Fotos

Schreibtischtäter aus aller Welt

von Electra Kotsoni


Harsh Deo Prasad (*1947) informiert die Bauern im indischen Büro 29 über die Verwendung von Dünger, Bewässerung und andere Möglichkeiten, eine höhere Effizienz in der Landwirtschaft zu erzielen. Sein monatliches Gehalt beträgt 9.100 Rupien (180 Euro).

Vor ein paar Jahren reiste der Fotograf Jan Banning durch fünf Kontinente, um herauszufinden, ob er folgende Frage beantworten kann: Fühlen sich Beamte überall wie hilflose Pingpongbälle, die den halben Tag damit verbringen, an ihren Schreibtischen Todesdrohungen vor sich hin zu murmeln oder ist das nur in Europa so? Ich habe keine Ahnung, warum sich das irgendjemand freiwillig antun würde, aber die Porträts, mit denen er zurückkam, sind ziemlich cool, also habe ich mich mit ihm unterhalten, um ein bisschen mehr über sein Bureaucratics-Projekt herauszufinden.

VICE: Hallo Jan, wie geht es dir?
Jan Banning: Mir geht es ganz gut. Ich bin ein bisschen müde, weil ich die ganze Nacht gefeiert habe. Eine Foto von mir, eine Interpretation von Leonardo Da Vincis Letztem Abendmahl, hat eine Auszeichung von einer Dichtergruppe gewonnen. Und sie hatten Gedichte für mich geschrieben und diese besagten Gedichte wurden von einer Menge Wein begleitet.

Na ja, wenn die Dichter von irgendwas eine Ahnung haben, dann von Wein. Wie bist du auf die Idee für Bureaucratics gekommen? Ich schätze mal, wegen unangenehmer Begegnungen mit Schreibtisch-Nazis?
Die hatten wir doch alle schon, oder? Das war also der Hintergedanke und ich war schon immer interessiert an Machtdiskussionen—an der Macht des Staates. Bei Bureaucratics fing alles mit einer schrecklichen Aufgabe, mit der ich beauftragt wurde, an: Fotografiere Die Verwaltungsbehörde in Mosambik zu fotografieren, um die Entwicklungshilfe zu stärken. Nicht wirklich der spannendste Auftrag, den ich je bekommen habe …

Und für Bureaucratics bist du nach Bolivien, China, Frankreich, Indien, Liberia, Russland, die USA und Jemen gereist? Warum gerade diese Länder?
Ein Grund ist, dass wir verschiedene Teile der Welt abdecken wollten, verschiedene Kontinente. Aber da spielten natürlich auch politische Interessen eine Rolle: Indien, zum Beispiel, ist die größte Demokratie der Welt. Die USA ist eine Supermacht. Bolivien ist das Land in Südamerika mit dem höchsten Anteil indigener Einwohner. China haben wir ausgesucht, weil es, zumindest politisch gesehen, immer noch ein kommunistisches Land ist und Russland ist eine ehemalige Supermacht auf dem Weg vom Kommunismus zu … wohin eigentlich? Eine „Mafia-kratie“? Es stellte sich also die Frage, inwieweit die Leute eigentlich an ihrer eigenen Regierung beteiligt sind—an der Machtstruktur des Landes.

Wie fühlten sich diese verschiedenen Machtstrukturen in dem jeweiligen Land an?
Es war am deutlichsten in China zu spüren; sie gaben sich die größte Mühe, uns zu kontrollieren. Als wir zum Beispiel ankamen, stiegen wir in ein Auto, um zu den Büros zu gelangen. Am Anfang waren es Will Tinnemans (der Autor, mit dem Jan zusammen an dem Bureaucratics-Buch gearbeitet hat), der Dolmetscher, der Fahrer, ein Kerl vom Landespresseamt und ich. Aber ständig mussten wir irgendwo anhalten und ein oder zwei weitere Leute stiegen in den Wagen. Als wir dann da ankamen, wo wir hinwollten, war dort eine Delegation von zehn, vielleicht zwölf Leuten. Ich habe keine Ahnung, warum sie dort waren, einige von ihnen stellten sich nicht mal vor, aber sie hielten sich offensichtlich an ihren Auftrag, zu überprüfen, was wir taten. Und als wir schließlich in ihr Büro kamen, überhäufte man uns mit Informationen, an denen wir überhaupt nicht interessiert waren. Zum Beispiel, wie tief die tiefste Miene, wie hoch der höchste Berg ist, wie viele Tonnen Stahl oder Kohle produziert werden und weiß der Henker, was noch.


Das chinesisches Büro Nummer 10. Cui Weihang (links, *1943) ist das Dorfoberhaupt von Cui. Cui Congli (*1969) ist der Parteisekretär der Kommunistischen Partei Chinas in Cui. Monatliches Gehalt vom Dorfoberhaupt: nichts. Monatliches Gehalt vom Parteisekretär: 280 Yuan (26 Euro).

Meine Güte. War es wenigstens einfach, sie zu fotografieren?
Na ja, es war schwierig, sie dazu zu bekommen, dass wir sie in einer natürlichen Situation fotografieren durften. Wir wurden gelegentlich einfach weggeschickt oder darum gebeten, uns ruhig hinzusetzen, bis alles aufgeräumt war. Also betraten wir den Raum nach 20 Minuten oder so und alles, was wir sahen, waren zum Beispiel zwei hübsche Damen, die gerade an zwei brandneuen Laptops arbeiteten und der Rest des Büros war komplett leer. Und wenn ich protestierte, bestand unser Dolmetscher darauf, dass ich das trotzdem fotografiere. Also ja, China war echt schwierig. Die anderen Länder waren, glaube ich, mehr oder weniger liberal bzw. locker. Jemen war auch ziemlich streng. Wir verbrachten fünf Tage schwitzend in dem Büro des Vizeministers, bevor wir die Erlaubnis bekamen, das Gebäude zu erkunden, obwohl es uns versprochen worden war, bevor wir dort ankamen. Wir haben den Kerl nie gesehen, aber ich glaube, er hat Bestechungsgeld erwartet.


Jemen, 2006. Alham Abdulwaze Nuzeli (*1982) arbeitet in einer Unterabteilung des Finanzministeriums in Machwiet, im Regierungsbezirk Machwiet. Monatliches Gehalt: 12.000 Jemen-Rial (46 Euro). Hinter ihr ist ein Porträt vom Präsidenten Saleh von Jemen.

Also, ihr seid im Grunde Opfer eures eigenen Themas geworden?
Ich glaube, das kann man so sagen. Irgendwann zählte Will die E-Mails, die er zu diesem Thema in seinem Posteingang hatte—E-Mails, in denen er um Erlaubnis bat, E-Mails, die wir uns gegenseitig geschickt hatten, um klar zu machen, was wir fotografieren wollen—und er kam auf 3.200 E-Mails. Ja, ich denke, das ist der Beweis, dass wir selbst zu Opfern unseres Themas geworden sind.

Dennoch zeigen die Bilder eigenartiger Weise eine Art Mitgefühl für diese Leute, obwohl sie von einer höheren Ebene aufgenommen sind; aus der Sicht der Bürger. Und ich war noch nie in einer Behörde und hab dabei Mitgefühl für das Personal empfunden.
Das stimmt, aber ich dachte, es wäre langweilig, diese Klischees zu bedienen. Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen Kunst und Journalismus; bei Journalismus geht es viel um Klischees. Ich fand es anspruchsvoller, den Betrachter zu verwirren und ihn dazu zu zwingen, Fragen zu stellen. Natürlich wollte ich auch nicht für Bürokratie Propaganda betreiben, aber ich habe versucht, ehrlich zu sein. Ich hatte Mitleid mit diesen Leuten und ich glaube, das kam vor allem daher, dass ich eigentlich nicht dort war, um nach einer Erlaubnis oder so zu fragen. Da steckt eine Menge Ironie drin, aber das scheint unvermeidbar.

Wo du gerade von Ironie sprichst: Was ist mit den Typen in Indien, der draußen an einem Schreibtisch sitzt [erstes Foto]?
Oh, der Typ! Er war ein kleiner Beamter, der ein Büro in einer Art Garage hatte, also ohne Fenster—ein wirklich deprimierender Arbeitsplatz. Bei schönem Wetter hat er sein Büro einfach nach draußen verlegt.


Frankreich, Auvergne, 2006. Roger Vager (*1957) ist ein Drogenfahnder bei der Nationalpolizei in Celermont-Ferrand, Dezernat von Puy-de-Dome, Auvergne-Region. Monatliches Gehalt: 2.200 Euro.

Und was ist mit dem französischen Polizisten, der Bob Marley- und Hanf-Poster an seiner Wand hängen hat?
Diese Geschichte ist fantastisch: Er ist ein Undercover-Polizist mit einer interessanten Theorie. Da er bei den meisten Einsätzen mit mutmaßlichen Drogenhändlern und Informanten spricht, dachte er, dass diese Art der Dekoration ihnen das Gefühl geben würde, sie wären zu Hause, und dass sie so gesprächiger würden.

Diese verdammten Drogenfahnder. In Liberia wirkt es sehr minimalistisch.
Es ist so, dass alles da unten während des 15-jährigen Bürgerkriegs zerstört worden ist, also mussten die Leute in einigen Fällen ihre eigenen Schreibtische kaufen, denn wie kann man ein überzeugender Bürokrat sein, wenn man nicht mal einen Schreibtisch hat?


Liberia, 2006. Henry Gray (*1940), Beamter in Kanweaken, River Gee. Gray hat elf Angestellte, von denen nur vier bezahlt werden. Der Rest sind Freiwillige. Er hat keinen Etat und seit zwei Jahren mit dem Gehalt überfällig. Gray hat 34 Kinder, 13 davon sind finanziell von ihm abhängig. Und er hat 18 Enkelkinder.

Und ich schätze mal, aus Armut folgt Korruption …
Ja, und sie haben in Liberia auch sehr offen darüber gesprochen. Sie können nicht wirklich von ihren Gehältern leben, manchmal bekommen sie sechs bis neun Monate keinen Cent. Als wir mit diesen Leuten darüber sprachen, ging es eher darum, wie man durch Korruption am meisten Geld macht, als um die Tatsache, dass sie überhaupt korrupt sind. Aber es gibt dort immer noch Leute, die sich um ihr Land sorgen und die wirklich versuchen, einen Beitrag zu leisten. Bürokratie kann deinen ganzen Idealismus zerstören, aber die wenigen guten Menschen, die ich während der Arbeit an diesem Projekt getroffen habe, haben mir wirklich geholfen, zuversichtlich zu bleiben.

Ich wünschte, ich könnte das Gleiche sagen. Danke, Jan!

 

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