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Wenn du kräftig zahlst, erfüllen Schamanen dir deine kühnsten Wünsche

von Marta Popowska

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Habt ihr mal was von den Schamanen gehört? Das ist der neueste Trend. Deswegen wollte ich mir diese spirituelle Glaubensvorstellung mal genauer ansehen. Gleich zu Anfang wurde ich aber skeptisch, als ich sah, dass das keiner umsonst anbietet. Beim Geld hört eben auch die spirituelle Nächstenliebe auf. Das ist dann, als ob dich der Priester vor Betreten des Beichtstuhls erstmal mit dem Satz „Das macht aber 100 Euro pro Stunde“ begrüßen würde.

Schamanismus ist keine Religion im eigentlichen Sinne. Die Schamanen stammen von Naturvölkern in Sibirien oder der Mongolei ab und sind meistens Heiler, Mystiker oder Orakel. Sie versetzen sich gern mal in Ekstase—durch Essensentzug oder mithilfe von Drogen—und schicken so ihre Seele auf spirituelle Wanderschaft. Viele Naturvölker glauben, dass wir von Geistern umgeben sind. Diese fragen sie um Rat, um Heilung oder wenn es sein muss einfach nur nach Regen.

Einmal im Monat, um genau zu sein an Neumond, findet dann aber doch etwas umsonst statt. Na ja, praktisch umsonst. Am Ende winkt die Frau Schamanin doch noch mit der Spendendose und jedem ist es eher peinlich, nichts reinzuwerfen (außer mir natürlich, ich bin ja aus investigativen Gründen hier). Aber egal. In Berlin-Schöneberg durfte ich bei Schamanin Anja an einer Empfängniszeremonie teilnehmen und meine sehnlichsten Wünsche formulieren. Lasst euch von der Bezeichnung Empfängniszeremonie nicht verwirren. Da treffen sich nicht lauter Frauen, die verzweifelt schwanger werden wollen. Die heißt so, weil Anjas Schamanenmeisterin, Vamerie aus dem amerikanischen Colorado, diese Zeremonie mal empfangen hat, von irgendeinem Geist oder so ähnlich. Die Details konnte ich mir nicht merken.

Wie ihr sehen könnt, hilft Anja auch bei der Formulierung der Wünsche, denn sie müssen positiv formuliert werden. Auch ich lasse mir helfen. Unrealistische Wünsche kann man gleich vergessen, also verwerfe ich meinen ersten Wunsch. Immer schön positiv und so. Und auf keinen Fall „Kreativität“ wünschen, denn davon wird man laut Schamanin tatsächlich schwanger.

Als alle Wünsche formuliert waren, stapelten wir sie in die Mitte, setzten uns alle im Kreis auf den Boden und legten dieses geflochtene Band um unseren Zirkel. Jetzt hieß es mit vereinter Energie: wünschen, wünschen, wünschen.

Anja selbst sagte, dass sie sich nicht als Schamanin bezeichnen würde. Dazu müsse man berufen werden. Ob ihre Zeremonie dann was bringt und wieso macht die das eigentlich, frage ich mich? Aber egal, ihre Lehrerin, die berühmt-berüchtigte Vamerie aus Colorado, die hat echtes Charisma und eine Aura, versicherte mir einer der Teilnehmer.

Vamerie ist auch gerade in Berlin, aber in den Genuss ihrer Aura kam ich leider nicht. Sie war nämlich ausgebucht. Mit dem nötigen Kleingeld können sie und Anja die bösen Geister aus euren Häusern vertreiben oder eure verlorene Seele zurückholen. Alles ein bisschen wie bei den drei Schwestern in Charmed.

Aber Vamerie hatte uns ihren Geisterstock, oder wie der Voodoostab auch heißt, dagelassen. Wir durften ihn mal halten und bewundern. Auf keinen Fall aber sollten wir unsere eigene Energie reinstecken. Aha!

Die Schamanin hatte vor sich einen Kräutergarten aufgebaut. Asche, rote Erde und Wachholder in kleinen Keramikschalen. Sie dankte Himmel und Erde, den Naturgewalten, den Tieren und Amphibien auf dieser Welt sowie allen Geistern, die mit uns waren. Danach spuckte sie auf eine Feder und reichte sie samt einer selbstgedrehten Kippe weiter. Während jeder von uns—außer einem Typen neben mir, der ein „Ich kann das nicht“ winselte—an der Zigarette zog und den Rauch über die Feder blies, trommelte unsere Zeremonienmeisterin auf ihrer Schamanentrommel. Da der gute American-Spirit-Tabak immer wieder ausging, mussten wir ständig mit einem Feuerzeug herumhantieren. Das erforderte Multitasking und störte meine Konzentration.

Es ging auch eine Schale Wachholder rum. Jeder sollte so einen Ast essen. Soll magisch sein. Mir wurde ein wenig schlecht. Es dauerte ewig, bis ich das Holz zerkaut und runtergeschluckt hatte. Im Laufe des Abends rauchte Anja drei Kippen, gab aber nur eine herum. Unsere Schamanin trommelte weiter und verbrannte irgendwelches Zeug (Kräuter?), bis der Raum (der eigentlich eine kleine Buchhandlung war) irgendwann ziemlich eingeraucht war.

Ich fühlte mich ein bisschen wie bei Buffy. Leider gibt es von der eigentlichen Zeremonie keine Bilder, da unser Fotograf gehen musste. Er störte.

Als eineinhalb Stunden später alles vorbei war, fühlte ich ein leichtes Misstrauen meiner Person gegenüber. Dabei hatte ich mir die größte Mühe gegeben, nicht negativ aufzufallen, an der schlecht gedrehten Kippe zu ziehen, Wachholder zu essen und auch sonst bei dem ganzen Zirkus mitzumachen.

Die Teilnehmer waren alle irgendwie nicht von dieser Welt. Auch wollte mir nicht jeder erzählen, was ihn oder sie umtreibt, und was sie zur Schamanin getrieben hat.

Trotzdem rennen Schamanin Anja die Leute die Bude ein. Vor ein paar Jahren saß sie noch alleine mit einer Freundin im Wohnzimmer und hat sich vermutlich ein paar (zahlende) Gleichgesinnte, gewünscht und herbeigetrommelt.

Ihr Wunsch jedenfalls scheint in Erfüllung gegangen zu sein.

Fotos von Nikita Kakowsi.


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