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      Musikreviews der Woche mit Eels, Lee Gamble und Bad Religion

      February 2, 2013

      Von VICE Staff

      JIM JARMUSCH & JOZEF VAN WISSEM
      DELPHIC
      EELS
      JUNKIE XL


      WU-TANG CLAN & D-BLOCK
      Wu Block
      Modulor
      Die Legende will es, dass einst der gerne mal auf die Kacke hauende und bei The Lox aka D-Block das Mic schwingende Sheek Louch in den Wu-Tang-Backstage stürmte und Ghostface Killah die fixe Idee auftischte, ein Kollabo-Album zu machen und das Projekt Wu Block zu nennen. Jetzt weiß man ja, dass so ein lustiges Kompositum nicht automatisch gute Musik garantiert. Schöne Grüße an Xavas an dieser Stelle. Allerdings kann man bei dieser Sache hier wirklich nichts falsch machen. Beide Fanlager zufriedenstellendes Material, angenehm antiquierte Beatware, keine bemühten Hitsingles, ein paar amüsante Skits, Ghostface und Sheek in Topform und fast alle üblichen Verdächtigen als Cameo-Gäste. Mehr Street ist derzeit nur der Räumdienst.

      GRANDMASTER FROST
      ROC MARCIANO
      Reloaded
      Decon
      Aus der Yellow Press wissen wir seit Kurzem, dass Snoop Dogg durchschnittlich 81 Joints pro Tag verpafft. Bei diesem Typen hier dürften es noch ein paar Dutzend mehr sein, denn nur mit intensiv­ster Dauerhighness ist sein fast schon dadaistischer, übertriebener Reim-dich-oder-ich-kiff-dich-Flow zu erklären, nur in der Tiefenentspannung des dicksten Ganja-Nebels können vinylknisternde Soulware und Blaxploitation-Moods zu solch deepen Beats versamplet werden, nur in solcher Hardcore-Verstrahlung kann sich der originalste Gangstashit auch mal das eine oder andere irre Augenzwinkern erlauben. Wenn es ein zwingendes Argument für die Legalisierung weicher Drogen gibt, dann, dass die Welt mehr Alben wie dieses braucht.

      CHRISTIAN PÖBELE

      LEE GAMBLE
      Dutch Tvashar Plumes
      PAN Records
      Während sich das Hipsterfeuilleton noch immer in der vermeintlichen Genialität des letzten Actress Albums suhlt, hat sich das Berliner Label PAN mit einem konsequenten Understatement nicht nur zum Label des Jahres hochreleast, sondern das Jahr nach einer Reihe von Mörderplatten mit der Mörderplatte überhaupt beendet. Gamble schüttelt sich hier eben mal analoge Synthimprovisationen aus dem Ärmel, die Conrad Schnitzler mit eifersüchtigem Geifer um die Lippen aus dem Grab steigen lassen. Außerdem kreiert er verrauschte Houseobskuritäten, die Hieroglyphic Being bis in die Dreadlocks feucht werden lassen würden. Jetzt hoffe ich nur noch, dass jedes Mal, wenn jemand einen Lee-Gamble-Track spielt, irgendwo auf der Welt eine Tech-House-Platte stirbt. Dann ist 2013 gerettet.

      GUNFINGER KALLE
      FALTYDL
      Hardcourage
      Ninja Tune/RTD
      Eine elementare (und somit auf die meisten Lebenslagen anwendbare) Wahrheit lautet: Allrounder sind so gut wie nie genial. Und mit FaltyDL haben sich Ninja Tune einen prachtexemplarischen Allrounder an Land gezogen—einen, der sich vollprofimäßig zu absolut gar nichts commitet. Als ein den offiziellen Behauptungen nach in quasi allen relevanten Pop-Disziplinen von heute zu Hause seiender Produzent, verpanscht Drew Lustman (so heißt der Typ in echt) unauffällige Garagebeats, sakrale Frauenchöre, synthetisches Gezirpe und neuzeitlich-melancholisches Dupstep-Songwriting zu einer Alltagssorte von gebremster Electronica, die mir höchstens wie die verwischte Momentaufnahme seines eigenen Einfluss-Overkills vorkommen mag. Das ist profillos. Und das ist ein Symptom der Zeit: Eierlose Go-Betweens everywhere! 

      ARTY SCHOCKEN
       
      THE ASPHODELS
      Ruled by Passion
      Destroyed by Lust
      Rotters Golf Club
      Andrew Weatherall ist ja so was wie der Obelix der Dance Music. Er ist irgendwann mal in den Coolness-Bottich gefallen und seitdem konnte er machen, was er wollte—der frühen englischen Rave-Szene seinen Stempel aufdrücken, Primal Scream den Stock aus dem Arsch ziehen, gewagte Frisuren tragen, etliche Platten unter verschiedenen Namen rausbringen, weniger gewagte Frisuren tragen, Himmel, er konnte sogar Björk remixen—es war immer cool. Grundsätzlich trifft das nun auch auf sein neues Projekt mit Timothy J. Fairplay zu, nur bewegt sich das Material im Großen und Ganzen zu nah an den stoisch groovenden Remixes, die er in den letzten Monaten und Jahren zu Dutzenden ausgeschissen hat. Und auch wenn er vermutlich selbst aus einem Furzkissen ein revolutionäres Sample herausfiltern könnte, er sollte eine Sache wirklich vermeiden: Selber singen. (Und er singt sehr häufig auf diesem Album.)

      VOICE OVER
      MATMOS
      The Marriage of True Minds
      Thrill Jockey/RTD
      Um das Big Picture zu umreißen und die dem neuen Matmos-Album als Prämisse gegebene Versuchsanordnung zu beschreiben: Es geht um Telepathie, also um Sender und Empfänger. Drew Daniel und Martin C. Schmidt zeigen sich begeistert von der Idee der Immaterialität, die sich mit Klangmitteln ja per se gut thematisieren lässt. Vielleicht haben sie in letzter Zeit etwas zu tief in ihren Descartes gekuckt, doch die computerbehandelten Stimmen, zahnarztbohrermäßigen Hochfrequenzen und polyrhythmischen Barpiano-Glissandos unterhalten auch Hörer ohne Vorwissen über ontologischen Dualismus aufs Vortrefflichste. Die Idee einer esoterischen Kraft—selten war sie mir so akzeptabel, ja geradezu sympathisch wie im Matmos’schen Œuvre. Drew Daniel und Martin C. Schmidt leben übrigens inzwischen in der Drogenmetropole Baltimore und ich wünsche den beiden auf diesem Weg alles erdenklich Gute.

      BUNK MORELAND
      DARKSTAR
      News from Nowhere
      Warp
      Darkstar sind mit diesem Album von Hyperdub zu Warp gewechselt, was einhergeht mit einer Abkehr von ihren bisherigen Dubstep-Versuchen und dem Betreten einer fluffig-knuffigen Wuschelwolkenlandschaft aus Soundharmlosigkeiten. Ein immerhin radikaler Stilbruch, auch wenn News from Nowhere als klangliche Friedenspfeife daherkommt. In einer Hinsicht hat sich bei Darkstar jedoch nichts geändert: Man vergisst die Songs bereits während des Hörens. Muss man auch erst mal hinkriegen. Und immerhin dürfte dieses Album ein paar Leute wirklich überzeugen. Nämlich all die, die bislang nicht glauben konnten, dass es etwas noch Langweiligeres gibt als The Postal Service.

      BEN GIB HART
      JUNKIE XL
      Synthesized
      Nettwerk/Soulfood
      Als ich den Namen „Junkie XL“ zum ersten Mal hörte, ging ich davon aus, dass es sich um das HipHop-Projekt eines elfjährigen Hauptschülers handeln musste. Wie passend, dass sein neues Cover aussieht, als ob es von einem elfjährigen Mädchen im Kunstunterricht gemalt worden ist (Thema: Dali und die Folgen. Note: 2-). Also, wie alt ist dieser Typ noch mal? Und wie kann es sein, dass er seit 1997 Musik macht? Kann auch sein, dass ich seit seinem damaligen Elvis-Remix außer Stande bin, eine objektive Rezension zu verfassen. Ich gebe ihm einfach vier Punkte, weil er seit vier Jahren keine Platte mehr gemacht hat. Womit hoffentlich auch klar sein dürfte, wie er sich das nächste Mal eine Zehn verdienen kann.

      PRISCILLA KILLA
      BROADCAST
      Berberian Sound Studio
      Warp
      Halloween nahm Warp Records zum Anlass, eine neue Veröffentlichung von Broadcast anzukündigen. Die Aufnahmen stammen noch aus der Zeit mit Trish Keenan, die im Januar 2011 im Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Zuvorderst dienen diese Miniaturen als Soundtrack für den gleichnamigen Warp-Film. In dessen Zentrum steht ein britischer Tontechniker, der in Italien Geräusche für den Low-Budget-Horrorfilm The Equestrian Vortex aufnehmen muss und darüber langsam den Verstand verliert. Film-im-Film-Motiv, Zeit-Colorit, Meta-Musik, ein seltsames Setting, das alles scheint wie gemacht für Broadcast. Und so klingt es auch—mit 39 Titeln in 38 Minuten ist das Ganze nur leider etwas kleinteilig ausgefallen …

      NICO BRUNO
      IAN POOLEY
      What I Do
      Pooled Music
      Wahrscheinlich wird er mir für diesen Verweis bei nächster Gelegenheit in die Fresse hauen, aber die auf dem Cover der Promoversion des neuen Ian-Pooley-Albums abgebildete Person hat—wenn nicht frappierende, dann doch mindestens erwähnenswerte—Ähnlichkeit mit dem Journalisten Martin Hossbach. Martin hat jetzt übrigens auch ein interessantes, seinem eigenen guten Namen nach benanntes Label gegründet. Als erste Veröffentlichung kommt das kalauerige (Kunst-)stück „Me, My Shelve and I“ von Peaches featuring den Berliner Möbelmagnaten Rafael Horzon. Oder hat er sie gefeatured? Ist ja auch egal, denn musikalisch (und darum soll es hier gehen) ist es sowieso der letzte Scheiß. Allerdings immer noch deutlich besser als diese Platte.

      JAN K.

      GOLDEN VOID
      s/t
      Thrill Jockey
      Kürzlich mutmaßte ein Bekannter, dass wohl täglich 20 neue Bands der irrigen Annahme verfielen, Retro-Equipment sei das qualitätssichernde Kriterium per se. Dieses Album z. B. sei ansonsten unerträglich gewöhnlich und besäße keinen Aspekt, der einen aufhorchen ließe. Tief in mir stimme ich ihm schon zu, als in einem unbeobachteten Augenblick im Nebenraum etwas Weihrauch entzündet wird und in der Lavalampe der erste Wachsstrom zu einem bizarren Lebensbaum erstarrt—wenn das keine Zeichen sind! Und wer will auch 24/7 hören, wie Musiker den tiefen Teller neu erfinden?

      JONSIE ÜBEROHR
      ARBOURETUM
      Coming out of the Fog
      Thrill Jockey
      Als Alleinstellungsmerkmal dieses Albums wird verkauft, dass Arbouretum es endlich geschafft haben, alle Songs unter sieben Minuten zum Ende zu bringen. Und diese obszöne Anbiederung an menschliche Hörgewohnheiten sollen wir jetzt auch noch abfeiern, oder wie? Aber wir sind ja nicht so, einige ihrer neuen Tunes verfügen über eine wirklich schwach machende Eingängigkeit. Auch wenn man sich bei ihren als Doom Folk gehandelten Trips immer noch wünscht, sie würden sich mal für eine Seite entscheiden. Also entweder dafür, die Trommelfelle flattern zu lassen, oder einem eine akustische Folksalbung zu verpassen. So irgendwo inbetween machen sie sich dann doch des Öfteren der MOR-Wischiwaschiness verdächtig.

      MEET LOAFER
      CODE ORANGE KIDS
      Love is Love/Return to Dust
      Deathwish
      Sprechen wir von der Sorte Hardcore, die wenig bis gar kein Licht sieht, dann unterscheiden wir zwei Progressionserwartungen. Entweder wählt die Band den Welthass als ihr ästhetisches Motiv und arbeitet es im Resonanzraum der eigenen Erfahrung, mit den Jahren immer schwärzer werdend aus. Siehe zum Beispiel Integrity. Oder sie veröffentlicht im pubertärstmöglichen Moment, also dann, wenn man am leidenschaftlichsten zürnt, aber noch nicht so richtig weiß, warum, ein frühes Album, dem dann eigentlich kein weiteres folgen müsste. Man erinnere sich an die für ein Album alles in den Abgrund reißenden und danach nur noch in die Scheiße greifenden Will Haven. Deren und dieses Debüt haben in dem gleichen heißen Teer gebadet. Will nicht sagen, dass das Schicksal der Code Orange Kids damit vorgezeichnet ist, aber vielleicht sollten sie sich trotzdem nach diesem gelungenen Schlag ins Genick vorsichtshalber auflösen.

      KATHARINA SAALSCHUTZ
      BAD RELIGION
      True North
      Epitaph/Indigo
      Neulich fragte mich mein Chefredakteur ganz enttäuscht, ob ich jetzt etwa altersmilde geworden sei, da ich schon seit einem Monat keinen echten Verriss mehr geschrieben habe. Heute legt er mir die neue Bad Religion auf den Schreibtisch. Das ist sicher als eine Art Steilvorlage gemeint. Er weiß offenbar nicht, dass ich einst ein großer Fan von Bad Religion war. Es muss so in der fünften Klasse gewesen sein, meine NKOTB-Phase war gerade vorbei, und Nirvana hatte ich noch nicht entdeckt. Ein Typ aus der Sechsten hatte dieses T-Shirt mit dem durchgestrichenen Kreuz, und da ich ihn cool fand, kaufte ich mir die CD mit dem gleichen Motiv. Leider stellte sich wenig später heraus, dass der Kerl ein totaler Loser war und die Lieder auf der CD alle gleich klangen. Keine Ahnung, ob er heute immer noch ein Loser ist. Bad Religion haben sich auf jeden Fall kein Stück verändert. Sie könnten also verdammt noch mal langsam aufhören, ständig neue Platten aufzunehmen. Vollidioten.

      PARKER LEWIS

      MICE PARADE
      Candela
      Fatcat Records
      Bei Adam Pierce wird man das Gefühl nicht los, dass er mit jedem Stakkato, das er fabriziert, ein bisschen mehr versucht, so anstrengend zu klingen, dass er seinen Kritikern—in dem Falle jeder, der auch nur im entferntesten Wert auf Melodien legt—danach vorwerfen kann, sie hätten es einfach nicht verstanden. Das ist ungefähr so, als würde dein Hamster einen Fleck in Mona-Lisa-Form aufs Sofa pinkeln und niemand könnte sein natürliches Talent wertschätzen. Dann kann man es fast schon Ironie nennen, wenn Pierce trotz jeglicher Avantgarde-Ziele und -Ansprüche doch immer einer der Ewiggestrigen bleiben wird.

      DHARMA FREEDOM FINKELSTEIN-MONTGOMERY
      U.S. GIRLS
      Gem
      Fat Cat
      Die nächste in der Schlange unterkühlter LoFi-Chanteusen: Meghan Remy alias U.S. Girls. Gehen wir mal eben die Ausstattung durch: exaltiertes Geträller, das klingt wie ein hochgepitchter Ariel Pink—check; verwaschene Billigproduktion—check; Einsatz von museumsreifen Synthesizern—check. Immer dann jedoch, wenn man glaubt, die nächste einem langsam auf die Nerven fallende Variable vorhersagen zu können, kommt sie mit Rockabilly-Coolness, Glam-Offensiven oder einem Billy-Joe-Royal-Cover um die Ecke. Dann klingt sie plötzlich wie eine Mischung aus einer Suzi Quatro nach Frischzellenkur und Machismo-freien Dirty Beaches. Also immer noch nicht originell, aber geil.

      MARC BOWLEN
      NAKED LUNCH
      All Is Fever
      Tapete Records/Indigo
      Hymnische Platte. Am Ende einer Nacht, die von dieser Musik begleitet wurde, lächelst du melancholisch den Sonnenaufgang an und bist mit dir völlig im Reinen. Will sagen: Theatralik von der Sorte, die dich so packt, dass du dich beim Hören kurz umkuckst, ob das allen so geht oder nur dir, wenn du vor Freude flennst. Riesiggroße Gesten als Pop. 42 Minuten im Rausch. Ironiefreiheit. Diese Platte macht alles richtig: Sie macht, dass alles richtig ist.

      MY CORONA
      DELPHIC
      Collections
      Chimeric/Cooperative Music
      Das hier ist genau so schlimm wie Muse, die, wie ich vermute, Delphic als Ghostwriter ihrer letzten Platte bezahlt haben. Collections scheinen die übrig gebliebenen Produktionsreste aus dieser Phase zu sein, jedenfalls klingt dieses Machwerk NOCH mehr nach Muse als Muse selbst und damit NOCH fürchterlicher, belangloser, verheulter, unentschlossener und unerträglicher als fast alles, was uns von 2012 vor die Füße gekotzt wurde. Damit ist das hier schon jetzt die eierloseste Platte des Jahres. Muss man ja auch erst mal hinbekommen.

      MATTHÄUS BEL AMI
      NIGHT BEDS
      Country Sleep
      Dead Oceans/Cargo Records
      In einem Universum voller sozialschmarotzender Singer/Songwriter-Taugenichtse, die dich ständig mit ihren talentfreien Psycho-Ausgeburten vollscheißen, ist es sehr erholsam, ab und zu auch mal einen Lichtblick zu sehen. Der Typ hier klingt wie ein Hybrid aus Ryan Adams und Damien Jurado, der bodenständigen Country ebenso beherrscht wie das Orchestrale. Die Motive sind bekannt—unerfüllte Liebe, zu viel Suff, Drang nach Selbstbestätigung bla, bla, bla—aber bei der Gänsehaut während „Faithful Heights“, kann man selbst darüber hinwegsehen.

      JESSICA SIMPSON
      TOCOTRONIC
      Wie wir leben wollen
      Vertigo/Universal
      „Ich möchte mich selbst verdauen“ flötet von Lowtzow, den Morrissey des Graduiertenkollegs gebend, irgendwo auf diesem Album und man möchte ihm zurufen: „Na mach doch, viel mehr Scheiße kann da auch nicht mehr hinten rauskommen!“ Er könnte das Ganze als Kunstperformance ans MoMA verkaufen, bei den Tocos würde Rocko Schamoni als neuer Sänger einsteigen und deren manchmal sogar ganz coole Songs von all ihrem Wichtigtuer-Schmalz befreien. Wie Superman, mit einem riesigen Q-Tip bewaffnet, würde er … ja ja, ist ja schon gut, man wird doch wohl noch träumen dürfen.

      FREDDY FELDBLUME
       
      EELS
      Wonderful, Glorious
      E Works/Cooperative Music
      Falls du Mark Everetts vor einigen Jahren erschienene Autobiografie gelesen oder den großartigen Dokumentarfilm über ihn und seinen Vater gesehen hast, dann weißt du, dass ihm im Leben mehr schreckliche Dinge zugestoßen sind, als jemals ein Mensch ertragen könnte, ohne den Verstand zu verlieren. Trotzdem oder deshalb klingt sein neues Album genauso beschwingt und positiv, wie es der Titel vermuten lässt. Ich vermisse den alten E, der diese seltsamen, ergreifenden Balladen spielte, bei denen man sich immer furchtbar einsam und von der Welt verstoßen fühlte. Wenn ich Feelgood-Rock möchte, kann ich ja gleich meine Bruce-Springsteen-Kassetten aus dem Keller holen. Vielleicht sollte ich sie Everett einfach mal vorspielen und ihn auf diese Parallele hinweisen. Er würde vermutlich sofort in eine schwere Depression zurückfallen und alles wäre wieder wie früher.

      CRACK A VELLI

      THE ALVARET ENSEMBLE
      Gem
      Fat Cat
      „For fans of SET FIRE TO FLAMES, RACHELS, ARVO PÄRT and the ECM catalogue in general“, für den Satz auf der Labelseite des Ensembles würden wir gern dem Schreiber oder der Schreiberin die Finger brechen, aber nicht ohne neidlos anzuerkennen, dass er/sie es damit geschafft hat, dass Promo-Namedrop versal an prominenter Stelle steht. Ihr seid so abgefeimt! Der ECM-Katalog als Epitome des Cools? Fresst Scheiße!!! Das improvisierende Alvaret Ensemble hätte Besseres verdient—dafür merken wir jetzt, dass sich ihre Improv-Habitat-Musik gut dazu eignet, wieder etwas runterzukommen.

      LORD KIESEL
      THE SLAVES
      Ocean on Ocean
      Debacle Records
      Es war vielleicht etwas unfair, das Album bei einer winterlichen Autofahrt in den Tiroler Alpen einzulegen, genau zwischen Paul Simons Graceland und ODBs Return to the 36 Chambers. Was vermutlich dazu führte, dass meine Freundin die CD nach zehn Minuten aus dem Auto schmeißen wollte. Fand ich persönlich etwas übertrieben, aber durchaus eine verständliche Reaktion auf die plätschernde Gefälligkeit der dargebotenen Musik. Die richtigen Zutaten sind da, nur werden sie leider zu einem viel zu fad schmeckenden Brei verrührt. Silvester Anfang oder Kiss the Anus of a Black Cat machen es wesentlich besser.

      DOLPH SUCKMYDICKINSON
      NILS FRAHM
      Look Inside
      Fysisk Format
      Wenn wir von Beethoven und Stevie Wonder etwas gelernt haben, dann, dass körperliche Behinderung dem wahren Genie nicht im Weg stehen muss. Herr Frahm fiel vor geraumer Zeit aus dem Bett und brach sich den linken Daumen. Um die Tragweite dieses erst mal Slapstick-artig anmutenden Szenarios zu demonstrieren, nahm er anschließend mit den verbliebenen neun Fingern ein paar sehr langsame, reduzierte und traurige Klavierstücke auf. Zugegeben, mit dieser Platte und einem läppischen Daumenbruch kommt man nicht in die Geschichtsbücher, aber vielleicht rutscht er ja demnächst noch zwei bis fünf Mal auf einer gefrorenen Pfütze aus und spielt seine nächsten Elegien im Ganzkörpergips nur mit der Nasenspitze ein. Also nicht, dass wir hier irgendwen auf dumme Gedanken bringen wollen …

      HERR KAISER
      JIM JARMUSCH & JOZEF VAN WISSEM
      Growing Seeds
      Avant! Records
      Der Regisseur und der Lauten-Spieler, der Typ mit der billigen Gitarre und der mit der mittelalterlichen Kostbarkeit. Jim der Mond, Jozef die Sonne, der eine blau, der andere rot. So beschreibt es Jarmusch im Interview. Angeblich haben sie sich erstmals auf der Straße getroffen, Jozef hat ihm eine CD zugesteckt, er hörte sie fasziniert—der Rest ist Legende. Die Resonanz auf ihr erstes gemeinsames Werk Concerning the Entrance Into Eternity fiel Anfang des Jahres so positiv aus, dass sie zum Erscheinen des ersten Videoclips mit The Mystery Of Heaven schon einen Nachfolger veröffentlichen. Van Wissem entringt der Laute nur noch fremdartige Klänge zwischen Balinesischem Gamelan und überirdischem Geplänkel, dazu liefert der No-Wave geschulte Jarmusch Minimalismen und Drones, die als Echos dienen und die vorsichtig in die vermeintlich hermetische Welt der Laute eindringen wie ein freundlicher Parasit …

      BD/ELMER

       

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