Warum eine Transe sein, wenn du auch ein Tranimal sein kannst?

von Jamie Lee Curtis Taete

Sich als Frau zu verkleiden und dann feiern zu gehen, ist heutzutage keine große Sache mehr. Überall werfen sich Typen wie diese die alten Kleider ihrer Mitbewohnerin über, ergänzen das Ganze noch durch ein Paar Engelsflügel aus dem Ein-Euro-Laden und ziehen so durch die Innenstädte wie eine plündernde Horde aus Olivia Jones‘. Das ist großartig, oder? Gibt es was Schöneres als einen riesigen Kugelstoßer in schlechtem Drag?

Falls du einen etwas künstlerischeren Zugang zu Cross Dressing bevorzugen solltest (und ich weiß, das tust du, du verfluchter Rebell), dann solltest du dich für Tranimal erwärmen können. Der Tranimal-Look wurde im San Francisco der späten 90er Jahre ins Leben gerufen. Damals entschied eine Gruppe aus Club Kids und Drag Queens, gelangweilt von dem abgedroschenen Repertoire aus überzeichneten Frisuren, Titten und Absätzen, eine neue Richtung einzuschlagen, indem sie sich so herrichteten, dass sie im wesentlichen aussahen wie das Resultat einer Mischung aus Josef Mengele, Vivienne Westwood und Tschernobyl.

Die Performerin und Musikerin Jer Ber Jones gab der Bewegung ihren Namen. Ich habe mit ihr darüber gesprochen.

VICE: Woher kommt die ganze Tranimal-Szene?
Jer Ber Jones: Viele der Leute in unserer Clique in San Francisco, die sich verkleideten, waren an einer theatraleren Form von Drag interessiert. Sie waren definitiv geprägt von all den Leuten, die heute so oft zitiert werden, wie John Waters, Leigh Bowery, Boy George, Cindy Sherman und Grace Jones. Das war ein entscheidenderer Einfluss als Drag Queens, die einfach hübsch aussehen oder als Frauen durchgehen wollten. Sie waren eher daran interessiert, dynamische Figuren zu kreieren als daran, sich für den Abend wie eine Lady schick zu machen.

Inwiefern waren sie dynamischer als gewöhnlich?
Sie kamen immer zur „Ugly Night“, die ich einmal im Jahr schmiss—der übliche schwitzende Haufen aus Besoffenen, Koksnasen und Kiffern. Der Drag Look dort war immer unglaublich. Es gab immer viele verlotterte Perücken, triefende Flüssigkeiten, Narben und Wunden, aber manchmal verkleideten die Leute sich auch als „normal hässlich“ und kamen dann als Scary Spice, Oprah oder Barbara Streisand mit einem fehlenden Arm. Diejenigen, die als „normale“ Drags kamen, waren auch toll. Sie kamen kostümiert als fette Fußball-Mutti oder als perverser Mann in einem voll gewichsten Anzug oder sowas. Oder Leute, die normalerweise vollkommen tätowiert und gepierct sind, haben ihre Piercings rausgenommen und ihre Tattoos überschminkt und versucht, sich als „normal“ zu verkleiden, was typisch für Tranimal-Anhänger ist.

Wieso ist das typisch für Tranimal? Was ist der Unterschied zwischen normalen Transvestiten und Tranimal-Anhängern?
Seit wir Tranimal-Workshops in diversen Museen veranstalten—darunter im UC Berkley und im LA Hammer Museum—haben sich ein paar klassische Tranimal-Looks herausentwickelt, aber es gibt so vieles, dass du tun kannst, um dein Outfit tranimalischer zu machen. Der charakteristische, klassisch tranimalische Foto-Shooting-Look stammt von mir, Squeaky Blonde, Mathu Andersen und dem Fotografen Austin Young.



Wer hat was in den Tranimal-Topf geworfen?
Mein Beitrag sind die Papierkostüme und das krasse, Technicolor Butoh'esque Make-up. Von Squeaky kommt die „Fake-Satanisten, Gothik-Schaden, Serienmörder, zugedrogtes Club-Kid“-Sache und Austin hat uns alle zusammen gesteckt, ein Logo drauf gesetzt, angefangen, es zu dokumentieren, und uns Auftritte in Museen besorgt.

Und ist auch nicht Mathu eins der originalen New York Club Kids?
Ja, er und sein Ex-Freund, Zaldy, standen in den 90ern mit am meisten im Rampenlicht—sie sind schon sowas wie die Hoheiten der New Yorker Club Kids. Er ist auch verantwortlich für RuPauls originären Look und macht bis heute auch noch immer ihr Make-up. Aber ja, er hat bei vielen von unseren Foto Shoots mitgearbeitet und er hat auch das Make-up für den Workshop im Hammer Museum gemacht, als wir etwa 100 Museumsbesucher in voll ausgewachsene Tranimals verwandelten.



Cool. Sind die Anfänge der Club Kids eine wichtige Referenz für den Tranimal-Look? Das ist das, was für mich dem, was ihr macht, am nächsten kommt.
Oh ja, wir alle vergöttern Boy George und Leigh Bowery. Man könnte eigentlich sagen, Leigh ist der Großvater, oder vielleicht die Großmutter, der Tranimal-Bewegung. Ich bin nicht sicher, ob die Perfomance-Künstlerin Kembra Pfahler ein Club Kid war—ich glaube doch—, aber sie fasst unsere Ästhetik perfekt mit dem Begriff „availablism“ zusammen, was im Wesentlichen bedeutet, dass du nur ein Minimum einkaufst und verwendest, was auch immer gerade herumfliegt. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich jede Art von Markenbildung, Trends oder sowas in der Art hasse. Falls ich jemals Tranimal-Schminkkästchen oder Rucksäcke sehen sollte, kotze ich. Und dann verklage ich die Hersteller wegen fehlender Lizenzen.

Ha! Also ist alles selbstgemacht? Oder gibt es Labels, die sich für den Tranimal-Look anbieten?
Die besten Sachen sind alle selbstgemacht, aber es gibt jetzt keine Regel, die besagt, dass du nur selbstgemachten Kram tragen darfst. Es ist ein wenig, wie wenn man Möbel aussucht—keiner will alles von Ikea, das wäre ein Albtraum. Natürlich gibt es eine Handvoll Designer, die über dem Rest stehen und eine Hauptinspirationsquelle für uns waren. Eben die üblichen Verdächtigen wie Viktor & Rolf, Vivienne Westwood, Pat Fields, Zlady—solche Leute.



OK, OK. Ich glaube nicht, dass Leute, die auf einer Tranimal-Party auftauchen, sich besonders ähnlich sehen, aber gibt es irgendwelche Schlüsselelemente, die bei keinem fehlen dürfen?
Ja schon, die ausgeleierte und zerrissene Strumpfhose über dem Gesicht ist für den Tranimal-Look unentbehrlich. Ich habe das nie gemocht, aber wenn man bedenkt, dass viele von uns Queens eigentlich ziemlich maskuline Typen sind, die ihre Gesichtsbehaarung mögen, ist das eine gute Möglichkeit, sie zu verstecken, ohne dass man sich rasieren muss. Das gilt besonders für die Kerle, die sich sonst 26 Schichten Farbe und Lipgloss von den Gesichtern kratzen müssten, bevor sie wieder wie Männer aussehen, um auf den Strich gehen zu können.

Gibt es da draußen nicht auch ein paar Tranimal-Fetischisten?
Na ja, nicht viele Tranimals haben Schwierigkeiten, flachgelegt zu werden, aber ich glaube kaum, dass du als Tranimal gut anschaffen gehen kannst. Allerdings leben wir in Zeiten, in denen „Männer für Transen“ eine sehr beliebte Kategorie auf Craigslist ist, also man kann nie wissen.



Wir können es uns nur träumen lassen. Also zurück zu diesem Look—du musst etwas klar stellen für mich: Die Absicht ist doch eigentlich nicht, besonders animalisch auszusehen, eher verrückt?
Ja, das „animal“ im Namen kommt nur daher, dass ich jemanden an einem dieser theatralen Looks habe arbeiten sehen und mir dachte, dass sie zwischen all den lahmen Transen, die einfach aussehen wie Teilnehmer von RuPaul's Drag Race, wirkten wie wilde Tiere. Ich stehe sehr drauf, sich selbst richtig hässlich sein zu lassen und die Hässlichkeit der Mainstream-Kultur wertzuschätzen. Beispielsweise bigotte Christen, Shrek, Ugg Boots und den Martha-Stewart-Lebensstil. All das ist hässlich und banal, aber auf seine Weise auch schön und faszinierend.

Was machst du dann als nächstes, wenn der Tranimal-Look zu einem eingefleischten Teil der banalen Gesellschaft geworden ist?
Haha, witzig, dass du das sagst. Ich habe nämlich tatsächlich vor Kurzem gehört, dass die California Academy of Science—ein gigantisches Multi-Millionen-Dollar-Museum, -Planetarium und -Aquarium in San Francisco—eine Tranimal-Themennacht veranstaltet hat. Sie haben einen Haufen müder Drag Queens gemietet, die alle hergerichtet waren wie die Familie Feuerstein in Leopard-und Zebraprints, mit Knochen in den Haaren, Glitzerlippen, Strumpfhosen über ihren Köpfen und Club-Kid-High-Heels. Ich habe mir nur den Arsch abgelacht.

 

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