatsächlich übel mitgespielt wird. Die Schlammbäder, die den Schweinen den Ruf verkommener, dreckiger Viecher einbrachten, dienen an heißen Tagen der Kühlung und der Abwehr von Insekten. Paradox: Menschen halten eine ganze Wellnessindustrie mit Schlammbädern am Laufen und fühlen sich wohl dabei. Sei es wie es sei. Das Schimpfwort ist in der Welt. Die Schweine werden mit diesem Unrecht leben müssen. Wir aber wissen, dass die Kategorie Schwein im Namen dieser Band nur anthropologisch gelesen werden kann, damit dem menschlichen Abschaum dieser Welt gewidmet sein muss und somit zustimmend abzunicken ist. Der in seiner Brutalität kaum zu steigernde Bastard aus D-Beat und Thrashcore dieses Converge und Hope Conspiracy-Spin-offs steigert sich immer wieder zuverlässig zum Erfüllungsscore der Namensagenda. Oder sagen wir es so, wie es sich für eine amtliche Metalreview geziemt: Mach dich gefasst auf eine allmächtige Schlachtplatte!

      OLD MACDONALD


       

      RICH KIDS ON LSD
      Greatest Hits—Live West Berlin 1988
      Destiny
      Die vielleicht einflussreichste, in jedem Fall exzessivste Skatepunkband der 80er zeigt sich hier auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Bei RKL war der Bandname keine Koketterie, sondern Programm: Im Rahmen der nicht enden wollenden Europatournee 1988/89 verschenkten sie säckeweise selbst produziertes LSD an ihre Fans, die ihnen fortan für immer verbunden waren. Der seit 22 Jahren vergriffene Live-Mitschnitt des Berlinkonzerts erfährt nun einen dringend nötigen Re-Release, der tragischer- wie konsequenterweise von einem nicht unbeträchtlichen Teil der ursprünglichen Bandbesetzung nicht mehr erlebt wird.

      SEPARATE THE CHURCH AND SKATE
       

      BLACK COBRA
      Invernal
      Southern Lord
      Ein recht anständiges Album voll von schmutzigem, hasserfülltem Sludge-Thrash aus der San Francisco Bay Area. Invernal, heißt es hier, sei eine „postapokalyptische Reise in eine nuklear kontaminierte Antarktis“. Man könnte es also als nachgereichten Score zu Lovecrafts Berge des Wahnsinns oder Carpenters The Thing begreifen. Vielleicht soll es aber auch bedeuten, dass Black Cobra aus ein paar unerschrockenen Ernest Shackletons besteht, die in langen Wanderungen durch gefrorene Giftmüllberge abgehärtet wurden. Und nicht etwa aus ein paar langhaarigen Stonern, die von ihren Freundinnen von der Probe abgeholt werden müssen.

      LUIGI PATAZONI
       

      POP WILL EAT ITSELF
      New Noise Designed By A Sadist
      Cooking Vinyl/Indigo
      25 Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Pop-Will-Eat-Itself-EP reißt Graham Crabb also den Namen an sich und veröffentlicht einen 40-minütigen Haufen Langeweile. Immerhin: Das Ganze hatte für ein paar Minuten so was Ähnliches wie einen Überraschungseffekt. Auch fühlt man sich ein bisschen an einen dieser öffentlichen Remix-Contests einer 90er-Jahre-Prodigy-Platte erinnert.

      VEGE ‚T’ ARIAN
           
         

      GAUNTLET HAIR
      s/t
      Dead Oceans
      Bei der Methodenwahl konnten sich Gauntlet Hair nicht zwischen den heute weitgehend anerkannten Vorgehensweisen (80er Soundnachbildungen oder mystisches Kauderwelsch mit Reverbfetisch und HipHop-Beats) entscheiden und warfen beide Ansätze zusammen. Im Ergebnis klingen sie nun nicht nur wie die kürzeste Verbindung zwischen The Cure und Animal Collective, sondern tatsächlich auch originell und den Verdacht nahe legend, diese Songs könnten die durchschnittliche Trendhalbwertzeit, also in etwa die nächsten zwei Wochen überdauern.

      ROBERT SCHMIDTCHEN
       

      BEN LEE
      Deeper Into Dream
      Lojinx
      „I Wish I Was Him“, sang der ganz junge Ben Lee einst in einer herzerweichenden Hommage an Evan Dando. Heute ist er zwar erwachsen, aber offenbar immer noch nicht am Ende seiner Selbstfindungsreise angelangt. War aus dem engelsblonden Jüngling zwischendurch mal ein ganz passabler Songwriter geworden, erinnert sein neues Machwerk eher an einen depressiven Jack Johnson, der einem kauzigen Psychoanalytiker aus seiner Mid-Life-Crisis erzählt. Aber nun, wenn dem guten Ben nicht vor Sorge lauter Pickel im Gesicht wachsen, wird er mit dieser Scheibe sicher eine Menge besorgter Groupies abschleppen können.

      STAN LEEBUDA
       

      HUNDREDS
      Variations
      Sinnbus
      Die Idee, das eigene Œuvre von Freunden und Bekannten neu interpretieren zu lassen, ist zeitlos clever: Man erhält Publicity, ohne selbst etwas machen zu müssen, kann etwaige Qualitätsentgleisungen getrost auf die anderen schieben und hat zusätzlich noch so etwas wie ein Poesiealbum, das man später seinen Enkeln zeigen kann. Die Milner-Geschwister haben also—mal wieder—alles richtig gemacht. Und mal ehrlich: Dass sie sich mit untalentierten Zeitgeistern abgeben, hätte sowieso niemand erwartet.

      EGON KRÄNZCHEN
       

      IMMANU EL
      In Passage
      And The Sound/Cargo Records
      Unter einem verschwörungstheoretischen Licht könnte man Immanu El und anderen artverwandten gefühlsduseligen Breitwandpoppern fast Gerissenheit unterstellen. Denn obwohl man das Kennste-einen-kennste-alle-Gefühl nie so richtig loswird, findet man die Jungs doch ein bisschen zu nett, um etwas ernsthaft Schlechtes über ihre Alben zu sagen. In Passage reiht sich ein in die Schlange dahin plätschernder Leidbekenntnisse, die dich an jemanden erinnern, der zu sehr mit dir befreundet sein will: Eigentlich willst du ihm sagen, dass er sich verziehen soll, aber dann schenkt er dir als einziger Blumen zum Geburtstag.

      M.O. TIONALIA

      SHE & HIM
      A Very She & Him Christmas
      Double Six Records
      Die Bewertung dieser Platte folgt einfachsten mathematischen Grundregeln. Die Wham!ste Wurzel aus dem jeder Weihnachtsveröffentlichung innewohnenden Profitstreben multipliziert mit der Stimme der auch ansonsten unerträglichen Zooey Deschanel, also Null, ist gleich: siehe oben.

      ADAM FIES
       

      ATLAS SOUND
      Parallax
      4AD
      Der uns von Deerhunter bekannte Bradford Cox ist einer dieser Typen, die sogar noch aus der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin oder dem Sound einer laufenden Autopresse eine brillante Songidee herausfiltern könnten. Die Songs auf Parallax wurden so zärtlich ausgeatmet, so bescheiden effektiv instrumentiert, so liebevoll in Reverb- und Echo-Effekte eingewickelt, dass dir für eine knappe Stunde all dein Hass einschläft und sogar der ansonsten nur zu gute Vorsatz, Soloprojekte von Bandleadern, denen die angebliche Unmöglichkeit der Verwertung von bestimmten Ideen im Bandkontext immer wieder als billige Rechtfertigung zum Singersongwriten dient, mit größtmöglicher Ignoranz zu strafen, kurzzeitig entfällt. Auch bei der Konstruktion von unlesbaren Schachtelsätzen kann man sich mit dieser Musik im Ohr wunderbar treiben lassen.

      STEFFEN SEIBERT
       

      HIGH PLACES
      Original Colors
      Thrill Jockey
      Das dritte Album des New Yorker Dance-Pop-Duos High Places klingt ein bisschen so, wie man sich die Party zu einem 30. Geburtstag vorstellt. Die Leute fühlen sich alle noch jung, haben sich aber klammheimlich verändert: Vielleicht haben sie mit dem Kiffen aufgehört oder einen Bausparvertrag abgeschlossen, und in jedem Fall sind sie sich darüber einig, dass man es nicht mehr nötig hat, um 4 Uhr Morgens lauwarmes Sterni in eine Plastikschüssel zu kotzen. Der Verlust an jugendlicher Unbekümmertheit wird also durch einen Zuwachs an Lebensqualität kompensiert. Und je nachdem wie alt du selbst bist, findest du diese Vorstellung einfach nur furchterregend oder eigentlich ganz schön.

      ROBERT KRUMM
       

      PEAKING LIGHTS
      936
      Not Not Fun
      Eklig wird es ja oft dann, wenn die Leute zu viel Musik hören. Und sich deswegen vom Ohrenarzt die Ohren „ausspritzen“ lassen müssen. (Es heißt wirklich ausspritzen, ich lüge nicht.) Dieser Space-Dub hier kommt mit dem Gesang einer Frau namens Indra, die mit ihren ätherischen Kifflauten gegen die Ohrenärzte arbeitet. Das heißt, sie schafft es irgendwie, dass sich deine Gehörgänge schon nach zwei, drei Tracks so dumpf anfühlen, als hättest du sie letzte Nacht im Vollrausch mit Epoxidharz ausgeschäumt.

      GLUECIFER

       
         
           

      DAVID LYNCH
      Crazy Clown Time
      Sunday Best/Pias
      Machen wir uns doch nichts vor, wenn David Lynch in ein Tempotaschentuch rotzen würde, wäre der Aggregatzustand eines schleimigen Haufens Zellstoff in etwas transzendiert, für das uns die Worte fehlen. Wir würden es rahmen und es für Besucher möglichst sichtbar irgendwo hinhängen. Warum sollten bei David Lynchs Musik andere Gesetze gelten als bei seinen Körperausscheidungen und seinen Filmen? Es sind tolle Momente auf diesem Album und selbst die Songs, für die man einen anderen Urheber belächelt oder eingewiesen hätte, halten wir vorsichtshalber erstmal für wahre Geniestreiche.

      DIEDERICH HESSLING
       

      ROBERT LIPPOK
      Redsuperstructure
      Raster-Noton
      Im letzten Track dieser Platte kommt eine Harfe vor. Du hast richtig gehört! Eine Harfe! Bei Raster-Noton! Also nicht das Selbstzweck-Sample einer Harfe, das granular zur Unkenntlichkeit durch den Effektwolf gedreht wurde und von dessen Existenz man nur dank des Pressewaschzettels oder sonstiger Credits ahnt. Sondern: eine Harfe! Will sagen: Wenn Carsten Nicolai und Asmus Tietchens einen Sohn hätten—nein, anders: Redsuperstructure ist das Organischste, Wärmste, Durchseelteste, Angenehmste, konkretestmöglich Romantischste und Zugänglichste, was man seit langer Zeit auf Raster-Noton hören konnte. Oder anders gesagt: relativ revolutionär.

      SONIC ÄTSCHHOCK

      MUTTER
      Mein kleiner Krieg
      Die Eigene Gesellschaft
      Mutter, das ist eine Band, die in einem staubigen Kabuff im ehemaligen Flughafen Tempelhof probt und deren Lieder nach wie vor das Maß der Dinge sind, wenn wir über Entfremdung, Vereinzelung und Sozialheuchelei reden. Vielleicht glaubtest du, das hier sei nicht der richtige Ort, um über Entfremdung, Vereinzelung und Sozialheuchelei zu reden. Aber auch der letzte Prediger der kollektiven Körperlichkeit und des Gruppenwahns wird irgendwann nachts einsam in sein Kissen weinen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.

      ASPEN MATTHEWS
       

      ZEITKRATZER
      Crazy Clown Time
      Sunday Best/Pias
      Wir wollen gar nicht erst versuchen, so zu tun, als würden wir nur irgendwas von den Theorien hinter Stockhausens Kompositionen verstehen, und wir haben auch keine Ahnung, ob diese Interpretation seiner „Intuitiven Musik“ des „Aus den sieben Tagen“-Zyklus im Sinne des Erfinders wäre. Was wir sagen können: Du wirst in einem Raum mit dieser Musik neue Dinge über dich lernen, und du musst dafür noch nicht mal irgendwelche Pillen einwerfen. Und: Du kannst dir zu dieser Musik vorzüglich aus Angst in die Hosen scheißen, sollte sie dein lichtscheuer Nachbar plötzlich nachts durch eure drei Zentimeter schmalen Gipsbetonwände schicken. In unserer bescheidenen Laienwelt sind das untrügliche Qualitätsindizien.

      BIETER DOHLEN
       

       

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